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etoy (Künstler)

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etoy (Eigenschreibweise etoy / etoy.CORPORATION) ist eine international zusammengesetzte und interdisziplinär arbeitende Künstlergruppe, die sich seit 1994 mit neuen Technologien und Organisationsformen in der Kunstproduktion befasst. Ihre Mitglieder sind ausgebildet in Kunst, Architektur, Recht, Design, Musik, Softwareentwicklung, Ökonomie und Naturwissenschaften. Die Gruppe ist als juristische Aktiengesellschaft organisiert und nutzt reale ökonomische, juristische und digitale Strukturen als integralen Bestandteil ihrer künstlerischen Praxis. Der Aktiengesellschaft wurde in Zug registriert, die Geschäftsstelle befindet sich in Zürich.<ref name=":0">Contact. In: etoy.com. Abgerufen am 9. März 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Geschichte

Die etoy.CORPORATION wurde 1994 von einer Gruppe gegründet, die aus der Zürcher Hausbesetzer-, Medienkunst- und Techno-Szene der frühen 1990er Jahre hervorging. Zu den Gründungsmitgliedern zählten etoy.CARL (Gino Esposto), etoy.MATT (Michel Zai), etoy.DAVE (Daniel Udatny), etoy.JACK (Martin Kubli), etoy.TAKI (Fabio Gramazio), etoy.HANS (Luzius Bernhard) und etoy.MARK (Marky Goldstein). Die Mitglieder traten unter Codenamen auf und verschoben die individuelle Autorschaft zugunsten einer kollektiv organisierten Markenidentität.

Ein frühes Vorläuferprojekt war die sogenannte „HIRN-Lein“, bei der die Gruppe kostenpflichtige 156-Telefonnummern – damals vor allem für Telefonerotik genutzt – zweckentfremdete, um absurde und irritierende Erzählungen zu verbreiten. Dabei wurde erstmals das Prinzip erprobt, bestehende ökonomische Infrastrukturen für künstlerische Interventionen zu nutzen.

Etoy wurde 1996 mit dem digital hijack weltweit bekannt. Im gleichen Jahr gewann etoy den Prix Ars Electronica.

Nach der Emission der SHARES im Jahr 1998 kam es zu internen Differenzen über die strategische Ausrichtung der etoy.CORPORATION, die zu personellen Veränderungen führten. Mehrere Gründungsmitglieder schieden aus der Organisation aus. Von der ursprünglichen Besetzung verblieben insbesondere Fabio Gramazio, Michel Zai und Martin Kubli. Die juristische Struktur der Corporation, die Markenrechte sowie die emittierten Anteile blieben jedoch bestehen.

Die Kontinuität des Projekts war damit nicht an einzelne Personen gebunden, sondern an die formale Organisationsstruktur der Corporation, die weiterhin als Trägerin der künstlerischen Praxis fungierte.

Neue Agenten unterstützten etoy 1999/2000 im als toywar bekannt gewordenen Kampf gegen den Online-Spielwarenhändler eToys um die Internetdomain „etoy.com“ und amerikanische Markenrechte.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />THE TOYWAR-STORY (Memento vom 22. Juni 2021 im Internet Archive) (englisch).</ref> Es folgten weitere Projekte und Performances.

Seit 2005 arbeitet die etoy.CORPORATION an Mission Eternity. Die Regisseurin Andrea Reiter drehte einen Dokumentarfilm über dieses Kunstprojekt, das sich mit Tod und Verewigung auseinandersetzt. Sie und ihr Team folgten der etoy.CREW und ihrem Mission Eternity Sarkophag nach Berlin, Zürich, San Jose und Nevada. Die Hugofilm Produktion ist Anfang 2008 erschienen.<ref>Etoy – Mission Eternity. In: hugofilm.ch. Abgerufen am 9. März 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Über hundert etoy-Aktien (SHARES) sind im Besitz von Kunstsammlern, Museen und anderen. Jedes Zertifikat dokumentiert einen (Besitz-)Anteil am Gesamtwerk und stellt gleichzeitig einen wichtigen Moment der Firmen- oder Kunstgeschichte visuell dar.

