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Bundeswehreinsatz in Afghanistan

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Datei:Flag of German ISAF forces.svg
Flagge auf deutschen ISAF-Fahrzeugen – die Beschriftung in Dari bedeutet Ālmān, „Deutschland“
Datei:Bundeswehr Dingo outside of Mazar-e-Sharif.jpg
Bundeswehrsoldaten mit Radfahrzeug Dingo in Afghanistan (2009), im Hintergrund ein deutscher Tornado-Jet

Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan (auch Afghanistaneinsatz der Bundeswehr genannt) war ein Militäreinsatz der deutschen Bundeswehr als Teil einer internationalen Koalition im Rahmen des Krieges in Afghanistan von 2001 bis 2021. Mit Zeitweise rund 5300 eingesetzten deutschen Soldaten war er der bislang größte und mit 59 Toten der verlustreichste Auslandseinsatz der Bundeswehr.

Der Einsatz begann nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten und war durch UN-Resolutionen und Mandate des Deutschen Bundestags legitimiert. Nachdem die NATO als Reaktion auf die Anschläge erstmals den Bündnisfall beschlossen hatte, beteiligten sich deutsche Spezialkräfte ab Dezember 2001 am „Krieg gegen den Terror“, der im Rahmen der US-Operation Enduring Freedom (OEF) geführt wurde. Ab Januar 2002 wurde die Bundeswehr außerdem Teil der International Security Assistance Force (ISAF), deren Auftrag die sicherheitspolitische Stabilisierung Afghanistans war. Die deutsche Beteiligung an der OEF lief 2010 aus. Der deutsche Einsatz im Rahmen von ISAF wurde mit dem Jahreswechsel 2014/15 in die Ausbildungs- und Unterstützungsmission Resolute Support (RS) überführt. Nachdem die USA im April 2021 einen vollständigen Abzug ihrer Truppen angekündigt hatten, zog auch die Bundeswehr bis Juni 2021 aus Afghanistan ab. Im August 2021 waren während einer mehrtägigen Evakuierungsoperation erneut kurzzeitig deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz.

Hintergrund

Deutsche Aktivitäten in Afghanistan im 20. Jahrhundert

Dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan ab 2001 gingen diverse deutsche Aktivitäten im 20. Jahrhundert voraus. So wurde Deutschland erstmals während des Ersten Weltkrieges in Afghanistan aktiv.<ref name="AA-AFG">Auswärtiges Amt: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland (Memento vom 3. Juni 2016 im Internet Archive)</ref> Vertreter des Deutschen Kaiserreiches versuchten während einer diplomatischen Expedition 1915/16 erfolglos, den afghanischen Emir dazu zu bewegen, sich den Mittelmächten anzuschließen und das benachbarte Britisch-Indien anzugreifen.<ref name="Freundschaft-verpflichtet" details="S. 3f.">Ernst-Albricht von Renesse: Freundschaft verpflichtet – Hundert Jahre deutsch-afghanische Beziehungen. (PDF; 1 MB) Evangelische Akademie Villigst, September 2016, abgerufen am 12. Februar 2025.</ref>

Die Weimarer Republik und später Hitlerdeutschland leisteten in Afghanistan Entwicklungshilfe zum Aufbau der Infrastruktur. Die Wehrmacht leistete außerdem Aufbauhilfe für das afghanische Militär.<ref name="WzG-Afg-33">Reinhard Schlagintweit: Afghanistan als Staat im 20. Jahrhundert. In: Bernhard Chiari (Hrsg.): Afghanistan. Neu bearbeitet von Karl-Heinz Lutz (= Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr [Hrsg.]: Wegweiser zur Geschichte). 4. Auflage. Verlag Ferdinand Schöningh, 2020, ISBN 978-3-506-70325-5, S. 33 (bundeswehr.de [PDF; 17,8 MB; abgerufen am 12. Februar 2025]).</ref> Eine Kommandoeinheit der Abwehr, des NS-deutschen Militärgeheimdienstes, führte zwischen 1941 und 1943 von Kabul aus Aktivitäten gegen Britisch-Indien.<ref name="WzG-Afg-49f.">Rolf-Dieter Müller: Afghanistan als militärisches Ziel deutscher Außenpolitik. In: Bernhard Chiari (Hrsg.): Afghanistan. Neu bearbeitet von Karl-Heinz Lutz (= Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr [Hrsg.]: Wegweiser zur Geschichte). 4. Auflage. Verlag Ferdinand Schöningh, 2020, ISBN 978-3-506-70325-5, S. 49 f. (bundeswehr.de [PDF; 17,8 MB; abgerufen am 12. Februar 2025]).</ref>

Ab Ende 1954 führte die Bundesrepublik Deutschland die Beziehungen mit Afghanistan weiter<ref name="WzG-Afg-227f.">Geschichte im Überblick. In: Bernhard Chiari (Hrsg.): Afghanistan. Neu bearbeitet von Karl-Heinz Lutz (= Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr [Hrsg.]: Wegweiser zur Geschichte). 4. Auflage. Verlag Ferdinand Schöningh, 2020, ISBN 978-3-506-70325-5, S. 227 f. (bundeswehr.de [PDF; 17,8 MB; abgerufen am 12. Februar 2025]).</ref> und eröffnete hier 1955 die erste offizielle Auslandsvertretung außerhalb Europas.<ref name="Freundschaft-verpflichtet" details="S. 6." /> 1973 nahm die DDR diplomatische Beziehungen mit Afghanistan auf.<ref name="WzG-Afg-227f." /> Nach einem Putsch im gleichen Jahr rief Mohammed Daoud Khan die Republik Afghanistan aus und wandte sich der Sowjetunion zu. Darauf nahmen die bundesrepublikanischen Beziehungen ab und kamen in Folge der Saurrevolution 1978 und der sowjetischen Militärintervention ab 1979 ganz zum Erliegen.<ref name="Freundschaft-verpflichtet" details="S. 7f." /> Gleichzeitig intensivierte die DDR ihre Beziehungen zu dem nun Demokratische Republik Afghanistan genannten, sozialistisch geführten Land. Der Schwerpunkt der DDR-Diplomatie lag auf Kooperation im Kultur- und Bildungsbereich, militärische und sicherheitspolitische Zusammenarbeit spielte eine Nebenrolle.<ref>Thomas Ruttig: Aus Bündnistreue zur Sowjetunion: Eine kurze Suche nach der DDR-Entwicklungszusammenarbeit mit Afghanistan und den Spuren, die sie hinterlassen hat. In: T. Kunze, T. Vogel (Hrsg.): Ostalgie international: Erinnerungen an die DDR von Nicaragua bis Vietnam. Ch. Links Verlag, Berlin 2010 (wordpress.com [abgerufen am 12. Februar 2025]).</ref> Der Spiegel berichtete über die Verlegung von NVA-Soldaten nach Afghanistan 1981.<ref>DDR half Kabul. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1992 (online).</ref> Ab 1985 führte der bundesdeutsche Auslandsgeheimdienst BND in Afghanistan die Operation Sommerregen durch mit dem Ziel, dort sowjetische Waffen und Rüstungsmaterialien zu beschaffen und sie zur Analyse nach Deutschland zu bringen.<ref>Florian Flade: Operation „Sommerregen“. In: Welt am Sonntag. 6. Oktober 2013, abgerufen am 12. Februar 2025.</ref>

Anlass des Einsatzes

Im Verlauf eines seit 1989 andauernden Bürgerkrieges übernahmen die islamistischen Taliban 1996 die Macht in Afghanistan und errichteten dort ein Islamisches Emirat. Die Taliban machten Afghanistan zu einem Rückzugsort des islamistischen Terrornetzwerks Al-Qaida und weigerten sich, den Al-Qaida-Anführer Osama bin Laden an die Vereinigten Staaten auszuliefern.<ref>vgl. Steve Biedermann: Der Konflikt in Afghanistan und die UN. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, abgerufen am 21. Juni 2023.</ref>

Der Anlass (Casus Belli) für den Einsatz waren schließlich die von Al-Qaida verübten Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA, bei denen fast 3000 Menschen getötet wurden. Die US-Regierung (Kabinett George W. Bush) rief als Reaktion den „Krieg gegen den Terror“ aus und begann am 7. Oktober 2001 die Operation Enduring Freedom (OEF) in verschiedenen Teilen Afrikas und Asiens, darunter Afghanistan, der sich Deutschland als Bündnispartner anschloss.<ref>Christian Schaller: Operation Enduring Freedom und das Recht auf Selbstverteidigung gegen Terroristen. Die Friedens-Warte 2011, 10 Jahre Krieg gegen den Terror, S. 111–137.</ref> Die USA beriefen sich dabei auf das Recht zur Selbstverteidigung nach Art. 51 der UN-Charta.<ref>Martin Kühnemund: Die Vereinten Nationen und der ‚Krieg gegen den Terrorismus.’ Neue Herausforderungen für das UN-System kollektiver Sicherheit. LMU München, Geschwister-Scholl-Institut, ohne Jahr.</ref>

