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Karl Fischer (Widerstandskämpfer)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Datei:Karl Fischer im Jahr 1962.jpg
Karl Fischer, 1962

Karl Fischer (* 23. September 1918 in Wien; † 17. März 1963 ebenda<ref name="taufbuch">Taufbuch Wien–Alservorstadtkrankenhaus, Bd. 245, S. 183, RZl. 39 (online auf matricula-online.eu)</ref>) war ein österreichischer trotzkistischer Politiker und Widerstandskämpfer gegen den Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus, der fast 13 Jahre in der Haft dieser drei diktatorischen bzw. totalitaristischen Systeme verbrachte.

Leben

Jugend und Herkunft

Datei:Karl Fischer, 16. November 1934.jpg
Karl Fischer im Jahr 1934

Karl Fischer war der Sohn der Seidenwinderin, Textilarbeiterin und Widerstandskämpferin Maria Fischer (1897–1962).<ref>Ilse Korotin: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Frauen sichtbar machen. Das Projekt „biografiA. datenbank und lexikon österreichischer frauen“. (PDF) (Memento vom 18. Oktober 2017 im Internet Archive). S. 8f.</ref> Sie nannte ihren Sohn „Kegel“, eine mittelalterliche Bezeichnung für ein uneheliches Kind, ein Name, den Fischer später als Decknamen im Untergrund verwendete.<ref name="univie">Christine Kanzler: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Fischer, Maria (Marie). Deckname: Netz. Seidenwinderin und Widerstandskämpferin. (Memento vom 25. August 2021 im Internet Archive),
<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />biografiA-Modul-Projekt „Österreichische Frauen im Widerstand“. (Memento vom 14. November 2021 im Internet Archive) am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien.</ref><ref>In Gefangenschaft: Der Spiel-„Kegel“, Informationstext zu: Stefan Karner: Verhaftet und verschleppt. Kleine Zeitung vom 17. Mai 2015, Spezial-Sonntagsbeilage, S. 18f.</ref> Er wohnte bei seiner Mutter in einer Wohnung in Wien-Penzing (damals zu Hietzing gehörig), Gusenleithnergasse 11.<ref>Gemäß entsprechender Angabe in einem Brief von Maria Fischer an ihre Nichte Maria Johanna Fischer, verfasst am 28. Jänner 1944 in der Untersuchungshaftanstalt Wien II, Wien VIII, Hernalsergürtel 6–12; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.</ref>

Fischer absolvierte vom 2. Jänner 1933 bis zum 2. Jänner 1936 eine kaufmännische Lehre in der Eisenhandlung „Eltschka und Radl“ in Wien-Landstraße, Esteplatz 3.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 11.</ref><ref> Zeugnis der Firma Eltschka & Radl für Karl Fischer vom 15. Oktober 1936; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.</ref> 1934 schloss er sich dem Kommunistischen Jugendverband (KJV) in Wien an. Mitte 1935 spaltete er sich mit Georg Scheuer, Josef Hindels, Ernst Federn, Melanie Berger und anderen Gesinnungsgenossen mit einer trotzkistischen Jugendorganisation, den Revolutionären Kommunisten Österreichs (RKÖ), ab, die mit stalinistischen Gruppen konkurrierte und den Grundsätzen der permanenten Revolution folgte. Diese von Leo Trotzki entwickelte Theorie ging davon aus, dass im Zeitalter des Imperialismus selbst der Kampf um demokratische Errungenschaften nur durch den revolutionären Sturz erfolgreich sein könne.<ref name="Cécile Denis">Cécile Denis: Continuités et divergences dans la presse clandestine de résistants allemands et autrichiens en France pendant la Seconde Guerre mondiale: KPD, KPÖ, Revolutionäre Kommunisten et trotskystes, These der Dissertation an der Universität Bordeaux Montaigne, Bordeaux 2018, abgerufen am 20. Juni 2020. (französisch)</ref><ref name="arbeiterinnenstandpunkt"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Red Newsletter 68: Zum 40. Todestag von Karl Fischer (1918–1963). (Memento vom 23. September 2007 im Internet Archive)</ref> Fischer opponierte nicht nur gegen den Austrofaschismus und den Nationalsozialismus, sondern auch gegen den stalinistischen Terror in der Sowjetunion.<ref name="Cécile Denis" /><ref>Profil 27 (1996), S. 27.</ref>

Gemeinsam mit Josef Hindels, Georg Scheuer, Josef Reinwein, Franz Lederer u. a. bildete er die Redaktion der illegalen Zeitung Bolschewik.<ref name="Cécile Denis" /><ref>Georg Scheuer: Sind wir Trotzkisten?, Seite auf doew.at.</ref><ref name="Trotskyism-in-Austria">Fritz Keller: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Trotskyism in Austria (Memento vom 16. August 2017 im Internet Archive) (englisch).</ref>

Widerstand, Verfolgung und Haft

Im Austrofaschismus

Datei:Karl Fischer, Staatspolizeifoto, 6.11.1936.jpg
Karl Fischer, Foto der österreichischen Staatspolizei, 6. November 1936

Anfang November 1936 von der österreichischen Staatspolizei in Wien verhaftet, wurde Fischer am 13. August 1937 vom Landesgericht für Strafsachen Wien und am 23. September 1937 vom Obersten Gerichtshof gemeinsam mit Georg Scheuer und weiteren Gesinnungsgenossen im Wiener Trotzkistenprozess aufgrund seiner Mitwirkung an der Herstellung und Verbreitung illegaler politischer Druckschriften wegen Hochverrates zur Strafe des schweren Kerkers in der Dauer von fünf Jahren, verschärft durch einen Fasttag vierteljährlich, verurteilt,<ref name="Trotskyism-in-Austria"/><ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 27.</ref> mit der Februaramnestie 1938 aber vorzeitig aus der Haft in Krems-Stein freigelassen.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 31.
Ilse Reiter-Zatloukal: Die Begnadigungspolitik der Regierung Schuschnigg. Von der Weihnachtsamnestie 1934 bis zur Februaramnestie 1938. In: austriaca.at, Thomas Olechowski (Hrsg.): Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs (BRGÖ) 2/2012, 2. Jahrgang, S. 360, 12. Februar 2013, online veröffentlicht am 20. Dezember 2012, abgerufen am 10. Oktober 2019. (pdf)</ref> Bei der von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg für März 1938 angekündigten Volksabstimmung empfahlen die Revolutionären Kommunisten um Karl Fischer ein Nein gegen einen „Anschluss“ an NS-Deutschland und riefen zum Generalstreik auf.<ref name="Cécile Denis" /><ref name="arbeiterinnenstandpunkt" />

