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Cäcilia Rentmeister

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Datei:Cillie (Cäcilia) Rentmeister in October 2018.jpg
Cillie Rentmeister (Oktober 2018)

Cäcilia „Cillie“ Rentmeister (* 25. September 1948 in West-Berlin) ist eine deutsche Kunsthistorikerin, Hochschullehrerin, Geschlechterforscherin und Musikerin. Neben der Untersuchung von Geschlechterverhältnissen in der Kulturgeschichte hat sie sich mit dem Matriarchat befasst. Rentmeister war Keyboarderin der Frauenrockband Flying Lesbians.

Leben

Rentmeister besuchte das humanistische Goethe-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf und studierte nach dem Abitur 1968 an der Freien Universität Berlin und der Universität zu Köln Kunstwissenschaften, Archäologie und Amerikanistik. Sie promovierte 1980 an der Universität Bremen. Rentmeister lebt in Berlin und Brandenburg und lehrte von 1994 bis 2014 als Professorin an der Fachhochschule Erfurt an der Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften Kulturvergleichende Geschlechterstudien sowie Interaktive Medien. Sie gehört zu den ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterstudien an deutschsprachigen Hochschulen.<ref>Zum Zusammenhang zwischen zweiter Frauenbewegung und ihrer Berufsbiografie, sowie zur wissenschaftlichen und politischen Bedeutung von Frauen- und Geschlechterstudien gibt Rentmeister Auskunft in Ulla Bock: Pionierarbeit. Die ersten Professorinnen für Frauen- und Geschlechterforschung an deutschsprachigen Hochschulen 1984-2014. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-593-50301-1.</ref>

Rentmeister ist eine Nichte der Frauen- und Kulturpolitikerin Maria Rentmeister, die – zusammen mit anderen Gründerinnen des DFD – als eine der „Mütter der Gleichberechtigung in der DDR“ gilt.<ref>Grit Bühler: (Die) Mütter der Gleichberechtigung in der DDR. Die frauenbewegte Gründerinnenzeit des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) 1945–1949, in: Bundeszentrale für Politische Bildung, Deutschland Archiv, 7. November 2023. Maria Rentmeister war Mitbegründerin des DFD und Mitglied des ersten Bundesvorstands des DFD und von 1947 bis 1949 deren erste Generalsekretärin bzw. Bundessekretärin.</ref><ref>Zu Maria Rentmeister siehe auch Grit Bühler, Cillie Rentmeister: Maria Rentmeister, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, Rubrik: Akteurinnen – Biografien. 2024, online, abgerufen am 10. Februar 2024.</ref>

2010 erhielt sie den Lehrpreis der Fachhochschule Erfurt für ihr Seminar Politische und institutionelle Bedingungen der Sozialen Arbeit sowie ihre Vorlesung Gender – Geschlechterverhältnisse: Differenzen, Gleichheit, Gleichberechtigung.<ref>Roland Hahn: Lehrpreis 2010 an Prof. Dr. Cäcilia Rentmeister. In: idw-online.de. 30. September 2010, abgerufen am 4. Juli 2024.</ref> „Nach acht Preisverleihungen an Männer ist sie die erste Frau, die sich im Auswahlverfahren durchsetzen konnte.“<ref>CEWSJournal Nr. 77 | 17.11.2010. GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. „Lehrpreis 2010 an Prof. Dr. Cäcilia Rentmeister“, S.54. Abgerufen am 23. Januar 2023</ref><ref>Lehrpreis 2010 an Prof. Dr. Cäcilia Rentmeister</ref>