Unternehmen

Corporate Identity

Seit den 1990er Jahren entwickelte etoy eine ausgeprägte Corporate Identity mit definierten Farbwerten, Logo-Systemen und standardisierten Kommunikationsformaten. Ein Übersicht gibt das etoy Identity Infosheet.

Die Künstlergruppe tritt nicht unter individuellen Künstlernamen auf, sondern verwendete ein System von Codenamen („etoy.AGENTS“). Die individuelle Autorschaft tritt hinter die kollektive Markenidentität zurück. Managemententscheidungen, Kapitalemissionen, Vertragsverhandlungen sowie technische und logistische Prozesse werden als Bestandteil der künstlerischen Produktion verstanden.

In der kunstwissenschaftlichen Literatur wird diese Struktur als Verschiebung von individueller Autorschaft hin zu einer kollektiv organisierten Markenidentität beschrieben.<ref name=":1">Julian Stallabrass: Internet Art: The Online Clash of Culture and Commerce. Tate Publishing, London 2003, ISBN 1-85437-345-5.</ref>

Die konsequente visuelle und organisatorische Einheitlichkeit der Gruppe wurde in der Rezeption als integraler Bestandteil der künstlerischen Praxis interpretiert. Organisationsform, Markenästhetik und Auftreten erscheinen dabei nicht als Begleiterscheinung, sondern als konstitutive Elemente des Werks.<ref name=":2">Christiane Paul: Digital Art. Thames & Hudson, London 2003, ISBN 0-500-20367-9.</ref>

Organisation

Die etoy.CORPORATION sucht seit 1994 unabhängig Wege, um alternative Produktionsbedingungen in der Kunst zu erforschen. Die wichtigste Grundlage dabei ist die Verwendung einer Firma, unter der alle etoy.AGENTS operieren. etoy ersetzt damit das Konzept des Einzel-Künstlers mit einem Namen und Zeichen, das für die Verbindung der individuellen Künstler steht. Alle Projekte von etoy basieren auf Zusammenarbeit, auf gegenseitiger Inspiration innerhalb einer organisierten Crew, auf Arbeitsteilung, Qualitäts-Kontrolle, Risiko-Verteilung etc. Der Einzel-Autor wird bewusst und prinzipiell abgelehnt, weil ein komplexes digitales Werk gleichermaßen von visuellen, technischen wie konzeptionellen Aspekten bestimmt und getragen wird. Es gibt keinen genialen Kopf hinter etoy, niemanden, der alleine imstande wäre, Operationen wie Mission Eternity<ref>missioneternity.org</ref> zu planen oder umzusetzen. Zur Verhinderung von Personenkult treten die etoy.AGENTEN in der Öffentlichkeit hinter das Markenzeichen zurück. Der AGENT als Individuum hat intern und bei der Abwicklung von Projekten oder als Investor eine große Bedeutung. Sein Stimmrecht und seine Besitzanteile an etoy sichern seine Einflussnahme. Jeder etoy.AGENT ist mit einem Veto-Recht ausgestattet, die seine etoy-Produktion zum Stillstand bringen kann, und jeder etoy.AGENT ist konzeptionell austauschbar.

In kunsttheoretischen Beiträgen wird dieses Modell teilweise in Beziehung zur von Joseph Beuys formulierten „sozialen Skulptur“ gesetzt.<ref name=":3">Reinhold Grether: Beitrag in: Rem Koolhaas (Hrsg.): Mutations. ACTAR, Barcelona 2001, ISBN 84-95273-51-9.</ref> Während Beuys gesellschaftliche Prozesse als formbares Material verstand, operiert etoy mit juristisch wirksamen und ökonomisch realen Strukturen. Der künstlerische Handlungsraum verschiebt sich damit von der Ausstellung in institutionelle und infrastrukturelle Systeme.

Das Modell zudem als Erweiterung konzeptueller und institutionenkritischer Strategien beschrieben, da nicht nur museale Rahmenbedingungen, sondern ökonomische und rechtliche Systeme selbst in die ästhetische Praxis integriert werden.<ref name=":1" /><ref name=":2" />

Management

etoy Agenten arbeiten für etoy und sind konzeptionell austauschbar. In der Praxis bilden fünf etoy.CORE-AGENTS das Management und den Kern der Organisation etoy. Sie verpflichten sich beim jährlichen General Meeting dazu, jeweils ein Jahr einen spezifischen Bereich zu leiten (Technologie, Finanzen etc.), und stehen dem Unternehmen zur kontinuierlichen Abwicklung des Tagesgeschäfts zur Verfügung.

