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Johanneskirche (Hanau)

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Datei:Hanau Alte Johanneskirche 2015 01.jpg
Südwestseite und südliche Gebäudefront

Die Johanneskirche (heute auch: Alte Johanneskirche<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />swap.cid-online.net (Memento vom 2. April 2015 im Internet Archive)</ref>) wurde 1658 als Kirche der lutherischen Gemeinde in Hanau errichtet.

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Hanau, Alte Johanneskirche (früher Lutherische Kirche) von 1658–64 (Kupferstich aus Johann Wilhelm, Architectura Civilis 1668)

Historischer Rahmen

Sie verdankt ihre Entstehung der Bikonfessionalität der deutschen Reformation, insbesondere in der Grafschaft Hanau-Münzenberg. Die Grafschaft war seit der Regierung des Grafen Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg reformiert. Als die Grafen von Hanau-Münzenberg 1642 ausstarben, fiel ihr Erbe an den lutherischen Grafen Friedrich Casimir von Hanau-Lichtenberg.

Die Residenzstadt der Grafschaft Hanau-Münzenberg, Hanau, bestand zum damaligen Zeitpunkt aus zwei rechtlich voneinander unabhängigen Städten: Alt- und Neu-Hanau. Letztere war an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert von reformierten Glaubensflüchtlingen aus Frankreich und den spanischen Niederlanden besiedelt worden. Deren Führungsschicht bestand aus reichen Bürgern, Kaufleuten und Gewerbetreibenden, die innerhalb der Grafschaft eine beherrschende ökonomische Stellung einnahmen, der eine schwache Stellung des neuen Grafen bei Regierungsantritt gegenüberstand. Einige Lehnsherren der Grafschaft Hanau-Münzenberg versuchten, dem aus dem fernen Hanau-Lichtenberg Angereisten das Erbe abzusprechen. Außerdem war die Grafschaft aufgrund des Dreißigjährigen Kriegs hoch verschuldet und auf den Kredit der Bürgerschaft angewiesen. Die Bürgerschaft stellte für den Regierungsantritt Bedingungen, und Friedrich Casimir blieb nichts anderes übrig, als die Forderungen zu gewähren, um überhaupt sein Erbe antreten zu können. Dazu zählte vor allem die Garantie der auch künftig freien Religionsausübung der Reformierten. Der lutherische Gottesdienst für den Grafen und seinen Hof sollte sich auf die Schlosskapelle beschränken.

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Johann Georg II. im Krönungsdiarium von 1658, Namensgeber der im selben Jahr begonnenen Johanneskirche
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Modell der Kirche vor der Zerstörung

Bau

Am 4. Juni 1658 wurde der Grundstein für die lutherische Johanneskirche im Beisein des Kurfürsten und Namensgebers Johann Georg II. von Sachsen gelegt, der anlässlich der Krönung des Kaisers Leopold I. aus dem benachbarten Frankfurt am Main herüber gekommen war. Dem waren Spendenaufrufe im lutherischen Ausland vorangegangen, da die reformierten Untertanen sich selbstverständlich weigerten, ein solches Projekt zu unterstützen, und auch der Graf sich ständig in finanziellen Schwierigkeiten befand. Die gräfliche Münzstätte musste 1658 für den Bau der Kirche verlegt werden und befand sich nun schräg gegenüber in der Erbsengasse (siehe Neue Münze).

Die Einweihung der Predigtkirche in der Bauform einer Querkirche erfolgte am 17. Januar 1664. Zur Gestaltung des großen Raumes mit einer freitragenden, stützenlosen Kassettendecke war ein als Hängewerk konstruiertes Dachtragewerk nötig.<ref>Johann Wilhelm: Architectura civilis. 2. Auflage. Frankfurt 1662. Die 1. Auflage (Frankfurt 1654) ist noch ohne Abbildung Hanau; im Vorspann: kaiserliche Widmung von 1649 mit sechsjährigem Nachdruckverbot als Urheberschutz. Weitere Auflagen dieses weit verbreiteten ersten Lehrbuches der Holzbaukunst: Nürnberg 1668, 1675 und 1705 – als Kupferstich Nr. 21 (mit Bildbeschriftung auf Scan-Blatt 21); urn:nbn:de:bvb:12-bsb10933636-1</ref> Anschließend wurde die Orgel durch Abraham Fischer aus Marktbreit eingebaut. Am 8. August 1679 erfolgte die Grundsteinlegung für den Turm, am 10. Juli 1691 der Abschluss der Arbeiten.