Im Nationalsozialismus

Datei:Entlehnkarte Häftlingsbücherei KZ Buchenwald, Karl Fischer, Häftlings-Nr. 76999, Block 42D (farbig).jpg
Entlehnkarte „Häftlingsbücherei K.L. Buchenwald“, Karl Fischer, Häftlingsnummer 76999, Block 42D

Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das nationalsozialistische Deutsche Reich emigrierte er im Mai 1938 über die Schweiz nach Frankreich,<ref name="Trotskyism-in-Austria"/> später nach Belgien, wo er im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv war.<ref name="univie"/>

In Paris nahm er gemeinsam mit dem ebenfalls emigrierten Georg Scheuer am 3. September 1938 an der Gründung der trotzkistischen Vierten Internationale teil,<ref name="Trotskyism-in-Austria"/><ref>Ernst Schwager: Die österreichische Emigration in Frankreich 1938–1945. Böhlau, Wien/Köln/Graz 1984, ISBN 3-205-08747-X, S. 51f.</ref> die beiden österreichischen Delegierten stimmten allerdings wegen grundlegend anderer Einschätzungen der Weltlage gegen die Proklamation der Internationale. Karl Fischer formulierte dies in seiner Rede an die Delegierten der Gründungskonferenz mit folgenden Worten: „Trotz eurer optimistischen Resolution, an die ihr wahrscheinlich selbst nicht glaubt, sind wir der Meinung, dass die zweite imperialistische Neuaufteilung der Welt mit dem österreichischen Anschluss schon begonnen hat und weitergeht. Der Spanische Bürgerkrieg selbst ist in diesen neuen Weltkrieg bereits eingeschaltet und für die Arbeiter verloren. Man muss es sagen. Unsere Pflicht ist es, die Wahrheit zu sagen. Ihr wollt die Tatsachen nicht sehen, oder ihr seht sie und wollt sie nicht beim Namen nennen ...“.<ref>Georg Scheuer: Die Gründung der IV. Internationale. In: die linke, Magazin der Sozialistischen Alternative (SOAL), 173. Ausgabe, Nr. 19, 9. Jahrgang, 16. Dezember 1988, S. 21–25.</ref> In Folge trennten sich die Revolutionären Kommunisten Österreichs (RKÖ) auch organisatorisch von der Vierten Internationale und begannen, die Einschätzungen der Internationale und Trotzkis zu kritisieren.<ref name="Cécile Denis" /><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Serie: Köpfe der ArbeiterInnenbewegung - Georg Scheuer (Memento vom 23. April 2016 im Internet Archive)</ref><ref name=marxists.org>Obituary Georg Scheuer, Encyclopedia of Trotskyism On-Line, Seite auf marxists.org (englisch).</ref>

In Antwerpen wurde Fischer im Mai 1940 unter dem falschen Vorwurf, „deutscher Spion“ zu sein, verhaftet und in einem zweiwöchigen Bahntransport in Viehwaggons („Le Train phantome“) in das französische Lager Saint-Cyprien (Pyrénées-Orientales) deportiert,<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 49f.</ref> aus dem er aber fliehen konnte (sein zweiter Fluchtversuch war erfolgreich).<ref>Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 153.</ref> Er hielt sich anschließend in Montauban, Grenoble, Marseille, Paris und vor allem in Lyon auf oder unternahm  – weiterhin im Widerstand gegen den Nationalsozialismus – geheime Kurierfahrten für die Résistance.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 57ff.</ref> Dabei arbeitete er wiederum eng u. a. mit dem ebenfalls im französischen Widerstand tätigen Georg Scheuer und anderen Gesinnungsgenossen zusammen.<ref name="Cécile Denis" /><ref name="Trotskyism-in-Austria"/><ref>Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 157ff.</ref> Ein Beispiel ihrer illegalen Tätigkeit war, als Mitglieder der Revolutionären Kommunisten (RK), ausgestattet mit selbst hergestellten, gefälschten Gestapo-Papieren, in einer spektakulären Aktion ihre inhaftierte Genossin Melanie Berger<ref>Karin Nusko: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />BERGER, Melanie, (verh. Volle). Schneiderin, im Widerstand der Arbeiterbewegung (KPÖ) / Widerstand im Exil. (Memento vom 27. März 2019 im Internet Archive), <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />biografiA-Modul-Projekt „Österreichische Frauen im Widerstand“. (Memento vom 14. November 2021 im Internet Archive) am Institut für Wissenschaft und Kunst, Wien.</ref> aus dem Krankenhaus des Gefängnisses Les Baumettes in Marseille befreiten,<ref name="Trotskyism-in-Austria"/><ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70f.</ref><ref>Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X, S. 172ff.</ref> wobei sie das Gefängnis betraten und verließen, ohne dabei erkannt zu werden.<ref name=marxists.org/><ref>Wolfgang Neugebauer: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär: Ein Überblick. In: Christine Schindler (Red.): Schwerpunkt: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär. Jahrbuch des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes 2009, Hrsg. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, LIT, Wien Berlin Münster 2009, ISBN 978-3-643-50010-6, S. 21.</ref> Mithilfe von Geheimtinte und Geheimcodes hielten sie brieflichen Kontakt zu Genossen in sieben Ländern: Frankreich, Belgien, Schweiz, Österreich, USA, Norwegen und England.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 46.</ref>