Rentmeister war bereits ab den frühen siebziger Jahren aktiv in der „autonomen“ neuen Frauenbewegung.<ref>„Autonome“ resp. „Neue“ Frauenbewegung waren die Selbstbezeichnungen der Gründerinnengeneration, – die „Zweite Welle“ ist eine spätere Etikettierung, zum Selbstverständnis vgl. Frauenbewegung#Autonom und basisdemokratisch: „Autonom und basisdemokratisch. Für die autonome Frauenbewegung bedeutete autonom Unabhängigkeit von allen Formen traditioneller und neuer linker Politik (und in Absetzung vom ‚Sozialistischen Frauenbund‘), aber auch Unabhängigkeit von Parteien, Institutionen und ‚Staatsknete‘ – alle Projekte wurden bis 1976 (erstes Frauenhaus) aus eigener Kraft finanziert […]“</ref>

Einige Schlaglichter auf das Jahr 1975 – auf die deutschen Frauenbewegungs-Proteste gegen das Internationale Jahr der Frau, ihre Band Flying Lesbians, auf den Austausch mit Frauen in der DDR – wirft sie als Zeitzeugin in der Fernseh-Dokumentationsreihe des rbb „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt: 1975“.<ref>„Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt: 1975“, von Karoline Kleinert, in der rbb-Mediathek [1], und der ard-Mediathek [2], Erstausstrahlung am 18. Mai 2019, Interview Rentmeister ab Min.5'55, und nochmals ab 1h:16'min, kurzer Ausschnitt auch bei Youtube [3].</ref><ref>Ausschnitte auch im inforadio des rbb, von Harald Asel und Jens Lehmann: Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt – CDU gewinnt im „Jahr der Frau“ in Berlin – Das Jahr 1975, Rentmeister ab Min.2:03 [4].</ref>

Ab 1974 schrieb sie Beiträge zur feministischen Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft, die auch international beachtet wurden.<ref>A selection of translated publications, in twelve languages – print, music and websites und A selection of translated publications in English – print, music and websites, abgerufen am 27. Mai 2013.</ref> Insgesamt wurden ihre Schriften in zwölf Sprachen übersetzt.<ref>Übersetzungen hier teils online verfügbar</ref>

Sie lehrte ab 1977 an Kunsthochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Universitäten in Berlin, Hamburg und Bremen. Unter anderem gehörte sie auch als Mitglied der „Gruppe Berliner Dozentinnen“ zu den Initiatorinnen der interdisziplinären Sommeruniversitäten für Frauen, an denen von 1976 bis 1983 in Berlin-West circa 30.000 Frauen teilnahmen, und von wo wichtige Impulse für die Frauen- und Geschlechterforschung in allen wissenschaftlichen Disziplinen ausgingen.<ref>Inge von Bönninghausen zu Rentmeister u. a. Dozentinnen auf den Sommeruniversitäten, in: Ariadne 37-38, Kassel 2000, S. 130, Rubrik „Persönliche Denkgeschichten“</ref>

