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Cafedrin und Theodrenalin

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Die fixe Kombination der beiden Wirkstoffe Cafedrin und Theodrenalin (beide chemisch Abkömmlinge des Theophyllins) im Verhältnis 20:1 (Handelsname: Akrinor) ist ein Arzneimittel zur Therapie klinisch relevanter Blutdruckabfälle. Es gehört zur pharmakologischen Gruppe der adrenergen und dopaminergen Arzneimittel. Die Substanz wird vor allem in der Anästhesiologie während Operationen sowie in der Notfallmedizin in Deutschland eingesetzt. Cafedrin/Theodrenalin wird beispielsweise regelmäßig bei der Kaiserschnittentbindung unter Spinalanästhesie verwendet.

Datei:Cafedrine.svg
Strukturformel von Cafedrin
Datei:Theodrenaline.svg
Strukturformel von Theodrenalin

Blutdrucksteigernde Wirkung

Die Wirkung von Cafedrin/Theodrenalin zeichnet sich durch einen schnellen Wirkungseintritt und eine langanhaltende Blutdrucksteigerung aus.<ref name="fi2019">Fachinformation Akrinor 200 mg/2 ml + 10 mg/2 ml Injektionslösung, (ratiopharm GmbH, Ulm). Stand: Mai 2023 (PDF).</ref> Studienergebnisse zeigten, dass nach intravenöser Verabreichung ein klinisch relevanter Effekt innerhalb 1 Minute eintrat, wobei der maximale Blutdruckanstieg nach etwa 4 Minuten erreicht wurde.<ref name=":0">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref name=":1">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref name=":2">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Frühere Studiendaten zeigten darüber hinaus, dass die Wirkungsdauer etwa 15 bis 30 Minuten beträgt. Der dosisabhängige Blutdruckanstieg erfolgte dabei ohne wesentliche Änderung der Herzfrequenz.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Die Durchblutung der Herzkranzgefäße und Gebärmutter wird dabei nicht verschlechtert.

Die einzelnen Wirkstoffe Theodrenalin und Cafedrin haben unterschiedliche Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Dynamik.<ref name="fi2019" /> Die Wirkung der fixen 20:1 Kombination hat eine ähnliche Wirkung wie Theodrenalin, die aber durch Cafedrin modifiziert wird.<ref name="fi2019" /> Theodrenalin ist für den schnell einsetzenden Blutdruckanstieg und Cafedrin für die anhaltende Wirkung verantwortlich.<ref name="fi2019" />

Früheren Studien zufolge scheinen verschiedene Faktoren die blutdrucksteigernde Wirkung von Cafedrin/Theodrenalin zu beeinflussen, darunter:<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref><ref name=":3">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

  • Systolischer Blutdruck: Ein höherer systolischer Blutdruck zum Zeitpunkt der Gabe von Cafedrin/Theodrenalin führte zu einem geringeren absoluten Anstieg des mittleren arteriellen Blutdrucks (MAP).
  • Geschlecht: Der initiale maximale Anstieg des MAP war bei Männern und Frauen gleich. Im weiteren zeitlichen Verlauf war der MAP-Anstieg bei Frauen jedoch höher.
  • Co-Medikation: Beta-Blocker, Angiotensin-II-Antagonisten und ACE-Hemmer führten zu einer verzögerten Reaktion des MAP auf Cafedrin/Theodrenalin und zu einem niedrigeren maximalen MAP, der erreicht wird.
  • Alter, BMI und ASA-Klasse: Der Anstieg des MAP war bei Personen mit höherem Alter, höherem BMI oder einer niedrigeren ASA-Klasse verringert.

Wirkmechanismus

Cafedrin ist eine Verbindung aus Norephedrin und Theophyllin. Bei Theodrenalin handelt es sich um eine Verbindung aus Noradrenalin und Theophyllin.

Der beschriebene Wirkmechanismus von Cafedrin/Theodrenalin basiert auf einer synergistischen Interaktion der drei Wirkkomponenten.<ref name=":3" /> Demnach tragen Noradrenalin und Norephedrin zur Aktivierung myokardialer β₁-Adrenozeptoren bei, was zu einer Steigerung der Herzkraft führt. Dieser Effekt wird als positive Inotropie bezeichnet. Zusätzlich bewirkt Theophyllin eine Hemmung der Phosphodiesterase-3. Diese Hemmung führt zu einer verlängerten positiv inotropen Wirkung.<ref name="akrinor">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

