Latrepirdin
Latrepirdin oder Dimebolin (russischer Freiname) ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Antihistaminika, der zur Behandlung von allergischen Reaktionen eingesetzt wird. Der Wirkstoff ist bislang nur in Russland und anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion als Bestandteil von Arzneimitteln zugelassen.
Klinische Angaben
Anwendungsgebiete
Zugelassene Anwendungsgebiete
In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist Latrepirdin zur Behandlung von Heuschnupfen, Nesselsucht, Nahrungsmittel-, Kosmetik-, Hausstaub- oder Arzneimittelallergie, Quincke-Ödem, atopischen Ekzemen bei Hausstauballergie, bei allergischen und entzündlichen Erkrankungen des Auges, entzündlichen Reaktionen bei Verbrennungen sowie bei Neurodermitis und anderen Ekzemen zugelassen.<ref name="GM">Gesundheitsministerium der UdSSR: Vorlage:Webarchiv Erlass vom 23. November 1983; abgerufen am 19. September 2009.</ref>
Weitere mögliche Anwendungsgebiete
Latrepirdin wird gegenwärtig als mögliche Behandlung in den Anwendungsgebieten Alzheimersche Krankheit und Chorea Huntington untersucht.<ref name="PoC2">R. S. Doody, S. I. Gavrilova, M. Sano u. a.: Effect of dimebon on cognition, activities of daily living, behaviour, and global function in patients with mild-to-moderate Alzheimer’s disease: a randomised, double-blind, placebo-controlled study. In: Lancet, 372, 2008, S. 207–215. PMID 18640457.</ref><ref name="medi-ch">Vorlage:Webarchiv Medivation Inc., a30. Juli 2009; abgerufen am 17. September 2009.</ref> Eine behördliche Zulassung für den Einsatz bei diesen Krankheiten besteht jedoch nicht.
Gegenanzeigen
Latrepirdin darf nicht bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, in der Schwangerschaft sowie in der Stillzeit angewendet werden.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Bei gleichzeitiger Einnahme von Latrepirdin mit Schlafmitteln, Anxiolytika, Antidepressiva, Antipsychotika oder Opioiden kann es zu einer gegenseitigen Verstärkung der Wirkungen auf das Zentralnervensystem kommen.
Unerwünschte Wirkungen
Bekannte Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Taubheitsgefühl auf der Mundschleimhaut, Schläfrigkeit und verminderte Konzentrationsfähigkeit.
Wirkungsmechanismus
Die Wirkungen des Latrepirdin auf H1Histamin-Rezeptoren wurden bereits in den 1980er Jahren beschrieben.<ref>I. A. Matwejewa: О действии димебона на гистаминовые рецепторы. In: Farmakol Toksikol. 46, 1983, S. 27–29. PMID 6225678.</ref> Ebenfalls in den 1980ern wurden Hemmwirkungen auf die Monoaminooxidase Typ B beschrieben.<ref>S. K. Schadurskaja, A. I. Chomenko, V. A. Perewerzew, A. I. Balaklewskij. Нейромедиаторные механизмы деиствия антигистаминного препарата димебона на мозг. In: Biull Eksp Biol Med. 101, 1986, S. 700–702. PMID 2873848.</ref> Der Wirkstoff soll ebenfalls die Durchlässigkeit von Blutgefäßwänden vermindern sowie lokalanästhetische und sedierende Wirkungen haben.<ref name="GM" />
2000 wurden Tacrin-ähnliche Wirkungen auf das Lernverhalten in Alzheimer-Tiermodellen beschrieben.<ref name="tacrin">N. N. Lermontova, N. V. Lukoyanov, T. P. Serkova u. a.: Dimebon improves learning in animals with experimental Alzheimer’s disease. In: Bull Exp Biol Med. 129, 2000, S. 544–546. PMID 11022244.</ref> Die gleiche Arbeitsgruppe legte 2001 Untersuchungsergebnisse vor, die Hemmwirkungen für die Acetylcholinesterase, am NMDA-Rezeptor sowie an Calciumkanälen beschreiben.<ref name="ANYAC">S. Bachurin, E. Bukatina, N. Lermontova u. a.: Antihistamine agent Dimebon as a novel neuroprotector and a cognition enhancer. In: Ann N Y Acad Sci. 939, 2001, S. 425–435. PMID 11462798.</ref> Weiterhin soll Latrepirdin ein Antagonist des 5-ht6-Serotoninrezeptors sein.<ref>H. Schaffhauser, J. R. Mathiasen, A. Dicamillo u. a.: Dimebolin is a 5-HT6 antagonist with acute cognition enhancing activities. In: Biochem Pharmacol. 78, 2009, S. 1035–1042. PMID 19549510</ref> Der zelluläre Angriffspunkt des Latrepirdin sollen die Mitochondrien sein.<ref>S. O. Bachurin, E. P. Shevtsova, E. G. Kireeva u. a.: Mitochondria as a target for neurotoxins and neuroprotective agents. In: Ann N Y Acad Sci. 993, 2003, S. 334–344. PMID 1285332.</ref> Latrepirdin wirkt zudem als FIASMA (funktioneller Hemmer der sauren Sphingomyelinase).<ref name="pmid18504571">Vorlage:Literatur</ref>
Nach der klinischen Validierung der Wirkung des Latrepirdin bei Patienten mit Alzheimerscher Krankheit,<ref name="PoC2" /> beschrieb eine US-amerikanische Arbeitsgruppe, dass der Wirkstoff die Konzentration von Beta-Amyloid im Hirn von Nagetieren erhöhen würde.<ref>J. W. Steele, S. H. Kim, J. R. Cirrito u. a.: Acute dosing of latrepirdine (DimebonTM), a possible Alzheimer therapeutic, elevates extracellular amyloid-beta levels in vitro and in vivo. In: Mol Neurodegener. 4, 2009, S. 51. PMID 20017949.</ref> Diese Beobachtung könnte die bisherige Beta-Amyloid-Hypothese zur Entstehung von Alzheimer infrage stellen.