Rechtsgrundlagen

Anti-Terror-Operation Enduring Freedom

In den Resolutionen 1368 (2001) vom 12. September 2001 und 1373 (2001) vom 28. September 2001 betrachtete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York, Virginia und Pennsylvania als Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit.<ref>Resolution 1368 (2001) vom 12. September 2001. Resolutionen und Beschlüsse des Sicherheitsrats vom 1. Januar 2001 bis 31. Juli 2002, abgerufen am 24. Juni 2023.</ref> Ebenfalls am 12. September 2001 beschloss der NATO-Rat, dass der Angriff auf die Vereinigten Staaten bei Vorliegen entsprechender Ermittlungsergebnisse als eine Aktion angesehen wird, die unter Art. 5 des NATO-Vertrags fällt. Der Deutsche Bundestag beschloss am 16. November 2001 gem. Art. 24 Abs. 2 GG, dass deutsche Streitkräfte im Rahmen ihrer Beistandsverpflichtung mit den USA und den anderen Staaten der sog. Anti-Terror-Koalition bei der militärischen Bekämpfung des internationalen Terrorismus zusammenarbeiten und sich für die Dauer von zunächst 12 Monaten an der Operation Enduring Freedom beteiligen.<ref>vgl. Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht, 202. Sitzung. Berlin, Freitag, den 16. November 2001. Abstimmungsergebnis, S. 19893: „Abgegebene Stimmen 662. Mit Ja haben gestimmt 336. Mit Nein haben gestimmt 326, Enthaltungen keine.“</ref> Dafür sollten bis zu 3.900 Soldaten mit entsprechender Ausrüstung bereitgestellt werden, darunter ABC-Abwehrkräfte (ca. 800 Soldaten), Sanitätskräfte (ca. 250 Soldaten), Spezialkräfte (ca. 100 Soldaten), Lufttransportkräfte (ca. 500 Soldaten), Seestreitkräfte einschließlich Seeluftstreitkräfte (ca. 1800 Soldaten) sowie die erforderlichen Unterstützungskräfte (ca. 450 Soldaten).<ref>vgl. Einsatz bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA auf Grundlage des Artikels51 der Satzung der Vereinten Nationen und des Artikels5 des Nordatlantikvertrags sowie der Resolution 1368 (2001) und 1373 (2001) des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen Antrag der Bundesregierung, BT-Drs. 14/7296 vom 7. November 2001, S. 3 f.</ref>

In Verbindung mit der Abstimmung hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder dem Bundestag die Vertrauensfrage nach Art. 68 Abs. 1 GG gestellt.<ref>Antrag des Bundeskanzlers gemäß Artikel 68 des Grundgesetzes. BT-Drs. 14/7440 vom 13. November 2001.</ref>

Aufstellung der International Security Assistance Force (ISAF)

Die Bonner Vereinbarung vom 5. Dezember 2001 war Grundlage für die Resolution 1386 (2001) vom 20. Dezember 2001 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, der noch im selben Monat die Aufstellung der International Security Assistance Force (ISAF) beschloss. Der Deutsche Bundestag erteilte am 22. Dezember 2001 das Mandat für die Beteiligung der Bundeswehr am ISAF-Einsatz. Am 8. Januar 2002 wurden die ersten deutschen Vorauskräfte nach Afghanistan in Marsch gesetzt. Das Zuständigkeitsgebiet des an ISAF beteiligten Deutschen Einsatzkontingentes umfasste zunächst nur die afghanische Hauptstadt Kabul und Umgebung.<ref>Überblick über die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Sachstand vom 15. November 2006, S. 7 f.</ref>

Der Einsatz war zunächst auf sechs Monate befristet und hatte das Ziel, wie in Anhang I zur Bonner Vereinbarung vorgesehen, die vorläufigen Staatsorgane Afghanistans bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit in Kabul und seiner Umgebung so zu unterstützen, dass sowohl die vorläufige afghanische Regierung als auch Personal der Vereinten Nationen in einem sicheren Umfeld arbeiten können.<ref>Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an dem Einsatz einer Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe in Afghanistan auf Grundlage der Resolutionen 1386 (2001), 1383 (2001) und 1378 (2001) des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen Antrag der Bundesregierung, BT-Drs. 14/7930 vom 21. Dezember 2001, S. 3 ff.</ref><ref>Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht 210. Sitzung. Berlin, Sonnabend, den 22. Dezember 2001. Abstimmungsergebnis, S. 20849: „ Abgegebene Stimmen 581. Mit Ja haben gestimmt 538, mit Nein haben gestimmt 35, Enthaltungen 8.“</ref>

Die Bundeswehr beteiligte sich letztlich mit bis zu 5.350 Soldatinnen und Soldaten am ISAF-Einsatz. Für Deutschland weitete sich der Einsatz damit zum größten in der Geschichte der Bundeswehr aus.

Deutschland war im März 2011 mit ungefähr 5300 Soldaten der Bundeswehr aufgrund eines Kontingentwechsels im Einsatz.<ref>Unterrichtung der Öffentlichkeit</ref> Zusätzlich wurden ab März 2011 einige AWACS-Besatzungen als Teil der flexiblen Reserve nach Afghanistan verlegt.<ref>Bundestag beschließt AWACS-Einsatz in Afghanistan. In: bundestag.de. Deutscher Bundestag, 25. März 2011, abgerufen am 25. Februar 2025.</ref> Am 28. Februar 2014 wurde das letzte Mandat mit einer Laufzeit von zehn Monaten beschlossen. Mit dem Auslaufen der Resolution 2120 (2013) des UN-Sicherheitsrates sowie des Operationsplans (OPLAN) der NATO liefen zudem die Rechtsgrundlagen für den ISAF-Einsatz aus.<ref>Resolution 2120 (2013) (pdf S. 8, 10. Oktober 2013)</ref> Ende 2014 endete der NATO-geführte ISAF-Einsatz in Afghanistan.

Der Bundestag hatte wiederholt der Fortsetzung der Beteiligung am ISAF-Einsatz zugestimmt.<ref>vgl. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages: Der Afghanistan-Einsatz 2001–2021. Eine sicherheitspolitische Chronologie. Ausarbeitung vom 20. Januar 2022.</ref>

Am 26. Februar 2010 stimmte der Deutsche Bundestag einer Verlängerung des Afghanistan-Mandats bis Ende Februar 2011 zu. In der namentlichen Abstimmung votierten 429 von 586 Abgeordneten für das neue Mandat, 111 lehnten es ab und 46 enthielten sich. Das Mandat sah vor, dass das Bundeswehrkontingent auf bis zu 5000 Soldaten aufgestockt werden kann, dazu kamen 350 Soldaten als flexible Reserve für besondere Anforderungen.<ref>Bundestag beschließt Truppenaufstockung Spiegel Online, 26. Februar 2010.</ref> Am 28. Januar 2011 wurde das Mandat mit einer Mehrheit von 72,5 % der Stimmen aller Bundestagsabgeordneten um ein weiteres Jahr verlängert.<ref>Bundestag verlängert Einsatz in Afghanistan. Stern, 28. Januar 2011.</ref>

Am 26. Januar 2012 stimmte der Deutsche Bundestag in seiner 155. Plenarsitzung einer Verlängerung des Afghanistan-Mandats um ein weiteres Jahr zu. Für den Antrag der Bundesregierung (Kabinett Merkel II) zur „Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an dem Einsatz der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe in Afghanistan (International Security Assistance Force, ISAF) unter Führung der NATO auf Grundlage der Resolution 1386(2001) und folgender Resolutionen, zuletzt Resolution 2011(2011) vom 12. Oktober 2011 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen“ votierten in namentlicher Abstimmung 424 von 569 Abgeordneten (abgegebene Stimmen), 107 lehnten ihn ab und 38 enthielten sich.

Anfang 2014 erneuerte der Bundestag das Mandat für Afghanistan bis zum Ende des Jahres 2014.<ref>Bundeswehr: Kabinett billigt weiteres Afghanistan-Mandat, Berliner Zeitung.</ref>

Militärische Operationen mit deutscher Beteiligung

Deutschland hatte seit Mitte 2006 die Verantwortung für die Operation in der Nordregion. In seinem Verantwortungsbereich stellte Deutschland in Kundus und Faizabad die Führung von zwei der fünf Provincial Reconstruction Team genannten regionalen Wiederaufbauteams. Diese hatten die Aufgabe, die Autorität der Zentralregierung in der Fläche zu stärken und dazu beizutragen, ein stabiles Umfeld für den zivilen Wiederaufbau zu schaffen. Darüber hinaus unterstützte Deutschland den Aufbau der afghanischen Armee und der Polizei. Seit dem 15. Februar 2002 gab es mehrere hundert Zwischenfälle der Bundeswehr in Afghanistan.

Datei:Bundeswehrfahrzeug ISAF 02.jpg
Mercedes Wolf, Seitenansicht mit Kennzeichnung für Afghanistan-Einsatz

Einige größere militärische Operationen mit deutscher Beteiligung waren:

Eingesetzte Bundeswehrkräfte

Vorlage:Hinweisbaustein Während des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan von 2001 bis 2021 waren verschiedene Teilstreitkräfte und Truppengattungen der Bundeswehr beteiligt. Ihre Hauptaufgaben umfassten Aufklärung, Schutz, Kampf, Logistik, medizinische Versorgung sowie den Wiederaufbau und die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte.

Heer

Luftwaffe

Marine

Sanitätsdienst

Spezialkräfte

  • Kommando Spezialkräfte (KSK): Durchführung von Spezialoperationen, einschließlich der Festnahme hochrangiger Taliban-Führer wie Abdul Razeq im Jahr 2009.
  • Task Force 47 (TF 47): Zusammenarbeit von KSK mit anderen Spezialkräften zur Terrorismusbekämpfung.
Datei:Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan.png
Anzahl der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan 2001–2016

Kommandeure des deutschen Einsatzkontingents

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Rang Name Zeitraum
Brigadegeneral Bernd Kiesheyer August 2005 bis April 2006
Brigadegeneral Markus Kneip April bis Oktober 2006
Brigadegeneral Volker Barth Oktober 2006 bis Februar 2007
Brigadegeneral Josef Blotz Februar bis August 2007
Brigadegeneral Dieter Warnecke August 2007 bis Januar 2008
Brigadegeneral Dieter Dammjacob 9. Januar bis 9. Juli 2008
Brigadegeneral Jürgen Weigt 9. Juli 2008 bis 10. Januar 2009
Brigadegeneral Jörg Vollmer 10. Januar bis 3. Oktober 2009
Brigadegeneral Jürgen Setzer 3. Oktober bis 29. November 2009
(Ablösung aus gesundheitlichen Gründen)
Brigadegeneral Frank Leidenberger 30. November 2009 bis 20. Juni 2010
Generalmajor Hans-Werner Fritz 20. Juni 2010 bis 24. Februar 2011
Generalmajor Markus Kneip 24. Februar 2011 bis 26. Februar 2012
Generalmajor Erich Pfeffer 26. Februar 2012 bis 21. Februar 2013
Generalmajor Jörg Vollmer 21. Februar 2013 bis 13. Februar 2014
Generalmajor Bernd Schütt 13. Februar 2014 bis 1. August 2014