Cäcilia Rentmeister war Keyboarderin der Flying Lesbians, der ersten Frauenrockband auf dem Kontinent (1974–1977), die 1975 eine erfolgreiche LP veröffentlichte. Die LP erschien 2007 anlässlich des Berlin-Revivals auch als CD sowie einzelne Songs auch auf YouTube.<ref>Danielle de Baat: Flying Lesbians fliegen noch einmal! auf YouTube, 20. Juli 2015, abgerufen am 4. Juli 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)</ref> Anschließend wandte sich Rentmeister elektronischer Musik und Synthpop zu, trat live mit ihrer Frauenband LesBeTon auf, und veröffentlichte 1983 die Solo-Single EMP – End of Manmade Power.<ref>»Dass Frauen mit der Trickkiste der modernen Elektronik mitunter mehr anfangen können, als ihre männlichen Kollegen, beweist Cillie Rentmeister mit ihrer E.M.P., […] Ein gelungenes Debüt!« (zitty, Berlin 24/83); »Keine Angst, Cillie Rentmeister ist nicht zum Mikrochip geschrumpft […] Die „Tanne-tot-Samba“ ist mir in die Füsse gefahren – Marke Ohrwurm. Im anderen Stück „Deadly Force“ ist der Text musikalisch gut inszeniert mit einem Tropfen Nina Hagen extra scharf.« (taz, Dez. 83). Die „Tanne-tot-Samba“ erschien u. a. 2022 neu auf LP und CD [5][6]</ref> Die Bedeutung von „Frauenmusik“ und „Frauenbands“ reflektierte sie in ihren Texten zu Ritualen<ref>Cecilia Rentmeister: Rituale als soziales Drama – Zur Bedeutung von Ritualen im menschlichen Leben, in: Scheiblich, Wolfgang (Hrsg.): Bilder – Symbole – Rituale, Freiburg 1999, S. 69–99</ref> und Frauenfesten.<ref>Cillie Rentmeister: Frauenfeste als Initiationsritual, in: Heinrich-Böll-Stiftung, Feministisches Institut (Hrsg.) Wie weit flog die Tomate? Eine 68erinnen-Gala der Reflexion, Berlin 1999</ref><ref>Entwicklungen der „Frauenmusik“ der 70er und frühen 80er Jahre erörterte Rentmeister bereits 1985 in Vorträgen u. a. in Finnland in „Sounds of Women’s Movement – The Finland Lectures“ – gehalten in Helsinki, Sibelius-Akademie und an der University of Jyväskylä, Dept. of Music, Art and Culture Studies (auf Englisch, mit Illustrationen)[7]</ref> Im Online-Musikjournal MELODIVA tauschen sich im Generationendialog „18 trifft 68“ Rentmeister und die Komponistin und Sängerin Laura Winkler über das Verhältnis von Frauenbewegung, Feminismus und Musik aus, inwieweit die 68er-Bewegung sie beeinflusst hat, und werfen kritisch-reflektierende Blicke auf aktuelle feministische Entwicklungen.<ref>[8], „18 trifft 68“: Cillie Rentmeister & Laura Winkler. Musikerinnen sprechen über die 68er, in: Online-Musikjournal MELODIVA, Autorin: Mane Stelzer, 16. Oktober 2018, abgerufen am 30. November 2022</ref>

2021 wurden die Flying Lesbians in Bonn im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in der Ausstellung „Hits & Hymnen. Klang der Zeitgeschichte“ mit präsentiert, sowie in Leipzig 2023 bis Juli 2024 im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – Zeitgeschichtliches Forum Leipzig. In der Ausstellung wird auch ein NDR-Fernsehbeitrag von Alice Schwarzer über die Flying Lesbians gezeigt, mit den Bandfrauen während der Aufnahme ihrer LP, 1975 im Berliner Studio.<ref>Bonn 4.11.2020–10.10.2021, Leipzig 28.09.2023 bis 21.07.2024.</ref>

In den 1970er und 1980er Jahren publizierte Rentmeister auch kunst- und kulturkritische Schriften zu „feministischer Ästhetik“ und löste damit Kontroversen aus. Ihre Positionen diskutierte sie unter anderem auf den Berliner Sommeruniversitäten für Frauen 1977 und 1979<ref>[9] Titel und Literaturverweise zu den Vorträgen</ref><ref>[10] Mehrere der Schriften im Volltext.</ref> und im Stedelijk Museum in Amsterdam 1978 mit Ulrike Rosenbach und Lucy Lippard anlässlich der Ausstellung „Feministische Kunst Internationaal“.<ref>Discussion, auditorium Stedelijk Museum Amsterdam – Archive – de Appel Amsterdam. In: deappel.nl. Abgerufen am 16. März 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Cillie Rentmeister – Der Kaiserin neue Kleider? – Archive – de Appel Amsterdam. In: deappel.nl. Abgerufen am 16. März 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value), Podiumsdiskussion im Stedelijk Museum Amsterdam am 10.12.1978 mit Ulrike Rosenbach und Lucy Lippard, mit Fotos).</ref> In den 1980er Jahren publizierte Rentmeister als Wissenschafts-Autorin für den Rundfunk, unter anderem zu patriarchalen Motiven des Bevölkerungswachstums und kritisch zum New Age.

