Kurt Blome
Friedrich Ludwig Kurt Blome (* 31. Januar 1894 in Bielefeld; † 10. Oktober 1969 in Dortmund) war ein deutscher Arzt, Offizier, nationalsozialistischer und antisemitischer Politiker, Reichstagsabgeordneter der NSDAP und Reichsärzteführer. Er war Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Seine medizinischen Arbeitsgebiete waren auch Krebs und biologische Waffen.
Leben
Die frühen Jahre
Nach dem Besuch von Volksschule und Realgymnasium in Dortmund machte Blome 1912 sein Abitur und studierte im Anschluss Medizin an den Universitäten in Göttingen, Münster, Gießen und Rostock.<ref name="Kienast38">E. Kienast (Hrsg.): Der Großdeutsche Reichstag 1938, IV. Wahlperiode. R. v. Decker’s Verlag, G. Schenck, Ausgabe Juni 1943, Berlin.</ref> In Göttingen war er seit 1912 Mitglied der Burschenschaft Holzminda.<ref>Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 42.</ref><ref>Unsere Toten. In: Burschenschaftliche Blätter, 85. Jg. (1970), H. 2, S. 49.</ref> Zum Sommersemester 1914 wechselte er nach Rostock,<ref>Siehe dazu die Erstimmatrikulation von Kurt Blome im Rostocker Matrikelportal. Eine zweite Immatrikulation erfolgte im Wintersemester 1919/20.</ref> wo er seinen Wehrdienst am 1. April 1914 als Einjährig-Freiwilliger beim Großherzoglich Mecklenburgischen Füsilier-Regiment „Kaiser Wilhelm“ Nr. 90 antrat und in Folge am Ersten Weltkrieg vom 2. August 1914 an bis 1918 teilnahm, überwiegend als Leutnant beim Infanterie-Regiment „Bremen“ (1. Hanseatisches) Nr. 75.<ref name="Kienast38" /> Zuletzt war er Leutnant der Reserve und stellvertretender Bataillonsführer.<ref name="Lilla04">Joachim Lilla: Statisten in Uniform – Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Düsseldorf 2004, S. 45–46.</ref> Für sein Wirken mit beiden Klassen des Eisernen Kreuzes, dem Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern sowie dem Goldenen Verwundetenabzeichen ausgezeichnet, erlebt er das Kriegsende in einem Lazarett in Bremen.<ref name="Maibaum" /><ref name="Kienast38" /> Er setzte ab 1919 sein Medizinstudium vorübergehend in Münster und Gießen fort.
Die Zeit in Rostock
1918/1919 wurde er Freikorps-Mitglied in Rostock und Mitglied der Organisation Escherich, der Marinebrigade Ehrhardt und der Organisation Consul.<ref name="Lilla04" /> Im März 1920 war er aktiv am Kapp-Putsch beteiligt, wobei er verwundet wurde.<ref name="Lilla04" /> Weiterhin engagierte er sich als Zeitfreiwilliger in der Reichswehrbrigade 9.<ref name="Lilla04" /> In Rostock legte er dann 1920 sein Medizinisches Staatsexamen ab. Blome wurde dort auch 1921 mit einer Arbeit Über das Verhalten von Bacterien im electrischen Strom zum Dr. med. promoviert. Nach dem Studium wurde er Medizinalpraktikant in Münster und Gießen, dann Assistenzarzt und Oberarzt am Dermatologischen Institut der Universität Rostock.<ref name="Lilla04" /> Er war ein frühes Mitglied der NSDAP, der er 1922 beitrat.<ref name="Klee54">Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 54.</ref> Nach dem Verbot der NSDAP im November 1923 wurde er wegen NS-Betätigung von der Universität Rostock entlassen.<ref name="Lilla04" /> Er war auch Mitglied im Frontkriegerbund und im Tannenbergbund.<ref name="Maibaum" /> Von 1924 bis 1934 führte er dann als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten eine eigene Praxis.<ref name="Lilla04" />
Im Jahr 1924 gehörte er der DVFP an und war Mitbegründer der Völkischen Arbeitsgemeinschaft Mecklenburg.<ref name="Lilla04" /> Im Rahmen der DNVP und der Völkischen Arbeitsgemeinschaft gehörte er von 1924 bis 1926 dem Landtag von Mecklenburg-Schwerin an.<ref name="Lilla04" />