Kommando Spezialkräfte

Mit dem Bundestagsmandat zu Operation Enduring Freedom, war der Einsatz von maximal 100 Soldaten des Kommando Spezialkräfte (KSK) in Afghanistan eingeschlossen. Vermutet wurde ihr Einsatz bei verschiedenen Operationen 2001 und 2002, unter anderem durch die Beschuldigungen von Murat Kurnaz. Dieses Mandat wurde am 13. November 2008 vom Bundestag wieder gestrichen, seitdem ist das KSK nur noch unter dem ISAF-Mandat in Afghanistan einsetzbar.<ref>stern.de: Bundeswehr bleibt im Antiterrorkampf</ref> Nach dem Luftangriff bei Kunduz wurde in der Politik und der Presse über eine Beteiligung des KSK bei diesem Ereignis spekuliert.<ref>tagesschau.de: SPD-Obmann Arnold zum KSK-Einsatz – „Die Fragen werden jetzt drängender“</ref> Am 5. Mai 2013 teilte die Bundeswehr mit, dass ein KSK-Angehöriger bei einem Einsatz in der Provinz Baghlan fiel. Ein weiterer Soldat wurde verletzt. Dies war der erste bestätigte Todesfall eines KSK-Angehörigen in Afghanistan.<ref>zeit.de: Deutscher Soldat bei Gefecht in Afghanistan getötet</ref><ref>spiegel.de: Erstmals KSK-Soldat in Afghanistan getötet</ref><ref>Süddeutsche Zeitung: KSK-Soldat in Afghanistan getötet</ref>

Bundesminister der Verteidigung

Die deutschen Verteidigungsminister während des Afghanistaneinsatzes waren:

Nr. Name Partei Beginn der Amtszeit Ende der Amtszeit
12 Rudolf Scharping SPD 27. Oktober 1998 19. Juli 2002
13 Peter Struck SPD 19. Juli 2002 22. November 2005
14 Franz Josef Jung CDU 22. November 2005 28. Oktober 2009
15 Karl-Theodor zu Guttenberg CSU 28. Oktober 2009 3. März 2011
16 Thomas de Maizière CDU 3. März 2011 17. Dezember 2013
17 Ursula von der Leyen CDU 17. Dezember 2013 17. Juli 2019
18 Annegret Kramp-Karrenbauer CDU 17. Juli 2019 8. Dezember 2021

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Verlauf

Beitrag zur Operation Enduring Freedom (OEF) in Afghanistan

Mit dem Bundestagsmandat vom 16. November 2001 beteiligte sich Deutschland an der US-geführten Operation Enduring Freedom (OEF). Dieses Mandat umfasste den Einsatz von bis zu 3.900 Soldaten im gesamten OEF-Einsatzgebiet, darunter maximal 100 Angehörige des Kommando Spezialkräfte (KSK) in Afghanistan. Ziel war es, Führungs- und Ausbildungseinrichtungen von Terroristen auszuschalten sowie Terroristen zu bekämpfen.<ref name="Bw-OEF">Bundeswehr: Kampf gegen den internationalen Terrorismus – OEF, abgerufen am 18. August 2025.</ref> Die Bush-Regierung hatte kein deutsches Kontingent angefordert, dieses wurde vom Bundesministerium der Verteidigung angeboten.<ref>Philipp Münch: Ein paradoxer Krieg. Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. In: Jochen Maurer, Martin Rink (Hrsg.): Einsatz ohne Krieg? Die Bundeswehr nach 1990 zwischen politischem Auftrag und militärischer Wirklichkeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, ISBN 978-3-525-33609-0, S. 151–172, hier S. 157, doi:10.13109/9783666336096.151 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).</ref><ref>Ralf Beste, Ulrike Demmer, Christoph Hickmann, Marc Hujer, Christoph Schwennicke, Holger Stark, Rainer Staudhammer, Klaus Wiegrefe: Ein deutscher Krieg. In: Der Spiegel. Nr. 36, 5. September 2011, S. 74–87 (spiegel.de).</ref>

Im Dezember 2001 waren KSK-Soldaten an der Schlacht um Tora Bora beteiligt. Ihre Hauptaufgaben umfassten Aufklärungs- und Abriegelungsoperationen sowie den Flankenschutz für amerikanische und britische Spezialkräfte.<ref>Der Spiegel: Deutsche KSK-Soldaten in Tora Bora</ref>

Im März 2002 nahmen KSK-Soldaten an der Operation Anaconda teil.

Im Mai 2009 waren KSK-Soldaten an der Festnahme des Taliban-Kommandeurs Abdul Razeq in der Provinz Badachschan beteiligt. Während dieser Operation wurde ein deutscher Soldat verletzt.<ref>Hauke Friederichs: KSK-Soldaten fangen Taliban-Anführer. In: Zeit Online, 7. Mai 2009, abgerufen am 18. August 2025.</ref>

Bei der Mandatsverlängerung von OEF im November 2008 verzichtete der Bundestag auf die weitere Abstellung von Spezialkräften zum Antiterrorkampf. Der Einsatz des KSK in Afghanistan erfolgte fortan ausschließlich unter dem Mandat der International Security Assistance Force (ISAF). Die deutsche Beteiligung an der Mission OEF endete im Jahr 2010.<ref name="Bw-OEF" />

ISAF-Einsatz in Kabul

Am 2. Januar 2002 traf ein deutsches Vorauskommando in Kabul ein, das Camp Warehouse wurde aufgebaut. Als Umschlagpunkt für Lufttransporte zwischen Deutschland und Afghanistan richtete die Bundeswehr den Stützpunkt Termez in Usbekistan nahe der afghanischen Grenze ein. Vom 10. Februar bis zum 11. August 2003 übernahmen Deutschland und die Niederlande die Führung der ISAF von der Türkei; Norbert van Heyst wurde der ISAF-Kommandeur.<ref>Spiegel.de: Interview mit Isaf-Chef von Heyst – „Nicht den Kopf einziehen“</ref> Anschließend ging die Führung der ISAF an die NATO über, da kein Staat mehr dazu bereit war. ISAF-Kommandeur wurde Götz Gliemeroth.<ref>www.nato.int: Interview mit Lieutenant-General Götz Gliemeroth: kommandierender General ISAF</ref> In dieser Zeit wurde auch der Flughafen Kabul repariert und einiges neu gebaut.<ref>Wikileaks: LEAD NATION FOR KABUL AIRPORT, Juni 2003</ref>

Am 6. März 2002 starben beim Entschärfen einer Flugabwehrrakete die ersten Bundeswehrsoldaten. In den Jahren darauf gab es weitere getötete und verletzte deutsche Soldaten durch Unfälle, Minen und Selbstmordattentate. Das Attentat am 7. Juni 2003 auf einen Bus, in dem deutsche ISAF-Soldaten den Flughafen Kabul für ihre Rückreise nach Deutschland erreichen wollten, erregte große Aufmerksamkeit in Deutschland.<ref>FAZ.net: Afghanistan – Nach dem Attentat in Kabul wachsen die Zweifel</ref> 2007 wurde ein al-Qaida-Video bekannt, wonach der Selbstmordattentäter ein Saudi aus Dschidda gewesen sein soll.<ref>Spiegel.de: Terror-Helfer präsentieren Video von Bundeswehr-Attentäter</ref> Wie unvorbereitet die Bundeswehr war, zeigte sich unter anderem darin, dass einige der damals verletzten Soldaten noch jahrelang um ihre Wehrdienstbeschädigung mit der Wehrbereichsverwaltung stritten. Im Mai 2006 zog die Bundeswehr endgültig aus dem Camp Warehouse aus.

Ausweitung des ISAF-Mandats

Am 24. Oktober 2003 beschloss der Bundestag, dass die Bundeswehr in Kundus das Provincial Reconstruction Team (PRT) von den US-Amerikanern übernehmen und dort mit der Entwaffnung von Milizen beginnen soll. Im Sommer 2004 folgte ein weiteres PRT in Faizabad.

Datei:Camp marmal02.JPG
Camp Marmal in Masar-e Scharif

Vom Juli 2004 bis zum Januar 2005 stand die Kabul Multi National Brigade unter dem Kommando der Deutsch-Französischen Brigade, die vom damaligen Brigadegeneral Walter Spindler geführt wurde. Nachdem Deutschland im Juli 2005 die Aufgabe des Regional Area Coordinator North (RAC North) übernommen hatte, folgte im Juni 2006 die Aufgabe des Regional Commander North (RC North) der ISAF-Truppen. Im August 2006 wurde Camp Marmal in Masar-e Scharif aufgebaut. Am 1. Juli 2008 übernahm die Bundeswehr die Quick Reaction Force (QRF) des Regionalkommandos Nord von Norwegen.

Seit 2006 hatte die Bundeswehr Operational Mentoring and Liaison Teams (OMLT) im Einsatz, die die Afghanischen Nationalarmee bei der Ausbildung unterstützten.

Im Oktober 2006 wurde im Rahmen eines Medienskandals bekannt, dass mehrere Soldaten der Bundeswehr während ihres Einsatzes mit menschlichen Schädeln und Skelettteilen posiert hatten. Die Fotos, die unter anderem inszenierte Scheinhinrichtungen zeigten, stammten aus den Jahren 2003 und 2004. Der Vorfall löste nationale und internationale Empörung aus und führte zu disziplinarischen Untersuchungen gegen zahlreiche Soldaten.<ref name=":0">Germany suspends two soldiers over skull photos. Reuters, 9. August 2007, abgerufen am 15. Juni 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref name=":1">Germany says officers knew of Afghan skull photos. Reuters, 9. August 2007, abgerufen am 15. Juni 2025 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Am 12. Oktober 2006 gerieten sechs deutsche Soldaten in einem Bergtal unter schweren Beschuss durch Aufständische. Der US-Pilot Brian Erickson (75. Fighter Squadron) rettete durch die Luftnahunterstützung mit einem Erdkampfflugzeug vom Typ A-10 das Leben der Soldaten und wurde dafür mit dem Distinguished Flying Cross mit Emblem für Heldentum im Kampf ausgezeichnet.<ref>Distinguished Flying Cross Recipient – Brian Erickson. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 25. Februar 2014; abgerufen am 19. Februar 2014.</ref>

Zunehmende Kampfeinsätze

Datei:ATF Dingo in German service (Afghanistan).jpg
Deutsche ISAF-Patrouille mit drei ATF Dingo bei Masar-e Scharif
Datei:Bundeswehr sniper watching.jpg
Deutscher Scharfschütze im Einsatz
Datei:Wrecks of the fuel tankers in the Kunduz River 1.jpg
Wracks der beiden beim Luftangriff bei Kundus zerstörten Tanklaster

Seit 2007 kam es im Regionalkommando Nord verstärkt zu Taliban-Angriffen. Am 9. März 2007 entschied die Bundesregierung (Kabinett Merkel I), den Auftrag des Einsatzgeschwaders Mazar-e Sharif zu erweitern und Flugzeugen vom Typ Recce Tornado nach Afghanistan zu verlegen. Die Maschinen des Aufklärungsgeschwader 51 wurden im November 2010 wieder nach Deutschland zurückverlegt.