Fischer, der als Widerstandskämpfer in Frankreich unter dem Decknamen „Emil(e) Berger“ lebte und sich selbst als zweisprachiger Elsässer ausgab, befasste sich u. a. mit der Herstellung von Flugschriften in deutscher Sprache, die er selbst unter deutschen Soldaten in Frankreich verbreitete.<ref name="Scheuer-Nachruf">Georg Scheuer: Nachruf auf Karl Fischer - Schicksal einer Generation. Zum Tod Karl Fischers. In: Arbeit und Wirtschaft, Gewerkschaftliche Rundschau, 17. Jahrgang, Mai 1963, S. 26.</ref>

Er wurde im September 1943 von der französischen Polizei inhaftiert<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70.</ref> und befand sich seit 15. September 1943 in einem Pariser (Polizei-)Gefängnis, wie er in einem späteren Brief an seine Mutter berichtete.<ref>Brief Karl Fischers an seine Mutter Maria Fischer aus dem Konzentrationslager Buchenwald vom 10. September 1944; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.</ref> Im Frühjahr 1944 wurde er aufgrund einer Denunziation durch einen Mithäftling an die Gestapo ausgeliefert und war ab 16. Juni 1944 im Gefängnis Fresnes (Maison d'arrêt de Fresnes) bei Paris interniert.<ref>Karl Fischer, Autobiographie. In: Österreichische Stalin-Opfer. Memorial. Junius-Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Wien 1990, ISBN 3-900370-81-8, S. 97.</ref><ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 70ff.</ref> Von dort wurde er im August 1944 ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, in dem er am 20. August 1944 als Häftling registriert wurde. Seine Häftlings-Nummer war 76999.<ref name="Trotskyism-in-Austria"/><ref>Siehe Bild der Häftlings-Personal-Karte von Karl Fischer (Häftlingsnummer 76999), Konzentrationslager Buchenwald, in der Dokumenten-Galerie.</ref><ref name="Standard">Maria Sterkl: „Eine winzige Wiedergutmachung“, 49 Jahre nach dem Tod. Der Standard vom 3. Jänner 2012.</ref><ref>Bernhard Kuschey: Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstrukturen des Konzentrationslagers. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003, ISBN 3-89806-173-6, S. 1034.
Military Government of Germany: Fragebogen für Insassen der Konzentrationslager - Karl Fischer. Buchenwald, 9. Mai 1945, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Nr. 12815.
Internationales Komitee vom Roten Kreuz, Internationaler Suchdienst: Inhaftierungsbescheinigung Karl Fischer, Arolsen (Waldeck), Deutschland, 30. September 1955. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Nr. 12815.</ref>

Im KZ Buchenwald rettete er Anfang April 1945 knapp vor der Befreiung als Mitglied des Lagerschutzes<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 85.</ref> seinem Freund und Mithäftling, dem Psychoanalytiker Ernst Federn, der ebenfalls Mitglied der Revolutionären Kommunisten Österreichs (RKÖ) gewesen war, nach dessen eigenen Angaben das Leben (siehe Bilder des Briefes Ernst Federns vom 30. März 1963 an Maria Johanna Fischer zum Tod Karl Fischers in der Dokumente-Galerie),<ref>Brief Ernst Federns an Maria Johanna Fischer, die Gattin Karl Fischers, Cleveland, Ohio, 30. März 1963; in Privatbesitz, siehe Fotos in der Dokumente-Galerie.</ref> indem er ihn vor einem Todesmarsch durch Übergabe seiner eigenen weißen Lagerschutzbinde bewahrte.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 85f.</ref><ref>Bernhard Kuschey: Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstrukturen des Konzentrationslagers. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003, ISBN 3-89806-173-6, S. 754, 833 und 841f.
Brigitte Bailer-Galanda, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Jüdische Schicksale. (=Erzählte Geschichte. Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten. Band 3) ÖBV, Wien 1992, ISBN 3-216-06377-1, S. 591.</ref> Dadurch begab er nicht nur sich selbst in große Gefahr, dies dürfte auch ein Grund für seine spätere Verschleppung in die UdSSR gewesen sein. Laut Ernst Federn könnten nämlich österreichische stalinistische KZ-Häftlinge Karl Fischer beim NKWD denunziert haben, weil er ihm die weiße Binde verschafft hatte.<ref>Brief Ernst Federns an den Sohn Karl Fischers, vom 27. März 1992; in Privatbesitz.</ref>

Nach der Befreiung des KZs durch die United States Army am 11. April 1945<ref>Chronologie der Befreiung: 11. April 1945. In: buchenwald.de, abgerufen am 10. Oktober 2019.</ref> verabschiedete ein Redaktionskomitee ehemaliger Häftlinge, bestehend aus Karl Fischer, Marcel Beaufrère, Florent Galloy und Ernst Federn am 20. April 1945<ref name="Trotskyism-in-Austria"/> die „Erklärung der internationalistischen Kommunisten Buchenwalds“.<ref name="Cécile Denis" /><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Erklärung der internationalistischen Kommunisten Buchenwalds (Memento vom 7. August 2011 im Internet Archive).
Die Trotzkisten in Buchenwald. inprekorr.de, abgerufen am 12. Juni 2016.
Fritz Keller: Gegen den Strom. Fraktionskämpfe in der KPÖ. Trotzkisten und andere Gruppen 1919–1945. (=Materialien zur Arbeiterbewegung Band 10) Europaverlag, Wien 1978, ISBN 3-203-50688-2, S. 305f.
Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 149ff.</ref>