Zum 1. Juli 1931 trat er wieder in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 590.233)<ref>Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/3270117</ref> und wurde Mitglied der SA, 1932 SA-Gausturmarzt, am 1. Juli 1932 SA-Sanitäts-Oberführer und dann Sanitätsbrigadeführer, später im NS-Gau Mecklenburg-Lübeck auch Gaureferent für das Medizinalwesen und Gauobmann des NSDÄB.<ref name="Lilla04" /><ref name="Klee54" /> 1934 wurde er dort Leiter des Amtes für Volksgesundheit.<ref name="Lilla04" />
Karriere in der Zeit des Nationalsozialismus
Im Jahr 1934 wurde er in das Hauptamt für Volksgesundheit nach Berlin berufen<ref name="Kienast38" /> und Beauftragter des Stellvertreters des Führers für die Ausnahmebestimmungen der künftigen Nürnberger Gesetze.<ref name="Lilla04" /> Vom 1. März 1935 bis 29. Februar 1936 übernahm er weiterhin die Geschäfte des Gruppenarztes der SA-Gruppe Berlin-Brandenburg (Berlin).<ref name="Lilla04" /> In dieser Zeit war er auch Arzt der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte und als Adjutant im Hauptbüro des Deutschen Roten Kreuzes.<ref name="Lilla04" /> Nachdem er im Januar 1935 vom „Reichsärzteführer“ Gerhard Wagner zum Beauftragten für ärztliche Fortbildung, und somit zum Leiter des ärztlichen Fortbildungswesens und der ärztlichen Schulung im Dritten Reich,<ref name="Kienast38" /> ernannt worden war, gehörte Blome seit dem 8. Februar 1936<ref name="Lilla04" /> dem Reichsausschuss zum Schutze des deutschen Blutes an.<ref name="Klee54" /> Um diese Zeit wurde er auch Dozent an der Führerschule der Deutschen Ärzteschaft, wo im Herbst 1935 die ersten „Pflichtfortbildungskurse“<ref>Kurt Blome: Arzt im Kampf (1942), S. 276–290.</ref> begannen.<ref name="Maibaum">Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse, Universität Hamburg, Hamburg 2007. Dissertationsschrift (pdf)</ref> Am 9. November 1937 wurde er zum SA-Sanitäts-Brigadeführer (OSAF) befördert.<ref name="Lilla04" /> Er war ab 1938 auch Präsident des Ständigen Büros der Internationalen Akademie für das Ärztliche Fortbildungswesen.<ref name="Kienast38" /><ref name="Lilla04" /> Vom 1. März 1938 bis 8. November 1940 war er daneben als Sanitätsverbindungsführer der OSAF zur Deutschen Arbeitsfront eingesetzt.<ref name="Lilla04" /> Im April 1938 wurde er erfolglos zur Reichstagswahl vorgeschlagen.<ref name="Lilla04" /> 1939 wurde Blome stellvertretender Leiter des NS-Ärztebundes und Generalarzt. Ab 20. April 1939 war er Stellvertretender Leiter des Hauptamtes für Volksgesundheit<ref name="Kienast38" /> sowie ab 22. April 1939 Reichshauptamtsleiter der NSDAP und stellvertretender Reichsärzteführer.<ref name="Lilla04" />
In der letzten Wahlperiode war Blome als Nachrücker für den verstorbenen Abgeordneten Gerhard Wagner ab April 1939 Mitglied des Reichstags.<ref name="Kienast38" /> Am 29. August 1939, zwei Tage vor dem Überfall auf Polen, wurde er als Nachfolger von Hans Deuschl bis August 1944<ref name="Lilla04" /> Stellvertreter des Reichsgesundheitsführers Leonardo Conti.<ref name="Klee54" /> Im Oktober 1939 übernahm er die Schriftleitung der Monatszeitschrift Ziel und Weg. Die Gesundheitsführung. Seit 1940 war Blome als Spartenleiter für Erb- und Rassenpflege im Reichsforschungsrat tätig.<ref name="Klee54" /> Er war von Januar 1942 bis 1945 auch Fachspartenleiter des Reichsforschungsrates für Krebsforschung.