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Dünndarmfehlbesiedlung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Klassifikation nach ICD-10
K59.9 Funktionelle Darmstörung, nicht näher bezeichnet
K63.8 Sonstige näher bezeichnete Krankheiten des Darmes
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Vorlage:Infobox International Classification of Diseases 11

Unter einer Dünndarmfehlbesiedlung (Abk.: DDFB, engl. small bowel (bacterial) overgrowth (syndrome); auch SIBO für Small Intestinal Bacterial Overgrowth) versteht man eine bakterielle Falschbesiedlung des Dünndarms mit mehr als 105 Keimen pro ml.<ref name="q5">G. Michels u. a.: Klinikmanual Innere Medizin. Springer, 2009, ISBN 978-3-540-89109-3, S. 354–355. (online)</ref> Sie kann Ursache unterschiedlicher Beschwerden sein. Jüngere Meta-Analysen belegen eine hohe Prävalenz der Dünndarmfehlbesiedelung unter Patienten mit Reizdarmsyndrom.<ref></ref> Einzelne Untersuchungen gehen davon aus, dass bis zu 84 % der Reizdarmpatienten tatsächlich an einer Dünndarmfehlbesiedlung leiden.<ref>Martin Wilhelm, Mathias Dolder u. a.: Die „SIBO: «small intestinal bacterial overgrowth»“. In: Die Antwort auf therapierefraktäre Bauchbeschwerden? SWISS MEDICAL FORUM – SCHWEIZERISCHES MEDIZIN-FORUM, 2018, abgerufen am 22. August 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> In der am 1. Januar 2022 in Kraft getretenen Klassifikation nach ICD-11 greift der Code: DA96.00: Bakterielle Fehlbesiedlung.<ref>World Healt Organisation (WHO): ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics. WHO, Januar 2025, abgerufen am 22. August 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ist die ICD-11 Kodierung „grundsätzlich einsetzbar.“<ref>BfArM: ICD-11 in Deutsch – Entwurfsfassung. In: ICD-11. BfArM, Januar 2025, abgerufen am 22. August 2025.</ref>

Methan-dominante Dünndarmfehlbesiedlung

Das Archaeon Methanobrevibacter smithii wurde mit Symptomen der Dünndarmfehlbesiedlung in Verbindung gebracht, die zu einem positiven Methan-Atemtest führen. Zusätzlich zum Archaeon können einige Bakterien auch Methan produzieren, wie die Mitglieder der Gattungen Clostridien und Bacteroides genus. Die Produktion von Methan ist daher möglicherweise weder bakteriell noch auf den Dünndarm beschränkt.<ref>Vorlage:Cite book/URLVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/MeldungVorlage:Cite book/Meldung2</ref> 2020 wurde vorgeschlagen, diesen Zustand als separates Krankheitsbild „Überwachsen des Darms [Methanogen]“ – IMO (intestinal-methanogen Overgrowth) einzustufen.<ref>Ralf Kirkamm: Verstopfung/Obstipation - sind falsche Darmbakterien die Ursache? Abgerufen am 23. Mai 2021.</ref> In der US-amerikanischen Adaption der WHO-Klassifikation ICD-10-CM ist die „Methan-SIBO“ ausdrücklich als K63.829 Overgrowth intestinal methanogen genauer benannt. Der Zusatz „CM“ steht für Clinical Modification.<ref>Centers for Disease Control and Prevention: National Center for Health Statistics – ICD⁠-⁠10⁠-⁠CM. In: Index to Diseases and Injuries. CDC, 1. April 2025, abgerufen am 23. August 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Ursachen

Die DDFB tritt typischerweise beim Kurzdarmsyndrom,<ref name="q1">J. Schölmerich: Medizinische Therapie 2007/2008. Springer, 2007, ISBN 978-3-540-48553-7, S. 828. (online)</ref> bei einem Defekt der Ileozäkalklappe,<ref name="q3">W. G. Guder: Das Laborbuch für Klinik und Praxis. Urban&Fischer, 2005, ISBN 3-437-23340-8, S. 202. (online)</ref> bei Divertikeln oder Dünndarmstenosen infolge von z. B. Morbus Crohn, bei chronischer intestinaler Pseudoobstruktion, beim Syndrom der blinden beziehungsweise ausgeschalteten Schlinge nach Operationen am Dünndarm<ref name="q6">P. Layer, U. Rosien u. a. (Hrsg.): Praktische Gastroenterologie. 4. Auflage. Urban & Fischer, 2011, ISBN 978-3-437-23372-2, S. 219.</ref> und bei einer exokrinen Pankreasinsuffizienz auf. Auch Störungen der Peristaltik beispielsweise infolge Sklerodermie oder diabetischer Enteropathie können ursächlich sein.<ref name="q5" />

