Krates von Theben
Krates von Theben (Vorlage:GrcS, latinisiert Crates Thebanus; * vermutlich um 365 v. Chr. in Theben; † vermutlich um 285 v. Chr. in Böotien) war ein antiker griechischer Philosoph. Man zählt ihn zu den Kynikern.
Krates’ Schriften sind verloren. Erhalten sind nur einige Fragmente von seinen Gedichten sowie einige antike Berichte über sein Leben und Werk.
Leben
Die Lebenszeit des Krates ist nur ungefähr bekannt, man setzt sie üblicherweise auf etwa 365 bis 285 v. Chr. an.<ref name="GGPh297" /> Ein Autor<ref name="DL87">Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,87.</ref> gibt Krates’ Blütezeit mit der 113. Olympiade (die zwischen 328 und 325 v. Chr. stattfand) an und berichtet,<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,98.</ref> dass Krates sehr alt in Böotien starb. Er stammte aus einer wohlhabenden thebanischen Familie<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,85; 6,87.</ref> und soll bucklig gewesen sein.<ref>Julian, 6. Rede 201b; Apuleius, Florida 14; Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,92.</ref><ref name="GGPh297" />
Angeblich habe das bei einer Tragödienaufführung gezeigte Schicksal des verarmt herumziehenden Königs Telephos einen solchen Eindruck auf Krates gemacht, dass er daraufhin sein geerbtes Vermögen (200 Talente) an seine Mitbürger verschenkte und ebenfalls begann, ein anspruchsloses Leben zu führen.<ref name="DL87" /> Nach einem anderen Bericht habe er sein Vermögen nicht verschenkt, sondern bei einem Bankier deponiert, der es seinen Kindern geben sollte, falls diese normale Bürger werden wollten. In dem Fall aber, dass sie sich ebenfalls entschließen, Philosophen zu werden, sollte alles ans Volk verteilt werden.<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,88.</ref> Möglicherweise war Krates zum Zeitpunkt, an dem diese Anekdoten spielen, bereits mit der Lehre und Lebensweise des Diogenes von Sinope bekannt, der für Bedürfnislosigkeit und Unabhängigkeit von äußeren Zwängen eintrat. Jedenfalls ist Krates später nach Athen gezogen und einer der Schüler des Kynikers geworden. Ob er auch, wie berichtet wird, Schüler Stilpons und eines gewissen Bryson von Achaia gewesen ist, ist allerdings fraglich.<ref>Klaus Döring: Krates und Hipparchia. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 297–302, hier S. 298.</ref>
Vermutlich erfunden ist eine bei verschiedenen Autoren überlieferte Geschichte, nach der Krates auf die Frage Alexanders des Großen, ob dieser die von ihm zerstörte Heimatstadt Krates’ wieder aufbauen solle, geantwortet haben soll: „Was soll’s? Vielleicht wird sie ein anderer Alexander erneut zerstören.“<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,93.</ref>
Krates war mit der Philosophin Hipparchia verheiratet. Diese soll in ihrer Heimatstadt Maroneia von Krates’ Lehren und Lebensweise (vermutlich durch ihren Bruder Metrokles) gehört und sich aus der Ferne in ihn verliebt haben. Sie beschloss daraufhin, ihr komfortables Leben aufzugeben und Krates zu heiraten. Die Eltern Hipparchias verweigerten dies und da sie mit Selbstmord drohte, ließen sie Krates nach Maroneia kommen, der sich tatsächlich bemüht haben soll, Hipparchia von ihrem Vorhaben abzubringen. Da es ihm aber nicht gelang, soll er sich nackt ausgezogen haben und Hipparchia die Bedingung gestellt haben, seine kynische Lebensweise anzunehmen. Hipparchia stimmte zu und so kam es zur sprichwörtlichen „Hundeehe“ (kynogamía). Von da an sollen Krates und Hipparchia in der typisch einfachen Kynikertracht herumgezogen, in der Öffentlichkeit gegessen (was damals unüblich war) und sogar in der Öffentlichkeit Geschlechtsverkehr gehabt haben.<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,96-97; Sextus Empiricus, Pyrrhoneiai hypotyposeis 1,153; Clemens von Alexandria, Stromata 4,19,121,6.</ref> Sie hatten mindestens einen Sohn namens Pasikles, den Krates, als er ins Mannesalter kam, in ein Bordell gebracht haben soll, um ihm zu zeigen, welche Art der Ehe sein Vater führe.<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,88.</ref>