<ref name="Lilla04" /><ref>{{#if:|{{#iferror: {{#iferror:{{#invoke:Vorlage:FormatDate|Execute}}|}}| |}}}}{{#if:|{{{autor}}}: }}{{#if:|{{#if:Prof. Dr. Kurt Blome bei GEPRIS Historisch|[{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|archivURL|1={{#invoke:URLutil|getNormalized|1={{{archiv-url}}}}}}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel=Prof. Dr. Kurt Blome bei GEPRIS Historisch}}]{{#if:| ({{{format}}})}}{{#if:| {{{titelerg}}}{{#invoke:Vorlage:Internetquelle|Endpunkt|titel={{{titelerg}}}}}}}}}|{{#if:https://www.gepris-historisch.dfg.de/person/5101045%7C{{#if:{{#invoke:TemplUtl%7Cfaculty%7C}}%7C{{#invoke:Vorlage:Internetquelle%7CTitelFormat%7Ctitel={{#invoke:WLink%7CgetEscapedTitle%7C1=Prof. Dr. Kurt Blome bei GEPRIS Historisch}}}}|[{{#invoke:URLutil|getNormalized|1=https://www.gepris-historisch.dfg.de/person/5101045}} {{#invoke:Vorlage:Internetquelle|TitelFormat|titel={{#invoke:WLink|getEscapedTitle|1=Prof. Dr. Kurt Blome bei GEPRIS Historisch}}}}]}}{{#if:| ({{{format}}}{{#if:Deutsche Forschungsgemeinschaft{{#if: 2023-04-28 | {{#if:{{#invoke:TemplUtl|faculty|}}||1}}}}
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Im Jahr 1942 war Blome an einem Plan beteiligt, 35.000 an Tuberkulose erkrankte Polen in einer Vergasung zu ermorden, legte aber in einem Brief vom 18. November an Gauleiter Arthur Greiser aus Geheimhaltungsgründen Einspruch ein: „Wenn die Garantie einer restlosen Geheimhaltung gegeben wäre, könnte man Bedenken zurückstellen“.<ref>Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Fischer Taschenbuch 2005, S. 54.</ref>
Blome erhielt am 30. Januar 1943 das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP.<ref name="Kienast38" /><ref>Kluas D. Patzwall: Das Goldene Parteiabzeichen und seine Verleihungen ehrenhalber 1933–1945. (= Studien zur Geschichte der Auszeichnungen), Band 4, Verlag PatzwallNorderstedt 2004, S. 64.</ref> Er wurde zum Oberdienstleiter der NSDAP befördert<ref name="Lilla04" /> und 1944 Mitglied des wissenschaftlichen Beraterstabs von Karl Brandt, dem Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen.<ref name="Klee54" />
Leitung einer Tarnorganisation für Biokriegsvorbereitungen
Am 23. Mai 1942 hatte Hitler – wie der für chemische und biologische Kriegsführung zuständige General der Nebeltruppen Hermann Ochsner in einer Geheimen Kommandosache mitteilte – befohlen, „dass unsererseits Vorbereitungen für einen Bakterienkrieg nicht zu treffen sind. Der Führer fordert aber äußerste Bemühungen um Abwehrmittel und Abwehrmaßnahmen gegen etwaige Feindangriffe mit Bakterien“.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Zur Koordinierung dieser Abwehrmaßnahmen gründete die Wehrmachtsführung ein Biowaffenschutz-Komitee, die „Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter“. Die Kriegsgegner erfuhren davon erst 1945, als die Experten der Alsos-Mission die entsprechenden deutschen Dokumente in der Sammlung von Oberkriegsarzt Heinrich Kliewe, dem Sekretär der Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter entdeckten. Vielmehr rechneten sie mit deutschen Biowaffenangriffen und trafen entsprechende Vorbereitungen für gleichartige Vergeltungsangriffe (retaliation in kind).<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Unter anderem wurde im September 1942 mit der Produktion von „cattle cakes“, mit Milzbranderregern kontaminiertem Rindertrockenfutter begonnen, von denen am 22. April 1943 fünf Millionen Stück abwurfbereit in Kartons vorlagen.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Die Sorgen der Alliierten waren nicht ganz unbegründet, denn es gab ernsthafte Versuche, Hitlers Befehl zu verstärkten Abwehrmaßnahmen zum Anlass zu nehmen, unter dem Deckmantel des B-Schutzes doch entsprechend offensiv motivierte Biokriegsvorbereitungen zu betreiben.