Untersuchungsergebnissen zufolge zeigt Cafedrin/Theodrenalin eine regulierende Wirkung auf α₁-Adrenozeptoren, die für eine moderate Tonisierung der Gefäße verantwortlich zu sein scheint. Diese Gefäßtonisierung, die auf die stimulierende Wirkung der Noradrenalin-Komponente des Theodrenalins auf die α₁-Adrenozeptoren zurückgeführt wird, kompensiert die anästhesiebedingte Vasodilatation.<ref name="akrinor" /> Die gefäßtonisierende Wirkung der Noradrenalin-Komponente scheint im weiteren Verlauf durch die verzögert eintretende Wirkung von Cafedrin reduziert zu werden.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

Anwendung

Eine Ampulle Cafedrin/Theodrenalin mit 2 ml Injektionslösung enthält 200 mg Cafedrinhydrochlorid und 10 mg Theodrenalinhydrochlorid.<ref name="fi2019" />

Die intravenöse Gabe von Cafedrin/Theodrenalin erfolgt fraktioniert nach klinischer Wirkung. Eine Gabe der verdünnten und unverdünnten Lösung ist möglich.<ref name="fi2019" />

Cafedrin/Theodrenalin kann intravenös und intramuskulär angewendet werden.<ref name="fi2019" />

Im Vergleich zur intravenösen Verabreichung führte die intramuskuläre Verabreichung in früheren Untersuchungen zu einem moderateren und verzögerten, aber auch länger anhaltenden Anstieg des Blutdrucks.<ref name=":3" />

In einem kürzlich veröffentlichten Fallbericht wird auf eine Inkompatibilität von Ceftriaxon mit Cafedrin/Theodrenalin hingewiesen.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

Verbreitung und Alternativen

Cafedrin/Theodrenalin ist ausschließlich in Deutschland zugelassen. Hier wird das Arzneimittel bereits seit den 1960er Jahren zur Behandlung der arteriellen Hypotonie angewendet. Neben Cafedrin/Theodrenalin werden in Deutschland Ephedrin, Phenylephrin und Noradrenalin eingesetzt. Letztere werden auch international verwendet.

Die beschriebenen Wirkmechanismen der genannten Wirkstoffe sind verschieden.<ref name="fi2019" /><ref name=":3" /><ref>Fachinformation Sinora 1 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, (Sintetica SA, Mendrisio). Stand: Mai 2022.</ref> In den vergangenen Jahren wurden vom Zulassungsinhaber ratiopharm folgende Vergleichsstudien durchgeführt:

HYPOTENS-Studie

Die HYPOTENS-Studie untersuchte die Wirksamkeit von Cafedrin/Theodrenalin versus Ephedrin zur Therapie des intraoperativen Blutdruckabfalls unter Allgemeinanästhesie sowie bei der Kaiserschnittentbindung unter Spinalanästhesie (NCT02893241; DRKS00010740). Es handelte sich um eine prospektive, multizentrische (53 Kliniken), offene, zweiarmige nicht-interventionelle Studie in Deutschland.<ref name=":0" /><ref name=":1" /> Die Ergebnisse zeigten, dass hinsichtlich der Stabilisierung des Blutdrucks keine der beiden Therapieoptionen überlegen war. Post-hoc-Analysen deuteten jedoch darauf hin, dass Cafedrin/Theodrenalin eine zielorientiertere und einfacher zu steuernde Kreislaufstabilisierung ermöglichte.<ref name=":0" /><ref name=":1" /> Ein weiteres wichtiges Ergebnis war die niedrigere Inzidenz neu auftretender Tachykardien sowie die vorteilhafteren erhobenen neonatalen Outcome-Parameter (Basendefizit und Laktatwert), wenn Cafedrin/Theodrenalin zur Behandlung maternaler Hypotonien nach rückenmarknaher Regionalanästhesie bei Sectio caesarea im Rahmen der Studie eingesetzt wurde.<ref name=":0" />

HERO-Studie

Eine weitere von ratiopharm-veranlasste multizentrische Vergleichsstudie ist die HERO-Studie, in der Cafedrin/Theodrenalin versus Noradrenalin zur Therapie der intraoperativen Hypotonie untersucht wurde (DRKS00028589; EudraCT-Nummer: 2021-001954-76). Es handelte sich um eine randomisierte, offene, multizentrische, zweiarmige Studie.<ref name=":4">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Die Studienergebnisse untermauern, dass Cafedrin/Theodrenalin (im Vergleich zu Noradrenalin) zu einem stärker ausgeprägten Anstieg des Cardiac Index führt.<ref name=":2" /><ref name=":5">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

Der Begriff Inopressor (bestehend aus positiv inotrop und Vasopressor) scheint daher wohl am besten auf Cafedrin/Theodrenalin zuzutreffen.<ref name=":2" /><ref name=":5" />

