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Erwin Pröll

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Datei:Erwin Pröll (cropped, 2016-06-30).jpg
Erwin Pröll (2016)

Erwin Pröll (* 24. Dezember 1946 in Radlbrunn, Niederösterreich) ist ein ehemaliger österreichischer Politiker (ÖVP), der von 1992 bis 2017 Landeshauptmann von Niederösterreich war.

Von 1980 bis 1981 war er Landesrat in der Niederösterreichischen Landesregierung Maurer IV, danach bis 1992 1. Landeshauptmann-Stellvertreter (Landesregierungen Ludwig I, Ludwig II, Ludwig III). Von 1992 bis 2017 war er Landesparteiobmann der Volkspartei Niederösterreich.

Leben

Prölls Eltern waren Weinbauern. Er besuchte die Volksschule in Radlbrunn und die Hauptschule in Ziersdorf. Nach der Matura in Tulln studierte er an der Universität für Bodenkultur Wien und schloss 1976 sein Studium als Agrarökonom mit dem akademischen Grad Dr. nat. tech. ab.<ref>landtag-noe.at: Dr. Erwin Pröll. Abgerufen am 7. Januar 2016.</ref><ref>parlament.gv.at: Dipl.-Ing. Dr. Erwin Pröll. Abgerufen am 7. Januar 2016.</ref> Noch vor seiner Promotion wurde er 1972 als wirtschaftspolitischer Referent in den Österreichischen Bauernbund geholt. Mit 33 Jahren wurde er in die niederösterreichische Landesregierung gewählt, seit Jänner 1981 als Landeshauptmann-Stellvertreter. Am 22. Oktober 1992 wurde Pröll Landeshauptmann von Niederösterreich. Mit 25 Jahren Amtszeit war er nach Heinrich Gleißner der am längsten dienende österreichische Landeshauptmann.

Gemeinsam mit seiner Ehefrau Elisabeth (geboren 1950 in Wien als Elisabeth Terebesy) hat er vier Kinder. Er ist der Onkel des ehemaligen österreichischen Bundesministers für Finanzen und Vizekanzlers Josef Pröll.

Er ist Ehrenmitglied der Ö.k.a.V. Rhaeto-Danubia Wien, der K.Ö.H.V. Franco-Bavaria Wien, der K.Ö.A.V. Floriana St. Pölten im Österreichischen Cartellverband (ÖCV) und bei der K.Ö.Agr.St.V. Bergland zu Wieselburg im Mittelschüler-Kartell-Verband (MKV). Außerdem ist er Mitglied der Rotarier.<ref>Netzwerke zum Erfolg: FORMAT zeigt, in welchen Zirkeln sich die Business-Elite trifft. In: Format. 3. März 2006, abgerufen am 7. Januar 2016.</ref>

Politischer Werdegang

  • Landesrat vom 27. März 1980 bis zum 22. Jänner 1981
  • Landeshauptmann-Stellvertreter vom 22. Jänner 1981 bis zum 21. Oktober 1992
  • Landeshauptmann vom 22. Oktober 1992 bis 19. April 2017

Politisches Wirken

In seine Amtszeit fiel die Übersiedlung der niederösterreichischen Landesregierung mit dem Amt der NÖ Landesregierung und weiterer Institutionen von Wien in das Sankt Pöltner Landhausviertel.

Pröll gilt als Verfechter der sogenannten Großen Koalition aus ÖVP und SPÖ. Im Jahr 2000 war er noch Befürworter von Schwarz-Blau, zwei Jahre später sprach er sich gegen ein neuerliches Zusammengehen mit der FPÖ aus. Pröll pflegt auch ein gutes Verhältnis zum ehemaligen Wiener Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ). Pröll gilt in der ÖVP als einer der einflussreichsten Politiker,<ref name="kurier:pröll">Peter Rabl: Heute geht es nicht nur um Erwin Pröll. In: Kurier. 8. März 2008. (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />kurier.at (Memento vom 9. März 2008 im Internet Archive))</ref> der sich zugleich öffentlich gerne gegen die Bundes-ÖVP stellt.<ref name="standard:kopfdestages">Gerald John: Kopf des Tages: Triumphator mit vielen Gesichtern. In: Der Standard. 10. März 2008.</ref> So führte Pröll vor der Bundespolitik die Senkung der Schülerhöchstzahl auf 25 ein, präsentierte ein eigenständiges Pflegemodell oder auch ein Schulmodell für Niederösterreich.

