Béla Tarr
Béla Tarr [<templatestyles src="IPA/styles.css" />] (* 21. Juli 1955 in Pécs; † 6. Januar 2026) war ein ungarischer Filmregisseur. Sein Opus magnum Satanstango zählt für viele Kritiker zu den bedeutendsten Werken der Filmgeschichte.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ergebnis der Sight&Sound Umfrage 2012 ( vom 20. November 2012 im Internet Archive) auf der Webseite des BFI.</ref>
Leben
Im Alter von 16 Jahren unternahm er erste Versuche als Amateurfilmer, auf die schließlich die Béla-Balázs-Filmstudios aufmerksam wurden. Diese finanzierten im Jahr 1979 seinen Film Családi tüzfészek, der vom Sozialistischen Realismus beeinflusst war. Mit seiner Fernsehadaption von Macbeth (1982), die nur aus zwei Einstellungen besteht, änderte sich dieser Stil. Tarr wandte sich vom Realismus ab und zeigte sich fortan stark von Andrei Tarkowski beeinflusst. Charakteristisch für seine Filme wurden Schwarzweiß, abstrakte Bilder und lange Einstellungen, die nicht selten die komplette Länge einer 35-mm-Rolle (rund elf Minuten) dauern. So bestehen etwa die zweieinhalb Stunden von The Man from London aus nur 29 Einstellungen.
Die Filme Béla Tarrs werden häufig dem „remodernistischen Kino“ zugerechnet<ref name="RichTarr" />, das der amerikanische Filmemacher Jesse Richards ab den späten 1990er Jahren zu propagieren begann. Laut Richards ist jeder Moment des Films Satanstango ein gutes Beispiel für das geschärfte Bewusstsein des Moments: Satanstango beginnt mit einer sieben Minuten und mehrere hundert Meter langen Kamerafahrt, die eine Kuhherde auf dem Weg aus einem Schuppen herauskommend durch ein heruntergekommenes ungarisches Dorf verfolgt. Es sei „schrecklich“, dass „diese Art von Momenten im modernen Kino weitestgehend ignoriert“ würden.<ref name="RichTarr" />
Alle seine Filme ab Verdammnis (1988) entstanden in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai. Weitere ständige Mitarbeiter sind oder waren Mihály Víg (Musik), Gyula Pauer (Set- und Kostümdesign), Gábor Medvigy (Kamera) sowie Tarrs Ehefrau Ágnes Hranitzky (Schnitt und Ko-Regie). Internationales Aufsehen erregte seine Verfilmung von Krasznahorkais Roman Satanstango, ein 450-minütiger Schwarzweißfilm, an dem Tarr rund sieben Jahre lang arbeitete. Der Film ist eine äußerst wortgetreue Adaption des Romans. Tarr betonte stets, dass er genau die gleiche Zeitspanne dauere, die man benötige, um den Roman zu lesen, siebeneinhalb Stunden. Satanstango hatte im Forum der Berlinale 1994 Premiere und wird seitdem von vielen Kritikern und Filmemachern in Europa und Amerika zu den wichtigsten Filmen der 1990er Jahre gerechnet. Neben Jesse Richards, Fred Kelemen oder Ingo J. Biermann nannte etwa der amerikanische Filmemacher Gus Van Sant die Begegnung mit Tarrs Filmen häufig als wichtigen Einfluss auf sein eigenes Schaffen, speziell auf die Filme ab Gerry, als Van Sant begann, in langen ungeschnittenen Einstellungen und mit Zeitverschiebungen zu erzählen. Van Sants Elephant bedient sich erklärtermaßen der gleichen Erzähldramaturgie wie Satanstango. Tarrs Filme kämen den tatsächlichen Rhythmen des Lebens so nahe, dass Van Sant das Sehen der Filme mit dem Sehen der Geburt eines „neuen Kinos“ verglich: „[Béla Tarr] ist einer der wenigen wirklich visionären Filmemacher.“<ref>Essay von Gus Van Sant im Katalog der MoMA-Retrospektive von Béla Tarrs Werk im Jahr 2001, abgerufen am 19. Januar 2011.</ref>
Nach jahrelangen Schwierigkeiten mit der Produktion<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Statement von Béla Tarr zur Produktion von The Man from London ( vom 25. Februar 2008 im Internet Archive) bei der Filmunió Ungarn, Februar 2006.</ref> war Tarr mit seinem rund fünf Millionen Euro teuren Film The Man from London, einer Adaption des Romans L’Homme de Londres von Georges Simenon, im Wettbewerb der 60. Filmfestspiele von Cannes vertreten. 2009 kündigte er an, seinen letzten Film als Regisseur drehen zu wollen. Das Turiner Pferd (A Torinói ló), dessen Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele 2011 in Berlin erfolgte, brachte ihm den Großen Preis der Jury ein.<ref>vgl. Preise der Internationalen Jury bei berlinale.de, abgerufen am 6. Januar 2026.</ref> Ferner erhielt er 2011 den Konrad-Wolf-Preis.
