Zum Inhalt springen

Luftg’selchter Pfarrer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Luftg’selchten Pfarrer.jpg
Der luftg’selchte Pfarrer in der Gruft der Pfarrkirche von St. Thomas am Blasenstein.
Datei:Luftgselchter Pfarrer, Utensilien.jpg
Schaukasten mit den Utensilien des luftg’selchten Pfarrers

Der Luftg’selchte Pfarrer<ref group="Anm.">Der Begriff des Selchens beschreibt in Bayern und Österreich eine Form der Fleischkonservierung. Luftgetrockneter Speck wird z. B. als Luftgeselchtes bezeichnet.</ref> ist ein mumifizierter Leichnam in St. Thomas am Blasenstein in Oberösterreich. Andere Bezeichnungen sind Heiliger Leib oder Lederner Franzl.

Der Leichnam befindet sich in der Gruft der Pfarrkirche St. Thomas am Blasenstein. Die Gruft hat einen eigenen Zugang von außen. Für einen geringen Münzeinwurf wird die Gruft zugänglich gemacht und auch einige Minuten lang beleuchtet. Eine Infotafel und ein Schaukasten geben Auskunft über die Mumie. Eine schwarze Granittafel von Arnold Reinthaler mit der Inschrift „Five Minutes Left“ („noch fünf Minuten übrig“) regt zum Nachdenken an.

Über die Mumie

Die Mumie ist vom Scheitel bis zur linken Ferse gemessen 171 cm groß und wiegt ca. 10 kg. Es kann angenommen werden, dass der Mensch zu Lebzeiten etwas größer war, da sich durch den Mumifizierungsprozess und die Trocknung die Körpergröße verringert. Während der Bereich der Augen und des Mundes sehr stark angegriffen ist, sind Teile wie Hals oder Hände besonders gut konserviert. Das Gebiss der Mumie weist keine Karies auf. Die Mumie trägt eine vierlagige Kleidung, eine Lederhose und Lederschuhe. Die Herstellungszeit der Kleidung wird zwischen 1670 und 1750 geschätzt. Die erste urkundliche Erwähnung der Mumie stammt aus dem Jahre 1855.

Als Gründe für die (natürliche) Mumifizierung wurden folgende Ursachen diskutiert: Einwirkung von Gerbsäure, Quecksilber(II)-chlorid, klimatische Bedingungen wie Luftzug oder Luftabschluss oder ionisierende Strahlung.

Mögliche Identität

Nach Volksmeinung handelt es sich bei der Mumie um Franz Xaver Sydler de Rosenegg (* 4. Juni 1709; † 3. September 1746), was auch wissenschaftliche Untersuchungen nahelegen, die ab dem 12. Oktober 2017 am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt wurden. Franz Xaver Sidler war ein österreichischer Chorherr und Pfarrvikar, der als 13. Kind seiner Eltern Gottlieb Sydler von Rosenegg und Maria Elisabeth Vogelsang zur Welt kam und im Alter von 37 Jahren starb.

Sydler de Rosenegg war seine drei letzten Lebensjahre Pfarrvikar in St. Thomas am Blasenstein in Oberösterreich. Der Überlieferung nach wurde er bereits einen Tag nach seinem Tod beerdigt, was darauf hindeutet, dass eine Gefahr der Seuchenausbreitung bestand. Gerade bei Geistlichen war es keineswegs üblich, sie so schnell zu begraben, ohne sie einige Tage lang aufzubahren. Als man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Grab ausräumen wollte, fand man einen unversehrten Leichnam. Seither gilt diese natürliche Mumifizierung als ein Wunder und es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, wie es dazu kommen konnte. Da zudem erzählt wird, dass er an Epilepsie gestorben sei, gilt er als Helfer bei dieser Krankheit. Dies wurde jedoch bei der Untersuchung in München widerlegt, in Wirklichkeit starb er wahrscheinlich an einem Blutsturz. Zudem litt er an Tuberkulose.<ref name=":0">Neue Erkenntnisse zum „Luftg’selchten Pfarrer“. In: orf.at. 5. November 2018, abgerufen am 23. Mai 2024.</ref>

Einträge in den Matrikeln:

Franz Xaver Sidlers Vorfahren in väterlicher Linie waren:<ref>nach </ref>

  • Gottlieb Sidler von Rosenegg († 7. November 1730), Pfleger auf Burg Kreuzen, ⚭ 28. Februar 1696 Maria Elisabeth von Voggendanz, Tochter des Wolf Christoph Voggendanz, Pfleger der Herrschaft Eschelberg, und der Sidonia Langmayr
  • Adam Andreas Sidler von Rosenegg (* 29. Mai 1635; † 21. Januar 1710), Pfleger der Grafen Starhemberg und Dietrichstein, ⚭ 18. November 1659 Maria Anna Luckeneder
  • Wolfgang Sidler von Rosenegg (* um 1610; † 8. Juni 1671), Salzfertiger und Marktrichter in Bad Ischl ⚭ 15. Januar 1633 Maria Magdalena Kagerer. Gemeinsam mit seinen drei Brüdern Johann Gabriel, Abraham und Isaak erreichte er am 31. Januar 1653 in Augsburg die Erhebung in den rittermäßigen Adelsstand durch Kaiser Ferdinand III.<ref>Vgl. Christoph Brandhuber: Die Sydler von Rosenegg. Aufstieg, Macht und Ansehen einer Familie des Salzkammergutes. In: Mitteilungen des Ischler Heimatvereines. 2000, S. 34–37 (academia.edu).</ref>
  • Adam Sidler (* um 1580; † 8. April 1646), Gastwirt und Marktrichter in Ischl ⚭ Katharina
  • Ruprecht Sidler (ertrunken bei einem Schiffbruch in der Donau bei Korneuburg), Schiffmann und Salzausrichter