Dem Geschäftsführer des Reichsforschungsrats (RFR) Rudolf Mentzel, Professor für Wehrchemie an der Technischen Universität Berlin, gelang es, Hermann Göring, der seit 1942 auch Präsident des RFR war, zur Gründung einer entsprechenden dual-use-Organisation außerhalb der Wehrmacht zu bewegen. Am 30. April verfügte Göring die Errichtung einer „Arbeitsgemeinschaft für Krebsforschung“ und beauftragte Kurt Blome mit dessen Leitung, Heinrich Kliewe registrierte sofort, Blome habe damit „den Auftrag erhalten, im Rahmen des Reichsforschungsrates die biologischen Kampfverfahren erforschen zu lassen“.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Als wichtigstes Projekt begann Blome, der tatsächlich an Krebsforschung interessiert war und schon 1940 die Gründung eines zentralen Krebsforschungsinstituts vorgeschlagen hatte, in einem in Nesselstedt bei Posen gelegenen Kloster ein Zentralinstitut für Krebsforschung einzurichten.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Auf Betreiben Mentzels erklärte sich der Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) sehr widerwillig dazu bereit, das Institut der KWG verwaltungsmäßig zu unterstellen. Dass in der neuen Einrichtung nicht nur Krebsforschung, sondern auch Biokriegsvorbereitung betrieben werden sollte, wusste man in der KWG offenbar nicht. Beispielsweise sollten dort von Heinrich Himmler angeregte „Methoden zur Verbreitung der Pest“ untersucht werden.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Der Auf- und Ausbau des Instituts schritt allerdings nur sehr langsam voran, zumal er nicht mit besonders hoher Priorität gefördert wurde. Zudem war Blome wenig einflussreich. Zu den führenden deutschen Krebsforschern zählte er nicht und war daher auch kein Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Krebsforschung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Besonders qualifizierter Biowaffenexperte war er auch nicht: In die Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter war er nicht berufen worden, an deren Sitzungen nahm er nur ein einziges Mal teil, nachdem ihn Göring eingesetzt hatte. Nachteilig war wohl auch, dass Blome neben dem neuen Institut zahlreiche andere Projekte zu koordinieren hatte. Dazu gehörten unter anderem sowohl Themen der biologischen Kriegsforschung („Entwicklung eines Flugzeugstreugerätes“, „Bekämpfung des Kartoffelkäfers“, „Entwicklung eines rohstoffarmen Versandbehälters für Bakterienkulturen“, „Ermittung von Ackerbauschädlingsbekämpfungsmitteln“) als auch der Krebsbekämpfung („Einfluß bakterieller Stoffwechselprodukte auf das cancerogene Wachstum“ und „Röntgen-Frühdiagnose des Magenkrebses“). Selbst eine – bisher in Berlin-Dahlem lokalisierte – Tumorfarm übernahm Blome als Abteilung in sein Nesselstedter Institut ARSENALE 520. Als die Rote Armee Mitte Januar 1945 in den Raum Posen vorrückte war die Einrichtung noch unvollendet. Nach intensiven Recherchen stellte ein polnischen Untersuchungsrichter 1951 fest, dass „in diesem Institut noch keine Experimente begonnen haben können“.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Er bestätigte damit entsprechende Aussagen Blomes im Nürnberger Prozess.
Aber Blome hatte Vorsorge getroffen. Der Falschaussage von Generalarzt Walther Schieber im Nürnberger Prozess zufolge soll er zunächst in das Institut für Mikrobiologie der Wehrmacht in Schloss Sachsenburg umgezogen sein und dorthin sogar Pestkulturen mitgenommen haben.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Aber das war gelogen. Nach Aktenlage war Schreiber nie in Schloss Sachsenburg, nicht einmal zu Besuch.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Vielmehr wollte Blome in ein Ausweichinstitut in Geraberg bei Ilmenau in Thüringen umziehen. Um dessen Errichtung hatte er – wie er Experten der Alsos-Mission im Juli 1945 berichtete – angesichts des Vormarsches der sowjetischen Truppen im September 1944 bei Himmler beantragt. Der stimmte zu und schon im November 1944 wurde begonnen, dort ein weiteres Institut zu errichten. „Aus Tarnungsgründen“ wurde es „Reichsforschungsinstitut für Grenzgebiete der Medizin“ genannt. Dessen Bau schritt allerdings sehr langsam voran. Als die amerikanischen Truppen und mit ihnen die Ermittler der Alsos-Mission Geraberg erreichten, waren noch nicht einmal die Grundmauern fertiggestellt worden.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Leben nach 1945
