Edigna von Puch
Edigna von Puch (* 11. Jahrhundert in Frankreich?; † 26. Februar 1109 in Puch bei Fürstenfeldbruck in Bayern) war eine Einsiedlerin, die laut Legende in einer hohlen Linde lebte. Ihr Leben ist nicht belegt. In der katholischen Kirche wird sie als Selige verehrt.
Legende
Der Legende nach war Edigna die Tochter des Königs von Frankreich. Als ihr Gelöbnis ewiger Jungfräulichkeit durch eine geplante Heirat in Gefahr geriet, soll sie in der schlichten Kleidung einer Bettlerin nach Deutschland geflohen sein. Sie soll 35 Jahre lang in einer hohlen Linde zu Puch ein frommes Leben als Einsiedlerin verbracht haben. Sie habe das Volk im christlichen Glauben und Allgemeinwissen unterrichtet. Nach Edignas Tod am 26. Februar 1109 sei aus der Linde ein heilendes Öl geflossen, das aber versiegte, als man es gegen Geld verkaufen wollte.
Historizität
Zweifelhaft ist, dass Edigna eine Prinzessin von Frankreich war. Eine Edigna oder eine Tochter, die sich einer Heirat entzog, ist für beide Könige Frankreichs, die zeitlich in Frage kommen, nicht überliefert. Da Edigna laut Legende Lesen und Schreiben konnte, ist von adeliger Herkunft auszugehen. Auch scheint sie keine Deutsche gewesen zu sein. Beide Merkmale könnten in der Legende fortgelassen werden, ohne dass sich die Aussage verändern würde.
Baumkult
Die Edigna-Linde gilt als tausendjährige Linde. Von manchen wird sie auf ein Alter von 1.200 Jahren geschätzt. Sie wäre damit so alt wie die im 8. Jahrhundert bezeugte Kirche, die damals dem Erzengel Michael geweiht war. Kirche und Linde stehen so dicht beisammen, dass sie sich berühren. So manches in der Legende rückt Edigna in die Nähe einer heidnischen Göttin, die ähnlich wie eine Dryade im Baum verehrt wurde. Dazu zählt, dass sie eine jungfräuliche Königstochter war, dass sie mit einem Ochsenkarren wie Nerthus über das Land fuhr, dass ein Hahn ihr Tier war, sie 35 Jahre lang im Baum lebte und dass die Linde nach ihrem Tod ein heilendes Öl absonderte. Gegen den ausgeprägten Baumkult der Germanen musste die Kirche lange kämpfen und schlussendlich, weil das Volk nicht davon lassen wollte, einige Baumheiligtümer christianisieren. Im 19. Jahrhundert kommt Johann Wilhelm Wolf deswegen zu dem Schluss, dass Edignas Legende auf eine Verehrung der Göttin Hulda/Perchta zurückgehe.<ref>Johann Wilhelm Wolf: Beiträge zur deutschen Mythologie. Band 1, 1852, S. 169–171.</ref> Auch wenn diese Deutung veraltet ist, bleibt zwischen Edigna und der Linde eine Nähe, die unter den christlichen Heiligen außerordentlich ist.
Verehrungsgeschichte
Legende und Kult Edignas werden erstmals durch Abbildungen des frühen 15. Jahrhunderts bezeugt. Sie wird in Nonnengewand mit Königskrone dargestellt. In den Händen hält sie die heilige Schrift, auf der ein Hahn steht. Das älteste schriftliche Zeugnis über Edigna stammt aus dem Jahr 1554 von Johannes Aventinus in Annales Ducum Boiariae. Er schreibt, dass in Puch eine Edigna begraben sei, die viel verehrt und besonders bei Verlust und Diebstahl angerufen werde. Ihre Legende überliefert uns 1624 Matthäus Rader in seinem Werk Bavaria Sancta et Pia. Er beruft sich auf eine Tafel, die er in der Pucher Kirche vorgefunden habe, und auf „Jahrschriften“. Etwa um 1600 werden die Gebeine Edignas erhoben und dem Volke zur Verehrung zugänglich gemacht. Wallfahrt aus den umliegenden Dörfern setzt ein. Rader berichtet für den Zeitraum von 1590 bis 1616 auch von Wunderheilungen durch die Fürbitte Edignas. Das älteste noch erhaltene Votivbild stammt von 1639. Die Wallfahrt wird nicht nur vom nahen Kloster Fürstenfeld, dem die Kirche in Puch zugeordnet ist, gefördert. Begünstigt wird sie insbesondere auch durch den Besuch von Damen des Hochadels. Die erste Frau Maximilians I. von Bayern, Elisabeth von Lothringen, unternahm bis zu ihrem Tod 1633 jährlich eine Wallfahrt nach Puch. Die Witwe des deutschen Kaisers Ferdinand II., Eleonore von Mantua, verlobte sich zur seligen Edigna wegen eines verlorenen wertvollen Schmuckstücks, das danach auch bald gefunden wurde (Votivtafel von 1654). Trotzdem blieb die Verehrung Edignas immer auf den näheren Umkreis beschränkt.