Seit 1973 arbeitet sie mit ihrer Lebensgefährtin, der Regisseurin und Autorin Cristina Perincioli zusammen: 1975 schrieben sie das Drehbuch zu „Anna und Edith“ – dem ersten Spielfilm zu einer lesbischen Beziehung im deutschen Fernsehen (ZDF).<ref>Carsten Weidemann: Lesbenklassiker: Anna und Edith. In: queer.de. 1. September 2009, abgerufen am 16. März 2024.</ref><ref>@1@2Vorlage:Toter Link/www.youtube.com (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im März 2024. Suche im Internet Archive )Vorlage:Toter Link/archivebot In: Youtube</ref><ref>TV Produktionen: Anna und Edith (1974). In: ziegler-film.com. Abgerufen am 16. März 2024.</ref>

Gemeinsam wandten sich Rentmeister und Perincioli ab 1985 dem Thema „Computer und Kreativität“ zu. Sie entwickelten Modelle für die künstlerische und bildungsbezogene Arbeit mit Multimedia und publizierten<ref>Gemeinsames Buch Perincioli, Rentmeister: Computer und Kreativität: Ein Kompendium für Computergrafik, -animation, -musik und Video, Köln 1990</ref> und lehrten dazu mit dem ausdrücklichen Ziel, in einem damals noch computerskeptischen Umfeld auch Frauen für diese neuen digitalen Technologien zu interessieren, unter anderem auch 1989 auf der 1. MultiMediale des ZKM.<ref>Für eine zeitgeschichtliche Einordnung des Ereignisses, rückblickend aus dem Jahr 2014, vgl. Cillie Rentmeister: „An den Schnittstellen zur Revolution: >Auge und Ohr< bei der ersten Multimediale des ZKM“, in: Rolf Funck, Michael Heck und Peter Weibel (Hg.): Das ZKM | Karlsruhe. Die Anfänge der Zukunft, Paderborn 2014, S. 358–360</ref>

Ab den 1990er Jahren wirkte Rentmeister als Herausgeberin und beim Praxistransfer von Websites zu „heiklen“ sozialen und Gender-Themen mit, die von Perincioli kreiert wurden.<ref>darunter 4human, Gewaltschutz, Save Selma, Ava2, Spass oder Gewalt Abgerufen am 29. Dezember 2010</ref>

Als Privatpilotin engagiert sich Rentmeister für die Förderung von Mädchen und Frauen in der Luftfahrt, in den Pilotinnen-Netzwerken Ninety Nines<ref>Homepage der US-Ninety-Nines, abgerufen am 30. November 2022</ref> und der VDP/Vereinigung Deutscher Pilotinnen,<ref>Homepage der Vereinigung Deutscher Pilotinnen, abgerufen am 27. Mai 2013</ref> durch Vorträge, in TV und Printmedien,<ref>Rentmeisters Lebenslauf und Veröffentlichungen zu Frauen in der Luftfahrt, u. a. Volltexte zum Download, abgerufen am 29. November 2022</ref> im internationalen Austausch und mit Aktionen zum Girls’ Day; Melanie Katzenberger schreibt: „Die Pionierinnen der Lüfte gehören in die Schulbücher, fordert Cecilia Rentmeister. Mädchen müsse das Gefühl vermittelt werden: Wenn die das kann, kann ich das auch…“.<ref>Melanie Katzenberger: Keine Angst vorm Fliegen – Die Professorin und Freizeitpilotin Cecilia Rentmeister ermutigt Frauen, den Himmel zu erobern, MAZ, Pfingsten 2002. Abgerufen am 29. Dezember 2010.</ref>