Nürnberger Ärzteprozess
Am 17. Mai 1945 wurde Blome in München verhaftet, da sowohl US-Experten in Biologischer Kriegführung im Rahmen der Alsos-Mission als auch das Office of Strategic Services (OSS) auf der Suche nach ihm waren. Blome wurde zum Twelfth Army Group Interrogation Center zur Befragung überstellt.<ref>Annie Jacobsen: Operation Paperclip: The Secret Intelligence Program that Brought Nazi Scientists to America. Little, Brown and Company, Inc. (2014) S. 77</ref> Da es zahlreiche Dokumente gab, in denen Blome – unter anderen mit Himmler – die Notwendigkeit diskutierte, Menschenversuche durchzuführen, um die Erforschung der Pest zu forcieren, wurde er im Nürnberger Ärzteprozess am 25. Oktober 1946 angeklagt. Blome selbst argumentierte vor Gericht, dass die Intention Menschenversuche durchzuführen, ohne dass diese jemals realisiert wurden, noch kein Verbrechen sei. Des Weiteren erwähnte Blomes Verteidiger vor Gericht Beispiele von Menschenversuchen unter Beteiligung der US Army, so beisielsweise aus einem Artikel im Life Magazin aus dem Jahr 1945, in dem Experimente an 800 Gefängnisinsassen durch das amerikanische Office of Scientific Research and Development beschrieben wurden (Stateville Penitentiary Malaria Study). Problematisch für die Anklage war auch, dass keine Belastungszeugen vorhanden waren. Zwar gab es eine belastende Aussage gegen Blome von Walter Paul Schreiber während des Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, aber Schreiber war unter Kontrolle sowjetischer Stellen, die die weitere Vernehmung verweigerten.<ref>Annie Jacobsen: Operation Paperclip: The Secret Intelligence Program that Brought Nazi Scientists to America. Little, Brown and Company, Inc. (2014) S. 273–274</ref> Sein Verteidiger war Fritz Sauter.
Blome wurde nach dem vom 9. Dezember 1946 bis zum 20. Juli 1947 dauernden Prozess vor dem 1. Amerikanischen Militärgerichtshof am 20. August 1947 freigesprochen.<ref name="Lilla04" /> Das Gericht urteilte, es könne sein, dass Blome Experimente an Menschen in Verbindung mit biologischer Kriegsführung vorbereitete, aber aus den vorhandenen Aufzeichnungen werde weder dieses offenbar noch dass er solche Experimente wirklich durchführte.<ref>„It may well be that the defendant Blome was preparing to experiment on human being in connection with bacteriological warfare, but the record fails to disclose that fact, or that he ever actually conducted the experiments.“ Annie Jacobsen: Operation Paperclip: The Secret Intelligence Program that Brought Nazi Scientists to America. Little, Brown and Company, 2014, S. 274.</ref> Nachdem er am 10. Juni 1948 von der Spruchkammer in Schwelm entnazifiziert worden war,<ref name="Maibaum" /> ließ er sich als Facharzt in Dortmund in einer eigenen Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten<ref>Oliver Volmerich: Wie ein führender Nazi-Arzt nach dem Krieg als Mediziner in Dortmund wieder Fuß fasste. In: Ruhr Nachrichten. 6. Oktober 2019.</ref> nieder.
Operation Paperclip und Arbeit in Camp King
Im März 1951 wurde Blome von Charles McPherson, einem Offizier des US Special Projects Team, aufgesucht, um ihm einen Vertrag im Rahmen der Operation Paperclip anzubieten. Blome deutete im Anwerbungsgespräch an, dass er bereits in einem streng geheimen biologischen Waffenprogramm im Rahmen der Operation Matchbox, dem britischen Äquivalent zur Operation Paperclip, gearbeitet hatte, und zeigte sich interessiert.<ref>Annie Jacobsen: Operation Paperclip: The Secret Intelligence Program that Brought Nazi Scientists to America. Little, Brown and Company, Inc. (2014) S. 342–346</ref> Blome verpflichtete sich daraufhin am 10. August 1951, an einem amerikanischen Geheimdienstprogramm für den Army Chemical Corps im Project 63<ref>Siehe Projekt Paperclip und MKULTRA</ref> mitzuarbeiten. Dies kam jedoch nicht zustande,<ref>Erhard Geißler: Biologische Waffen – nicht in Hitlers Arsenalen. Biologische und Toxin-Kampfmittel in Deutschland von 1915 bis 1945. S. 757.</ref> da der amerikanische Konsul in Frankfurt am Main die Einreise Blomes in die USA ablehnte.<ref name="Lilla04" />