Diese Vergleichsstudie lieferte darüber hinaus hochwertige Evidenz zur effektiven Anwendung von Cafedrin/Theodrenalin als kontinuierliche Infusion.<ref name=":5" /> Aktuell ist Cafedrin/Theodrenalin nur zur Bolus-Injektion zugelassen.<ref name="fi2019" /> Das Ziel der HERO-Studie ist es, eine Zulassungserweiterung für die Gabe von Cafedrin/Theodrenalin als kontinuierliche Infusion zu erwirken. Cafedrin/Theodrenaline war bereits zwischen 1971 und 2005 als kontinuierliche Infusionslösung in Deutschland erhältlich.<ref name=":4" />

Geschichte

Die Einführung von Cafedrin/Theodrenalin in Deutschland geht auf das Jahr 1963 zurück. Das Arzneimittel wurde erstmals durch das Chemiewerk Homburg, eine Zweigniederlassung der Degussa AG, auf den Markt gebracht.

Im Jahr 2000 übernahm das Arzneimittelwerk Dresden (AWD.pharma) den Vertrieb.<ref name=":6">www.akrinor.de: Informationen rund um Akrinor sowie klinisch relevante Informationen zum hämodynamische Management.</ref> 2005 stand die Zulassung jedoch auf der Kippe, da die AWD.pharma den Vertrieb des Medikaments einstellen wollte. Als Grund für die Entscheidung wurden die umfangreichen Anforderungen des gesetzlich vorgeschriebenen Nachzulassungsverfahren angegeben, die nicht in der geforderten Zeit erfüllt werden konnten.<ref name=":7">{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref> Die Anästhesie-Community betrachtete jedoch den Erhalt der Verkehrsfähigkeit von Cafedrin/Theodrenalin für die klinische Praxis von hoher Relevanz, da alternative Therapieoptionen mit einem vergleichbaren Wirkungsprofil fehlten.<ref name=":7" /> In Zusammenarbeit mit dem Hersteller setzte sich die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) für den Erhalt des Arzneimittels ein. Durch diese Bemühungen konnte beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Verlängerung der Verkehrsfähigkeit erwirkt werden.

2008 ging AWD.pharma in die Teva-Gruppe über, die das Präparat unter der Marke ratiopharm weiterführte.<ref name=":6" /> Im Jahr 2012 erhielt Cafedrin/Theodrenalin schließlich eine ordentliche Zulassung durch das BfArM (Zulassungsnummer 78450.00.00).<ref name="fi2019" /> Das Arzneimittel wird seit 2013 vollständig im eigenen Werk der TEVA-Gruppe in Deutschland produziert.<ref name=":6" />

Literatur

  • AR. Heller, J Heger, M. Gama de Abreu, MP Müller: "Cafedrine/theodrenaline in anaesthesia : Influencing factors in restoring arterial blood pressure." In: "Anaesthesist. 2015 Mar;64(3):190-6. doi:10.1007/s00101-015-0005-y.
  • KE. Clemens, I. Quednau, AR. Heller, E. Klaschik: „Impact of cafedrine/theodrenaline (Akrinor®) on therapy of maternal hypotension during spinal anesthesia for Cesarean delivery: a retrospective study.“ In: „Minerva Ginecol. 2010 Dec;62(6):515-24.“
  • N. Sternitzke; H. Schieffer; G. Rettig; L. Bette: „Die Beeinflussung der Herz-Kreislauf-Dynamik durch die Theophyllin-Verbindungen Cafedrin und Theodrenalin sowie durch ihre Kombination“, In: „Herz/Kreislauf“ 8/84: 401, 1984.
  • S. Kampe, H. Nori, P. M. Schneider, R. Krott: Unklare Mydriasis während einer Ösophagektomie mit unauffälligem Narkoseverlauf – Medikamentenwirkung von Akrinor®?. In: Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie. 38, 2003, S. 165–167, doi:10.1055/s-2003-37776.
  • Alte Medikamente und neue Zulassungsverfahren: Akrinor bleibt verkehrsfähig und ein Nachzulassungsantrag für Arginin Vasopressin ist gestellt. In: Notfall + Rettungsmedizin. 9, 2006, S. 553–555, doi:10.1007/s10049-006-0840-0.
  • L. Aniset, C. Konrad, M. Schley: Ephedrin als Alternative zu Akrinor® in der geburtshilflichen Regionalanästhesie. In: Der Anaesthesist. 55, 2006, S. 784–790, doi:10.1007/s00101-006-1033-4.

Einzelnachweise

<references />

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