Im Stalinismus

1945 traf er in Linz seine Mutter zufällig wieder. Diese war am 14. April 1943 als Mitglied der trotzkistischen Widerstandsgruppe „Gegen den Strom“ von der Gestapo wegen „hochverräterischer Betätigung“ in Schutzhaft genommen und am 10. Dezember 1943 wegen Vorbereitung zum Hochverrat vom 5. Senat des Volksgerichtshofs in Wien zu fünf Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt worden. Sie war zunächst in verschiedenen Wiener Gefängnissen, nach ihrer Verurteilung im Frauenzuchthaus Jauer in der heute polnischen Stadt Jawor inhaftiert gewesen, anschließend bis zur Befreiung durch die United States Army am 20. April 1945 im Frauenstrafgefängnis in Leipzig-Kleinmeusdorf.<ref name="univie" /><ref name="Trotskyism-in-Austria"/>

Auf Grund seiner Französischkenntnisse war Karl Fischer in Linz zunächst als Dolmetscher für das French Liaison Office tätig. Anschließend arbeitete er in der Abteilung Wirtschaft und Statistik der Linzer Arbeiterkammer als Mitarbeiter von Emily Rosdolsky.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 93 und 98.</ref>

Datei:Karl Fischer 1-375.jpg
Karl Fischer als sowjetischer Gulag-Häftling. Foto aus der Akte über Karl Fischer (F. 461/p, Nr. 190278) in der Bestandsgruppe zu Kriegsgefangenen und Internierten des Sonderarchivs Moskau
Datei:Kurt Seipel, Widmung Mai 1997.jpg
Kurt Seipel, Widmung des Buches Meine Jugend blieb im Eis Sibiriens an den Sohn Karl Fischers, Mai 1997

Am 22. Jänner 1947 wurde Fischer auf der Linzer Nibelungenbrücke an der sowjetisch-amerikanischen Demarkationslinie vom sowjetischen Geheimdienst des NKWD entführt<ref>Karl Fischer: Autobiographie. In: Österreichische Stalin-Opfer. Memorial. Junius-Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Wien 1990, ISBN 3-900370-81-8, S. 96–105.</ref><ref>Hugo Dewar: Assassins at Large. Being a fully documented and hithero unpublished account of the executions outside Russia ordered by the GPU. Wingate-Verlag, London & New York 1951, S. 169ff. (englisch)
John Barron: KGB. Arbeit und Organisation des sowjetischen Geheimdienstes in Ost und West. Knaur-Verlag, München 1974, ISBN 3-426-03577-4, S. 391.</ref><ref name="Keller1983">Interview von Fritz Keller mit Emily Rosdolsky am 7. Juni 1983.</ref> und am 28. Juni 1947 ohne Prozess durch einen Beschluss der Sonderkommission beim Minister für Staatssicherheit der UdSSR nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR wegen angeblicher Spionage, Hochverrates, Trotzkismus und Menschewismus zu fünfzehn Jahren „Besserungsarbeitslager“ verurteilt.<ref>Akt über Karl Fischer im Sonderarchiv Moskau: Auszug aus dem Protokoll Nr. 26 der Sonderkommission beim Minister für Staatssicherheit der UdSSR, Beschluss der Verurteilung, 28. Juni 1947; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.
Straftatbestände nach Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR
Auszug aus dem Strafgesetzbuch der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik von 1927</ref> Unter den österreichischen Kommunisten regte sich wegen der Entführung keinerlei Protest.<ref>Thomas Kroll: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, Österreich, Italien und Grossbritannien im Vergleich (1945-1956). Böhlau, Wien 2007, ISBN 3-412-10806-5, S. 339f.</ref> Fischer war zunächst in Amstetten, dann in Baden bei Wien und in einem Gefängnis in Ödenburg<ref>Kurt Seipel: Meine Jugend blieb im Eis Sibiriens. Mit 19 in den GULAG verschleppt, Vorwort: Gerhard Botz, Hrsg.: Österreichisches Literaturforum, Krems an der Donau 1997, S. 65ff, ISBN 3-900959-79-X.</ref> inhaftiert. Anschließend wurde er in die Sowjetunion deportiert,<ref name=marxists.org/> wobei er zwischen 26. August und 8. Oktober 1947 in einem vierundvierzigtägigen Bahntransport in Güterwaggons nach Lemberg, Wanino (Region Chabarowsk) und weiter nach Magadan, Verwaltungszentrum des Gulag-Lagerkomplexes der Bauhauptverwaltung des Fernen Nordens und der Hauptsitz von Dalstroi in der Oblast Magadan, gebracht wurde.<ref>Kurt Seipel: Meine Jugend blieb im Eis Sibiriens. Mit 19 in den GULAG verschleppt, Vorwort: Gerhard Botz, Hrsg.: Österreichisches Literaturforum, Krems an der Donau 1997, S. 72–83, ISBN 3-900959-79-X.</ref> Er war laut seinen eigenen Aufzeichnungen seit 1947 in verschiedenen Gulag-Lagern in Nordost-Sibirien an der Kolyma, nämlich in der Zeit von Dezember 1947 bis Juli 1950 im Lagerkomplex Maxim Gorki (Goldbergbaugebiet ca. 800 km nördlich von Magadan), von August 1950 bis April 1951 im Lager Dnjeprowsk (Kassiterit-Bergwerke ca. 200 km südwestlich von Maxim Gorki) und von Mai 1951 bis April 1952 in Laso, einem Lager in der Nähe eines Bergwerks in der Nähe von Seimtschan, inhaftiert.<ref>Karl Fischer: Beobachtungen und Eindrücke aus den russischen Zwangsarbeitslagern 1947–1955. Maschingeschriebenes Dokument Karl Fischer, Ort und Zeit der Abfassung unbekannt. In Privatbesitz.</ref> Im Lagerkomplex Maxim Gorki verübte Karl Fischer einen Selbstmordversuch, den er aber überlebte.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 123f.</ref>