Diese wichtige Funktion von Vorbildern – aus dem gesamten MINT-Sektor –, und dass sie Mädchen im möglichst frühen Alter von „fünf vor zwölf“ Jahren vorgestellt werden sollten, belegt Rentmeister in ihrem Essay von 2018 „Hier spricht Ihre Kapitänin. Der Geschlechterfaktor in der Luftfahrt“, im Begleitband zur Ausstellung „Gewalt und Geschlecht“ im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden.<ref>Cillie (Cäcilia) Rentmeister: „Hier spricht Ihre Kapitänin“. Der Geschlechterfaktor in der Luftfahrt, in: Gorch Pieken (Hrsg.): Gewalt und Geschlecht. Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden? Essayband zur Ausstellung, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden 2018, S.176-189, mit Bildern. Essay im Volltext auf Rentmeisters Website unter [11]</ref> Auf der Basis von internationalen Studien analysiert Rentmeister hier die Gründe, warum seit Jahrzehnten der Anteil von Pilotinnen weltweit bei durchschnittlich nur sechs Prozent stagniert, und wie er zu steigern wäre. Als weitere zentrale Faktoren diskutiert sie bewusste und unbewusste Vorurteile und Stereotype gegenüber „Frauen und Technik“, verbreitet unter Männern wie auch Frauen. Sie zeigt positive Beispiele, wie das Selbstvertrauen in technische Fähigkeiten gesteigert werden kann und begründet, warum die Teilhabe von Frauen in der Luftfahrt generell eine Win-Win-Situation darstellt, – für die Frauen selbst wie auch für Wirtschaft und Gesellschaft. Diese Themen erörtert Rentmeister auch für die aktuelle deutsche Situation mit professionellen Pilotinnen, Mitgliedern der Vereinigung Deutscher Pilotinnen, vor dem Hintergrund ihrer konkreten, unterschiedlichen biografischen Erfahrungen und beruflichen Werdegänge, in „55.000 Flugstunden – fünf Berufs- und Verkehrspilotinnen.“<ref>Pilotinnen - Frauen in Luftfahrt und Technikkultur | Cillie (Cäcilia) Rentmeister: Publikationen. Abgerufen am 19. April 2026.</ref>

Ehrenamtlich wirkte Rentmeister u. a. 2013–2017 als (parteilose) Frauenrätin der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.<ref>Der Frauenrat wurde gegen den Widerstand einer Mehrheit der Frauenrätinnen abgeschafft. Dieser Vorgang steht symptomatisch dafür, wie bei den Grünen der Begriff „Frau“ zunehmend durch intersektionale Diversity-Konzepte zum Verschwinden gebracht wurde, letztendlich ersetzt durch „FLINTA*“. Die letzte Vorsitzende des Frauenrats, Mechtild M. Jansen, ordnet diese Entwicklung so ein: […] „Frauen“ will keiner mehr im Titel […] Wir machen jetzt „demokratische Vielfalt“. Ich dachte immer: Demokratie hätte was mit Vielfalt zu tun. Aber ich habe wahrscheinlich im falschen Lexikon nachgeguckt […] Da kann ich nur sagen: „Willkommen im Mainstream!“ [12]</ref> Von 2014 bis 2018 arbeitete sie als berufenes Mitglied der „Arbeitsgruppe Leitbildentwicklung“ am „Leitbild 2030“ für die Gemeinde Michendorf mit.<ref>Die AG Leitbildentwicklung hatte dafür auch eine umfangreiche Befragung unter den rund 13.000 Michendorfer Bürgerinnen und Bürgern durchgeführt. [13]</ref> Seit 2022 ist sie stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung WannseeFORUM in Berlin.<ref>Gremien der Stiftung WannseeFORUM Berlin [14], [15]</ref>

