Euregio Medical School
Die Euregio Medical School (EMS) war ein Projekt der italienischen Provinzen Südtirol und Trentino sowie des Bundeslandes Tirol zur Errichtung einer privaten medizinischen Universität nach angloamerikanischem Modell. Nachdem die Verhandlungen mit dem Bildungsministerium in Italien und den infrage kommenden staatlichen Universitäten in Österreich gescheitert waren, wurde die Projektentwicklung im Jahre 2020 abgebrochen.<ref>Medical School adé, Rainews (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Dezember 2024. Suche im Internet Archive )</ref>
Hintergrund und Planung
Das Projekt wurde im Jahre 2010 vom damaligen Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder sowie vom Tiroler Wissenschaftslandesrat Bernhard Tilg ins Leben gerufen. Der Hintergrund für die Gründung war die geringe Anzahl an Nord- und Südtirolern an den österreichischen Medizinuniversitäten und somit ein befürchteter Ärztemangel in den Regionen.<ref>Euregio-Uni geplant. Tiroler Tageszeitung, 17. November 2010, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 19. November 2010; abgerufen am 2. Oktober 2011.</ref> Die Universität sollte vorwiegend für Bewerber aus dem Trentino, Südtirol und Tirol verfügbar sein, was einige rechtliche Hürden aufgeworfen hat. Die Universität hätte Platz für 80 bis 100 Studienanfänger jährlich bieten sollen. Die Eröffnung war für 2013 geplant.<ref>Peter Nindler: Medical-School soll ab 2013 Ärzte ausbilden. Tiroler Tageszeitung, 14. Juli 2011, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 19. November 2010; abgerufen am 3. Oktober 2011.</ref> Dieses Datum konnte nicht gehalten werden, weil das Parlament in Rom keine Freigabe für das Projekt erteilt hat.<ref>Medical School: Rom macht Strich durch die Rechnung. Südtirol Online, 4. Februar 2013, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 6. Februar 2013; abgerufen am 17. Februar 2013.</ref>
Die rechtliche Grundlage wurde vom Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) gebildet, was eine Subventionierung durch die Europäische Gemeinschaft ermöglicht hätte.<ref>„Tiroler Euregio“ gibt sich mit „EVTZ“ eigene Rechtspersönlichkeit - Durnwalder Präsident. Südtirol-Online (stol), 14. Juni 2011, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 18. Juli 2011; abgerufen am 3. Oktober 2011.</ref>
Aufbau des Studiums
Das Studium hätte in Zusammenarbeit mit der Tiroler Privatuniversität UMIT in Hall, der Medizinischen Universität Innsbruck sowie der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe „Claudiana“ in Bozen geführt werden sollen. Die vorklinischen Fächer hätten in den bestehenden Infrastrukturen in Innsbruck und Hall stattfinden sollen, die klinischen Fächer in Bozen. Der Unterricht war dreisprachig geplant (Deutsch, Italienisch und Englisch).<ref name="MAH">Anita Heubacher: Medical School als Heilmittel. Tiroler Tageszeitung, 6. September 2011, ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 3. Oktober 2011. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref>
Dieser Aufbau entspricht dem angloamerikanischen Modell der medical school, bei dem hauptsächlich die Ausbildung zum Arzt im Vordergrund steht, das Studium also vorwiegend klinisch ausgerichtet ist, während an öffentlichen Universitäten auch ein wissenschaftlicher Schwerpunkt mitwirkt.<ref name="MAH" />
Rechtliche Aspekte
Das Projekt sollte dazu dienen, Nord- und Südtirolern eine Möglichkeit zu bieten, das Medizinstudium zu beginnen, unabhängig davon, ob sie bei dem in Österreich vorgeschriebenen Aufnahmetest für das Medizinstudium gut abschneiden oder nicht. Besonders bei den Südtiroler Studienbewerbern reichten die Ergebnisse beim, seit 2013 nicht mehr stattfindenden Eignungstest für das Medizinstudium im Jahr 2010 für gerade mal 21 und im Jahr 2011 für 45 Aufnahmen an den österreichischen Medizinuniversitäten. Um die Studienplätze also an genau diese Bewerber zu verteilen, ohne andere Interessenten aus der EU zu diskriminieren, wurden mehrere Lösungsvorschläge präsentiert:
- Die Einführung von Zulassungsbedingungen, die beispielsweise ein österreichisches Reifeprüfungszeugnis beinhalten.<ref name="MAH" />
- Die Einführung von Studiengebühren über 25.000–30.000 Euro pro Jahr, die für Einheimische der Region vom Land, in Form von „Studienschecks“ bezahlt würden.<ref>Anita Heubacher: Land vermisst Uni-Konzept. Tiroler Tageszeitung, 7. September 2011, ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 3. Oktober 2011. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref>
