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Johann Friedrich Dieffenbach

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Datei:Johann Friedrich Dieffenbach.jpg
Dieffenbach, Lithographie von Joseph Kriehuber, 1840

Johann Friedrich Dieffenbach (* 1. Februar 1792 in Königsberg i. Pr.; † 11. November 1847 in Berlin) war ein deutscher Chirurg und Hochschullehrer in Berlin. Er gilt als Wegbereiter der plastischen Chirurgie und der Transplantation.

Leben

Dieffenbach war der Sohn eines Lehrers. Sein Neffe war Johann Julius Bühring.

Dieffenbach studierte ab 1812 zunächst evangelische Theologie an der Universität Rostock<ref>Siehe dazu den Eintrag der Immatrikulation von Johann Friedrich Dieffenbach im Rostocker Matrikelportal</ref> und der Universität Greifswald. Dort wurde er Mitglied der Corps Pomerania (1812) und Sueco-Pomerania.<ref>Kösener Corpslisten 1960, 53/45.</ref> Für das Medizinstudium wechselte er an die Albertus-Universität Königsberg. Von 1813 bis 1815 nahm Dieffenbach als Kriegsfreiwilliger im Lützowschen Freikorps an den Befreiungskriegen teil. Im März 1818 vertrat er die Königsberger Burschenschaft auf dem Allgemeinen Burschentag in Jena. Sein Medizinstudium absolvierte er von 1816 bis 1820 in Königsberg.<ref>Barbara I. Tshisuaka: Dieffenbach, Johann Friedrich. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 305 f.; hier: S. 305.</ref> 1818 gründete er die erste Schwimmschule in Königsberg.<ref>Robert Albinus: Königsberg Lexikon. Würzburg 2002, ISBN 3-88189-441-1</ref> Wegen seiner Beteiligung an der republikanischen Burschenschaft musste er 1820 Königsberg verlassen. Er wechselte nach Bonn, wo er bei Philipp Franz von Walther chirurgisch ausgebildet wurde. Es folgte eine Studienreise nach Paris, auf der er Bekanntschaft schloss mit den Chirurgen Guillaume Dupuytren und Dominique Jean Larrey.<ref>Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann: Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart, 1. Aufl. 1995, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung München, 2. Aufl. 2001, 3. Aufl. 2006 Springer Verlag Heidelberg, Berlin, New York, Ärztelexikon 2006 Eintrag Johann Friedrich Dieffenbach geschrieben von Peter Schneck. doi:10.1007/978-3-540-29585-3</ref> Im Jahr 1822 wurde Dieffenbach mit einer Arbeit über Transplantation an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg zum Dr. med. promoviert, die als erste Arbeit zur Haartransplantation gilt.<ref>Ralph M. Trüeb, Won-Soo Lee: Male Alopecia: Guide to Successful Management. Springer Science & Business Media, 2014, ISBN 978-3-319-03233-7, S. 13 (google.de [abgerufen am 23. Juli 2021]).</ref>

1823 ließ er sich als praktischer Arzt und Operateur in Berlin nieder und war ab 1829 an der Charité tätig, wo er unter anderem 1832 die Leitung der Krankenpfleger-Schule übernahm. 1824 heiratete er die Königsbergerin Johanna Motherby (1782–1842), geborene Tillheim, die geschiedene Ehefrau von William Motherby.<ref name="Operateur">Operateur von Gottes Gnaden. In: Berlin-Kalender 1997. Hrsg. Luisenstädtischer Bildungsverein, 1997, ISBN 3-89542-089-1, S. 206/207.</ref> 1833 ließ er sich von ihr scheiden und heiratete im selben Jahr Emilie Friederike Wilhelmine geborene Heidegger (1810–1889), die Tochter Friedrich Wilhelm Heydeckers, des Stadtphysikus von Freienwalde,

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Grab in Berlin

Seit 1832 Professor der Chirurgie an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, wurde er 1840 Lehrstuhlinhaber und Direktor der Chirurgie der Charité.<ref name="Operateur"/> Dieffenbach war Geheimer Medizinalrat und Ritter.<ref>H. Helmholtz: Beschreibung eines Augen-Spiegels zur Untersuchung der Netzhaut im lebenden Auge. A. Förstner’sche Verlagsbuchhandlung (P. Jeanrenaud), Berlin 1851, Umschlagstext.</ref> Im Alter von 55 Jahren starb Dieffenbach und wurde am 15. November 1847 auf dem Friedrichswerderschen Friedhof an der Bergmannstraße (Berlin) beigesetzt.<ref>Allgemeine Zeitung, 20. November 1847. Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Grabstätten. Haude & Spener, Berlin 2006. S. 97.</ref> Sein Grab war von 1962 bis 2012 als Berliner Ehrengrab gewidmet.