Zwei spezifische Ansätze der Matriarchatstheorien von Rentmeister

Cäcilia Rentmeister hat sich zunächst archäologisch mit Matriarchaten beschäftigt. Dabei arbeitete sie ideologie- und rezeptionskritisch und suchte nach einem „realistischen“ Ansatz. 1976 zog sie bei der Frage „Warum sind so viele Allegorien weiblich?“<ref>Cäcilia Rentmeister: Berufsverbot für die Musen, in: “Ästhetik und Kommunikation”, Nr. 25/1976, S. 93</ref> unter anderem evolutionistisch-marxistische (Thomson) und historische (Bachofen, von Ranke-Graves, Bornemann) Matriarchatstheorien heran; 1980 fragte sie: „Wie wird mit Matriarchatsfragen Politik gemacht?“ und kritisiert die pauschale Negierung von Matriarchaten, unter anderem durch zeitgenössische Feministinnen.<ref>Das Rätsel der Sphinx – Matriarchatsthesen und die Archäologie des nicht-ödipalen Dreiecks, in: Brigitte Wartmann (Hrsg.): “Männlich – Weiblich”. Berlin 1980</ref> Im Artikel „Die Quadratur des Kreises. Die Machtergreifung der Männer über die Bauformen“, publiziert im ersten Architektinnen-Special der „bauwelt“ 1979,<ref>In: „Bauwelt“ 32/32, 1979, S. 1292–1296</ref> versucht sie, matriarchale Spuren in Bauformen und Raumsprache zu identifizieren. Margrit Kennedy schreibt dazu: „Dennoch wäre wahrscheinlich auch einem objektiven Betrachter der relativ hohe Anteil von freien und geschwungenen Formen sowohl in der Ausstellung der UIFA<ref> <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Homepage der International Union of Women Architects (Memento vom 23. Februar 2015 im Internet Archive). Abgerufen am 2. April 2024.</ref> in Paris als auch in der Ausstellung ‚Frauen formen ihre Stadt’… aufgefallen. Wer Erik Eriksons psychologische und Cillie Rentmeisters mythologische Untersuchungen über räumliche Präferenzen und geschlechtsspezifische Differenzen … gelesen hat, ist vielleicht weniger erstaunt…“<ref>Margrit Kennedy: Zur Wiederentdeckung weiblicher Prinzipien in der Architektur, in: bauwelt 1979, H. 31-32, S. 1283; Volltext der „bauwelt“, Schwerpunkt „Frauen in der Architektur – Frauenarchitektur?“ (<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Online (Memento vom 18. Januar 2016 im Internet Archive; PDF; 23,9 MB))</ref>

Diese und weitere frühe archäologische Texte von Rentmeister wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Sie werden im lebhaften internationalen und interdisziplinären Geschlechter-Diskurs der 1970er und 1980er Jahre rezipiert, so von der italienischen Architekturtheoretikerin Paola Coppola Pignatelli<ref>Paola Coppola Pignatelli: Spazio e Immaginario: maschile e femminile in architettura, Roma 1982, S. 203–206.</ref> und der Schriftstellerin Christa Wolf.<ref>Christa Wolf: Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra. Darmstadt/Neuwied 1983, S. 80, S. 159</ref>

1988 analysiert sie die „Matriarchatsdebatte“ der letzten beiden Jahrhunderte in Deutschland, vor allem in ihrer Bedeutung für die ersten 15 Jahre der „Neuen“ Frauenbewegung: In dieser unterscheidet sie zwischen 1973 und 1988 drei Phasen und ironisiert – nun schon vor der Folie ihrer Matriarchatsreisen der frühen achtziger Jahre – eine gewisse „esoterische Matriarchatsschwärmerei“ und „Wiederbelebungsversuche matriarchaler Rituale“ in Deutschland.<ref>“Frauenwelten: fern, vergangen, fremd? Die Matriarchatsdebatte in der Neuen Frauenbewegung”, in: Ina-Maria Greverus (Hgin): Kulturkontakt – Kulturkonflikt. Zur Erfahrung des Fremden. Beiträge zum 26. Deutschen Volkskundekongreß 1987. Frankfurt/M. 1988</ref>