Der von 1947 bis 1953 ebenfalls in das Gebiet der Kolyma deportiert gewesene Österreicher Herbert Killian beschreibt, „dass höchstens 20 Österreicher, d. h. ein Prozent der von den Sowjets verschleppten Österreicher, in den Lagern von Kolyma inhaftiert waren“, wie ihm bei einem Besuch in Magadan im Jahr 2002 von einem Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften berichtet worden war. 13 davon habe er selbst persönlich gekannt. Die Aufenthaltsdauer in Kolyma war bei den einzelnen Personen verschieden lang und reichte von einigen Monaten bis zu vielen Jahren.<ref>Herbert Killian: Geraubte Jahre. Ein Österreicher verschleppt in den GULAG. Amalthea Signum Verlag, 2. Auflage, Wien 2005, ISBN 3-85002-920-4, S. 310f.</ref>

Durch einen Beschluss der Sonderkommission beim Minister für Staatssicherheit der UdSSR vom 5. April 1952 wurde Fischers Haftstrafe in Besserungsarbeitslagern für die noch nicht verbüßte Zeit in Gefängnishaft umgewandelt,<ref>Akt über Karl Fischer im Sonderarchiv Moskau: Auszug aus dem Protokoll Nr. 25a der Sonderkommission beim Minister für Staatssicherheit der UdSSR, Beschluss der Umwandlung der Haftstrafe, 5. April 1952; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.</ref> er wurde verlegt und war seit 18. Juli 1952 im Politisolator Alexandrovsky Central im Rajon Bochan der Oblast Irkutsk inhaftiert.<ref name="univie"/><ref name="arbeiterinnenstandpunkt"/><ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 103ff, bes. S. 135ff.</ref><ref>Bernhard Kuschey: Die Ausnahme des Überlebens. Ernst und Hilde Federn. Eine biographische Studie und eine Analyse der Binnenstrukturen des Konzentrationslagers. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003, ISBN 3-89806-173-6, S. 844.</ref> Seinem ehemaligen Leidensgefährten Kurt Seipel, mit dem er gemeinsam sowohl den vierundvierzigtägigen Bahntransport in Güterwaggons über Ödenburg nach Lemberg, Wanino und Magadan, diverse Straflager, den Politisolator Alexandrovsky Central bei Irkutsk als auch den Rücktransport nach Österreich erlebte, rettete er während dieser Zeit nach dessen eigenen Angaben mehrfach das Leben (siehe Bild der Widmung des Buches Meine Jugend blieb im Eis Sibiriens).<ref>Kurt Seipel, Meine Jugend blieb im Eis Sibiriens. Mit 19 in den GULAG verschleppt. Vorwort: Gerhard Botz, Hrsg.: Österreichisches Literaturforum, Krems an der Donau 1997, S. 91 und 377.</ref>

Der insgesamt ca. 190 Seiten umfassende Akt über die Inhaftierung Karl Fischers befindet sich im Sonderarchiv Moskau des Russischen Staatlichen Militärarchives (RGWA).<ref>Kopie des vollständigen Aktes über Karl Fischer aus dem Sonderarchiv Moskau; aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.</ref> Fischer durfte als Gulag- und Politisolator-Häftling trotz vielfacher Ansuchen bei den sowjetischen Behörden bis April 1955 absolut keinen Briefwechsel, auch nicht mit seiner Mutter, führen. Das erste angekommene Schreiben an seine Mutter ist datiert vom 12. April 1955 (siehe Bilder in der Dokumenten-Galerie).

Am 26. März 1992 wurde im ORF-Inlandsreport eine 14-minütige Reportage von Peter Matha<ref>Porträt Peter Matha, In: ORF Landesstudio Kärnten, abgerufen am 9. März 2019.</ref> mit dem Titel Archiv der Tränen über das Moskauer Sonderarchiv und den Fund des Aktes über Karl Fischer, der davor als einer der ersten Akte zeitgleich mit dem Akt der österreichischen Beamtin und Managerin Margarethe Ottillinger in Kopie durch den Historiker Stefan Karner nach Österreich gebracht werden konnte, gesendet.<ref>Peter Matha: Archiv der Tränen, In: ORF-Inlandsreport vom 26. März 1992, Video-Aufnahme der Originalsendung, in Privatbesitz.</ref>

Seit 1955

Datei:Karl und Maria Fischer 1955 crop.jpg
Karl Fischer mit seiner Mutter Maria im Juni 1955
Datei:Karl Fischer im Juni 1955 vor dem Wiener Parlament.jpg
Karl Fischer im Juni 1955 vor dem Österreichischen Parlament
Datei:Karl Fischer mit seinem Sohn, 1959.jpg
Karl Fischer mit seinem Sohn, 1959
Datei:Grab Familie Fischer, Ilz (Steiermark), 19. Mai 2019.jpg
Grabstätte Karl Fischer, Ilz, Steiermark, 2019

Am 20. Juni 1955 wurde Fischer vor dem Hintergrund des Abschlusses des Österreichischen Staatsvertrages vorzeitig aus der sowjetischen Haft entlassen und nach Österreich repatriiert.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 138f.</ref>

Zurück in Wien, legte er bereits am 30. Juni 1955 an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien die Prüfung in der Sprache Russisch mit gutem Erfolg ab.<ref>Zeugnis siehe:

Commons: Karl Fischer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

.</ref> Fischer wurde am 27. Oktober 1955 durch die Republik Österreich gemäß §4 des Opferfürsorgegesetzes (OFG) vom 4. Juli 1947 als Opfer des Kampfes um ein freies, demokratisches Österreich anerkannt (siehe Bilder in der Dokumenten-Galerie).<ref> Amtsbescheinigung W-Nr.10.239 nach §4 des Opferfürsorgegesetzes vom 4. Juli 1947, BGBl. Nr. 183, Magistratsabteilung 12, Wien, 27. Oktober 1955; Originaldokument aus Privatbesitz 2022 an das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes übergeben.</ref> Als er versuchte, mit Hilfe seines Freundes und Anwaltes Christian Broda eine Aufhebung der Verurteilungen von 1937 zu erreichen, wurde ihm dies vom Oberlandesgericht Wien wegen fehlender gesetzlicher Grundlage jedoch verwehrt.<ref name="Standard"/> Fischer arbeitete, seit 1. Juli 1955 SPÖ-Mitglied und seit Jänner 1957 Mitglied des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus, bis zu seinem Tod als Referent in der Statistischen Abteilung der Wiener Arbeiterkammer. Er engagierte sich auch als stellvertretender Betriebsratsobmann der Wiener Arbeiterkammer und organisierte gemeinsam mit dem Betriebsratsobmann Adolf Findeis den ersten „Streik“ in der Wiener Arbeiterkammer.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 144ff.</ref>