Seit 2009 gab es wiederholt Operationen zur Stabilisierung der Region Kundus. Bei der Operation Oqab (Operation Adler) im Juli 2009 setzte die Bundeswehr zum ersten Mal in ihrer Geschichte leichte Artillerie (Mörser) und Schützenpanzer ein.

Am 2. Juli 2009 beschloss der Bundestag den Einsatz von Soldaten der Bundeswehr in AWACS-Flugzeugen der NATO mit sehr rigiden Einsatzregeln.<ref>Bundestag.de: Antrag der Bundesregierung zum Einsatz von AWACS-Flugzeugen in Afghanistan im Rahmen der ISAF (PDF; 63 kB)</ref> Da man keine Überflugsrechte von den Nachbarstaaten hatte, kamen die Maschinen nie zum Einsatz.<ref>spiegel.de: Schwarz-Gelb will Awacs-Mandat stoppen</ref> Am 25. März 2011 beschloss der Bundestag erneut die deutsche Beteiligung an AWACS-Aufklärungsflügen. Für den Einsatz stimmten 407 Abgeordnete, 113 votierten dagegen, 32 enthielten sich. Mit der deutschen Beteiligung an den AWACS-Flügen der NATO in Afghanistan wollte die Bundesregierung die Verbündeten entlasten, die an dem internationalen Libyen-Einsatz beteiligt waren.<ref>Bundestag beschließt Ausweitung des Afghanistan-Einsatzes Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. März 2011.</ref>

Für den deutschen AWACS-Einsatz waren 300 Bundeswehrsoldaten vorgesehen. Die bisherige Afghanistan-Mandatsobergrenze von 5000 Bundeswehrsoldaten zuzüglich der Reserve von 350 Soldaten sollte nicht überschritten werden.

Der Luftangriff bei Kundus am 4. September 2009, bei dem nach NATO-Einschätzung bis zu 142 Menschen, darunter viele Zivilisten, getötet und weitere verletzt wurden, ist in der Geschichte der Bundeswehr beispiellos. Letztlich führte er zum Rücktritt des ehemaligen Bundesverteidigungsministers Franz Josef Jung, der bereits als Bundesarbeitsminister vereidigt war, und zu einem Untersuchungsausschuss im Bundestag. Deutschland zahlte für die Familien von 91 Toten und von 11 Schwerverletzten als Entschädigung je 5000 US-Dollar (über die Kabul Bank).<ref>stern.de: Tanklaster-Angriff in Afghanistan – Entschädigung für die Kundus-Opfer steht</ref> Zu diesem Zeitpunkt war Karl-Theodor zu Guttenberg bereits Verteidigungsminister. Er entließ später den Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und den Staatssekretär Peter Wichert.

Um Kritik der ISAF-Verbündeten zu begegnen, beteiligte sich die Luftwaffe seit Dezember 2009 an Kampfeinsätzen der Royal Air Force im Süden Afghanistans.<ref>Michael Smith: Von Biggles goes bombing with the RAF. (PDF) The Sunday Times (Vereinigtes Königreich), 4. April 2010, abgerufen am 17. April 2010.</ref>

In einer Regierungserklärung vom 28. Januar 2010 erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die deutsche Regierung die Ausbildung der afghanischen Armee stark forcieren möchte und die Zahl der deutschen Polizeiausbilder in diesem Jahr von 123 auf 200 erhöht. Außerdem kündigte sie an, den deutschen Beitrag zum zivilen Wiederaufbau, vor allem im ländlichen Raum, zu erhöhen, und zwar von 220 Millionen Euro im Jahr 2010 auf 430 Millionen Euro im Jahr 2013, dazu einen Beitrag von jährlich 10 Millionen Euro für den neuen internationalen Reintegrationsfonds („Afghan Peace and Reintegration Programe“) in den Jahren von 2010 bis 2014.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Bundesregierung.de: Regierungserklärung zum Afghanistan-Konzept der Bundesregierung von Bundeskanzlerin Merkel vom 28. Januar 2010 (Memento vom 24. November 2010 im Internet Archive)</ref>

Am 26. Februar 2010 entschied der Bundestag, die maximale Zahl der Soldaten von 4.500 auf 5.350 zu erhöhen, wobei 350 Mann zur Reserve gehören. Im Dezember 2011 wurde die Personalobergrenze inklusive AWACS-Besatzung von 5.350 auf 4.900 gesenkt.<ref name="2012verl">bundesregierung.de: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Ab 2012 weniger deutsche Soldaten in Afghanistan (Memento vom 3. Februar 2012 im Internet Archive), Pressemeldung, 14. Dezember 2011, Zugriff am 25. Februar 2012.</ref>

Am 17. März 2010 wurde erstmals eine echtzeitfähige Aufklärungsdrohne vom Typ Heron 1 eingesetzt.<ref>Bundeswehr.de: Heron im Anflug</ref> Im Mai 2010 wurden drei Panzerhaubitzen 2000 nach Afghanistan verlegt und nach ihrem ersten Einsatz am 10. Juli 2010 wiederholt eingesetzt.

Vom 20. Juni 2010 bis zum 24. Februar 2011 war Hans-Werner Fritz, ein Generalmajor der Bundeswehr, Regionalkommandeur Nord.<ref>welt.de: Interview mit Generalmajor Hans-Werner Fritz</ref> Ihm folgten Markus Kneip (bis 26. Februar 2012) und Erich Pfeffer. Die seit Sommer 2009 im Regionalkommando aktiven US-Spezialeinheiten, wie etwa die unter OEF-Mandat handelnde Task Force 373, unterstanden nicht dem Regionalkommandeur Nord, da dieser nur für ISAF-Soldaten zuständig war.

Im August 2010 wurde der QRF-Verband im Norden aufgelöst und in zwei Ausbildungs- und Schutzbataillone überführt, jeweils eines in Kundus und eines in Masar-e Scharif, wobei jedes Bataillon aus etwa 1.200 deutschen Soldaten besteht. Diese Bataillone sollen zusammen mit afghanischen Truppen in den Einsatz gehen. Im Gegensatz zu früher will man jetzt nicht mehr nur von Zeit zu Zeit per Patrouille Präsenz vor Ort zeigen, sondern in bestimmten Schwerpunktgebieten über Wochen zusammen mit afghanischen Soldaten vor Ort bleiben. Dabei sollen lokale Sicherheitskräfte rekrutiert und Hilfsprojekte organisiert werden. Die Operation Halmazag im Oktober/November 2010 war der erste größere binationale Einsatz dieser Truppen, wobei es zu heftigen Kämpfen im Distrikt Char Darah, nahe Kunduz, kam.

In Taloqan, vor dem Camp des Provincial Advisory Team Taloqan, ereignete sich am 18. Mai 2011 ein Zwischenfall.

Übergabe der Sicherheitsverantwortung

Im Regionalkommando Nord begann die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanische Nationalarmee mit der Provinzhauptstadt Masar-e Scharif am Samstag, den 23. Juli 2011.<ref>Focus: Westerwelle besucht Provinzhauptstadt vor Übergabe</ref>

Bundespräsident Wulff war am 16. Oktober 2011 zu einem Staatsbesuch in Afghanistan, wobei auch die im Dezember 2011 durchgeführte Afghanistan-Konferenz auf dem Bonner Petersberg vorbereitet wurde. In diesem Zusammenhang machte Wulff die Aussage gegenüber dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai:

„Deutschland und die internationale Gemeinschaft werden Ihr Land, Herr Präsident, auch nach 2014 nicht im Stich lassen. Mein Land wird sich dieser Verantwortung nicht entziehen.“

– <templatestyles src="Person/styles.css" />Bundespräsident Christian Wulff: Tischrede beim Mittagessen auf Einladung von Präsident Karsai anlässlich des Staatsbesuchs in Afghanistan am 16. Oktober 2011<ref>bundespraesident.de: Tischrede beim Mittagessen auf Einladung von Präsident Karsai anlässlich des Staatsbesuchs in Afghanistan, 16. Oktober 2011</ref>

Anschließend reiste Wulff weiter nach Masar-e Scharif und Kundus zu einem Truppenbesuch. In Masar-e Scharif traf er auch mit US-Soldaten zusammen, die mehrmals deutsche Soldaten per Hubschrauber aus gefährlichen Gefechtssituationen herausgeflogen hatten.<ref>n-tv: Wulff fliegt in Unruheprovinz Kundus</ref>

Im Januar 2012 übernahmen Afghanen die Verantwortung der Sicherheit für Faizabad und für mehrere Distrikte der Provinz Badachschan. Im Oktober 2012 wurde das Lager ganz aufgegeben. Bereits gegen Ende des Jahres 2011 war die Leitung des PRTs von der Bundeswehr an das deutsche Außenministerium übergeben worden. Die Provinz Balch wurde ebenfalls in afghanische Verantwortung übergeben.<ref>n-tv: Verantwortung geht an Afghanen, 25. Januar</ref>

Der Stützpunkt in Talokan in der Provinz Tachar wurde wegen Unruhen in mehreren afghanischen Städten am 23. Februar 2012, einige Wochen früher als geplant, aufgelöst. Im Regionalen Beraterteam (PAT) waren zuletzt etwa 50 Bundeswehrsoldaten stationiert.<ref>FAZ: Bundeswehr zieht sich vorzeitig aus Talokan zurück</ref>