Auswahl von etoy.AGENTS und etoy.SPECIAL-AGENTS:

  • etoy.ZAI – CEO, seit 1994
  • etoy.MONOROM – CTO, seit 1998
  • etoy.SILVAN – R & D SOFTWARE, seit 2003
  • etoy.VINCENT – CHEMISTRY & CODE, seit 2003
  • etoy.HAEFLIGER – INVESTOR RELATIONS, seit 2003
  • etoy.GRAMAZIO – PRESIDENT, seit 1994
  • etoy.KUBLI – LEGAL AFFAIRS, seit 1994
  • etoy.BALMER – CFO, seit 2006
  • etoy.MIR – etoy.TANK-PLANT architect, seit 1999
  • etoy.MARCOS – etoy.ART-COLLECTION, 2000–2007
  • etoy.STAMBERGER – logistics, food & beverage, seit 2000
  • etoy.ISA – M∞ SOUNDS, seit 2006
  • etoy.REID – M∞ VOICE, seit 2006
  • etoy.ROVERO – industrial design, seit 2005
  • etoy.SCOTT-DE-MARTINVILLE – industrial design, seit 2005
  • etoy.NEWTRON – system operator etoy.com, seit 1999
  • etoy.ROCKET – ground control, food & beverage, seit 2002
  • etoy.MARLAND – USA press speaker, seit 2006
  • etoy.MAX – press archive, seit 2005
  • etoy.TINU – SWISS handy man, seit 2006
  • etoy.MATHIS – grip, seit 2003
  • etoy.POL – etoy.POSTMASTER, seit 2005
  • etoy.ROCK – special effects & social engineering, seit 2003

Infrastruktur

Ende der 1990er Jahre entwickelte die Gruppe mobile Container-Strukturen (etoy.TANKS), die als Studio, Bühne und Büro fungierten. Diese modulare Infrastruktur wurde weltweit eingesetzt.

Parallel dazu betrieb die Gruppe eigene Serverinfrastrukturen und entwickelte mit den etoy.PACKAGES ein datenbankgestütztes System zur kollaborativen Erstellung und Verwaltung von Inhalten. Kommunikation, Archivierung und Distribution der Projekte wurden dauerhaft webbasiert organisiert.

In der kunstwissenschaftlichen Rezeption wird diese infrastrukturelle Selbstorganisation als charakteristisches Merkmal der etoy-Praxis beschrieben, da technische Systeme und organisatorische Prozesse nicht nur als Werkzeuge, sondern als Bestandteil der künstlerischen Umsetzung fungierten.<ref name=":1" />

Shareholders

1998 emittierte etoy 640 000 etoy.SHARES, die symbolisch 100 % der etoy.CORPORATION repräsentieren.

Die etoy.CORPORATION ist als Aktiengesellschaft nach schweizerischem Recht organisiert und im Handelsregister des Kantons Zug eingetragen, UID CHE-112.823.894.<ref>Eintrag der Aktiengesellschaft etoy.CORPORATION im Handelsregister des Kanton Zug. In: Handelsregister, Kanton Zug, Schweiz. 15. März 2006, abgerufen am 8. März 2026.</ref>

Mit dem Erwerb einer SHARE werden Käufer zu etoy.SHAREHOLDERS. Statt einzelne Werke zu verkaufen, bietet etoy Beteiligung an einer juristisch definierten Organisationsstruktur an.

etoy bezeichnet seine Organisationsform als „Corporate Sculpture“. Dabei handelt es sich um eine reale Aktiengesellschaft, deren juristische, wirtschaftliche und kommunikative Mechanismen integraler Bestandteil der künstlerischen Praxis sind. Die Corporation fungiert nicht lediglich als Träger einzelner Projekte, sondern als ästhetische Form und operatives Medium.<ref name=":0" />