Für die Erweiterung der Kirche 1727–29 wird Baudirektor Christian Ludwig Hermann als Architekt vermutet.<ref>Ellwardt, S. 236.</ref>

Das Gebäude

Die Kirche entstand in der Altstadt Hanau in relativer Nähe zum Schloss. Sie bezieht in ihrer Westwand die mittelalterliche Stadtmauer der Altstadt mit ein. Stilistisch ist auffallend, dass sie sich – mitten im Barock – gotischer Stilelemente bedient, der Nachgotik. Dazu zählen die Spitzbogenfenster und der Chor, dessen Ausrichtung nach Norden der Zuschnitt des zur Verfügung stehenden Grundstücks bedingte. Der Haupteingang liegt im Süden und wird von einem mittig auf der Schmalseite angeordneten, 47 m hohen Turm bekrönt. Die rückwärts gewandte Stilwahl könnte dadurch bedingt sein, dass die benachbarte reformierte Marienkirche, ein gotisch geprägter Bau aus dem Mittelalter, dem es Paroli zu bieten galt, architektonisch eine Historizität der lutherischen Konfession in Hanau vorspiegeln sollte, die es nicht gab.

Das Innere der Kirche gestaltete sich ganz anders, als es die äußere Architekturform vorzugeben schien: Das Parterre-Gestühl und die Emporen einschließlich der Chorempore waren in Querkirchen-Konzeption auf die Kanzel in der Mitte der westlichen Längswand ausgerichtet, der Altar stand für den Abendmahlsempfang frei am Übergang vom Schiff zum Chor. Die Raumkonzeption entsprach damit den Erfordernissen reformatorischen Gottesdienstverständnisses. Der Glasmaler Otto Linnemann aus Frankfurt entwarf und verwirklichte 1908 drei Glasfenster, die „Jesus den Kinderfreund“ und die „Jünger zu Emmaus“ thematisieren. Weiter fertigte er ein Fenster mit so genanntem Teppichmuster.

Das Gebäude enthielt weiter das Erbbegräbnis für die lutherische Linie des Hauses Hanau und wurde – auch nach 1736 von den kurhessischen Erben – bis ins 19. Jahrhundert genutzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Datei:Johanneskirche2.jpg
Nordseite

Im Zweiten Weltkrieg, insbesondere bei dem Luftangriff auf Hanau am 19. März 1945, wurde die Kirche schwer beschädigt. Die verbliebenen Umfassungsmauern wurden 1956/57 an drei Seiten nach Plänen des Architekten Karl Heinz Doll wiederverwendet, um hier ein übergemeindliches Zentrum zu errichten. Der Kirchenraum wurde dabei durch eine eingezogene Decke horizontal unterteilt. Auch nach einer Renovierung in den 1970er Jahren blieben dieses Konzept und die Nutzung erhalten, sodass im Inneren nicht mehr viel von dem historischen Bau zu erkennen ist. Die Kirche dient heute der räumlich benachbarten Gemeinde der Marienkirche.<ref>Ellwardt, S. 237.</ref> Regelmäßige Gottesdienste finden hier nicht mehr statt. Die Gemeinde der Johanneskirche errichtete bis 1960 als Ersatz an anderem Standort die Neue Johanneskirche. Im November 2012 erhielt der Kirchturm mit einer eng an das historische Vorbild angelehnten, vereinfachten Stahlkonstruktion den Umriss seiner im Zweiten Weltkrieg zerstörten Haube zurück.

Name

Ursprünglich hieß die Kirche „Lutherische Kirche“. Erst nachdem es Anfang des 19. Jahrhunderts in der Hanauer Union zu einer Vereinigung der reformierten und der lutherischen Landeskirche in Hanau kam und die bisherige Bezeichnung „Lutherische Kirche“ damit funktionslos wurde, erhielt sie den Namen „Johanneskirche“. Sie wurde nach dem bei ihrer Grundsteinlegung anwesenden Kurfürsten Johann Georg II. von Sachsen benannt.

Geistliche

Literatur

  • Max Aschkewitz: Pfarrergeschichte des Sprengels Hanau („Hanauer Union“) bis 1986, Teil 1 = Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 33. Marburg 1984, S. 45ff.
  • Gerhard Bott: Schlösser und öffentliche Bauten in der Grafschaft Hanau-Lichtenberg im 17. und 18. Jahrhundert. Neues Magazin für Hanauische Geschichte 2015, S. 35ff. (hier bes. S. 37f., 64 – 66).
  • Kathrin Ellwardt: Kirchenbau zwischen evangelischen Idealen und absolutistischer Herrschaft. Die Querkirchen im hessischen Raum vom Reformationsjahrhundert bis zu Siebenjährigen Krieg. Dissertation, Marburg 2000. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2004, ISBN 3-937251-34-0
  • Festschrift zum 250jährigen Jubiläum der Grundsteinlegung der Johanneskirche zu Hanau. Hanau 1908.
  • Ernst Julius Zimmermann: Hanau Stadt und Land. 3. Auflage. Hanau 1919; Nachdruck 1978.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

Koordinaten: 50° 8′ 14,6″ N, 8° 55′ 0,1″ O

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