Ein Strategisches Partnerschaftsabkommen wurde am 16. Mai 2012 mit Afghanistan geschlossen. Dabei wurde geregelt wie die Unterstützung für Afghanistan nach Abzug der Bundeswehr aussehen soll.<ref>Süddeutsche.de: Deutschland unterstützt Afghanistan mit 150 Millionen Euro</ref>

Im Dezember 2012 verlegte die Bundeswehr die ersten zwei von insgesamt vier Kampfhubschrauber Eurocopter Tiger nach Afghanistan.<ref>n-tv: Bundeswehr schickt „Tiger“ los, 13. Dezember 2012</ref>

Im Oktober 2013 beendete die Bundeswehr ihren Abzug aus dem Feldlager Kundus, wobei der Transport von Material und Waffen in schwerbewachten Konvois nach Masar-e Scharif weitgehend abgeschlossen wurde. Verteidigungsminister de Maizière, Außenminister Westerwelle und die afghanischen Verteidigungs- und Innenminister feierten im Feldlager am 6. Oktober in einer kleinen Zeremonie die Übergabe des Feldlagers an die afghanischen Sicherheitskräfte.<ref>Spiegel.de: Deutsche übergeben Camp Kunduz, 6. Oktober 2013.</ref>

Zum 31. Dezember 2014 wurde die ISAF-Mission beendet und in die Ausbildungsmission Resolute Support überführt.<ref>Afghanistan – ISAF International Security Assistance Force (International Security Assistance Force) bundeswehr.de, abgerufen am 24. Juni 2023.</ref> Zur Rückführung überschüssigen Materials aus der ISAF-Mission nach Deutschland nutzte die Bundeswehr den Logistischen Umschlagpunkt Trabzon in der Türkei.

Resolute Support

Vorlage:Hinweisbaustein Ab 1. Januar 2015 beteiligte sich die Bundeswehr an der Mission Resolute Support, die die Ausbildung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte zum Ziel hatte, um sie dazu zu befähigen, die Sicherheitsverantwortung für das Land alleine tragen zu können.

Von Januar bis Juli 2015 stellte Deutschland mit Generalleutnant Carsten Jacobson den stellvertretenden Kommandeur der Mission. Von Juni 2015 bis Juni 2021 stellte die Bundeswehr durchgängig den Chef des Stabes von Resolute Support. Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Siehe auch“ ist nicht vorhanden.

Die Mission war in regionale Kommandos für Training, Beratung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte (Train, Advice, Assist Commands, TAAC) aufgeteilt. Deutschland trat als Führungsnation des TAAC North auf, das sein Hauptquartier im Camp Marmal in Masar-e Scharif hatte und für den Norden Afghanistans zuständig war – für diese Region war die Bundeswehr schon während der ISAF-Mission hauptverantwortlich.

Abzug

Im Februar 2020 schloss die US-Regierung während der Präsidentschaft von Donald Trump bilateral mit den Taliban das Doha-Abkommen, in dem sie sich zu einem vollständigen Abzug der US-Truppen aus Afghanistan bis Ende April 2021 verpflichtete. Dieser Stichtag fiel damit schon in die Amtszeit des nächsten US-Präsidenten. Trumps Nachfolger Joe Biden erklärte im April 2021, die US-Truppen bis spätestens zum (symbolischen Stichtag) 11. September des gleichen Jahres vollständig aus Afghanistan abzuziehen.<ref>dpa: Konflikte: Biden kündigt Abzug aus Afghanistan bis 11. September an. In: Die Zeit. 14. April 2021, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 23. Januar 2025]).</ref> Die NATO-Verbündeten schlossen sich noch am gleichen Tag dieser Ankündigung an. Die Bundeswehr begann daraufhin ebenfalls mit dem Abzug ihrer noch rund 1100 Soldaten.<ref>Nato beschließt Truppenabzug aus Afghanistan. In: Der Spiegel. 14. April 2021, abgerufen am 23. Januar 2025.</ref> Die letzten deutschen Soldaten kehrten bis 30. Juni 2021 nach Deutschland zurück, womit der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr offiziell endete.<ref>tagesschau.de: Afghanistan-Mission: Bundeswehr fliegt letzte Soldaten aus. Abgerufen am 29. Juni 2021.</ref><ref>Erster Jahrestag der Rückkehr aus Afghanistan. In: bundeswehr.de. Abgerufen am 23. Januar 2025.</ref>

Evakuierungsoperation im August 2021

Vom 16. bis 26. August 2021 führte die Bundeswehr eine militärische Evakuierungsoperation in der Hauptstadt Kabul durch, um deutsche Staatsangehörige, Ortskräfte und weitere gefährdete Personen aus Afghanistan auszufliegen.

Vorgeschichte

Infolge des schrittweisen Truppenabzugs der Koalitionskräfte gelang es den Taliban ab Mai 2021 mit nur geringer Gegenwehr durch die Afghanische Nationalarmee, große Gebiete Afghanistans zu erobern. Im August zeichnete sich die militärische Niederlage der afghanischen Streitkräfte und der Verlust der Hauptstadt Kabul ab. Die Bundeswehr begann daher am 13. August Planungen für eine militärische Evakuierungsoperation.<ref>„Euer Kommandeur weint abends auch“. In: bundeswehr.de. 22. September 2021, abgerufen am 19. August 2025.</ref>

Präsident Aschraf Ghani floh am 15. August ins Exil in die Vereinigten Arabischen Emirate. Am gleichen Tag eroberten die Taliban Kabul und übernahmen die Macht über das Land.<ref name="Aga-150821">Thomas Wiegold: Taliban übernehmen Kabul, Bundeswehr-Evakuierungsmission startet Montag (Neufassung). In: Augen geradeaus! 15. August 2021, abgerufen am 19. August 2025.</ref> Nur der Flughafen Kabul wurde noch durch US-amerikanische und verbündete Kräfte gehalten und stellte damit den einzig sicheren Ausweg aus der Stadt dar. Aufgrund dessen setzte eine Fluchtbewegung zum Flughafen ein, wo tausende Menschen auf einen Flug ins Ausland hofften und es zu chaotischen Szenen kam.<ref>Chaos nach Machtübernahme der Taliban. In: Deutsche Welle. 16. August 2021, abgerufen am 19. August 2025.</ref> Der Entschluss zum Start der deutschen Operation fiel am 15. August.<ref name="Aga-150821" />

Einsatzverlauf

Der Einsatzverband wurde von Jens Arlt geführt.<ref>General aus Saarlouis leitet jetzt Evakuierungsmission in Afghanistan. In: Saarbrücker Zeitung. 17. August 2021, abgerufen am 19. August 2021.</ref> Die Verbringung erfolgte mit Transportflugzeugen Airbus A400M des Lufttransportgeschwader 62. Als Stützpunkt für Zwischenstopps zwischen Deutschland und Kabul wurde der Flughafen Taschkent in Usbekistan genutzt.

Die ersten Transportflugzeuge landeten am 16. August 2021 in Kabul. Aufgrund einer nächtlichen Ausgangssperre und kurzer Standzeiten der Flugzeuge am Boden fand der erste deutsche Evakuierungsflug nach Taschkent mit nur 7 berechtigten Personen statt.<ref>Darum nahm die Bundeswehrmaschine nur sieben Menschen mit. In: n-tv.de. 17. August 2021, abgerufen am 19. August 2025.</ref>

Am frühen Morgen des 23. August kam es zu einem Feuergefecht zwischen afghanischen Sicherheitskräften und unbekannten Angreifern am Nordtor des Flughafens. Ein afghanischer Soldat wurde getötet, drei weitere verletzt. Bundeswehrsoldaten waren beteiligt, blieben jedoch unverletzt.<ref>Flughafen Kabul: Bundeswehr an Gefecht beteiligt – KSK in der Stadt im Einsatz. In: Deutscher BundeswehrVerband. 23. August 2021, abgerufen am 19. August 2025.</ref>

Am 26. August verschlechterte sich die Sicherheitslage und die Bundeswehr beendete die Evakuierungsoperation. Kurz vor dem Abflug der letzten Bundeswehrmaschinen verübte die Terrorgruppe IS-K einen Selbstmordanschlag auf den Flughafen, der über 100 Menschen tötete, darunter 13 US-Soldaten. Insgesamt flog die Bundeswehr während des Einsatzes 5347 Menschen aus.<ref>Mission in Afghanistan erfolgreich beendet: Deutsche Soldaten auf dem Weg nach Wunstorf. In: Deutscher BundeswehrVerband. 27. August 2021, abgerufen am 19. August 2025.</ref>

Während der Evakuierung gab es Kritik an der späten Reaktion der Bundesregierung und der zunächst geringen Anzahl ausgeflogener Personen.

Weitere Tätigkeiten

Polizeiliche Aufbauhilfe

Ab Frühjahr 2002 unterstützte Deutschland die Ausbildung der afghanischen Polizei. Dazu wurde in Kabul eine Polizeiakademie aufgebaut, der Wiederaufbau von Gebäuden unterstützt und die Ausrüstung ergänzt. Im August 2002 traten die ersten 1500 Rekruten in die Akademie ein. Die Ausbildung ist vorgesehen für Unteroffiziere (Satanman) und Offiziere (Saran).<ref>BMI: Einstellungstest der Bewerber für die 6-monatige Ausbildung der Satanmane Afghanische Nationale Polizeiakademie (ANPA) in Kabul</ref> Später wurde der deutsche Ansatz dahingehend kritisiert, dass so zu wenig Polizisten ausgebildet werden. Noch 2005 dauerte die Ausbildung zum Offizier drei Jahre an der Akademie plus zwei Jahre berufsbegleitend und zum Unteroffizier ein Jahr. Als Reaktion auf die Kritik wurde die Ausbildungszeit für die Ausbildung zum Unteroffizier verkürzt und von den USA geleitet eine Ausbildung für den einfachen Polizeidienst (Satunkai) eingeführt, die in acht Wochen abgeschlossen werden kann. Ab Sommer 2007 übernahm auch die EUPOL Afghanistan Aufgaben zur Polizeiausbildung der ANP (Afghan National Police), der ABP (Afghan Border Police) und der ANCOP (Afghan National Civil Order Police). Ab Januar 2009 beteiligte sich Deutschland am Programm Focused District Development (FDD) im Regionalkommando Nord. Es beinhaltete unter anderem das Aufstellen von sogenannten Polizei-Mentoring-Teams (PMT) zur Bewertung der Situation vor Ort und anschließend die Weiterbildung der Distriktpolizei in zweimonatigen Kursen in einem Polizeitrainingszentrum.<ref>BMI: Fragen und Antworten zum Focused District Development (FDD)</ref>

An den Standorten der deutschen PRTs (Provincial Reconstruction Team) Kunduz und Feyzabad, als auch im Bereich der Forward Support Base „Camp Marmal“ / PRT „Northern Lights“ (Schweden) in Masar-e Scharif und in Kabul wurde die Ausbildung der afghanischen Polizei durch das German Police Project Team AFG (GPPT AFG) in den jeweiligen Police Training Center (PTC) bzw. der ANPA (Afghan National Police Akademie) durchgeführt. Das GPPT AFG setzte sich zu Hochzeiten in den Jahren 2010/2011 aus bis zu 200 deutschen Polizeibeamten des Bundes und der Länder zusammen. Nach Schließung der PRTs Kunduz und Feyzabad und dem Wechsel von einer Trainings- zu einer Mentoringmission wurde auch das GPPT entsprechend verkleinert.