Tarr studierte an der Hochschule für Film und Theater in Budapest. Seit 1990 war er Gastdozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Zu seinen Studenten dort zählten u. a. Fred Kelemen und Ingo J. Biermann. Tarr engagierte sich früh für das 1995 gegründete Sarajevo Film Festival und gründete 2013 in der Stadt die „Sarajevo Film Factory“ in Zusammenarbeit mit der privaten „Sarajevo School of Science and Technology“.<ref>Claudia Lenssen: „Wir zeigen die Leute auf der Straße“. Interview. In: taz. 1. September 2014, S. 24, abgerufen am 6. Januar 2026.</ref>
Nachdem das Turiner Pferd eigentlich sein letzter Film<ref>Andreas Busche: Béla Tarrs Film „Das Turiner Pferd“: „Ach, Blödsinn!“ In: Die Tageszeitung: taz. 14. März 2012, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 14. Januar 2021]).</ref> hätte sein sollen, entwickelte er in Kooperation mit dem Amsterdamer Filminstitut The Eye im Rahmen einer Ausstellung Till the End of the World (Bis ans Ende der Welt) einen Kurzfilm (2017), der sich auf die Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 bezieht.<ref>Béla Tarr. Till the End of the World. In: eyefilm.nl. 2017, abgerufen am 6. Januar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
2018 wurde er in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences berufen, die jährlich die Oscars vergibt.<ref>Academy invites 928 to Membersphip. In: oscars.org (abgerufen am 26. Juni 2018).</ref>
Tarr starb am 6. Januar 2026 im Alter von 70 Jahren.<ref>Matthias Hopf: Er war einer der größten Künstler des Kinos: Béla Tarr ist tot. In: moviepilot.de. 6. Januar 2026, abgerufen am 6. Januar 2026.</ref>
Filmografie
<templatestyles src="column-multiple/styles.css" />
- 1978: Hotel Magnezit (Kurzfilm)
- 1979: Családi tüzfészek
- 1981: Szabadgyalog
- 1982: Macbeth (Fernsehfilm)
- 1982: Panelkapcsolat
- 1985: Öszi almanach
- 1988: Verdammnis (Kárhozat)
- 1990: Az utolsó hajó, Segment aus City Life
- 1990: Utolsó hajó (Kurzfilm)
- 1994: Satanstango (Sátántangó)
- 1995: Reise in der Tiefebene (Utazás az Alföldön) (Kurzfilm)
- 2000: Die Werckmeisterschen Harmonien (Werckmeister harmóniák)
- 2004: Prologue, Segment aus Europäische Visionen (Visions of Europe)
- 2007: The Man from London (A Londoni férfi)
- 2011: Das Turiner Pferd (A Torinói ló)
als Schauspieler
- 1986: Jahreszeit der Monster (Szörnyek évadja)
Auszeichnungen (Auswahl)
- 1994: Caligari Filmpreis für Satanstango
- 2011: Großer Preis der Jury der Berlinale für Das Turiner Pferd
- 2011: FIPRESCI-Preis für Das Turiner Pferd
- 2011: Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste, Berlin
- 2013: Bremer Filmpreis für langjährige Verdienste um den europäischen Film
- 2023: Ehrenpreis im Rahmen der Verleihung des Europäischen Filmpreises<ref>Regisseur Tarr erhält Ehrenpreis der European Film Academy. In: nau.ch. 11. Oktober 2023, abgerufen am 11. Oktober 2023.</ref>
- 2026: Benennung eines Asteroiden nach ihm: (305264) Tarrbéla<ref>WGSBN Bulletin Volume 6, #3 vom 23. Februar 2026, Seite 11 (PDF; englisch)</ref>
Literatur
- Hans-Joachim Schlegel: Béla Tarr: Der Blick nach Innen, in: Miteinander. Jahrbuch des Ungarischen Kulturinstituts in Stuttgart, hrsg. von Tibor Keresztury. Stuttgart 2008.
- Hans-Joachim Schlegel: Der nackte Mensch. Filmen am Rande des Nichts: Béla Tarr, in: Film-Dienst 2009, H. 23
- Tarr – 60: studies in honour of a distinguished cineast. Hrsg. von Eve-Marie Kallen. Underground Kiadó és Terjesztő Kft, Budapest Dez. 2015.
- Georg Seeßlen: Philosophieren in Bildern. in: epd Film 2/26 (2026): S. 26–29
Weblinks
- Vorlage:IMDb/1
- Auch die Bäume, der Weg, der Regen und die Nacht strömten Ruhe aus – Das Kino des Béla Tarr. Filmzyklus März 2012 im Xenix, Zürich
- In Search of Human Dignity – Understanding the Films of Béla Tarr, Analyse von Tom van der Linden (englisch)
Einzelnachweise
<references> <ref name="RichTarr"><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Jesse Richards über Remodernist Films ( vom 31. Oktober 2014 im Internet Archive). In: MungBeing Magazine, 4. Oktober 2009, abgerufen am 19. Januar 2011.</ref> </references>
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Tarr, Béla |
| KURZBESCHREIBUNG | ungarischer Filmregisseur |
| GEBURTSDATUM | 21. Juli 1955 |
| GEBURTSORT | Pécs |
| STERBEDATUM | 6. Januar 2026 |
- Seiten mit Skriptfehlern
- Wikipedia:Defekter Dateilink
- Béla Tarr
- Filmregisseur
- Person (Pécs)
- Träger des Verdienstordens der Republik Ungarn (Komtur)
- Kossuth-Preisträger
- Hochschullehrer (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin)
- Träger des Europäischen Filmpreises
- Person als Namensgeber für einen Asteroiden
- Ungar
- Geboren 1955
- Gestorben 2026
- Mann