Brüggemannhof
Der Brüggemannhof in Hannover ist eine von 1913 bis 1924 in mehreren Bauabschnitten errichtete, heute denkmalgeschützte Kleinwohnanlage<ref name="DTBD">Gerd Weiß: Exkurs: Genossenschaftlicher Wohnungsbau. Brüggemannhof (siehe Literatur)</ref> aus der Zeit des Reformwohnungsbaus.<ref name="SLH">Helmut Knocke: Brüggemannhof (siehe Literatur)</ref> Der Gebäudekomplex im Besitz der hannoverschen Wohnungsbaugenossenschaft Spar- und Bauverein findet sich auf einem unregelmäßigen, annähernd dreiseitigen Grundstück, das an zwei Seiten durch die Straßen Am Judenkirchhof und Schloßwender Straße im Stadtteil Nordstadt begrenzt wird.<ref name="DTBD"/>
Geschichte
Vorgeschichte
Außerhalb der mittelalterlichen Stadtbefestigung Hannovers hatten sich aus dem an die Stadt angrenzenden Feld- und Gartenland sogenannte „Gartengemeinden“ gebildet, die seit dem 14. Jahrhundert nach und nach in den Besitz hannoverscher Bürger übergegangen waren. Seit dem 16. Jahrhundert verpachteten diese ihr Land an Kleinbürger, die dann als sogenannte Gartenleute auch vor dem Steintor Gartenbau betrieben. In dieser Steintorgartengemeinde<ref>Gerd Weiß: Nordstadt, sowie Die Gartengemeinden in der Nordstadt. In: Denkmaltopografie Bundesrepublik Deutschland ... (siehe Literatur), S. 100</ref> errichtete Hannovers ältester Industriebetrieb, die 1718 gegründete<ref>Waldemar R. Röhrbein: Benecke-Kaliko AG. In: Stadtlexikon Hannover, S. 57</ref> „Königlich-privilegierte Wachstuchmacherey am (alten) Judenfriedhof vor dem Steinthore“<ref>Wolfgang Leonhardt: Hannoversche Geschichten: Berichte aus verschiedenen Stadtteilen, Norderstedt 2009: Books on Demand, ISBN 978-3-8391-5437-3, S. 122; online über Google-Bücher</ref> (heute: Benecke-Kaliko), 1846 eine neue Fabrik:<ref name="Ludwig Hoerner">Ludwig Hoerner: Werksansicht J. H. Benecke am Judenfriedhof vor 1900 (Mit einem Beitrag von Franz Rudolf Zankl), in: Hannover in frühen Photographien. 1848–1910. Schirmer-Mosel, München 1979, ISBN 3-921375-44-4, S. 214f.</ref> Drei Jahre nach dem Bau der ersten Eisenbahnlinie im Königreich Hannover – vom (heutigen) Hauptbahnhof nach Lehrte<ref>Waldemar R. Röhrbein: Eisenbahn. In: Stadtlexikon Hannover, S. 153–156; hier: S. 154</ref> – begann damit auch im (erst später so benannten) Stadtteil Nordstadt das Zeitalter der Industrialisierung.<ref>Klaus Mlynek: Nordstadt. In: Stadtlexikon Hannover, S. 482f.</ref> Aus der Zeit vor 1900 dokumentiert eine Werksansicht im Besitz von Benecke-Kaliko das Fabrikgelände<ref name="Ludwig Hoerner"/> zwischen dem (heute denkmalgeschützten) Gartenhaus<ref>Vergleiche das angebotene Kartenmaterial mittels der über diesem Artikel oben rechts anklickbaren Geokoordinaten</ref> und der ehemaligen, 1874 an der Schloßwender Straße neu erbauten Druckerei J. C. König & Ebhardt.<ref>Waldemar R. Röhrbein: König & Ebhardt. In: Stadtlexikon Hannover, S. 360</ref>
Ab 1900
Nachdem die Räumlichkeiten für die Firma J. H. Benecke nicht mehr ausreichten, zog das Unternehmen 1901 in ein neu errichtetes Produktionszentrum in Vinnhorst.<ref name="Ludwig Hoerner"/> Auf dem aufgegebenen Firmengelände von J. H. Benecke in der Nordstadt<ref>Helmut Zimmermann: Zwischen Engelbosteler Damm und Nienburger Straße. In: Vom Steintor bis nach Herrenhausen. Streifzüge durch Hannovers Geschichte, Verlag Ellen Harenberg-Labs, 1986, ISBN 3-89042-018-4, S. 27–34; hier: S. 28</ref> wurde nun der Weg frei für eine Wohnbebauung der rasch anwachsenden Stadtbevölkerung: Nachdem sich aufgrund der allgemeinen Wohnungsnot in Hannover bereits 1885 die Wohnungsbaugenossenschaft Spar- und Bauverein gegründet hatte,<ref>Waldemar R.Röhrbein: Spar- und Bauverein e.G. In: Stadtlexikon Hannover, S. 574</ref> beauftragte diese den Architekten Franz Hoffmann, nach dessen Plänen die Kleinwohnanlage in zwei Bauabschnitten entstand: Noch zu den Zeiten des Deutschen Kaiserreichs bis in den Ersten Weltkrieg hinein wurde von 1912 bis 1915 zunächst der südliche Flügel der Anlage Schloßwender Garten errichtet, während der Nordflügel Am Judenkirchhof erst zur Zeit der Weimarer Republik und – teils auf dem Höhepunkt der deutschen Hyperinflation – von 1922 bis 1924 fertiggestellt werden konnte.<ref name="SLH"/> Die zumeist 3 und 4 Zimmer großen Wohnungen waren – seinerzeit keineswegs selbstverständlich – von Anfang an bereits mit innenliegenden Badezimmern und WC ausgestattet.<ref name="HKuKL">Hugo Thielen, Helmut Knocke: Brüggemannhof (siehe Literatur)</ref>