In dieser Zeit begann er auch – erst auf intensives Drängen von Freunden wie Ernst Federn, Georg Scheuer, Josef Hindels und Josef Reinwein – mit der Abfassung eines ersten Abschnittes seiner Autobiografie. Dieses Werk, das von Fischer auf Grund seines frühen Todes nicht vollendet werden konnte, besteht aus 97 maschinengeschriebenen Seiten und beschreibt seinen Lebensabschnitt von der Verhaftung durch die Sowjets in Linz 1947 bis ungefähr zur Zeit des Todes Stalins (1953). Es befindet sich in Kopie im Archiv des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in Wien.<ref>Karl Fischer: Autobiographie. Unvollendet gebliebenes Manuskript bestehend aus 97 maschinengeschriebenen Seiten, Ort und Jahr der Abfassung unbekannt. Archiviert im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien; Original in Privatbesitz.</ref>

Karl Fischer heiratete am 18. September 1956 in der Pfarrkirche Maria Hietzing in Wien Maria Johanna Fischer geb. Hösl (1917–2004),<ref>Heiratsurkunde des Standesamtes Wien-Penzing, Nr. 1405/56 vom 18. September 1956, und Trauungsschein des Pfarramtes Maria Hietzing, Nr. 1494 vom 20. September 1956, beide Dokumente in Privatbesitz.</ref><ref name="taufbuch" /> die Witwe seines am 1. Dezember 1944 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Tscheljabinsk gestorbenen Cousins Franz Fischer.<ref> Kopie des Personalaktes des Lagers 130, Verwaltung für die Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten, Archiv-Nr. 109793, NKWD SSSR (Volkskommissariat für das Innere der UdSSR), 2. Dezember 1944, Dokument in Privatbesitz.</ref> Der Ehe entstammt ein Sohn.

Er wohnte mit seiner Familie zunächst in einer Mietwohnung in Baumgarten, einem Bezirksteil des 14. Wiener Gemeindebezirkes Penzing (Wohnadresse: Zehetnergasse 24)<ref>Siehe Mietervereinigung Österreichs, Mitgliedsausweis für Karl Fischer, 27. März 1958, Innenansicht, abgerufen am 13. Oktober 2022.</ref> und von 1959 bis zu seinem Tod 1963 in einer Wohnung der Wiener Gemeindebau-Wohnanlage Spohrstraße 19–31<ref>Stadt Wien – Wiener Wohnen: Spohrstraße 19-31. In: wienerwohnen.at, abgerufen am 13. Oktober 2022.</ref> in Ober Sankt Veit, einem Bezirksteil des 13. Wiener Gemeindebezirks Hietzing (Wohnadresse: Schrutkagasse 8).<ref>Siehe Amtsbescheinigung nach § 4 des Opferfürsorgegesetzes W-Nr. 10239 Karl Fischer, abgerufen am 13. Oktober 2022.
Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien, Kondolenzschreiben zum Tod Karl Fischers, 22. März 1963, abgerufen am 13. Oktober 2022.</ref>

Karl Fischer starb am 17. März 1963 mit 44 Jahren an einem Hirnschlag und einer Pneumonie infolge der während der Internierungen erlittenen Qualen.<ref>Sterbeurkunde des Standesamtes Wien-Favoriten, Nr. 781/1963 vom 19. März 1963, Dokument in Privatbesitz.</ref> Im Saal der Wiener Arbeiterkammer verabschiedeten sich Freunde und Kollegen in einer Gedenkfeier, in deren Rahmen u. a. Betriebsratsobmann Adolf Findeis und Josef Hindels Nachrufe hielten, von dem Verstorbenen.<ref>Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3, S. 147.</ref> Fischer wurde wie ein Jahr davor seine Mutter Maria zunächst am Wiener Südwestfriedhof begraben (Bestattungsdatum 22. März 1963).<ref>Historische Grabsuche Friedhöfe Wien, friedhoefewien.at, Eingabe: Karl Fischer, Friedhof: Südwest, Jahr der Bestattung: 1963, historische Grabsuche; Grabdaten: Gruppe 27, Reihe 4, Nummer 20; abgerufen am 8. März 2022.</ref> Anfang 1991 ließ seine Witwe Maria Johanna Fischer beide Verstorbenen exhumieren und einäschern. Beide Urnen wurden anschließend nach Ilz, Steiermark, überführt und am 25. März 1991 am dortigen Ortsfriedhof bestattet.<ref name ="spielkegel">Stefan Karner: Der Spiel-„Kegel“. In: Kleine Zeitung Spezial: 1945. Vom Dritten Reich zur Zweiten Republik. Hrsg.: Christian Weniger, Graz 2015, ISBN 978-3-902819-48-2, S. 142.</ref><ref>Grabstätte: Feld II-C, Reihe 06, Grab 04 laut Graburkunde Friedhof Ilz vom 19. November 2019, in Privatbesitz.</ref>

„Karl Fischer war ein guter Mensch. Ein selbstloser Mensch, für den Solidarität ein inneres Bedürfnis gewesen ist. Helfen, auch dann, wenn man sich selbst damit schadet, das war ein charakteristischer Zug seines Wesens.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Josef Hindels anlässlich einer Gedenkfeier für Karl Fischer in der Wiener Arbeiterkammer, März 1963<ref>Josef Hindels: Nachruf auf Karl Fischer - Schicksal einer Generation. Zum Tod Karl Fischers. In: Arbeit und Wirtschaft, Gewerkschaftliche Rundschau, 17. Jahrgang, Mai 1963, S. 26f.</ref>