Corporate Art Collection

Seit 2004 sammelt etoy Kunst in der Tradition von Unternehmen und Künstlern. Die Logik der etoy.ART-COLLECTION spiegelt den künstlerischen Kosmos der etoy.CORPORATION wider. Die Werke in der Sammlung sind in Interaktion mit anderen Künstlern und Unternehmen entstanden und dienen als Inspirationsquelle, technisches Experiment und intellektuelle Referenz für das eigene Schaffen.<ref name=":4">Regula Freuler: «etoy». In: Lexikon zur Kunst in der Schweiz, 2020 (erstmals publiziert 2005). SIKART, 2005, abgerufen am 8. März 2026.</ref>

Werke in der Sammlung etoy.ART-COLLECTION (Auswahl):

Produktion und Projekte (Auswahl)

Neben netzbasierten Projekten trat etoy wiederholt auch in physischen und medialen Öffentlichkeiten auf. Dadurch verband die Gruppe digitale Interventionen mit performativer Präsenz im öffentlichen Raum und erweiterte ihre Praxis über den rein virtuellen Kontext hinaus.

etoy.TANK-System (seit 1994)

Ab 1994 nutzte etoy für seine Webpräsenz das sogenannte etoy.TANK-System, eine visuelle Navigationsstruktur, die aus miteinander verbundenen „Tanks“ bestand. Die einzelnen Bereiche der Website waren als abgeschlossene Module organisiert, zwischen denen über grafisch dargestellte Verbindungen navigiert wurde.<ref name=":4" /> Das System wurde 1996 erstmals in einer Ausstellung an der Ars Electronica als begehbare Installation realisiert.<ref name=":5" />

digital hijack (1995–1996)

Mit dem Projekt digital hijack (1996) nutzte etoy die Logik früher Web-Suchmaschinen als künstlerisches Interventionsfeld. Durch automatisierte Generierung suchmaschinen-relevanter Inhalte wurden Anfragen zu populären Suchbegriffen auf Server der etoy.CORPORATION umgeleitet. Nach Angaben der etoy.CORPORATION selbst führte die Aktion dazu, dass rund 1,5 Millionen Internetnutzer über manipulierte Suchmaschinenergebnisse auf Server der etoy.CORPORATION gelangten.<ref>Ken Jones: KEN JONES presents: > digital hijack by etoy. Ken Jones, abgerufen am 9. März 2026.</ref>

Die technische Umsetzung basierte auf eigens entwickelten Skripten, mit denen eine große Anzahl indexierbarer Seiten erzeugt wurden. Diese Seiten enthielten stark nachgefragte Begriffe und beeinflussten dadurch die Relevanzbewertung der damaligen Suchmaschinen wie AltaVista oder Lycos.

Beim Aufruf der Website wurden Besucher mit der Nachricht „You have been hijacked by etoy. Do not panic.“ konfrontiert. Ein JavaScript-basiertes Fenster verhinderte zunächst das unmittelbare Verlassen der Seite. Die Navigation erfolgte über das etoy.TANK-System, das als visuelle Struktur durch die verschiedenen Bereiche der Plattform führte.

Für das Projekt digital hijack erhielt etoy 1996 die Goldene Nica des Prix Ars Electronica.<ref name=":5" />

In der kunstwissenschaftlichen Literatur wird digital hijack als frühe Form operativer Internetkunst beschrieben, da nicht nur Inhalte präsentiert, sondern infrastrukturelle Mechanismen der digitalen Öffentlichkeit gezielt genutzt wurden.<ref name=":1" /> Die gezielte Beeinflussung von Suchmaschinenmechanismen wird in diesem Zusammenhang als frühes Beispiel einer künstlerischen Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit und digitaler Öffentlichkeit diskutiert.<ref name=":2" />

etoy.SHARES (seit 1998)

etoy.SHARES fungieren als Schnittstelle zwischen Kunstwerk, Finanzinstrument und Identitätsmarker. Zertifikate werden als nummerierte Anteilsscheine ausgegeben und verfügen über sicherheitstechnische Merkmale wie holografische Elemente.<ref>etoy: etoy.SHARE and etoy.SHARE-CERTIFICATES. etoy, 1998, abgerufen am 9. März 2026.</ref>

In der kunstwissenschaftlichen Diskussion wird dieses Modell als Verschiebung von individueller Autorschaft hin zu einer verteilten, kapitalisierten Struktur beschrieben.<ref name=":1" /> Programmierer, Juristen, Designer, Administratoren und Investoren erscheinen in diesem Zusammenhang nicht als externe Dienstleister, sondern als integrale Bestandteile der organisatorischen Form, der „Corporate Sculpture“.