Nachdem am 14. Januar 1947 Heinrich Brüggemann starb, der langjährige Vorsitzende des Spar- und Bauvereins und Veteran der Arbeiterbewegung, wurde im März des Jahres der Siedlungskomplex umbenannt in Brüggemannhof.<ref>Waldemar R. Röhrbein: Brüggemannhof. In: Hannover Chronik, S. 212 u.ö.; online über Google-Bücher</ref>
Bis in die 1980er Jahre war der Brüggemannhof auch Verwaltungssitz des Spar- und Bauvereins.<ref name="SLH"/>
Baubeschreibung
Auf dem unregelmäßigen, annähernd dreieckigen Grundstück, das nur an zwei Stellen an Straßen angrenzt, entstanden entlang den Grundstücksgrenzen aneinandergereiht insgesamt 22 vier-, „an den betonten Eckpunkten fünfgeschossige Häuser, [...] die einen durch Vor- und Rücksprünge gegliederten Innenhof mit kleinen in sich abgeschlossenen Bereichen“ umschließen.<ref name="DTBD"/> Die „anheimelnde Architektur“ (Heimatstil) der Fassaden mit ihren Loggien, Fachwerk, Arkaden und figürlicher Bauplastik orientiert sich größtenteils zum begrünten Innenhof,<ref name="HKuKL"/> von dem aus Figuren aus dem Handwerkerleben zu sehen sind. Laut „einer zeitgenössischen Besprechung“ sollten die Architekturversatzstücke der Putzbauten den Gedanken an „kleinstädtisches Wohnen in vorindustrieller Zeit“ unterstützen und an den bis dahin bekannten „ortsständigen Baustil wie in den Altstädten Hannovers oder Hildesheim erinnern“.<ref name="DTBD"/> Lediglich zur Schloßwender Straße präsentiert sich der Baukomplex mit einer Monumentalfassade.<ref name="HKuKL"/>
Siehe auch
Literatur
- Ewald Gäßler (Mitarbeiter): Baugenossenschaften in Hannover bis 1930, eine Publikation des Deutschen Werkbunds Niedersachsen-Bremen e.V., Hannover 1980: Deutscher Werkbund Niedersachsen-Bremen, S. 42, 47f., 52
- Michael Braum; Hartmut Millarg (Hrsg.): Städtebau in Hannover (= Urban design in Hannover: a guide to 50 developments and housing estates), mit Beiträgen von Isa Baumgart und Jens Giesecke, einem Vorwort von Hanns Adrian und einer Einführung von Sid Auffarth (Texte in Deutsch und Englisch), Berlin 2000: Reimer, ISBN 3-496-01223-4, S. 62f.
- Gerd Weiß: Exkurs: Genossenschaftlicher Wohnungsbau. Brüggemannhof, in Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Stadt Hannover, Teil 1, Bd. 10.1, hrsg. von Hans-Herbert Möller, Niedersächsisches Landesverwaltungsamt – Veröffentlichungen des Instituts für Denkmalpflege, Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig/Wiesbaden 1983, ISBN 3-528-06203-7, S. 113; sowie Nordstadt im Addendum zu Band 10.2, Verzeichnis der Baudenkmale gem. § 4 (NDSchG) (ausgenommen Baudenkmale der archäologischen Denkmalpflege) / Stand: 1. Juli 1985 / Stadt Hannover, S. 6f.
- Thomas Neumann: Hannovers „Rote Burg“. Der Brüggemannhof/Schloßwender Garten. In: Geschichtswerkstatt Hannover (Hrsg.): Alltag zwischen Hindenburg und Haarmann. Ein anderer Stadtführer durch das Hannover der 20er Jahre, Hamburg 1987, S. 77–81<ref>Vergleiche Detlef Schmiechen-Ackermann: Nationalsozialismus und Arbeitermilieus: Der nationalsozialistische Angriff auf die proletarischen Wohnquartiere und die Reaktion in den sozialistischen Vereinen, zugleich Habilitationsschrift 1996 an der Universität Hannover, in der Reihe Politik- und Gesellschaftsgeschichte / Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bd. 47, Bonn 1998: J.H.W. Dietz Nachfolger, ISBN 3-8012-4081-9, S. 77–81</ref>
- Hugo Thielen, Helmut Knocke: Brüggemannhof. In: Hannover Kunst- und Kultur-Lexikon, S. 95
- Helmut Knocke: Brüggemannhof. In: Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.) u. a.: Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2009, ISBN 978-3-89993-662-9, S. 88.
Weblinks
- Lara Frommert: Der Brüggemannhof in Hannover im Denkmalatlas Niedersachsen
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 52° 22′ 50″ N, 9° 43′ 25,3″ O
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