„An der Schwelle des Frühlings 1963 ist Karl Fischer gestorben, ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter. Ein „natürlicher“ Tod? An seinem Grab sehe ich die finsteren Diktatoren und Henker, die unsere Generation zerstört haben, die Mächte, gegen die Karl Fischer bis zum letzten Herzschlag gekämpft hat.“

Rehabilitation

Während das Sowjet-Urteil auf Antrag des Sohnes Karl Fischers gemäß Art. 3 des Gesetzes der Russischen Föderation „Über die Rehabilitierung von Opfern politischer Repressionen“ vom 18. Oktober 1991 am 4. Juni 1996 als unrechtmäßig aufgehoben und Fischer von allen ihm zur Last gelegten Vorwürfen endgültig freigesprochen wurde,<ref>Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation - Hauptmilitärstaatsanwaltschaft: Bescheinigung über die Rehabilitierung Karl Fischers, Zahl 5YB-2647-56, 15. Juli 1997, Dokument in Privatbesitz.</ref> wurde in Österreich erst 2012 die gesetzliche Grundlage für die Aufhebung der Urteile aus der Zeit des Austrofaschismus geschaffen.<ref>Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz 2011, bka.gv.at (Seite des Bundeskanzleramtes).</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Aufhebungs- und Rehabilitierungsgesetz – beschlossene Neuerungen (Memento vom 29. Oktober 2013 im Internet Archive), Seite auf help.gv.at.</ref><ref name="Standard"/><ref>Harald Walser: Ein historischer Schritt. Der Standard vom 16. Jänner 2012.</ref><ref>Nationalrat rehabilitierte Opfer des Austrofaschismus Der Standard vom 18. Jänner 2012.</ref> Im Zusammenhang damit wurde Karl Fischer, ebenso auf Antrag seines Sohnes, vom zuständigen österreichischen Gericht, dem Landesgericht für Strafsachen Wien, durch dessen Präsident und Richter Friedrich Forsthuber in einem am 4. Oktober 2013 gefassten Beschluss rehabilitiert, in dem festgestellt wurde, „dass die gegen diesen ergangenen Urteile wegen des Verbrechens des Hochverrates aus dem Jahr 1937 rückwirkend als nicht erfolgt gelten“.<ref>Beschluss des Landesgerichtes für Strafsachen Wien, 4. Oktober 2013, Zahl 184 Ns 2/12b; Dokument in Privatbesitz.</ref><ref>Bernd Melichar: „Vater, das wäre geschafft“. In: Feiertagsmagazin „Heimat großer Töchter und Söhne ...“ zum österreichischen Nationalfeiertag, Kleine Zeitung vom 26. Oktober 2013, S. 20f.</ref><ref>ORF-Ö1-Feiertagsjournal, 26. Oktober 2013, 12:00 Uhr: Beitrag „Späte Anerkennung“</ref><ref>Erste gerichtliche Rehabilitierungen bei den Opfern des Austrofaschismus, Artikel auf der Homepage von Albert Steinhauser, dem ehemaligen Justizsprecher und Klubobmann der Grünen.</ref> Damit wurden alle der gegen Karl Fischer jemals verhängten Urteile rechtsgültig als nichtig aufgehoben und er gilt als umfassend rehabilitiert.<ref name ="spielkegel" />

Ehrung und Gedenken

Datei:Gedenktafel für Karl Fischer (Widerstandskämpfer).jpg
Gedenktafel für Karl Fischer (2023)

Dokumenten-Galerie

Literatur

Schriften als Autor

  • Karl Fischer: Autobiographie. Unvollendet gebliebenes Manuskript bestehend aus 97 maschinengeschriebenen Seiten, Ort und Jahr der Abfassung unbekannt. Archiviert im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien; Original in Privatbesitz.
  • Karl Fischer: Autobiographie. In: Österreichische Stalin-Opfer. Memorial. Junius-Verlags- und Vertriebsgesellschaft, Wien 1990, ISBN 3-900370-81-8, S. 96–105. (Veröffentlichung des ersten Teiles der unvollendet gebliebenen Autobiografie Karl Fischers).