Heutige Verehrung
Edigna ist eine Selige der katholischen Kirche. Sie wurde zwar nie kanonisiert, wird aber im Heiligen- und Seligenverzeichnis im Institut Papst Johannes XXIII. der Lateran-Universität in Rom als Selige geführt.
Als (mögliche) Verwandte ukrainischer Heiliger wird sie auch in östlichen Kirchen verehrt, wie Besuche von Gruppen der russisch-orthodoxen Kirche, der mit Rom unierten ukrainischen Kirche im Exil und der katholischen Ukrainer des byzantinischen Ritus in Puch zeigen.
Hauptverehrungsstätte ist die Kirche St. Sebastian in Puch, die auf Edigna ausgerichtet ist. Beide Deckengemälde zeigen Szenen ihrer Legende (Joseph Krenauer, 18. Jahrhundert). Insbesondere die linke Kirchenseite ist ihr gewidmet: Edigna-Seitenaltar (19. Jahrhundert) mit ihren Reliquien und Ölbild, eine Statue Edigna in der Linde (18. Jahrhundert) neben dem Hochaltar und ein weiteres Gemälde Edignas Ankunft in Puch auf dem Ochsenkarren, das auf der Vorlage des Kupferstichs Raphael Sadelers in der Bavaria Sancta et Pia (17. Jahrhundert) beruht. Im hinteren Teil der Kirche hängt eine Auswahl von über 20 Votiv- und Gedenktafeln, die im Zeitraum von 1639 bis heute gestiftet wurden. Außen, an der Linde, steht ein Glasbehälter für Andachts- und Opferkerzen. Daneben eine bemalte Holzfigur der Seligen in einer kleinen Kapelle.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
In der niederbayerischen Gemeinde Hunderdorf steht im Ortsteil Hofdorf die Katholische Filialkirche St. Edigna, die 1701 erbaut wurde. Auf dem Altargemälde wird Edigna mit Totenkopf und Geißel dargestellt. In der Kapelle wird auch eine Handreliquie der Seligen aufbewahrt.<ref>Bernhard Hermann Röttger: Die Kunstdenkmäler von Niederbayern. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe München 1929. München 1982, ISBN 3-486-50498-3, Stichwort: Hofdorf.</ref>
Im Fenster der Thomas- und Korbiniankapelle des Münchner Frauendoms zeigt eine Glasmalerei Robert Rabolts von 1965 die Heiligen des Erzbistums München-Freising, unter ihnen auch Edigna. Im Frauendom befand sich ursprünglich auch das erste bildliche Zeugnis Edignas, ein Altarflügel des 15. Jahrhunderts, der heute im Bayerischen Nationalmuseum ausgestellt ist. Dort ist auch das andere erste Bildzeugnis, ein weiterer Altarflügel aus derselben Zeit, zu sehen.
Drei jährliche Wallfahrten führen von den Pfarrgemeinden von Oberpfaffenhofen bei Weßling, Mitterndorf bei Dachau und St. Bernhard in Fürstenfeldbruck zu Edigna nach Puch. Bis ins 20. Jahrhundert wallfahrte auch Dachau, wo Edigna nach dem Zeugnis der Votivtafeln größere Bedeutung erlangt hatte, nach Puch. Dabei ging man in der Pucher Kirche dreimal um den Altar und läutete mit der Handglocke der Edigna, um die Patronin auf die mitgebrachten Anliegen besonders aufmerksam zu machen (laut einem Zeugnis Mitte des 20. Jahrhunderts).<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Auch heute noch wird nach einem Wallfahrtsgottesdienst mit der Edigna-Glocke geläutet.
Seit 1959 finden alle 10 Jahre in Puch zu ihrem Gedenktag die Edigna-Festspiele statt, die ein Theaterstück beinhalten, das das legendäre Leben und Wirken Edignas darstellt.
Der Vorname Edigna wird selten vergeben.<ref>Cornelia Nitsch: Vornamen für Mädchen. Verlag Gräfe und Unzer, 2008, ISBN 978-3-8338-1028-2, S. 72: „Edigna: ungewöhnlich in unseren Zeiten.“</ref>
Bedeutung
Edigna wurde in der unmittelbaren Umgebung im Umkreis von etwa 25 km verehrt.
Verehrungsangaben
- Gedenktag: 26. Februar.
- Reliquien: In der Pucher Kirche St. Sebastian befinden sich ihre Gebeine in einem Glasschrein. In der Kirche wird auch die Handglocke Edignas aufbewahrt. Vor der Kirche steht die Edigna-Linde. Eine Handreliquie ist in der Kirche St. Edigna in Hofdorf.