In besonderem Maße wurde die Polizeiausbildung auch durch die amerikanischen Streitkräfte durchgeführt, u. a. im RTC Masar-e Scharif (Regional Training Center).

Diplomatische Einflussnahme auf die Taliban

Die Zeitschrift Der Spiegel berichtete 2007, es habe im Juli 2005 in Zürich ein geheimes Treffen zwischen dem Bundesnachrichtendienst (BND) und zwei Vertretern der Taliban gegeben. Das Interesse des BND habe darin bestanden zu erfahren, ob die Taliban sich von al-Qaida trennen würden. Die Taliban hätten ihr Interesse bekundet, als politische Kraft anerkannt zu werden. Die Gespräche führten zu keinen offiziellen Verhandlungen, da die Taliban sich nicht von al-Qaida hätten distanzieren wollen.<ref>Spiegel.de: BND trifft Taliban – Geheimtermin in Zürich</ref>

Im Winter 2011 kündigten die Taliban an, in Katar eine „Auslandsvertretung“ einzurichten, um „in einen Dialog mit der internationalen Gemeinschaft zu treten“. Nach US-Angaben soll zehn Monate lang darüber zwischen den Taliban und US-Vertretern verhandelt worden sein; man habe sich in Deutschland und Katar etwa ein halbes Dutzend Mal getroffen.<ref>Reuters: Exclusive: Secret U.S. Taliban talks reach turning point, 19. Dezember 2011</ref>

Politische UN-Mission

Die Bundeswehr entsandte Militärberater zur zeitgleich aktiven Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA).<ref>Afghanistan – UNAMA, bundeswehr.de, abgerufen am 11. März 2026.</ref>

Parallel geführte Einsätze

Neben Afghanistan beteiligte sich die Bundeswehr auch an anderen Orten an der Mission OEF, nämlich von November 2001 bis 2002 mit Unterstützung durch Lufttransporte, bis 2003 mit dem ABC-Abwehrbataillon Kuwait sowie bis 2010 mit dem Einsatz deutscher See- und Seeluftstreitkräfte am Horn von Afrika.<ref>Operation Enduring Freedom – Begriffserklärung und zeitlicher Ablauf der militärischen Operation. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Sachstand vom 8. Januar 2014.</ref><ref>Afghanistan-Konzept der Bundesregierung. Auswärtiges Amt, Bundesministerium der Verteidigung, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Bundesministerium des Innern, 1. September 2003.</ref><ref>Kampf gegen den internationalen Terrorismus – OEF Operation Enduring Freedom. bundeswehr.de, abgerufen am 5. Juli 2023.</ref> Im Mittelmeer beteiligte sich Deutschland bis zum 31. Dezember 2013 an der NATO-geführten Operation Active Endeavour (OAE) zur Seeraumüberwachung.<ref>Operation „Active Endeavour“. bundeswehr.de, abgerufen am 5. Juli 2023.</ref><ref>Überblick über die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Sachstand vom 15. November 2006, S. 4, 7 f., 12 f.</ref>

Öffentliche Wahrnehmung und Kritik

Im Jahr 2006 führten Veröffentlichungen in der Bildzeitung zum sog. „Totenschädel-Skandal“.

Datei:Protest gegen den Krieg in Afghanistan im Bundestag.jpg
Abgeordnete der Partei Die Linke protestieren im Deutschen Bundestag am 26. Februar 2010 gegen den Einsatz der Bundeswehr. Auf den Plakaten sind die Namen ziviler Opfer des Luftangriffes bei Kunduz vom 4. September 2009 zu lesen. Die Abgeordneten wurden daraufhin von der Sitzung ausgeschlossen.

In einer repräsentativen Befragung im Dezember 2009 bezweifelte eine große Mehrheit der Bundesbürger, dass die Bundesregierung (Kabinett Merkel II) umfassend und ehrlich über den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan informiert. 69 % der Befragten befürworteten einen möglichst schnellen Abzug der deutschen Streitkräfte; 27 % sprachen sich für eine Fortsetzung des militärischen Engagements aus.<ref>ARD-DeutschlandTREND – Dezember 2009. Archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 24. Februar 2014; abgerufen am 19. Februar 2014.</ref>

Die kritische Bewertung des ISAF-Einsatzes in der öffentlichen Diskussion in Deutschland basierte (Stand 2012) auf folgenden Befunden: Im konzeptionellen Design der ISAF-Mission seien die extrem defizitären Strukturen des kriegszerstörten afghanischen Staatswesens nicht hinreichend berücksichtigt worden. Faktisch müsse ein „Staatsaufbau ohne Staat“ betrieben werden.<ref name="Paul">Michael Paul: Zivil-militärische Interaktion im Auslandseinsatz. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 48/2009, S. 29–35.</ref> Die Ziele des Einsatzes seien zu hoch definiert gewesen, „mit Hoffnungen und Illusionen überfrachtet“. Die Planer seien auf eine hoffnungsvoll wartende Bevölkerung vorbereitet gewesen, nicht auf wachsenden Widerstand.<ref>Matthias Kolb: Afghanistan: „Eigene Opfer riskieren, um Vertrauen zu gewinnen.“ Süddeutsche Zeitung, 17. Mai 2010.</ref> Die Militäroffensive amerikanischer und britischer Streitkräfte im Süden habe dazu geführt, dass Aufständische in andere Landesteile auswichen, besonders in den Norden, für den die Bundeswehr zuständig war. Der Aufbau der afghanischen Armee und Polizei gehe deutlich langsamer voran als geplant.<ref>Bente Aika Scheller: Afghanistan. 1. November 2011.</ref> Das deutsche Engagement bei der Polizeiausbildung sei ungenügend.<ref>Ronja Kempin: Verschenkte Jahre bei der Polizeiausbildung. Die Zeit, 28. Januar 2010.</ref><ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Jens Borchers: Die Mär vom Polizeiaufbau. (Memento vom 28. Januar 2010 im Internet Archive)</ref> Die durch die Politik gegebenen Einsatzbeschränkungen der deutschen Soldaten bei gleichzeitig bestehenden Fähigkeitslücken führten dazu, dass der Selbstschutz vor der Sicherheitsherstellung rangiere und die Bundeswehr hauptsächlich mit der Eigensicherung beschäftigt sei. Die zivil-militärische Interaktion sei wegen unzureichender Präsenz nur in reduziertem Umfang möglich.<ref name="Paul" /> Hinzu kommt, dass der Beitrag der ISAF auch unter den Soldaten der US-Armee kritischer bewertet wurde. Gängig war dort (auch in Führungskreisen) die Uminterpretation des Akronyms ISAF zu „I Suck At Fighting“<ref>Michael Hastings: „The Runaway General“ – General außer Kontrolle. In: rollingstone.de. 24. Juni 2010, abgerufen am 23. Januar 2025 (Übersetzung von Bernd Gockel).</ref> (ugs. „Ich kämpfe echt mies“<ref>I suck at Linguee, abgerufen am 26. Juni 2023.</ref><ref>to suck at sth. dict.cc, abgerufen am 26. Juni 2023.</ref>).

Besuche deutscher Verteidigungsminister bei den deutschen Truppen in Afghanistan erfuhren öffentliche Aufmerksamkeit.

Weihnachten 2009 sagte die damalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann in ihrer Weihnachtspredigt den Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“. Dies löste eine öffentliche Debatte aus.