Das SHARE-Modell wird zudem als strukturelle Erweiterung konzeptueller und institutionenkritischer Praktiken eingeordnet, da ökonomische Mechanismen nicht nur thematisiert, sondern praktisch implementiert werden.<ref name=":2" />

2001 wurden im Rahmen der Ausstellung Credit Game am NTT InterCommunication Center (ICC), Tokio (2001) die etoy.FIZZLES eingeführt.<ref name=":8">Credit Game (2001). In: NTT InterCommunication Center. 2001, abgerufen am 9. März 2026.</ref> Der etoy.FIZZLE ist eine von etoy produzierte, lasergravierte Stahlkugel, die als symbolischer Mikro-Anteil innerhalb der etoy.CORPORATION konzipiert wurde und als „art-market shadow currency“ fungiert; etoy.FIZZLE Information Sheet. Jeder FIZZLE entspricht 1/32.000.000 der etoy.CORPORATION; 50 FIZZLE können in eine registrierte etoy.SHARE umgewandelt werden. Der etoy.FIZZLE ist auch Teil des von etoy entwickelten Wertesystems, das künstlerische Produktion, Beteiligung und Eigentum in einer symbolischen Ökonomie verbindet.

Toywar (1999–2000)

Toywar war ein öffentlich ausgetragener Rechtsstreit zwischen etoy (Künstlergruppe) und dem US-Onlinehändler eToys.com um die Domain etoy.com.<ref name=":6">David Streitfeld: A Cyberfight Over a Name. Hrsg.: The New York Times. 23. Dezember 1999.</ref><ref>Reinhard Storz: Etoy's Toywar. Online-Plattform Xcult.org, 10. Februar 2000, abgerufen am 9. März 2026.</ref><ref>Wark, M.: Toywars: Conceptual Art Meets Conceptual Business. M/C Journal, 2003, abgerufen am 9. März 2026.</ref>

eToys.com, das sich 1999 im Umfeld seines Börsengangs an der NASDAQ befand, argumentierte, die Ähnlichkeit der Domainnamen könne zu geschäftsschädigenden Verwechslungen führen.<ref name=":1" /> Medienberichten zufolge vertippten sich monatlich mehrere zehntausend Nutzer bei der Eingabe der Webadresse. etoy verwies auf die frühere Registrierung der Domain nach dem im Domainrecht üblichen Prinzip „first come, first served“. Nachdem etoy mehrere Kaufangebote für die Domain abgelehnt hatte, erwirkte eToys.com vor einem kalifornischen Gericht eine einstweilige Verfügung, infolge derer die Website von etoy zeitweise offline genommen wurde.<ref>Wired News (Hrsg.): Toywar Erupts Over Domain Name. 1999.</ref>

Die gerichtliche Verfügung führte zu einer breit rezipierten netzbasierten Mobilisierung. Über Mailinglisten, Online-Plattformen und Medienberichte organisierten Unterstützer koordinierte Informations- und Protestkampagnen.<ref name=":7">Jon McKenzie: Toywar: Net.Art and the Militarization of Information. In: Sociopoetics. 2001.</ref> Der Konflikt wurde international von Presse und Netzkultur-Medien aufgegriffen; es kam auch zu öffentlichen Protestaktionen, darunter Demonstrationen in New York.<ref name=":6" />

Im Rahmen der Auseinandersetzung entstand in Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Künstler- und Aktivistengruppe RTMark die Plattform toywar.com. Die Website fungierte als symbolisches Schlachtfeld und visualisierte Unterstützerinnen und Unterstützer von etoy in Form von Avataren. Zeitweise wurden dort rund 1.700 registrierte Teilnehmer angezeigt. Begleitend wurden Informationskampagnen und netzbasierte Protestformen organisiert, darunter virtuelle Sit-ins.<ref>Constantin Seibt: Die Zürcher, die vor Assange kämpften. Tages-Anzeiger, 24. Dezember 2010, abgerufen am 8. März 2026.</ref>