Wie diese Vorzüge mit einem vergleichsweise hohen Stand beim Index der menschlichen Entwicklung und der reproduktiven Gesundheit<ref>Reproductive health bei der World Health Organization, abgerufen am 18. Januar 2016</ref> auch statistisch korrelieren, beschreibt Rentmeister 2007 unter dem Titel Entwicklung ist weiblich.<ref>Entwicklung ist weiblich. Über den Zusammenhang zwischen Gleichberechtigung, Reproduktiven Rechten und Menschlicher Entwicklung, in: Rehklau/Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens, Band 1, S. 91–122, mit Abbildungen, Oldenburg 2007</ref> Sie zeigt am Beispiel der matrilinearen Minangkabau und der Nayar, dass Empowerment, Bildung und Besitz von Frauen zu signifikant niedrigeren Geburtenraten beitragen und dass – im Vergleich zu angrenzenden patriarchalen Bevölkerungsgruppen – bedeutend geringere Häusliche Gewalt und gesamtgesellschaftlich geringere Armut sowie bessere Gesundheit zu konstatieren sind.

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Definition matriarchaler Gesellschaften nach Rentmeister

Rentmeister definierte bereits 1980 den Begriff „Matriarchat“ ausdrücklich nicht als „Umkehrformel für Patriarchat“: „Ich benutze es hier in der wörtlichen und sinngemäßen Übersetzung von Mutter-Anfang, – nicht Mutter-Herrschaft; ich benutze es auch, weil es sich als Gegenbegriff zum heutigen Patriarchat schlagwortartig eingeprägt und verbreitet hat… und weil man sich unter Matriarchat sicher mindestens so viele verschiedene Gesellschaftsformen vorzustellen hat wie unter dem Sammelbegriff Patriarchat für heute.“<ref>Das Rätsel der Sphinx – Matriarchatsthesen und die Archäologie des nicht-ödipalen Dreiecks, in: Brigitte Wartmann (Hrsg.): “Männlich – Weiblich”. Berlin 1980, S. 155</ref>

1985 betont sie, nun unter Hinweis auf ethnologische Befunde: „Für ein soziokulturelles Gebilde, das man als >das Matriarchat< schlechthin bezeichnen könnte, besteht keine, auch nur ansatzweise einheitliche Definition“.<ref>Cillie Rentmeister: Frauenwelten – Männerwelten, Opladen 1985, S. 31; vorher bereits in Wartmann 1980 op.cit., S. 155.</ref>

Nach Rentmeister „…gab und gibt es mit Sicherheit so viele Formen von Matriarchaten, wie es allein schon gegenwärtig – und gleichzeitig! – Formen von Patriarchaten gibt.“ Deshalb kann es nur darum gehen, ein „Grundmuster mit einer großen Offenheit für Variationen zu definieren.“<ref>Cillie Rentmeister: Frauenwelten – Männerwelten, Opladen 1985, S. 32; Rentmeisters Definitionen wurden vielfach rezipiert, nach 2000 unter anderem bei Herzog 2001, Becker/Kortendieck/Budrich 2004, Lenz 2008</ref>

Sie listet deshalb eine Reihe von idealtypischen Merkmalen auf,<ref>1985 in „Frauenwelten – Männerwelten“ am ausführlichsten, S. 32–40</ref> die sowohl einzeln als auch zusammen auftreten können bzw. konnten, darunter:

Schriften (Bücher)

  • Frauenwelten – Männerwelten, Opladen 1985
  • Computer und Kreativität, Co-Autorin mit Cristina Perincioli, Köln 1990
  • Gender in Lehre und Didaktik. Gender in Education and Didactics (Co-Hrsg.), Bern, Berlin, Brüssel, Frankfurt/M., New York, Oxford, Wien 2003
  • weitere Publikationen<ref>Publikationen</ref>

Weblinks

Commons: Cäcilia Rentmeister – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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