Forschungsstand

Einem Zeitungsartikel der Salzburger Nachrichten vom 4. August 2001 zufolge, wird der luftg’selchte Pfarrer seit einiger Zeit wissenschaftlich untersucht. Beauftragt wurde damit der Chemiker Bernhard Mayer vom AKH Wien, der auch an der Erforschung der Gletscherleiche Ötzi beteiligt war. Hauptziel ist es, die Ursache für die Mumifizierung zu finden. Es scheint, dass der Tote nie unter der Erde war. Außerdem vermutet man, dass die Mumifizierung nicht aufgrund eines Luftstromes erfolgt ist, sondern dass der Tote eher unter Luftabschluss getrocknet ist. Eine Durchleuchtung mit einem mobilen Röntgengerät hat gezeigt, dass sich im Magen-Darm-Trakt eine kirschkerngroße Kugel befindet, die an zwei Seiten kleine Füßchen aufweist. Man ging von einem Giftanschlag aus, bei der jüngsten Untersuchung 2017/18 stellte sich jedoch heraus, dass dies eine Glasperle von einem Rosenkranz ist und vermutlich beim Füllen der Leiche mit Holzspänen und Stoffstücken unbeabsichtigt in den Körper gelangte.<ref name=":0" />

Im Winter 2017/2018 wurde die Mumie in München untersucht, um eine Möglichkeit der besseren Konservierung zu finden. Sie war in dieser Zeit nicht zu besichtigen.<ref name="OÖN 2017">Bernhard Leitner: „Luftg’selchter Pfarrer“ verbringt den Winter bei Ötzi-Spezialist. In: Oberösterreichische Nachrichten. 11. Oktober 2017, abgerufen am 23. Mai 2024.</ref>

Im Jahr 2025 veröffentlichte ein interdisziplinäres Forschungsteam um Andreas G. Nerlich von der Ludwig-Maximilians-Universität München eine umfassende Studie zur Mumie.<ref name="Frontiers2025">Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref> Die Ergebnisse legen nahe, dass die außergewöhnlich gute Erhaltung des Körpers auf eine ungewöhnliche Einbalsamierungstechnik zurückzuführen ist: Die Bauch- und Beckenhöhle wurden offenbar rektal mit Materialien wie Hanfgewebe, Holzstückchen, und Zweigen befüllt und anschließend mit Zinkchlorid behandelt. Diese Maßnahme hemmte die Verwesung von innen heraus. Die Methode ist der erste dokumentierte Fall dieser Art in Europa.<ref name="Guardian2025">Vorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/NameVorlage:Cite book/Name: Vorlage:Cite book/URL In: The Guardian, 2. Mai 2025 (english).Vorlage:Cite book/URL Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref> Die Forscher gehen weiterhin davon aus, dass es sich um den 1746 verstorbenen Pfarrer Franz Xaver Sidler von Rosenegg handelt. Isotopen- und toxikologische Analysen deuten zudem auf Tuberkulose als Todesursache sowie auf einen überdurchschnittlich gut ernährten Lebensstil hin.

Adaption in der Umgangssprache

Seit den frühen 2020er-Jahren findet der Begriff luftg’selcht auch Einzug in die österreichische Alltagssprache, losgelöst vom ursprünglichen religiös-historischen Zusammenhang. In dieser umgangssprachlichen Bedeutung bezeichnet luftg’selcht eine Person, die verträumt, geistig abwesend oder langsam wirkt – vergleichbar mit dem Zustand einer bekifften Person, jedoch ohne Drogenkonsum. Die Wortbildung greift dabei die traditionelle Bedeutung von g’selcht (= geräuchert) auf, überträgt sie aber metaphorisch: Wer „luftg’selcht“ ist, scheint „von der Luft eingeräuchert“, also vernebelt, aber nüchtern zu sein. Im Österreichischen Volkswörterbuch ist das Wort seit 2025 dokumentiert.<ref name="VWOB2025">Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Luftg’selcht – Österreichisches Volkswörterbuch.] , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 2. Juli 2025.Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref> In sozialen Netzwerken wird das Wort ebenfalls aktiv verbreitet: Ein populärer Reddit-Post forderte etwa 2025 humorvoll die Aufnahme in den Duden.<ref name="Reddit2025">Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig luftgselcht for Duden – Reddit.] , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 2. Juli 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref> Auch auf der Plattform Urban Dictionary wurde ein entsprechender Eintrag angelegt, der das Wort als „slow, spaced-out, foggy, but sober“ beschreibt.<ref name="UD2025">Vorlage:Cite book/Name: [Internetquelle: archiv-url ungültig Luftg’selcht – Urban Dictionary.] , archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am Vorlage:Cite book/URL; abgerufen am 2. Juli 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2Vorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung</ref>

Siehe auch

Literatur

  • Herbert Hiesmayr: St. Thomas am Blasenstein. Von den Burgen zur Marktgemeinde. Die Kirche und die Ortsburgställe. Die Burgruinen Klingenberg, Saxenegg und andere Wanderziele. Anhang. Fremdenverkehrsverband St. Thomas am Blasenstein, 1990, S. 72–73.

Weblinks

Commons: Luftgselchter Pfarrer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

<references group="Anm." />

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein