Jürgen Stark (Ökonom)
Jürgen Stark (* 31. Mai 1948 in Gau-Odernheim) ist ein deutscher Ökonom. Er war von 2006 bis 2012 Chefvolkswirt und Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB). Am 3. Januar 2012 wurde bekannt, dass Peter Praet neuer Chefvolkswirt der EZB werden soll.<ref>Belgier Peter Praet wird neuer Chefvolkswirt der EZB. Abgerufen am 3. Januar 2012.</ref>
Leben
Von 1968 bis 1973 absolvierte Stark ein wirtschaftswissenschaftliches Studium an der Universität Hohenheim und an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er wurde 1975 zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften promoviert. Von 1978 bis 1988 war er als Referent der Abteilung Wirtschaftspolitik im Bundesministerium für Wirtschaft tätig.<ref>die damaligen Wirtschaftsminister waren Otto Graf Lambsdorff (1977–1982 und 1982 bis 1984) und Martin Bangemann (bis 1988)</ref> In den Jahren 1988 bis 1992 war er Leiter des Referats Außenwirtschaft, Geld und Währung, Finanzmärkte im Bundeskanzleramt. Während dieser Zeit fiel die Mauer, zerfiel der Ostblock, endete die deutsche Teilung; am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark gesetzliches Zahlungsmittel in der DDR. Ab Oktober 1992 war er Leiter der Unterabteilung Nationale Währungspolitik, Kapitalmarktpolitik, Finanzplatz Deutschland, Kreditaufnahme im Bundesministerium der Finanzen.
Von 1993 bis 1994 war Jürgen Stark als Leiter der Abteilung Internationale Währungs- und Finanzbeziehungen, Finanzbeziehungen der Europäischen Gemeinschaft im Bundesministerium der Finanzen tätig. 1995 bis 1998 war er Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen (unter Theo Waigel); dort war er maßgeblich an der Einführung des Euro beteiligt.<ref>„Wir stecken in einer neuen kritischen Phase“. In: Wirtschaftswoche, 29. Mai 2010 (Interview).</ref> In dieser Zeit war er als Sherpa von Bundeskanzler Helmut Kohl verantwortlich für die Vorbereitung der G7-Gipfel in Halifax, Lyon, Denver und Birmingham. Ab September 1998 war er Vize-Präsident der Deutschen Bundesbank und im Vorstand zuständig für die Bereiche Internationale Beziehungen und Revision. Als Ernst Welteke April 2004 sein Amt als Bundesbankpräsident ruhen ließ, war Stark bis zur Bestellung von Axel A. Weber zum neuen Präsidenten Interimspräsident.
Im Juni 2006 wurde Stark Nachfolger Otmar Issings als Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, gleichzeitig übernahm er auch einen Teil von dessen Aufgaben. Er verantwortete die Bereiche „Volkswirtschaft“ und „IT“, später auch „Statistik“. Die Forschungsabteilung aus Issings ehemaligem Portfolio ging an EZB-Vizepräsident Loukas Papadimos.
Am 9. September 2011 kündigte Stark „aus persönlichen Gründen“ seinen Rücktritt von seinem Amt als Direktoriumsmitglied der EZB an.<ref>EZB verliert ihren Chefvolkswirt. Spiegel Online (yes/Reuters/dpa); abgerufen am 9. September 2011</ref> Später, im Dezember 2011, begründete er den Rücktritt mit seiner Unzufriedenheit über die Entwicklung der EU-Währungsunion.<ref>Jürgen Stark: Die Märkte wurden nur temporär beruhigt. In: Wirtschaftswoche; abgerufen am 21. Dezember 2011</ref> Nach Spiegel-Informationen schickte Stark im Januar 2012 einen Abschiedsbrief an die 1600 EZB-Beschäftigten. Darin kritisiere er das Verhalten der Institution in der Euro-Krise heftig. Er werfe seinen Ex-Kollegen im EZB-Rat vor, Entscheidungen getroffen zu haben, „die das Mandat der EZB ins Extreme gedehnt haben“. Er sehe das Risiko, dass die Notenbank wegen ihrer Aufkäufe am Anleihemarkt zunehmend „unter fiskalischer Dominanz operiere“. Es sei eine „Illusion zu glauben, dass die Geldpolitik große strukturelle und fiskalische Probleme in der Euro-Zone lösen kann“. Wann immer in der Geschichte sich eine Notenbank der Haushaltspolitik untergeordnet habe, habe sie Zugeständnisse bei ihrer eigentlichen Aufgabe – den Geldwert stabil zu halten – machen müssen.<ref>Ex-Währungshüter Stark attackiert EZB-Kurs. Spiegel Online.</ref> Die EZB habe sich in einen „Teufelskreis“ begeben.<ref>Interview. handelsblatt.com, 25. März 2012.</ref>
Nähere Auskünfte zu seinem Rücktritt als Chefvolkswirt der EZB gab Stark im April 2012. Mit dem Rettungsplan für Griechenland 2010 und der damit verbundenen Haftung der anderen EU-Staaten für die Verbindlichkeiten von Griechenland, dem Aufkauf von Staatspapieren, der dann geschaffenen „Fazilität“ (EFSF) mit dem geplanten dauerhaften Stabilitätsmechanismus ESM „sei das Konzept für die Wirtschafts- und Währungsunion vollends auf den Kopf gestellt worden.“ „Das sei im Maastricht-Vertrag so nicht vorgesehen gewesen.“ Die Einmischung und die Forderungen der Politik gegenüber der EZB wollte er nicht mehr mittragen.<ref>Informationen aus der ZDF-Sendung Maybrit Illner</ref> 2014 meinte er: „Unser Geldsystem ist pure Fiktion und ich empfehle den Bürgern, einen Teil ihrer fiktionalen Ersparnisse zu schützen und in Gold und Silber anzulegen.“<ref>Wirtschaftswoche, 21. Juli 2014, S. 92.</ref>
Im August 2012 wurde bekannt, dass Stark in das Kuratorium der gemeinnützigen Bertelsmann Stiftung einzieht.<ref>Kuratorium der Bertelsmann Stiftung erweitert – Jürgen Stark neues Mitglied. In: Focus Online. 27. August 2012, ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 15. Mai 2020. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref> Dabei wurde vor allem sein finanz- und wirtschaftspolitischer Sachverstand thematisiert.<ref>Annette Becker: Personen: Stark wird für Bertelsmann tätig. In: Börsen-Zeitung. 29. August 2012, S. 16.</ref>
Stark ist Kritiker eines dogmatischen Festhaltens am aus seiner Sicht unwissenschaftlichen 2-%-Inflationsziel der EZB. Seiner Ansicht nach dämpfen heutzutage die zunehmende Globalisierung und technologische Neuerungen die Inflation nachhaltig, und zwanghaft das 2-%-Ziel anzustreben bringe mehr Schaden als Nutzen. Eine niedrige Inflation wirke sich mittlerweile positiv auf das Wirtschaftswachstum aus, da sie das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte erhöht und somit wie eine Steuererleichterung wirkt. Dies habe sich in den Jahren des Aufschwungs nach der Weltwirtschaftskrise 2009 gezeigt, insbesondere seit 2013, als niedrige Inflation zu substantiellem Wirtschaftswachstum und Kaufkraftsteigerungen führte.<ref>Ex-Bundesbanker – EZB muss sich an niedrigere Inflation gewöhnen. Reuters, 6. November 2017, abgerufen am 4. Dezember 2021.</ref><ref>Anja Ettel, Holger Zschäpitz: Die „heimliche“ Inflation verschärft das Arm-Reich-Problem. In: Die Welt. 16. November 2017, abgerufen am 4. Dezember 2021.</ref>
Auszeichnungen und Ehrungen
- 1997: Großes Silbernes Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich<ref>Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,59 MB)</ref>
- 2004 Georg-Scheu-Plakette in Alzey
- Im Juni 2005 wurde Stark von der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen zum Honorarprofessor berufen.<ref>Antrittsvorlesung (PDF; 264 kB)</ref>
- 2015: Niedersächsischer Verdienstorden (am Bande)
- 2020: Ordnungspolitischer Preis; Die Familienunternehmer
- 2023: Alfred Müller-Armack Verdienstmedaille, Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft (ASM)<ref>https://www.asm-ev.de/AZ_Alfred_Mueller-Armack_VM.html</ref>
- 2026: Bundesverdienstkreuz 1. Klasse<ref>Professor Dr. Jürgen Stark aus Kelkheim erhält Verdienstkreuz 1. Klasse. In: finanzen.hessen.de. 25. März 2026, abgerufen am 13. April 2026.</ref>
Weblinks
- Literatur von und über Jürgen Stark im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
<references />
Vorlage:Klappleiste/Anfang Deutsche Reichsbank (1875–1945): Hermann von Dechend | Richard Koch | Rudolf Havenstein | Hjalmar Schacht | Hans Luther | Hjalmar Schacht | Walther Funk. Bank deutscher Länder (1948–1957): Karl Bernard | Wilhelm Vocke. Deutsche Bundesbank (ab 1957): Wilhelm Vocke | Karl Blessing | Karl Klasen | Otmar Emminger | Karl Otto Pöhl | Helmut Schlesinger | Hans Tietmeyer | Ernst Welteke | Jürgen Stark (Interim) | Axel A. Weber | Jens Weidmann | Joachim Nagel Vorlage:Klappleiste/Ende
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Stark, Jürgen |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Ökonom, Vize-Präsident der Deutschen Bundesbank |
| GEBURTSDATUM | 31. Mai 1948 |
| GEBURTSORT | Gau-Odernheim |
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- Bankmanager
- Beamteter Staatssekretär (Bundesrepublik Deutschland)
- Ökonom (20. Jahrhundert)
- Ökonom (21. Jahrhundert)
- Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse
- Person (Universität Hohenheim)
- Person (Bundesministerium der Finanzen)
- Person (Deutsche Bundesbank)
- Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank
- Träger des Großen Silbernen Ehrenzeichens mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich
- Träger des Verdienstkreuzes des Niedersächsischen Verdienstordens (am Bande)
- Person (Rheinhessen)
- Deutscher
- Geboren 1948
- Mann