Bedeutung als Mediziner

Dieffenbach gilt als Wegbereiter der Transplantation sowie der plastischen Chirurgie. Die plastische Wiederherstellung des komplett zerrissenen Dammes war ihm 1827<ref>Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 33.</ref> gelungen. Die Tenotomie der Achillessehne beim Klumpfuß geht auf ihn zurück.<ref>Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 43 und 57.</ref> Außerdem machte er sich um die Bluttransfusion verdient. Er war einer der ersten deutschen Anwender der Äthernarkose am Menschen, nachdem er, gemäß einer Auflage durch den preußischen König, diese zunächst an einem Bären erprobt hatte.<ref>Ernst Kern: Echter und vermeintlicher Fortschritt in der Chirurgie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 417–429, hier: S. 426.</ref> Bis dahin waren keine gezielten Narkosen bekannt, auch Wundinfektionen mit lebensbedrohlichen Zuständen waren an der Tagesordnung.<ref name="Operateur"/> Seine Abhandlung Der Aether gegen den Schmerz von 1847, mit der er zur Verbreitung der Äthernarkose in Deutschland beitrug, gilt als Meilenstein der Anästhesie. Er schrieb dazu: „Der schöne Traum, dass der Schmerz von uns genommen, ist zur Wirklichkeit geworden. Der Schmerz, dies höchste Bewusstwerden unserer irdischen Existenz, diese deutlichste Empfindung der Unvollkommenheit unseres Körpers, hat sich beugen müssen vor der Macht des menschlichen Geistes, vor der Macht des Aetherdunstes. […] Durch sie ist die halbe Todesbahn zurückgelegt, der Tod hat nur noch seines halbes Grauen.“<ref>Johann Friedrich Dieffenbach: Der Aether gegen den Schmerz. In Kommission bei A. Hirschwald, Berlin 1847, S. 1 (Zitat).</ref><ref>Orthopädie - Geschichte und Zukunft. Museumskatalog, hrsg. von Ludwig Zichner, Michael A. Rauschmann und Klaus-Dieter Thomann. Darmstadt 1999, S. 63 f. ISBN 3-7985-1177-2.</ref>

Von ihm stammt das inzwischen vorwiegend angewandte Operationsverfahren der Zirkumzision. Zudem entwickelte er einen Dilatator zur Erweiterung verengter Harnröhren.<ref>Andreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 615.</ref> Dieffenbach entwickelte auch operative Methoden zur Schielbehandlung. Am 26. Oktober 1839 hatte er an der Charité die erste Schieloperation an einem lebenden Menschen ausgeführt. Sein Freund Louis Stromeyer hatte im Jahr zuvor eine solche Augenmuskeloperation mit Sehnendurchtrennung an einer Leiche durchgeführt.<ref>Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildungen und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 43.</ref> Seine Selbsteinschätzung dazu lautete: „Ich gestehe, dass das Gelingen dieser ersten Schieloperation die größte wissenschaftliche Herausforderung war, welche mir jemals in meinem Leben zu Teil geworden ist.“<ref name="Operateur"/> In der Klinik von Jacques Lisfranc führte er 1834 als Erster eine Augenlidbildung durch. Weitere plastische Operationen Dieffenbachs am Auge waren die chirurgische Behandlung des Ankyloblepharons und des Ektropiums.<ref>Carl Hans Sasse: Geschichte der Augenheilkunde in kurzer Zusammenfassung mit mehreren Abbildung und einer Geschichtstabelle (= Bücherei des Augenarztes. Heft 18). Ferdinand Enke, Stuttgart 1947, S. 43.</ref>

Bereits 1831 führte er die erste Katheterisierung des (linken) Herzens durch.<ref>H. Stürzbecher: Die Cholera, Dieffenbach und die Catheterisierung des Herzens 1831. Deutsches medizinisches Journal, 1971, 22, S. 470–471.</ref><ref>Johann Friedrich Dieffenbach: Physiologisch-chirurgische Beobachtungen bei Cholerakranken. 1834.</ref> Bekannt wurde er des Weiteren durch sein im Jahr 1832 erschienenes Lehrbuch Anleitung zur Krankenwartung, das neben dem Lehrbuch des Heidelberger Mediziners Franz Anton Mai als eines der ersten Lehrbücher für Krankenwartung in Deutschland gilt.<ref>Johann Friedrich Dieffenbach: Anleitung zur Krankenwartung, Hirschwald Berlin 1832.</ref><ref>Christine R. Auer: Geschichte der Pflegeberufe als Fach. Die Curricular-Entwicklung in der pflegerischen Aus- und Weiterbildung, Diss. Institut für Geschichte und Ethik der Medizin Universität Heidelberg, Betreuer Wolfgang U. Eckart, Heidelberg 2008, S. 73–77.</ref>

1846 beschrieb er die operative Vereinigung der Bruchenden einer Pseudarthrose mit Hilfe von Elfenbeinzapfen.<ref>Thomas Schlich: Osteosynthese. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1083 f.; hier: S. 1083.</ref>

Ehrungen

Seit 1989 verleiht die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen eine Dieffenbach-Medaille in Gedenken an den Wegbereiter der Plastischen Chirurgie. Mit ihr ehrt die Gesellschaft Persönlichkeiten, die sich um die Plastische und Ästhetische Chirurgie verdient gemacht haben. Die Medaille wurde von Friedrich Becker entworfen.<ref>dgpraec.de: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Dieffenbach-Preisträger und -Vorlesungen (Memento vom 22. Januar 2012 im Internet Archive)</ref>

Veröffentlichungen (Auswahl)

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Aether (1847)

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Commons: Johann Friedrich Dieffenbach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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