Blome hatte in Erwartung seiner Auswanderung bereits seine Praxis in Dortmund einem anderen Arzt übergeben und das US Special Projects Team befürchtete, dass die negativen Erfahrungen Blomes sich unter deutschen Wissenschaftlern herumsprechen würden und die weitere Rekrutierung für das Project Paperclip erschweren würden. Ihm wurde deshalb ab Dezember 1951 als Ausgleich eine Position (Contract DoD DA-91-501) als Nachfolger von Walter Paul Schreiber als Arzt beim US-Geheimdienst in einem amerikanischen Militärkrankenhaus beim European Intelligence Center (Camp King), dem amerikanischen Europakommando in Oberursel, zugewiesen. Er arbeitete dort an einem Projekt, das in seinem ’foreign scientist case file’ als „Army 1952, Project 1975“ bezeichnet wird und bis heute nicht deklassifizert ist. Blome hatte bereits vorher in einer „speziellen Sache“ für die US-Regierung in Camp King gearbeitet.<ref>Annie Jacobsen: Operation Paperclip: The Secret Intelligence Program that Brought Nazi Scientists to America. Little, Brown and Company, Inc. (2014) S. 342–346, 364, 529</ref>
Nach Beendigung seiner Arbeit in Camp King kehrte er nach Dortmund zurück und wurde in Hagen<ref name="Lilla04" /> bzw. in Dortmund nach seiner von einer deutschen Spruchkammer erfolgten Entnazifizierung<ref>Erhard Geißler: Biologische Waffen – nicht in Hitlers Arsenalen. Biologische und Toxin-Kampfmittel in Deutschland von 1915 bis 1945. S. 758.</ref> erneut Facharzt.<ref name="Klee54" />
In der Bundesrepublik engagierte er sich in der Deutschen Partei, für die er 1953 im Bundestagswahlkreis Dortmund III vergeblich zum Deutschen Bundestag kandidierte.<ref name="Lilla04" /> Er starb 1969 in Dortmund.
Publikationen
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- Über das Verhalten von Bacterien im electrischen Strom. Dissertation Universität Rostock 1921.
- Seit Oktober 1939: Schriftleitung der Monatszeitschrift Ziel und Weg. Die Gesundheitsführung.
- Krebsforschung und Krebsbekämpfung. In: Ziel und Weg. Die Gesundheitsführung. Nr. 11, 1940, S. 406–412.
- Arzt im Kampf: Erlebnisse und Gedanken. Barth, Leipzig 1942 (in der Berliner NS.-Bibliographie geführt seit 24. Oktober 1941).
Literatur
- Helge Dvorak: Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I Politiker, Teilband 1: A–E. Heidelberg 1996, S. 102–103.
- Ernst Kienast (Hrsg.): Der Großdeutsche Reichstag 1938, IV. Wahlperiode. R. v. Decker’s Verlag, G. Schenck, Ausgabe Juni 1943, Berlin.
- Joachim Lilla, Martin Döring, Andreas Schulz: Statisten in Uniform. Die Mitglieder des Reichstags 1933–1945. Ein biographisches Handbuch. Unter Einbeziehung der völkischen und nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten ab Mai 1924. Droste, Düsseldorf 2004, ISBN 3-7700-5254-4, S. 45–46.
- Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Fischer Taschenbuch 2005, S. 54.
- Erhard Geißler: Biologische Waffen – nicht in Hitlers Arsenalen. Biologische und Toxin-Kampfmittel in Deutschland von 1915 bis 1945. Münster 1998, ISBN 3-8258-2955-3.
- Friedrich Hansen: Biologische Kriegsführung im Dritten Reich. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1993 ({{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}{{#if:| Zitat: {{
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- Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse, Universität Hamburg, Hamburg 2007, Dissertationsschrift. PDF
- Gabriele Moser: From Deputy to „Reichsbevollmächtigter“ and Defendant at the Nuremberg Medical Trials: Dr. Kurt Blome and Cancer Research in National Socialist Germany, in: Wolfgang U. Eckart (Hrsg.): Man, Medicine, and the State: The Human Body as an Object of Government Sponsored Medical Research in the 20th Century, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2006, S. 199–220.
Weblinks
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- Institut für Zeitgeschichte München-Berlin: Zeugenschrifttum Online. ZS 830, Blome, Prof. Dr. Kurt (PDF; 12,3 MB). Protokolle der Vernehmungen Blomes 1946–1947.
Einzelnachweise
<references />
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