Im März 2010 brach Verteidigungsminister zu Guttenberg ein Tabu beim Thema Afghanistaneinsatz: Er räumte ein, man könne „umgangssprachlich von Krieg“ in Afghanistan reden.<ref>Verdruckstheit im Umgang mit dem Afghanistaneinsatz. Deutschlandfunk, 14. März 2010, abgerufen am 1. Februar 2012.</ref> Er löste damit eine Diskussion aus.<ref>Guttenberg spricht von Krieg in Afghanistan. Spiegel Online, 4. April 2010, abgerufen am 1. Februar 2012.</ref> Zugleich sorgte diese völkerrechtliche Einordnung des Einsatzes als nicht internationaler bewaffneter Konflikt für mehr Rechtssicherheit für die eingesetzten Soldaten.<ref>Guttenberg spricht von Krieg. Focus Online, 4. April 2010, abgerufen am 1. Februar 2012.</ref><ref>Guttenberg erklärt den Krieg. Spiegel Online, 6. April 2010, abgerufen am 1. Februar 2012.</ref>

Im Jahr 2023 erklärte Gerhard Schröder, dass seine Entscheidung für den Bundeswehreinsatz in Afghanistan eine war, die er gegen sein eigenes moralisches Verständnis getroffen habe.<ref name=":7">Tomasz Kurianowicz, Moritz Eichhorn: Gerhard Schröder im Interview: So scheiterten die Friedensverhandlungen zwischen Ukraine und Russland. In: berliner-zeitung.de. 21. Oktober 2023, abgerufen am 2. November 2023.</ref>

Folgen

Politische und militärische Würdigung

Am 13. Oktober 2021 würdigten Vertreter der fünf Verfassungsorgane, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Zuerst gab es einen Abschlussappell mit Reden von Politikern vor dem Verteidigungsministerium, später folgte vor dem Reichstagsgebäude ein Großer Zapfenstreich als höchstes militärisches Zeremoniell der Bundeswehr.<ref>Politik würdigt Afghanistan-Einsatz, RP Online vom 13. Oktober 2021.</ref>

Einsatzmedaille der Bundeswehr

Soldaten, die eine Mindestzeit in Afghanistan eingesetzt waren, wird die Einsatzmedaille der Bundeswehr verliehen. Für die einzelnen Mandate des Einsatzes existieren spezifische Medaillenspangen, nämlich für Enduring Freedom, ISAF, Resolute Support und UNAMA sowie die auch für andere Einsätze und ohne Mindestentsendungszeit verliehene Spange MilEvakOp für die Evakuierung aus Kabul 2021. Für Soldaten, die an einem Gefecht teilnahmen bzw. militärisch angegriffen wurden, existiert seit 2010 außerdem die Einsatzmedaille Gefecht als Sonderstufe. Die während des Afghanistaneinsatzes vermehrt auftretenden Gefechtssituationen deutscher Soldaten waren ein Grund für ihre Stiftung. Seit 2022 kann diese Stufe auch für Gefechtssituationen verliehen werden, die sich vor dem 28. April 2009 ereigneten.

Aufnahme afghanischer Ortskräfte in Deutschland

Länder wie die USA und Kanada haben umfangreiche Aufnahmeprogramme für ihre Mitarbeiter aufgelegt; Afghanen, die für das US-Militär arbeiten, bekommen vertraglich zugesichert, dass sie nach einigen Jahren in den USA leben dürfen. Rund 1600 Afghanen arbeiten (Stand Frühjahr 2013) für deutsche Einrichtungen (davon etwa 1350 für die Bundeswehr); viele von ihnen wünschen sich ein solches Aufnahmeprogramm.

Im direkten Vergleich mit den USA wurden dort in einem Zeitraum von 2009 bis 2013 insgesamt 1500 Afghanen pro Jahr mit einem Visum ausgestattet. Im Mai 2017 wurden afghanischen Hauptantragstellern im Rahmen des Consolidation Appropriations Act zusätzliche 2.500 Visa zugeteilt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />The Afghan Special Immigrant Visa Program (Memento vom 16. Dezember 2019 im Internet Archive) auf der Website von Human Rights First (abgerufen am 17. Dezember 2019)</ref> Das am 15. Februar 2019 in Kraft getretene Gesetz The Afghan Special Immigrant Visa Program (S.I.V.) genehmigte 4.000 zusätzliche Visum-Kontingente für afghanische Hauptantragsteller. Insgesamt wurden seit Dezember 2014 insgesamt 18.500 amerikanische Visas ausgestellt.<ref>Special Immigrant Visas for Afghans – Who Were Employed by/on Behalf of the U.S. Government auf der Website des DEPARTMENT of STATE — BUREAU of CONSULAR AFFAIRS (abgerufen am 17. Dezember 2019)</ref>

Das Auswärtige Amt, das Verteidigungs- und das Entwicklungsministerium verweisen auf das „für das Thema Einwanderung zuständige“ Innenministerium. Dort heißt es, die Bundesregierung sei sich der „besonderen Verantwortung für die afghanischen Ortskräfte bewusst“. Sie unterstünden der „Fürsorge ihrer Dienststelle“ und könnten sich „jederzeit“ an sie wenden, „wenn sie sich um ihre berufliche und persönliche Zukunft sorgen oder gar durch politisch-extremistische Kräfte im eigenen Land bedroht fühlen“.<ref>spiegel.de vom 16. April 2013: Einheimische Helfer der Bundeswehr: In Afghanistan bedroht – in Deutschland unerwünscht</ref>

Die afghanische Regierung hatte dagegen protestiert, afghanischen Ortskräften in Deutschland Asyl anzubieten, weil das die Moral untergrabe.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Christoph Heinzle: Bundeswehr-Paten für afghanische Ex-Kollegen (Memento vom 11. Juli 2015 im Internet Archive) NDR vom 10. Juli 2015.</ref>

Ab Mitte 2015 jedoch erhöhten deutsche Bundesbehörden den Anteil der positiv entschiedenen, sogenannten „Gefährdungsanzeigen“ von Ortskräften und erlaubten 68 % der Antragssteller Asyl in Deutschland. Bis Februar 2016 seien 1.800 solcher Fälle bearbeitet worden, 75 % der Fälle seien zuvor für die Bundeswehr tätig gewesen.<ref>spo./AFP : "Deutschland nimmt mehr gefährdete Ortskräfte auf" FAZ vom 9. Februar 2016.</ref> Seit Beginn dieses Ortskräfteverfahrens im Jahr 2013 wurden nach Angaben der Verteidigungsministeriums (Stand April 2021) 781 Ortskräfte in Deutschland aufgenommen. Im April 2021 waren rund 300 Ortskräfte für die Bundeswehr in Afghanistan beschäftigt.<ref>Truppenabzug aus Afghanistan: Annegret Kramp-Karrenbauer will Bundeswehr-Helfer nach Deutschland holen. In: Der Spiegel. Abgerufen am 18. April 2021.</ref>

Einige private Stakeholder in Deutschland übernehmen zunehmend die aktive Hilfe von ehemaligen afghanischen Ortskräften. Diese Vereine unterstützen die ehemaligen Ortskräfte der Bundeswehr und setzen sich schwerpunktmäßig für integrative Maßnahmen in Deutschland und praktische Unterstützung vor Ort ein. Einige hochrangige Vertreter der Bundeswehr unterstützen diese Organisationen durch aktive Mitgliedschaft oder als Schirmherr. So übernahmen die Generäle<ref>General, der. In: duden.de. Bibliographisches Institut GmbH, 2019, abgerufen am 17. Dezember 2014.</ref> Volker Wieker und Eberhard Zorn als ehemaliger und aktiver Generalinspekteur der Bundeswehr die Schirmherrschaft über das Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e. V.<ref>Generalinspekteur übernimmt Schirmherrschaft auf den Seiten des Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e. V. (abgerufen am 17. Dezember 2019)</ref>

Bis März 2024 wurden in verschiedenen Aufnahmeverfahren rund 33.000 Personen in Deutschland aufgenommen. Darunter waren rund 20.000 Ortskräfte mit ihren Familienangehörigen. Über das Bundesaufnahmeprogramm für besonders gefährdete Personen kamen bis Mitte April 2024 insgesamt 290 Personen nach Deutschland, wohingegen etwa 1400 Personen im Rahmen dieses Programms eine Zusage auf Aufnahme erhalten hatten.<ref>Auswärtiges Amt bringt weitere Ortskräfte aus Afghanistan nach Deutschland. In: Der Spiegel. Abgerufen am 21. April 2024.</ref> Im August 2025 hielten sich in Pakistan rund 2.300 Personen aus den verschiedenen Aufnahmeprogrammen, darunter circa 280 Personen aus dem Ortskräfteverfahren, auf, die eine Aufnahmezusage hatten. Mitte August 2025 kam es zu einer Festnahmewelle in Pakistan, von der auch etwa 300 Menschen mit deutschen Aufnahmezusagen betroffen waren. Davon wurden 35 Personen nach Afghanistan abgeschoben. Anfang Juli hatte das Verwaltungsgericht Berlin entschieden, das eine afghanische Familie mit Aufnahmezusagen Visa zu erteilen sind. Das Auswärtige Amt nahm Mitte August seine Beschwerde dagegen beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zurück. Seit Mitte Juni 2025 liefen zahlreiche weitere Klagen auf Visa-Erteilung, wobei bisher rund 20 dieser Eilverfahren erfolgreich waren.<ref>Afghanische Familie muss Visum bekommen. In: tagesschau.de. Abgerufen am 17. August 2025.</ref>

Getötete Bundeswehrsoldaten

Datei:Ehrenhain Kunduz (Wald der Erinnerung).jpg
Wiedererrichteter Ehrenhain des Feldlagers Kunduz im Wald der Erinnerung in Schwielowsee

Während der Gesamtdauer des Afghanistaneinsatzes wurden dort 59 Bundeswehrsoldaten getötet. Dies ist die höchste Anzahl in einem einzelnen Einsatz getöteter Bundeswehrsoldaten seit Bestehen der Bundeswehr.<ref>Todesfälle in der Bundeswehr. www.bundeswehr.de, 20. Juli 2022, abgerufen am 6. März 2024.</ref> Während einer Gefechtssituation im Rahmen von ISAF fiel im April 2009 erstmals überhaupt ein Bundeswehrsoldat durch direkte gegnerische Waffeneinwirkung.<ref>BT-Drs. 19/9693, abgerufen am 24. März 2026.</ref> Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Siehe auch“ ist nicht vorhanden. Zum Gedenken an die Gefallenen wurden zunächst direkt in den afghanischen Einsatzbasen Ehrenhaine errichtet. Nach der Schließung der Einsatzbasen wurden die Ehrenhaine im Wald der Erinnerung in der Henning-von-Tresckow-Kaserne in Schwielowsee bei Berlin wiedererrichtet. Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Siehe auch“ ist nicht vorhanden.