Bereits als junges Mitglied der Landesregierung verfolgte Pröll Umweltthemen und forderte eine CO2-Abgabe.<ref name="wienerzeitung:pröll" />

Von 1992 bis 2017 war er als Nachfolger von Siegfried Ludwig Landeshauptmann von Niederösterreich und bei den niederösterreichischen Landtagswahlen in den Jahren 1993, 1998, 2003, 2008 und 2013 Spitzenkandidat der ÖVP Niederösterreich. Bei der ersten Landtagswahl mit Pröll als Spitzenkandidat 1993 verlor die ÖVP 3,37 % der abgegebenen Stimmen und konnte bei der darauffolgenden Landtagswahl 1998 mit einem Plus von 0,64 % der abgegebenen Stimmen 44,87 Prozent erreichen.

Prölls in Niederösterreich geplante Handymastensteuer<ref>noe.orf.at: Kein Nachgeben bei der Handymastensteuer.</ref> sorgte für europaweite Aufregung. Diese Steuer wurde zunächst mit den Stimmen von ÖVP und SPÖ beschlossen, nach einer Einigung mit den Mobilfunkbetreibern über gemeinsam errichtete und benutzte Masten jedoch wieder abgeschafft, was von EU-Kommissarin Viviane Reding begrüßt wurde.<ref>futurezone.orf.at: Niederösterreich verzichtet auf Mastensteuer</ref>

2003 erreichte die ÖVP Niederösterreich bei den Landtagswahlen mit 53,3 Prozent erstmals seit 1983 wieder die absolute Mehrheit.<ref name="presse:pröll">Oliver Pink: Erwin Pröll – Der Putin von St. Pölten. In: Die Presse. 9. März 2008.</ref> Während seiner dritten Amtszeit wurde das Institute of Science and Technology Austria in Klosterneuburg realisiert.<ref>Pröll pocht bei SPÖ auf Zusagen für Elite-Uni, Die Presse 23. März 2007</ref> In diese Amtszeit fielen auch Projekte wie der Campus Krems, das Krebsforschungszentrum MedAustron in Wiener Neustadt, das Forschungszentrum Tulln, der Wirtschafts- und Gewerbepark Industriezentrum NÖ Süd sowie die erste Biospritanlage Österreichs im Tullnerfeld. 2007 wurde Niederösterreich durch die EU-Kommission als innovativste Region Europas ausgezeichnet.<ref name="presse:pröll" /> Im ersten Halbjahr 2006 war er Gastgeber einer Subsidiaritätskonferenz von EU-Politikern.

Bei der niederösterreichischen Landtagswahl 2008 erreichte die ÖVP mit Spitzenkandidat Pröll erneut die absolute Mehrheit mit 54,39 Prozent der abgegebenen Stimmen und 1,1 Prozentpunkten mehr als 2003. Hauptmotive für die ÖVP-Wähler waren laut Umfragen der Spitzenkandidat Pröll und die gute Entwicklung Niederösterreichs.<ref>Jeder dritte Arbeiter wählte rot. In: derStandard.at, 27. März 2008. Abgerufen am 7. Mai 2015.</ref> Im Wahlkampf hatten sich prominente Persönlichkeiten für Pröll ausgesprochen, darunter „auch nicht allzu bürgerliche Künstler wie der Karikaturist Manfred Deix und die Schauspielerin Erika Pluhar“,<ref name="standard:kopfdestages" /> aber auch der österreichische Fußball-Teamchef Josef Hickersberger, der Festspielleiter Harald Serafin und der Schauspieler Felix Dvorak.<ref>Homepage des Personenkomitees wir:pröll @1@2Vorlage:Toter Link/www.wir-proell.atwir-proell.at (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im September 2019. Suche im Internet Archive )</ref> Während des Wahlkampfs hatte sich Pröll gegen den Bau von Minaretten in Niederösterreich ausgesprochen und diese als „artfremd“ bezeichnet, außerdem hatte er vorgeschlagen, die Strafregisterauszüge von Asylwerbern zu publizieren.<ref name="standard:kopfdestages" />

Bei der niederösterreichischen Landtagswahl 2013 erreichte die ÖVP mit Spitzenkandidat Pröll knapp die absolute Mehrheit mit 50,79 Prozent der abgegebenen Stimmen und damit 3,6 Prozentpunkte weniger als bei der Landtagswahl 2008.