Während der Auseinandersetzung verzeichnete eToys.com einen deutlichen Kursrückgang an der NASDAQ.<ref>David Streitfeld: Online Toy Seller Drops Suit in Name Dispute. In: The New York Times. New York 27. Januar 2000.</ref> Der Aktienkurs fiel zwischen November und Dezember 1999 von 67 auf 34 US-Dollar. In der zeitgenössischen Berichterstattung wurde diskutiert, inwiefern negative Presse, Protestaktionen und die allgemeine Volatilität des Dotcom-Marktes zu dieser Entwicklung beitrugen. Im Januar 2000 zog eToys.com die Klage vollständig zurück; etoy behielt die Domain.<ref>EToys Relents, Won't Press Suit. In: Wired.com. 29. Dezember 1999, Archived from the original on March 3, 2000. Retrieved March 14, 2026 (archive.org).</ref>

In der medien- und kunstwissenschaftlichen Literatur wird Toywar als frühes Beispiel digitaler Öffentlichkeitsbildung und vernetzter kollektiver Aktion im Internet diskutiert.<ref name=":1" /><ref name=":2" /><ref name=":7" /> Der Konflikt gilt zudem als prägender Fall eines markenrechtlichen und symbolischen Machtkampfs im entstehenden E-Commerce-Zeitalter, bei dem Domainnamen als ökonomische und kulturelle Ressourcen sichtbar wurden.<ref>Birgit Richard: Am Anfang war das Wort: Domain wars! In: Kunstforum International. Band 153, 2000.</ref>

etoy.DAY-CARE (2001–2003)

etoy.DAY-CARE wurde 2001 konzipiert und erstmals 2002 an der Biennale Internazionale Arte Giovanne, die von Michelangelo Pistoletto geleitet wurde, umgesetzt.<ref name=":9">Biennale Internazionale Arte Giovane, BIG Torino, It's a Big Social Game. In: e-flux Announcements. e-flux, 9. Mai 2002, abgerufen am 9. März 2026.</ref> Es folgten Projekte in Amsterdam und Zürich.

Ziel war, die Identität, das Gruppenverhaltensmuster und das kreative Potenzial von Kindern in digitalen Umgebungen zu erforschen. Ein wichtiger Ansatz bestand darin, Kinder aktiv in die Produktion von Kunst einzubeziehen, anstatt ihnen lediglich Kunst zu vermitteln. etoy.DAY-CARE bot eine spielerische und unvoreingenommene Umgebung, um Kunst mit Kindern zu testen und weiterzuentwickeln.

Mission Eternity (seit 2005)

Seit 2005 arbeitet etoy am Langzeitprojekt Mission Eternity, das sich mit digitaler Archivierung, Erinnerungskultur und der Frage nach digitaler Unsterblichkeit im Informationszeitalter beschäftigt.

Zentrales Element ist der MISSION ETERNITY SARCOPHAGUS – ein modifizierter, begehbarer 20-Fuß-Container, dessen Innenraum aus einer Matrix von rund 17.000 LED-Lichtern besteht. Der Sarkophag fungiert als physische Schnittstelle zu den sogenannten „Arcanum Capsules“, in denen digitale Daten von „Mission Eternity Testpiloten“ gespeichert und über ein verteiltes Netzwerk redundant archiviert werden.

Der MISSION ETERNITY SARCOPHAGUS wurde 2006 im Rahmen des International Symposium on Electronic Art (ISEA2006) in San Jose öffentlich präsentiert, als Teil des Festivals „ZeroOne – A Global Festival of Art on the Edge“.

Im Mai 2007 integrierte etoy die sterblichen Überreste des US-amerikanischen Psychologen, LSD-Forschers und Gegenkultur-Vertreters Timothy Leary in das Projekt; Leary wurde innerhalb von Mission Eternity als erster „Pilot“ bezeichnet.