Entwicklungsgeschichte
Die erste Erwähnung von Latrepirdin in der zugänglichen Literatur stammt aus dem Jahr 1971.<ref>M. G. Romanowskaja: Влийание ципрогептадина и димебона на бактериальную инфекцию у животных, получиаших хлорасцизин или аминазин. In: Farmakol Toksikol. 34, 1971, S. 698–701. PMID 5139793</ref> Der Arzneistoff wurde anscheinend aber schon in den 1960er Jahren in der Sowjetunion synthetisiert<ref name="RECTS" /> und dort 1983 erstmals als Bestandteil eines Arzneimittels zugelassen.<ref name="GM" /> Im Jahr 2000 wurden neuroprotektive Wirkungen durch russische Wissenschaftler beschrieben.<ref name="tacrin" /> Diese Beobachtung wurde ein Jahr später durch erste klinische Erfahrungen bei Alzheimer-Patienten ergänzt.<ref name="ANYAC" />
Die US-amerikanische Firma Medivation sicherte sich 2003 Rechte an der Entwicklung des Wirkstoffs. Die klinischen Arbeiten begannen 2005 für Alzheimer<ref>Vorlage:Webarchiv Medivation Inc., 9. September 2005; abgerufen am 17. September 2009.</ref> und 2007 für Huntington.<ref>Vorlage:Webarchiv Medivation Inc., 30. Juli 2007; abgerufen am 17. September 2009.</ref> Die positiven Ergebnisse der ersten größeren Alzheimer-Studie wurden 2008 in der Zeitschrift Lancet veröffentlicht.<ref name="PoC2" /><ref>Deutschsprachige Zusammenfassung der Publikation von R. S. Doody u. a. (Lancet. 372, 2008, S. 207–215) bei wissenschaft-online.de. Abgerufen am 21. September 2009.</ref>
Seit 2008 wurde Latrepirdin gemeinsam von den Firmen Medivation und Pfizer zur Behandlung von Alzheimer und Chorea Huntington untersucht.<ref>Vorlage:Webarchiv Medivation Inc., 3. September 2008; abgerufen am 17. September 2009.</ref> Die Untersuchungen zum Wirkstoff erreichten Phase III.<ref>Medivation Inc. (9. Juni 2008): Vorlage:Webarchiv Abgerufen am 17. September 2009.</ref><ref name="medi-ch" /> Mitte 2009 gaben die Hersteller bekannt, dass der ursprünglich unter dem russischen Freinamen Dimebolin bekannte Wirkstoff den internationalen Freinamen Latrepirdin erhalten wird und von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde als Entwicklungskandidat zur Behandlung seltener Erkrankungen für die Indikation Chorea Huntington anerkannt wurde.<ref name="medi-ch" /> Im März 2010 wurde bekannt, dass eine der Zulassungsstudien im Anwendungsgebiet Alzheimer negativ ausging.<ref>Tess Stynes: Pfizer-Medikamentenkandidat Dimebon scheitert in Phase-III-Studie. Dow Jones Newswires, 3. März 2010; abgerufen am 4. April 2010.</ref> Im Juni 2010 erklärten die beiden Herstellerfirmen, dass zwei weitere Phase-III-Studien im Zusammenhang mit der Behandlung von Alzheimer gestartet wurden.<ref>Vorlage:Webarchiv Pharmacy Drugs, 25. Juni 2010, Discuss Pharmacy; abgerufen am 31. Juli 2010.</ref>
Im Januar 2012 gab die Firma Pfizer bekannt, dass die weitere klinische Entwicklung von Latrepirdin eingestellt wird. Grund hierfür seien unbefriedigende Studienergebnisse, die die ersten positiven Resultate nicht bestätigen konnten.<ref>Veelbelovend' alzheimermiddel struikelt in laatste rechte lijn. In: De Standaard; abgerufen am 19. Januar 2012.</ref>
Handelsnamen
Latrepirdin wird in Russland und anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion unter dem Handelsnamen Dimebon (Hersteller: Organika) vertrieben und ist dort verschreibungspflichtig.<ref name="GM" />
Weblinks
- Einträge im NIH-Studienregister
Einzelnachweise
<references />