Pröll wurde innerhalb der ÖVP immer wieder als Anwärter für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt, zuletzt bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich 2016.<ref>Pröll kandidiert nicht als Bundespräsident, Artikel der Presse vom 13. Oktober 2009.</ref><ref>Bundespräsident: VP-Fanklub für Erwin Pröll wächst</ref> In mehreren Interviews gab er jedoch wiederholt bekannt, dass dieses Amt nicht in seiner „Lebensplanung“ vorgesehen sei.<ref>Pröll sagt Kandidatur als Bundespräsident ab In: oe24.at, 4. September 2014. Abgerufen am 7. Mai 2015.</ref><ref>kurier.at - "Hofburg: Pröll will nicht bei Bundespräsidentenwahl kandidieren"</ref><ref>Pröll: "Man muss wissen, wo man hingehört" In: DerStandard.</ref><ref>Interview mit Erwin Pröll zu seiner Absage</ref>

Am 17. Jänner 2017 gab Pröll bekannt, dass er im März des Jahres von allen seinen politischen Ämtern zurücktreten werde.<ref>STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H.: Erwin Pröll tritt im Frühjahr zurück. In: derStandard.at. (derstandard.at [abgerufen am 17. Januar 2017]).</ref> Am 18. Jänner 2017 wurde darauf in einer Pressekonferenz seine Stellvertreterin Johanna Mikl-Leitner als Nachfolgerin präsentiert<ref>Nachfolge in Niederösterreich fixiert: Auf Pröll folgt Mikl-Leitner als Landeshauptfrau. Abgerufen am 18. Januar 2014.</ref>, welche am 19. April 2017 zur neuen Landeshauptfrau gewählt wurde.

Am 24. März 2017 wurde Pröll im Zuge des Landesparteitags 2017 zum Ehrenparteiobmann der Volkspartei Niederösterreich gewählt.

Am 7. September 2017 wurde Pröll zum Honorarkonsul der Republik Slowenien in Niederösterreich ernannt.<ref>Erwin Pröll wurde Honorarkonsul Sloweniens - noe.ORF.at. Abgerufen am 7. September 2017.</ref>

Im ersten Halbjahr 2018, während Bulgarien den EU-Ratsvorsitz innehatte, war Pröll als Berater für den bulgarischen Ministerpräsidenten, Bojko Borissow tätig.<ref>Pröll wird Berater des Landes Bulgarien - noe.ORF.at. Abgerufen am 26. Februar 2018.</ref>

Im Februar 2018 unterschrieb Pröll, entgegen dem ÖVP/FPÖ-Regierungsprogramm im Bund, neben anderen prominenten ÖVP-Politikern das Anti-Raucher-Volksbegehren Don't smoke, das sich für ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie einsetzt.<ref>Pröll und Mitterlehner unterschreiben - news.ORF.at. Abgerufen am 26. Februar 2018.</ref>

Kritik

Ein Hauptkritikpunkt an Prölls Umgang mit Kritik ist die angebliche Vereinnahmung der Medien, besonders des ORF Niederösterreich und der Niederösterreichischen Nachrichten; kritische Berichte würden mit Androhung des Anzeigenentzugs befreundeter Wirtschaftsunternehmen beantwortet.<ref>Christof Chorherr: Autoritär, brutal, vordemokratisch, Die Presse, 25. Februar 2008, abgerufen am 11. März 2008.</ref> Peter Rabl schrieb in der österreichischen Tageszeitung Kurier: „Pröll hat das Land mit starker, gelegentlich brutaler Hand, aber mit großer persönlicher Offenheit und Breite sehr erfolgreich geführt. Bezeichnenderweise fallen den Wahlkämpfern der anderen Parteien kaum sachliche Vorwürfe gegen die bisherige Landespolitik ein.“<ref name="kurier:pröll" /> Pröll wurde in der Wiener Zeitung als „traditioneller Machtpolitiker“<ref name="wienerzeitung:pröll">Der Volkstribun mit dem Zug zur Macht aus Radlbrunn. In: Wiener Zeitung. 9. März 2008 (abgerufen am 7. November 2013)</ref> beschrieben, den „eine fast legendäre Jovialität“<ref name="wienerzeitung:pröll" /> umgebe, die „jedoch oft nur bis zur ersten kritischen Frage“<ref name="wienerzeitung:pröll" /> andauere, weswegen es Journalisten „nicht immer leicht mit Erwin Pröll“<ref name="wienerzeitung:pröll" /> hätten. Gerald John vom Standard fasste es so zusammen: „Wer, vom Pfarrer bis zum Journalisten, zur falschen Zeit aufmuckt, wird mitunter zusammengestaucht. Widerspruch ist in Prölls politischem Mikrokosmos nicht vorgesehen.“<ref>Gerald John: Kopf des Tages: Triumphator mit vielen Gesichtern, derStandard.at, 10. März 2008.</ref> Eric Frey vom Standard schreibt zu Pröll: „Pröll macht mir Angst. Er ist ein charismatischer, aber willkürlicher, autoritärer und nachtragender Machtmensch, der glaubt, dass sein Wille Gesetz ist. Eine echte Opposition hat er keine, kritische Landesmedien auch nicht.“<ref>Eric Frey: Erwin Pröll macht mir Angst. derStandard.at, 11. Mai 2014.</ref>