Der bekannteste Schüler Krates’ war der Stoiker Zenon von Kition,<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,105.</ref> weitere Schüler waren (teils nicht ganz sicher) Kleanthes, Monimos, Metrokles und Bion von Borysthenes.<ref>Klaus Döring: Krates und Hipparchia. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 297–302, hier S. 299.</ref>
Vom Charakter her soll Krates milder und liebenswürdiger als sein Lehrer Diogenes von Sinope gewesen sein.<ref>Julian, 6. Rede 201b.</ref> So soll er als gern gesehener Gast den Beinamen „Türöffner“ (Thyrepanoíktēs) erhalten haben.<ref>Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,86.</ref> Seine Lebensweise war die einfache, unabhängige, auf überflüssige Bedürfnisse verzichtende des typischen Kynikers. Da ihn mehrere zeitgenössische Komödiendichter als Figur auftreten ließen, ist anzunehmen, dass er damals eine bekannte Persönlichkeit gewesen sein dürfte.<ref name="Döring300">Klaus Döring: Krates und Hipparchia. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 297–302, hier S. 300.</ref>
Lehre
Krates vertrat ähnliche Ansichten wie sein Lehrer Diogenes von Sinope. Um glücklich zu werden, sei es notwendig sich von allen überflüssigen Bedürfnissen und äußeren Zwängen frei zu machen.<ref>Klaus Döring: Krates und Hipparchia. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 297–302, hier S. 302.</ref>
Den antiken Berichten zufolge bestand Krates’ Werk hauptsächlich aus Gedichten, aber auch aus Tragödien<ref>Diogenes Laertios, Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,98.</ref> (wahrscheinlich parodistischen) und einer Schrift namens Haushaltsbuch (Hephēmerís). Die Gedichte werden von zwei Autoren<ref>Diogenes Laertios, Leben und Lehren berühmter Philosophen 6,85; Julian, Reden 6,199a.</ref> unter dem Sammeltitel Spielereien (Paígnia) und einmal unter dem Titel Satiren (satirae) genannt.<ref>Apuleius, Florida 20.</ref> Ein weiterer überlieferter Titel ist der eines Hymnus auf die Einfachheit (Hymnos eis tḕn Eutéleian).<ref>Julian, Reden 6,199a.</ref> Die Briefe, die unter seinem Namen überliefert sind, wurden mit Sicherheit erst später von anderen Autoren verfasst.<ref name="Döring300" />
Erhalten sind Gedichtfragmente in den Versformen Hexameter, elegischer Distichen und jambischer Trimeter. In diesen Fragmenten benutzt Krates oft Textstellen damals bekannter Autoren (wie etwa Homers), die er parodistisch so umformuliert, dass damit dem Leser kynische Lehren näher gebracht werden. Ein Beispiel ihres Inhalts ist etwa die Gegenüberstellung sinnlosen Philosophierens mit dem achtbaren einfachen Leben, beispielsweise eines Schusters. Ein anderes der ideale kynische Staat namens Pere (Ranzen). In diesem herrsche Anspruchslosigkeit, Friedfertigkeit und Zufriedenheit; im Gegensatz zu Platons und Euhemeros’ utopisch-jenseitigen Staatsgebilden könne Krates’ Staat von jedem einzelnen für sich realisiert werden. In einem weiteren Fragment werden Worte des Gesetzgebers Solon parodiert, der einst die Musen um Wohlstand und Reichtum bat. Krates bittet in seiner Parodie hingegen um Futter für seinen Bauch, lehnt Reichtum ab und will stattdessen an der Gerechtigkeit teilhaben.<ref>Der Absatz folgt Klaus Döring: Krates und Hipparchia. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 297–302, hier S. 300–301.</ref>