Krankheitsbild

Eine DDFB kann, insbesondere auch durch eine damit einhergehende Schädigung der Darmzotten und der damit verbundenen Störung der Resorption (Malassimilationssyndrom), zu unterschiedlichen gesundheitlichen Störungen und Beschwerden wie Arthritiden, Blähungen, Colitis, chronischer Diarrhoe (Durchfall), Fatigue,<ref></ref> Steatorrhoe, Gewichtsverlust, Mangelerscheinungen, Bauchschmerzen und Anämie führen.<ref name="q5" /><ref name="q1" /><ref name="q2">W. Piper: Innere Medizin. Springer, 2006, ISBN 3-540-33725-3, S. 387. (online)</ref><ref>W. G. Guder: Das Laborbuch für Klinik und Praxis. Urban&Fischer, 2005, ISBN 3-437-23340-8, S. 199 und 690. (online)</ref>

Eine Beteiligung an der Entstehung oder dem Fortschreiten eines Idiopathischen Parkinson-Syndroms wird diskutiert.<ref></ref>

Diagnostik

Beweisend ist eine streng anaerob endoskopisch gewonnene Probe (Aspirat) von Flüssigkeit aus dem Dünndarm, in der sich mehr als 105 Keime pro ml finden. Als ergänzende Laborbefunde sind Anämie, Hypalbuminämie und ein Mangel an den Vitaminen A, D, K und B12 charakteristisch. Bei gleichzeitig normalem Folsäurespiegel ist auch ein nicht durch die Gabe von intrinsischem Faktor behebbarer Mangel an Vitamin B12 typisch.

Kommt es im Rahmen einer DDFB zu vermehrter Zuckervergärung (beispielsweise nach oraler Gabe von Glucose oder Lactulose), zeigt der Wasserstoffatemtest einen erhöhten Wasserstoffanteil. Auch im Nüchternzustand ist dieser Wert erhöht, da die DDFB zu einer kontinuierlichen Umsetzung der vom Körper kontinuierlich produzierten Verdauungssäfte im Dünndarm führt.<ref name="q2" /><ref name="q5" /> Der Grenzwert des Anstiegs der Wasserstoffkonzentration in der Atemluft in einem Wasserstoffatemtest, ab dem der Test als positiv zu werten ist, wird von Experten unterschiedlich angesetzt:

  • 20 ppm<ref name="q5" />
  • 10 ppm, sofern während des Tests keine Symptome auftreten<ref name="Ledochowski_2008">M. Ledochowski: H2-Atemteste. Verlag Ledochowski, 2008, ISBN 978-3-9502468-0-3.</ref>
  • 5 ppm, sofern während des Tests Symptome auftreten.<ref name="Ledochowski_2008" />

Zur Ursachenklärung ist ein bildgebendes Verfahren, z. B. MRT des Dünndarmes nach Sellink, oder ein Enteroklysma (Doppelkontrast-Röntgendarstellung nach Sellink) erforderlich.<ref name="q6" />

Therapie

Eine kausale Therapie kann durch eine Operation erfolgen, indem z. B. Stenosen oder blinde Schlingen beseitigt werden.<ref name="q2" /><ref name="q5" /> Zur konservativen Therapie können – meist nur vorübergehend wirksam – Antibiotikagaben eingesetzt werden. Bessert sich die Symptomatik im Verlauf einer Antibiotika-Therapie, spricht man auch von einer „antibiotikaresponsiven Enteritis“ (ARE).

Vorwiegend wird auf eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten gesetzt, um Bakterien, die sich an der falschen Stelle befinden, „auszuhungern“. Empfehlungen setzen auf den zeitlich begrenzten Verzicht auf Kohlenhydrate, Milchprodukte und bestimmte Fruchtsorten, während andere Nahrungsmittel wie beispielsweise Gemüse und Nüsse in die tägliche Ernährung integriert werden.<ref>NDR: Ernährung bei Dünndarm-Fehlbesiedlung. Abgerufen am 14. Dezember 2020.</ref> Bei einer Ernährungsumstellung ist zu beachten, dass sich die Auswahl der zu vermeidenden Nahrungsmittel nach der Art der bakteriellen Fehlbesiedelung zu richten hat.

Einzelnachweise

<references />