- Attribute: In der Linde thronend mit Lilie, gelegentlich mit Krone und Zepter. Sie wird auch in zeitgenössischer bayerischen Gewandung dargestellt, am Ochsenkarren, mit Glocke, Hahn und Fuhrmann.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>
Literatur
- Robert Böck: Wallfahrt im Dachauer Land. Landshut 1991, ISBN 3-926355-07-7, S. 265–268.
- Brigitta Klemenz (Hrsg.): Edigna zu Puch. Festschrift aus Anlaß der 5. Edigna-Festspiele. Fürstenfeldbruck 1999.
- {{#if: Ekkart Sauser|Ekkart Sauser: }}Edigna von Puch. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL){{#if:16|. Band 16, Bautz, {{#switch:16
|1=Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage. Hamm 1990, ISBN 3-88309-013-1 |2=Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8 |3=Herzberg 1992, ISBN 3-88309-035-2 |4=Herzberg 1992, ISBN 3-88309-038-7 |5=Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3 |6=Herzberg 1993, ISBN 3-88309-044-1 |7=Herzberg 1994, ISBN 3-88309-048-4 |8=Herzberg 1994, ISBN 3-88309-053-0 |9=Herzberg 1995, ISBN 3-88309-058-1 |10=Herzberg 1995, ISBN 3-88309-062-X |11=Herzberg 1996, ISBN 3-88309-064-6 |12=Herzberg 1997, ISBN 3-88309-068-9 |13=Herzberg 1998, ISBN 3-88309-072-7 |14=Herzberg 1998, ISBN 3-88309-073-5 |15=Herzberg 1999, ISBN 3-88309-077-8 |16=Herzberg 1999, ISBN 3-88309-079-4 |17=Herzberg 2000, ISBN 3-88309-080-8 |18=Herzberg 2001, ISBN 3-88309-086-7 |19=Nordhausen 2001, ISBN 3-88309-089-1 |20=Nordhausen 2002, ISBN 3-88309-091-3 |21=Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-110-3 |22=Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-133-2 |23=Nordhausen 2004, ISBN 3-88309-155-3 |24=Nordhausen 2005, ISBN 3-88309-247-9 |25=Nordhausen 2005, ISBN 3-88309-332-7 |26=Nordhausen 2006, ISBN 3-88309-354-8 |27=Nordhausen 2007, ISBN 978-3-88309-393-2 |28=Nordhausen 2007, ISBN 978-3-88309-413-7 |29=Nordhausen 2008, ISBN 978-3-88309-452-6 |30=Nordhausen 2009, ISBN 978-3-88309-478-6 |31=Nordhausen 2010, ISBN 978-3-88309-544-8 |32=Nordhausen 2011, ISBN 978-3-88309-615-5 |33=Nordhausen 2012, ISBN 978-3-88309-690-2 |34=Nordhausen 2013, ISBN 978-3-88309-766-4 |35=Nordhausen 2014, ISBN 978-3-88309-882-1 |36=Nordhausen 2015, ISBN 978-3-88309-920-0 |37=Nordhausen 2016, ISBN 978-3-95948-142-7 |38=Nordhausen 2017, ISBN 978-3-95948-259-2 |39=Nordhausen 2018, ISBN 978-3-95948-350-6 |40=Nordhausen 2019, ISBN 978-3-95948-426-8 |41=Nordhausen 2020, ISBN 978-3-95948-474-9 |42=Nordhausen 2021, ISBN 978-3-95948-505-0 |43=Nordhausen 2021, ISBN 978-3-95948-536-4 |44=Nordhausen 2022, ISBN 978-3-95948-556-2 |45=Nordhausen 2023, ISBN 978-3-95948-584-5 |46=Nordhausen 2023, ISBN 978-3-95948-590-6 |47=Nordhausen 2024, ISBN 978-3-689-11006-2 |48=Nordhausen 2025, ISBN 978-3-689-11017-8 }}{{#if:431–432|, Sp. 431–432}}{{#if:|, Sp. {{#iferror:{{#expr:{{{spalten}}}}}|{{{spalten}}}|{{#expr:1*{{{spalten}}}*0}}–{{#expr:-(0*{{{spalten}}}*1)}}}}}}}}{{#if:|}}{{#if:https://web.archive.org/web/20070613183042/http://www.bautz.de/bbkl/e/edigna_v_p.shtml%7C}}.{{#if: 16 | |{{#ifeq:||}}}}
Einzelnachweise
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Weblinks
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- Eintrag im Heiligenkalender des Bistums Münster
- Magnus Jocham (Bearbeiter): BAVARIA SANCTA – Leben der Heiligen und Seligen des Bayerlandes / Die selige Edigna, Einsiedlerin. Überarbeitete Fassung von 1861, auf der Grundlage von Matthäus Rader auf www.heiligenlegenden.de
- Edigna-Verein in Puch
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