In einem weiteren Gedichtfragment wird scherzhaft dazu aufgefordert mehr Geld für Köche, Schmeichler und Prostituierte auszugeben als für Ärzte, Ratgeber und Philosophen. Auch gilt Krates als früher Vertreter eines Kosmopolitismus und soll gesagt haben: „Nicht eine Festung ist mein Vaterland, nicht ein Dach, sondern auf der ganzen Erde steht jede Stadt und jedes Haus mir zum Wohnen zur Verfügung.“ Wie zuvor Antisthenes und Diogenes von Sinope soll auch Krates Herakles zu seiner mythischen Leitfigur gemacht haben.<ref>Der Absatz folgt Klaus Döring: Krates und Hipparchia. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 297–302, hier S. 301–302.</ref>
Bildnisse
Eine Darstellung eines Kynikers (mit den typischen Attributen Stock und Tasche) und einer Frau mit einer Truhe auf dem Kopf wurde von Heinrich Fuhrmann<ref>Heinrich Fuhrmann: Gespräche über Liebe und Ehe auf Bildern des Altertums. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Römische Abteilung. Band 55, 1940, S. 78–91, hier S. 86–91.</ref>, dem andere Forscher in dieser Annahme folgten, als Darstellung des Krates und seiner Frau Hipparchia gedeutet. Das Wandgemälde aus dem 1. Jahrhundert wurde auf dem Gelände einer römischen Villa bei der Villa Farnesina in Rom gefunden und befindet sich heute im Museo Nazionale Romano in Rom.<ref>Inv. 1209. Dazu siehe Irene Bragantini, Mariett de Vos: Le decorazione della villa romana della Farnesina (= Museo Nazionale Romano. II: Le pitture. Band 1) Rom 1982, S. 93–94 Taf. 29.</ref> Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu der römischen Wandmalerei hat Fuhrmann auch eine Herme als Porträt des Krates gedeutet. Dieses im Archäologischen Nationalmuseum Neapel aufbewahrte Bildnis (Inventarnummer 6162) ist eine von vier gefundenen Repliken eines verlorenen griechischen Originals.<ref name="GGPh297" />
In der Neuzeit entstandene Porträts, wie das des spanischen Malers Jusepe de Ribera aus dem Jahre 1636, haben mit der antiken Bildnisüberlieferung nichts zu tun.
Überlieferung
Die beiden wichtigsten Quellen zu Krates sind die zahlreichen Informationen in einer Schrift des im 3. Jahrhundert tätigen Philosophiehistorikers Diogenes Laertios und im byzantinischen Lexikon Suda aus dem 9. Jahrhundert. Auch sonst sind die antiken Berichte zu Krates vergleichsweise zahlreich. Da einige antike Autoren sie zitiert haben, sind Fragmente von Gedichten des Krates überliefert. In der jeweiligen Originalsprache gesammelt, liegt eine Ausgabe von Gabriele Giannantoni vor, die Fragmente der Gedichte hat als erster Hermann Diels gesammelt.<ref name="GGPh297">Klaus Döring: Krates und Hipparchia. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, S. 297–302, hier S. 297.</ref> Eine ins Deutsche übersetzte Auswahl von Textstellen der Kyniker gab Georg Luck heraus.
Quellensammlungen und Textausgaben
Ausgaben
- Hermann Diels (Hrsg.): Poetarum philosophorum fragmenta, Berlin 1909, S. 207–223 (Fragmente der Gedichte).
- Gabriele Giannantoni (Hrsg.): Socratis et Socraticorum Reliquiae, Band 2, Bibliopolis, Neapel 1990, ISBN 88-7088-215-2, S. 523–575 (online).
Übersetzungen
- Georg Luck (Hrsg.): Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker in deutscher Übersetzung mit Erläuterungen (= Kröners Taschenausgabe. Band 484). Kröner, Stuttgart 1997, ISBN 3-520-48401-3, S. 194–216.
Literatur
- Klaus Döring: Krates und Hipparchia. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 2/1, Schwabe, Basel 1998, ISBN 3-7965-1036-1, S. 297–302.
- Michael Erler: Die Kyniker. In: Bernhard Zimmermann, Antonios Rengakos (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 2: Die Literatur der klassischen und hellenistischen Zeit. C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-61818-5, S. 302–311, hier S. 305 f.
- Marie-Odile Goulet-Cazé, François Queyrel: Cratès de Thèbes. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 2, CNRS Éditions, Paris 1994, ISBN 2-271-05195-9, S. 496–500.
Weblinks
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Fußnoten
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