- Die Einführung eines Eignungstests nach dem Modell der PMU Salzburg
Aufgrund der „Gelmini-Reform“ ist es in Italien nicht mehr möglich, weitere medizinische Fakultäten zu eröffnen.<ref>s.f.: DECRETO GELMINI SU MAESTRO UNICO: IL TESTO INTEGRALE. Art. 7. bambinicoraggiosi, 16. September 2008, abgerufen am 3. Oktober 2011 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value), Gelmini-Dekret in originalem Wortlaut).</ref> Begründung für diesen Schritt sind vor allem finanzielle Hintergründe. Die Region Trentino-Südtirol, welche dem Staat Italien gegenüber ausgeprägte finanzielle Autonomierechte besitzt, wollte sich über dieses Dekret mit der Begründung hinwegsetzen, die geplante Universität würde vom Land finanziert, verursache dem Staat also keinerlei Kosten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters archive-today muss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein.</ref>
Da das Studium nach dem Modell der Fachhochschule für Gesundheitsberufe „Claudiana“ dreisprachig abgehalten werden soll, wären für die Nordtiroler und Trentiner Studienbewerber sprachliche Barrieren, die zuerst abgebaut werden hätten müssen. Da Südtiroler an allen Schulen in den drei Sprachen unterrichtet werden, stellte sich für sie dieses Problem nicht.<ref>Tirol könnte dreisprachige "Medical School" bekommen. der Standard, 29. September 2010, abgerufen am 3. Oktober 2011.</ref>
Politische Diskussion
Das Projekt erregte großes Aufsehen in der italienischen und österreichischen Politik und geriet ins Kreuzfeuer der Kritik:
- Das Problem der hohen Durchfallquote der Südtiroler Studienbewerber an den medizinischen Universitäten in Österreich ließe sich nicht durch eine qualitativ minderwertige Medizinuniversität lösen. Das Land Südtirol solle sich stattdessen finanziell an der medizinischen Universität Innsbruck beteiligen, um so genügend Plätze für Südtirol bereitzustellen.<ref>Gegen Medizin-Universität in Bozen. (PDF; 20,23 kB) Dolomiten, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 26. Januar 2016; abgerufen am 3. Oktober 2011 (Scan des Zeitungsausschnittes).</ref>
- Es sei zielführender und kostengünstiger, Südtiroler Maturanten bereits in der Schule auf den EMS vorzubereiten.<ref>Pius Leitner: Freie Universität Bozen - Medizin. Die Freiheitlichen, 1. Dezember 2010, ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 3. Oktober 2011. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref>
- Anstatt Millionen in eine neue Infrastruktur zu investieren, um kurzfristige Probleme zu lösen, sei es billiger, die Standorte Nord- und Südtirol sowie das Trentino attraktiver für Ärzte aus anderen Regionen und Ländern zu machen.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters
archive-todaymuss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein.</ref> - Die Eröffnung der neuen Universität könne die Qualität der bestehenden medizinischen Universität in Innsbruck gefährden, da die Position als nationaler und internationaler Bildungsstandort durch sinkende Studierenden- und Fallzahlen geschwächt würde.<ref>Christoph Mair: Innsbruck wehrt sich gegen medizinische Fakultät Bozen. Tiroler Tageszeitung, 22. Februar 2011, ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 3. Oktober 2011. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref>
- Die Begründung des dreisprachigen Unterrichts liege hauptsächlich in der „Filterfunktion“, um eine Überschwemmung durch ausländische (vorwiegend deutsche) Studierende zu vermeiden. Es gibt aber keine Garantie, dass sich diese Anwärter davon abhalten lassen sich trotzdem an der Universität zu bewerben.<ref>Medizin Fakultät Bozen: Skeptische HochschülerInnen. Südtiroler Hoschülerinnenschaft, 25. November 2010, abgerufen am 3. Oktober 2011.</ref> Die Dreisprachigkeit erschwere zudem die Bedingungen der Bewerber aus Nordtirol, die kein Italienisch sprechen, und dem Trentino, die kein Deutsch sprechen.<ref name="MAH" />
Herbert Lochs, der damalige Rektor der medizinischen Universität Innsbruck, befürwortete das Projekt. Durch die Medical School könne man die gemeinsamen Ressourcen besser einsetzen und bestehende Forschungskooperationen (beispielsweise mit der EURAC in Bozen) weiter ausbauen.<ref>Amelie Döbele: Herbert Lochs, Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck, ist erfreut über die Resolution des Innsbrucker Gemeinderates zur Unterstützung des Universitätsstandortes Innsbruck. Medizinische Universität Innsbruck, abgerufen am 3. Oktober 2011.</ref>
Einzelnachweise
<REFERENCES />