Der Sarkophag wurde in den folgenden Jahren unter anderem bei der Ars Electronica (Linz),<ref name=":10" /> bei Manifesta 7<ref name=":11">MANIFESTA 7, etoy's MISSION ETERNITY, SELF-ENCAPSULATION. MANIFESTA, 2008, abgerufen am 9. März 2026.</ref> sowie im National Art Museum of China (Peking)<ref name=":12" /> ausgestellt.

Als weitere „Mission Eternity Bridge“ entwickelte etoy 2010 Mission Eternity Tamatar: einen Schwarm aus 16 autonomen, kinetischen Objekten, der Prinzipien der Selbstorganisation nutzt, um Datenfragmente eines Testpiloten in physisches Verhalten und akustische Äußerungen zu übersetzen.<ref>Silvan Zurbrügg: Mission Eternity Tamatar – Evoking Mr. Sepp Keiser in a swarm of 16 inspirited objects. (PDF) In: ZHdK (Masterarbeit, FE Interaction). Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), 28. Mai 2010, abgerufen am 9. März 2026.</ref> Die Arbeit entstand in Kollaboration mit etoy und basiert auf der Analyse der digitalen Hinterlassenschaft des Mission-Eternity-Testpiloten Sepp Keiser. Die Tamatar wurden erstmals im Ausstellungskontext der Schau „Silicon Dreams – Art, Science and Technology in the European Union“ (San Sebastián, 2010) präsentiert.<ref name=":10" />

Für das Projekt Mission Eternity erhielt etoy 2007 den Premio VIDA der Fundación Telefónica (Spanien).<ref name=":13" />

Ausstellungen und Sammlungen (Auswahl)

etoy war in internationalen Museen, Kunsthallen und Medienkunst-Festivals vertreten und präsentierte Projekte an der Schnittstelle von Netzkunst, Organisationsform und ökonomischer Struktur.

Einzelausstellungen

Gruppenausstellungen

Öffentliche Sammlungen

Auszeichnungen (Auswahl)

Bedeutung

In der kunstwissenschaftlichen Rezeption gilt etoy als prägende Position der Netzkunst (Net.art) der 1990er Jahre. Die Gruppe verschob den Fokus von der rein digitalen Ästhetik auf Markenrecht, Kapitalstruktur und Organisationsform selbst und erklärte die Corporation zur künstlerischen Skulptur.<ref name=":1" />

etoy verwischt die Grenzen künstlerischer Autorenschaft, indem wechselnde Mitglieder (Agents) die Produktionsarbeiten tragen und Investoren an der Marke etoy teilhaben können. Dies ermöglicht es etoy, unterschiedliche Ressourcen und Fähigkeiten zu kombinieren. Die Echtheit der Werke und Dokumente wird durch das etoy.HOLOGRAM authentifiziert.<ref name=":4" />

In der kunstwissenschaftlichen Literatur wird etoy im Kontext der Net Art der 1990er Jahre diskutiert.<ref name=":1" /><ref name=":2" />

Autoren wie Julian Stallabrass, Josephine Bosma und Reinhold Grether verorten Projekte wie digital hijack und Toywar im Feld der Internetkunst.<ref>Josephine Bosma: Constructing Media Spaces. In: Rudolf Frieling, Dieter Daniels (Hrsg.): Media Art Net 2. Springer, Wien/New York 2005, ISBN 3-211-27506-1.</ref><ref name=":3" />

Das Modell der „Corporate Sculpture“ wird in einzelnen Beiträgen in Beziehung zur von Joseph Beuys formulierten „sozialen Skulptur“ gesetzt.<ref>Reinhold Grether: Beitrag in: Rem Koolhaas (Hrsg.): Mutations. ACTAR, Barcelona 2001, ISBN 84-95273-51-9.</ref>

Die Arbeiten der Gruppe werden in Publikationen zur digitalen Kunst und Medienkunst behandelt, unter anderem in Überblickswerken zur Medienkunst.<ref>Stephen Wilson: Information Arts: Intersections of Art, Science, and Technology. MIT Press, Cambridge MA 2002, ISBN 0-262-73158-4.</ref>

Weblinks

Filme und TV-Beiträge

Konferenzen

Einzelnachweise

<references />

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