Auswirkungen des Einsatzes auf Veteranen

Im August 2014 veröffentlichte das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr eine Langzeitstudie mit dem Titel: Afghanistanrückkehrer – Der Einsatz, die Liebe, der Dienst und die Familie: Ausgewählte Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Langzeitbegleitung des 22. Kontingents ISAF.<ref>Der Einsatz, die Liebe, der Dienst und die Familie: Ausgewählte Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Langzeitbegleitung des 22. Kontingents ISAF (PDF)</ref><ref>spiegel.de: Erste Bundeswehr-Veteranen-Studie: Was macht der Krieg mit den Soldaten?</ref>

Als im Jahr 2021 die Taliban nach ihrer Offensive die Macht übernahmen und eine Evakuierungsmission von gefährdeten Afghanen anlief, stiegen die Anfragen nach psychologischem Beistand von Seiten der Afghanistan-Veteranen und ihren Angehörigen laut dem Bund Deutscher Einsatzveteranen an.<ref name=":10">Afghanistan-News am Samstag: Mehrere Tote im Gedränge am Flughafen Kabul. In: Der Spiegel. Abgerufen am 21. August 2021.</ref>

Von der Intensität des Afghanistan-Einsatzes und seinem tragischen Ende gingen wesentliche Impulse für die Entstehung einer eigenen deutschen Veteranenkultur und die Etablierung des Nationalen Veteranentages in Deutschland aus.<ref>Marcel Bohnert: Vom Schatten ins Licht. Zeitenwende in der deutschen Veteranenkultur. 1. Auflage. Standpunkte & Orientierungen, Nr. 17. Miles-Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-96776-089-7.</ref>

Seit 2011 hat die Bundeswehr, nach NDR-Recherchen, knapp 2.800 Fälle von einsatzbedingter Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) dokumentiert, Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass tatsächlich mindestens 13.000 Soldatinnen und Soldaten nach Auslandseinsätzen an PTBS leiden. Laut Peter Zimmermann, PTBS-Beauftragter der Bundeswehr, sollen geschätzt lediglich 10 bis 20 Prozent Betroffenen von Behandlungsangeboten erreicht werden. Der Weg zu einer offiziellen Anerkennung einer PTBS als Wehrdienstbeschädigung ist oft lang und belastend, zudem werden rund 30 Prozent der Anträge abgelehnt. Im Durchschnitt vergehen 22 Monate bis zum ersten Bescheid, die Verfahren können sich aber über Jahre hinziehen.<ref>Lässt die Bundeswehr traumatisierte Soldaten im Stich?. .t-online.de, 15. Mai 2025.</ref>

Politische Aufarbeitung

Der Deutsche Bundestag setzte am 8. Juli 2022 zwei Gremien zur politischen Aufarbeitung des Einsatzes ein: zum einen den 1. Untersuchungsausschuss der 20. Wahlperiode des Deutschen Bundestages zur Untersuchung der Vorgänge in Verbindung mit dem Truppenabzug, zum anderen eine Enquete-Kommission mit dem Auftrag, den Ansatz der vernetzten Sicherheit des Einsatzes zu bewerten und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen.<ref>Götz Hausding: Deutscher Bundestag - Enquete-Kommission zu Afghanistan eingesetzt. Abgerufen am 8. Juli 2022.</ref> Die Fraktionen SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP hatten dies gemeinsam beantragt.<ref>U-Ausschuss zum Afghanistan-Einsatz soll eingesetzt werden</ref>

Kosten

Der Bundesrechnungshof konnte am 19. Mai 2021 in einer Antwort auf eine Anfrage „keine allgemein akzeptierte Zahl zu den Kosten des Afghanistan-Einsatzes nennen“. Schätzungen zufolge liegen diese bei bis zu 47 Milliarden Euro.<ref>Kosten des Krieges: 12,5 oder 47 Milliarden Euro? Antwort des Bundesrechnungshofs. Abgerufen am 18. August 2021.</ref>

Einsatzbedingte Zusatzausgaben der Bundeswehr für ISAF

Nach Angaben der Bundesregierung beliefen sich die einsatzbedingten Zusatzausgaben für die Bundeswehr wegen den Einsatzes in Afghanistan von 2001 bis zum 31. August 2021 auf 12,3 Milliarden Euro. Darin nicht eingerechnet sind Ausgaben für Entwicklungshilfe. Rechnet man die Ausgaben von anderen Ministerien hinzu, beispielsweise für Entwicklungshilfe, betrugen die Ausgaben mindestens 17,3 Milliarden Euro.<ref>Deutscher Afghanistan-Einsatz kostete über 17,3 Milliarden Euro. Abgerufen am 10. Oktober 2021.</ref>

Jahr Personal-
ausgaben
Erhaltung von
Wehrmaterial
Militärische
Beschaffungen
Militärische
Anlagen
Nicht aufteilbare sächliche
Verwaltungsausgaben
Gesamtsumme
2001 0,1 Mio. 0,4 Mio. 3,6 Mio. 0,0 Mio. 1,2 Mio. 5,3 Mio.
2002 35,4 Mio. 42,0 Mio. 122,6 Mio. 19,9 Mio. 86,3 Mio. 306,2 Mio.
2003 66,5 Mio. 56,4 Mio. 137,2 Mio. 10,6 Mio. 112,6 Mio. 383,3 Mio.
2004 66,9 Mio. 82,2 Mio. 94,1 Mio. 9,8 Mio. 84,5 Mio. 337,5 Mio.
2005 68,2 Mio. 75,3 Mio. 101,8 Mio. 27,2 Mio. 104,8 Mio. 377,3 Mio.
2006 92,2 Mio. 70,6 Mio. 99,2 Mio. 52,8 Mio. 186,0 Mio. 500,8 Mio.
2007 112,8 Mio. 102,1 Mio. 86,8 Mio. 56,2 Mio. 157,4 Mio. 515,3 Mio.
2008 120,5 Mio. 136,4 Mio. 52,4 Mio. 36,1 Mio. 156,5 Mio. 501,9 Mio.
2009 157,7 Mio. 184,9 Mio. 101,8 Mio. 51,6 Mio. 172,3 Mio. 668,3 Mio.
2010 187,8 Mio. 253,6 Mio. 263,9 Mio. 69,9 Mio. 253,7 Mio. 1028,9 Mio.
2011 213,1 Mio. 256,9 Mio. 356,6 Mio. 51,6 Mio. 335,6 Mio. 1213,8 Mio.
2012 219,6 Mio. 290,8 Mio. 204,7 Mio. 39,8 Mio. 377,0 Mio. 1131,9 Mio.
2013 190,5 Mio. 153,5 Mio. 82,4 Mio. 39,7 Mio. 339,1 Mio. 805,2 Mio.
2014 114,3 Mio. 142,3 Mio. 44,1 Mio. 10,8 Mio. 272,6 Mio. 584,1 Mio.
2015 49,5 Mio. 113,5 Mio. 11,9 Mio. 0,3 Mio. 251,2 Mio. 426,4 Mio.
2016 47,3 Mio. 107,1 Mio. 4,3 Mio. 0,4 Mio. 200,5 Mio. 359,6 Mio.
2017 46,6 Mio. 48,8 Mio. 4,9 Mio. 0,1 Mio. 208,6 Mio. 309,0 Mio.
2018 58,2 Mio. 40,8 Mio. 10,0 Mio. 1,6 Mio. 202,0 Mio. 312,6 Mio.
Total 1847,2 Mio. 2157,6 Mio. 1782,3 Mio. 478,4 Mio. 3501,9 Mio. 9767,4 Mio.<ref>Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Paul Schäfer (Köln), Jan van Aken, Sevim Dağdelen, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 17/1713 – Kosten der militärischen Intervention in Afghanistan. (PDF) 2. Dezember 2010, abgerufen am 21. Dezember 2020.</ref><ref>Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Alexander S. Neu, Tobias Pflüger, Heike Hänsel, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 19/14225 – Kosten der militärischen Intervention in Afghanistan. (PDF) 14. November 2019, abgerufen am 21. Dezember 2020.</ref>

Dokumentationen

Filme

Literatur

  • Anja Seiffert, Phil C. Langer, Carsten Pietsch: Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Sozial- und Politikwissenschaftliche Perspektiven. VS Verlag Für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-18301-5. doi:10.1007/978-3-531-93400-6
  • Sascha Brinkmann (Hrsg.) mit Joachim Hoppe und Wolfgang Schröder: Feindkontakt. Gefechtsberichte aus Afghanistan. Verlag E. S. Mittler & Sohn, Hamburg 2013, ISBN 978-3-8132-0945-7.<ref>Nur temporäre Erfolge in FAZ vom 24. Februar 2014, S. 8.</ref>
  • Rainer Buske: Kunduz. Ein Erlebnisbericht über einen militärischen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan im Jahre 2008. Miles-Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-937885-79-7.
  • Philipp Münch: Die Bundeswehr in Afghanistan. Militärische Handlungslogik in internationalen Interventionen (= Neueste Militärgeschichte. Band 5). Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau u. a. 2015, ISBN 978-3-7930-9827-0.
  • Kapitel: Die Bundeswehr in Afghanistan, in: Sönke Neitzel: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte, Berlin (Propyläen) 2020, S. 487–551. ISBN 978-3-549-07647-7. ISBN 3-549-07647-9
  • Philipp Münch: Ein paradoxer Krieg. Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. In: Jochen Maurer, Martin Rink (Hrsg.): Einsatz ohne Krieg? Die Bundeswehr nach 1990 zwischen politischem Auftrag und militärischer Wirklichkeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, ISBN 978-3-525-33609-0, S. 151–172, doi:10.13109/9783666336096.151.
  • Robin Schroeder/Stefan Hansen (Hrsg.): Stabilisierungseinsätze als gesamtstaatliche Aufgabe. Erfahrungen und Lehren aus dem deutschen Afghanistaneinsatz zwischen Staatsaufbau und Aufstandsbewältigung (COIN), Baden-Baden (Nomos) 2015, ISBN 3-8487-0690-3. ISBN 978-3-8487-0690-7
  • Achim Wohlgethan: Endstation Kabul. Als deutscher Soldat in Afghanistan – ein Insiderbericht. Econ Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-430-20043-1.
  • Hans-Peter Kriemann: Warum Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wurde. Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr (2001–2021). In: Militärgeschichte (2021), Heft 4, S. 6–19.
  • Marco Seliger: Das Afghanistan Desaster. Mittler im Maximilian Vlg, 2022, ISBN 3-8132-1116-9 (eingeschränkte Vorschau in der Google-BuchsucheSkriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GoogleBook“ ist nicht vorhanden.).
  • André Uzulis: Der vergebliche Krieg. 20 Jahre Bundeswehr in Afghanistan – Geschichte und Bilanz. Carol Hartmann Miles-Verlag, Berlin 2024, ISBN 978-3-96776-038-5. ISBN 3-96776-038-3

Weblinks

Einzelnachweise

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