Literatur über Karl Fischer

  • Cécile Denis: Continuités et divergences dans la presse clandestine de résistants allemands et autrichiens en France pendant la Seconde Guerre mondiale: KPD, KPÖ, Revolutionäre Kommunisten et trotskystes. Thèse de doctorat réalisée sous la direction d’Hélène Camarade, soutenue publiquement le 10 décembre 2018 à l’université Bordeaux-Montaigne (Dissertation an der Universität Bordeaux-Montaigne), Bordeaux 2018. (französisch)
  • Cécile Denis: La résistance allemande et autrichienne en France. D'après sa presse clandestine. L'histoire de trois réseaux germanophones actifs en France pendant la Seconde Guerre mondiale au travers de leurs journaux et de leurs tracts. Éditions L'Harmattan, Paris 2021, ISBN 978-2-343-21680-5. (französisch)
  • Hugo Dewar: Assassins at Large. Being a fully documented and hithero unpublished account of the executions outside Russia ordered by the GPU. Wingate-Verlag, London & New York 1951, S. 169f. (englisch)
  • Harald Irnberger: Das Chloroform vom Christkind. In: Kurier, 30. November 1974, S. 11.
  • Roland Fischer: Fischer Maria (Marie); Seidenwinderin und Widerstandskämpferin. In: Ilse Korotin (Hrsg.): biografıA. Lexikon österreichischer Frauen. Band 1: A–H. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2016, ISBN 978-3-205-79590-2, S. 832–834.
  • Roland Fischer: Vom Hochverrat zur Ehrung durch die Republik Österreich. In: Der Sozialdemokratische Kämpfer. Hrsg.: Bund Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen, Nr. 07-08-09/2021, Wien 2021, S. 8.
    Mit gleichlautendem Titel und Text ebenfalls erschienen in: Historia Illenz. Zeitung des Historischen Vereins der Marktgemeinde Ilz und Umgebung, Nr. 18, Ilz Februar 2022, S. 1 und S. 3–4.
  • Historischer Verein der Marktgemeinde Ilz und Umgebung (Hrsg.): Widerstand gegen die Diktaturen in Österreich und Europa in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts – und was das mit Ilz zu tun hat! – Teil 1: Maria Fischer (Widerstandskämpferin, 1897–1962). In: Historia Illenz. Zeitung des Historischen Vereins der Marktgemeinde Ilz und Umgebung, Nr. 12, Jahrgang 3, Ilz 2020, S. 1 und S. 6–9.
  • Historischer Verein der Marktgemeinde Ilz und Umgebung (Hrsg.): Widerstand gegen die Diktaturen in Österreich und Europa in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts – und was das mit Ilz zu tun hat! – Teil 2: Karl Fischer (Widerstandskämpfer, 1918–1963). In: Historia Illenz. Zeitung des Historischen Vereins der Marktgemeinde Ilz und Umgebung, Nr. 13, Jahrgang 4, Ilz 2020, S. 1 und S. 6–8.
  • Historischer Verein der Marktgemeinde Ilz und Umgebung (Hrsg.): Widerstand gegen die Diktaturen in Österreich und Europa in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts – und was das mit Ilz zu tun hat! – Teil 3: Karl Fischer (Widerstandskämpfer, 1918–1963). In: Historia Illenz. Zeitung des Historischen Vereins der Marktgemeinde Ilz und Umgebung, Nr. 14, Jahrgang 4, Ilz 2020, S. 1 und S. 3–5.
  • Stefan Karner: Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjetunion 1941–1956. Oldenbourg Verlag, Wien/München 1995, S. 31, 36ff, 50 und 244. ISBN 3-7029-0399-2 (Wien), ISBN 3-486-56119-7 (München). Russisch: Moskau 2002.
  • Stefan Karner: Der Spiel-„Kegel“. In: Kleine Zeitung Spezial: 1945. Vom Dritten Reich zur Zweiten Republik. Hrsg.: Christian Weniger, Graz 2015, ISBN 978-3-902819-48-2, S. 142.
  • Stefan Karner: Verhaftet und verschleppt. In: Kleine Zeitung Spezial: 1945. Vom Dritten Reich zur Zweiten Republik. Hrsg.: Christian Weniger, Graz 2015, ISBN 978-3-902819-48-2, S. 142f.
  • Fritz Keller: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. ISP-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-88332-046-3.
  • Fritz Keller: Le Trotskysme en Autriche de 1934 a 1945. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980. (französisch)
  • Fritz Keller: Moorsoldat. Aus der Biographie des österreichischen Revolutionärs Karl Fischer. In: Rotfront, Hrsg.: Gruppe Revolutionäre Marxisten, Nr. unbekannt, 1979, S. 5–7.
  • Fritz Keller: Quelques biographies de militants de l'Opposition autrichienne. In: Cahier Leon Trotsky Nr. 5, Paris Janvier-Mars 1980. (französisch)
  • Herbert Killian: Geraubte Jahre. Ein Österreicher verschleppt in den GULAG. Amalthea Signum Verlag, Wien 2005, S. 310f., ISBN 3-85002-920-4.
  • Nils Klawitter: Vom KZ nach Sibirien. In: Der Spiegel Geschichte, Ausgabe 3/2022, Mai 2022, S. 112–117.
  • Nils Klawitter: Die kleine Sache Widerstand. Wie Melanie Berger den Nazis entkam. Czernin Verlag, Wien 2024, ISBN 978-3-7076-0845-8.
  • Kurt Lhotzky: Who was Georg Scheuer, what was the Revolutionary Workers League?. In: Revolutionary History, Vol. 7, Nr. 1 London 1999. (englisch)
  • Emily Rosdolsky, Fritz Keller: 40 Jahre „Trotzkistenprozesse“ in Wien. In: Rotfront. Hrsg.: Gruppe Revolutionäre Marxisten, Nr. 8–9, September 1977.
  • Georg Scheuer: Bericht Karl Fischers über seine Flucht 1940. Maschingeschriebene Niederschrift eines Tonband-Interviews Georg Scheuers mit Karl Fischer (12 Seiten), Ort der Tonband-Aufnahme unbekannt, Aufnahme-Jahr 1962. Archiviert im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien.
  • Georg Scheuer: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg, 1915–1945. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1991, ISBN 3-85115-133-X.
  • Schicksal einer Generation. Zum Tod Karl Fischers. Nachrufe von Georg Scheuer und Josef Hindels auf Karl Fischer. In: Arbeit und Wirtschaft, Gewerkschaftliche Rundschau, 17. Jahrgang, Mai 1963, S. 26f.
  • Kurt Seipel: Meine Jugend blieb im Eis Sibiriens. Mit 19 in den GULAG verschleppt. Gerhard Botz, Hrsg.: Österreichisches Literaturforum, Krems an der Donau 1997, ISBN 3-900959-79-X, S. 91 und 377.
  • Jan Willem Stutje: Ernest Mandel. A Rebel’s Dream Deferred. Translated by Christopher Beck and Peter Drucker. Verso Books, London/New York 2009, S. 46 und S. 277, ISBN 978-1-84467-316-2. (englisch)
  • Eric Wegner: Trotzkistische Opfer des NS-Terrors in Österreich – Eine Dokumentation. In: Marxismus, Sondernummer 8, August 2001, S. 37ff.

Weblinks

Commons: Karl Fischer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Commons: Alexandrovsky Central – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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