Mit 150.000 Euro, die dem Politiker 2006 zu seinem 60. Geburtstag von nicht namentlich bekannten Spendern zuflossen, richtete er 2007 die Dr. Erwin Pröll Privatstiftung, eine wohltätige Privatstiftung, ein. Diese kam Anfang 2017 in die Kritik, nachdem bekannt wurde, dass von der niederösterreichischen Landesregierung mehr als eine Million Euro an Förderungen dafür beschlossen wurden, ohne jemals die Öffentlichkeit über die Förderung zu informieren.<ref>Florian Klenk: Geheimsache Pröll. Falter, 10. Januar 2017, abgerufen am 30. März 2017.</ref> Eine Untersuchung des Landesrechnungshofes kam zum Schluss, „dass die Förderung im Rahmen der Privatwirtschaftsverwaltung abgewickelt wurde, dass die Vorgangsweise von den Allgemeinen Richtlinien für Förderungen des Landes Niederösterreich abwich, ohne dass dies in den Regierungsbeschlüssen ausdrücklich ausgesprochen wurde, sich auf kein Förderungsgesetz stützen konnte und mit Interessenkollisionen behaftet war“.<ref>STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H.: Landesrechnungshof: Scharfe Kritik an Pröll-Privatstiftung. In: derStandard.at. (derstandard.at [abgerufen am 16. Juli 2017]).</ref> Die Stiftung, die bereits vor Veröffentlichung des Berichts angekündigt hatte, das geförderte Geld dem Land zurückzuzahlen, da die Stiftungsziele nicht erreichbar wären, hat dies, wie sich herausstellte, entgegen den eigenen Angaben nicht freiwillig getan, sondern war von der zuständigen Stelle des Landes dazu aufgefordert worden.<ref>STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H.: Landesrechnungshof: Scharfe Kritik an Pröll-Privatstiftung. In: derStandard.at. (derstandard.at [abgerufen am 16. Juli 2017]).</ref>

Ein anderer Kritikpunkt betrifft sein laut Anneliese Rohrer verlorenes Gefühl für die Unterscheidung von Schicklichem und Unschicklichem.<ref>Annelise Rohrer; Erwin Pröll, der Verführer! Die Presse vom 8. Juni 2014.</ref>

Trivia

Pröll hat, nach eigener Angabe im Jahr 1995, nur „ein einziges Buch ganz gelesen“ (Karl Mays Der Schatz im Silbersee).<ref>Der Spiegel, Ausgabe 30/1995, Personalien</ref> Er ist leidenschaftlicher Radsportler.<ref>Erwin Pröll bei Radunfall schwer verletzt, ORF-online vom 9. August 2017.</ref> Nach ihm wurde die Dr.-Erwin-Pröll-Warte am Hirschenkogel benannt.

Im August 2017, Juli 2018 und im Juni 2025 erlitt Pröll Fahrradunfälle, bei denen er sich schwer verletzte.<ref>Radrennen: Ex-Landeshauptmann Pröll gestürzt. 14. Juli 2018 (orf.at [abgerufen am 1. September 2018]).</ref><ref>https://www.meinbezirk.at/hollabrunn/c-lokales/alt-landeshauptmann-erwin-proell-schwer-gestuerzt_a7416413</ref>

Auszeichnungen

Ehrenbürgerschaften

Filme

Schriften

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

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