Paul Wendland
Johann Theodor Paul Wendland (* 17. August 1864 in Hohenstein, Ostpreußen; † 10. September 1915 in Göttingen) war ein deutscher Altphilologe.
Leben
Johann Theodor Paul Wendland, Sohn eines Pfarrers, Bruder des Basler Hochschullehrers Johannes Wendland und Urenkel des evangelischen Erzbischofs Ludwig Ernst von Borowski<ref>Max Pohlenz: Paul Wendland. In: Neue Jahrbücher für das klassische Altertum. Band 19 (1916), S. 57–75.</ref><ref>Grzegorz Jasiński, Słownik duchownych ewangelickich na Mazurach w XIX wieku (1817–1914), Dąbrówno 2015, S. 377.</ref>, studierte von 1883 bis zu seiner Promotion 1886 in Bonn. Vor allem Hermann Usener und Hermann Diels, bei dem Wendland promovierte, hatten Einfluss auf ihn. Von 1889 bis 1902 arbeitete Wendland als Gymnasiallehrer in Berlin: 1889 als Hilfslehrer am Leibniz-Gymnasium, danach als Hilfslehrer, ab 1891 als ordentlicher Lehrer am Köllnischen Gymnasium.
1902 wurde er (ohne Habilitation) als ordentlicher Professor für Klassische Philologie an die Universität Kiel berufen. 1906 wechselte er an die Universität Breslau. Seine Lebensstellung erreichte er 1909 als Ordinarius an der Universität Göttingen.
1914 wurde er in die Religionswissenschaftliche Kommission der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften, der er seit 1909 als ordentliches Mitglied angehörte,<ref>Mitglieder: Paul Wendland. Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, abgerufen am 3. März 2026.</ref> und als korrespondierendes Mitglied in die Preußische Akademie der Wissenschaften aufgenommen.<ref>Mitglieder – historisch: Paul Wendland. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 3. März 2026.</ref>
Wendland war mit Anna Eickenloff verheiratet. Er war Mitglied und später Alter Herr des Philologischen Vereins Bonn und des Philologischen Vereins Breslau im Naumburger Kartellverband.
Leistungen
Wendlands Hauptforschungsgebiet war die hellenistische Welt zur Zeit des Neuen Testaments. Dabei galt sein Interesse vor allem Philo von Alexandria. Er widmete sich der Sichtung und Erforschung von dessen Schriften, die er zusammen mit Leopold Cohn unter dem Namen Philonis opera quae supersunt herausgab. Diese Ausgabe gilt noch heute als Standardausgabe des Werkes. Ihm gelang es außerdem mehrere Indizien für die Faktizität des Neuen Testaments zu finden (z. B. die Verspottungsszene in Markus 15,16-20 als Brauch römischer Legionäre, durch Los einen Saturnalienkönig zu bestimmen).
Sein Magnum Opus war jedoch "Die hellenistisch-römische Kultur in ihren Beziehungen zu Judentum und Christentum: die urchristlichen Literaturformen". Inhaltlich behandelt das Buch die hellenistisch-römische Kultur und ihre Zusammenhänge und Beziehungen zum Judentum und Christentum. Dabei werden die Bedeutung des Hellenismus sowie die politischen, kulturellen, geschichtlichen und philosophischen Eigenheiten und Merkmale herausgearbeitet. Des Weiteren werden die religiösen Entwicklungen unter der Herrschaft der Römer thematisiert. In weiteren Kapiteln behandelt Wendland die Beziehungen des Hellenismus zum Judentum und zum Christentum. Das Buch enthält ebenfalls einen Bilderanhang, welcher verschiedene Darstellungen der hellenistisch-römischen Kultur enthält.
Sein Hauptaugenmerk lag auf der Beschäftigung mit frühchristlichen Werken und darauf, dass diese ausschließlich zu verstehen seien, wenn auch die Kultur und Sprache der griechisch-römischen Antike beherrscht würden. Denn „die Sprache übt einen stillen Zwang auf den Redenden (aus), formt seine Vorstellungen um, vermittelt ihm neue und wahrt in den allmählichen Wandel der Wortbedeutung, in der Biographie der Worte, wie er (Vermerk d. Verf. Wendland) es nennt, die Geschichte der Geistenentwicklung“.<ref>Kroll, W.: 1916: Jahresbericht des schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur. S 44 – 46. In: Grass, Bath & Com. (Hrsg.): 1916: Jahresbericht des schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur. Breslau.</ref>
NS-Raubgut und Wendland
Da sein Werk "Die hellenistisch-römische Kultur in ihren Beziehungen zu Judentum und Christentum: die urchristlichen Literaturformen" für den Universitätskontext geschrieben war, waren viele Exemplare in Universitätsbibliotheken vorhanden. Nach der Machtübernahme des NS-Regimes ist dieses Buch aufgrund seines Themengebiets ins Visier der Regierung geraten. Ein Beispiel dafür lässt sich anhand eines Exemplars sehen: Es handelt sich um eine zweite Auflage aus dem Jahr 1912, die in der „Christlich-archäologischen Kunstsammlung“ der Berliner Universität war. In der NS-Zeit bekam das Buch einen "Eingeschränkte Nutzung" Stempel, weswegen der öffentliche Zugriff auf das Buch limitiert war.
Der damalige Kurator Friedrich Gerke (von 1935 bis 1945) lagerte dann eigenmächtig große Teile der Sammlung im Zweiten Weltkrieg in der in Prignitz gelegenen Plattenburg. Unmittelbar nach Ende des Krieges fiel die Sammlung den Plünderungswellen der sowjetischen Trophäenbrigaden und Teilen der deutschen Zivilbevölkerung zum Opfer. Der Großteil der Sammlung verschwand deshalb und befindet sich wahrscheinlich im russischen Besitz oder in deutschen Privatbesitz. Der damalige Bestand ist deshalb heutzutage nur noch doch archivalische Überlieferungen zu rekonstruieren. Der Eintragskatalog von 1850–1924 ist erhalten geblieben und heute noch einsehbar. Der Erhalt eines Teils der Sammlung vor allem der Bibliothek wurde möglich, da diese nicht mit den anderen Sammlungsobjekten auf der Plattenburg gelagert wurden, sondern auf dem Rittergut Dechtow ausgelagert wurden. Das Rittergut blieb in der Nachkriegszeit von den Plünderungen weitestgehend verschont.<ref>Laube: Lost Museum Reanimated. Eine Sammlung der Berliner Universität zwischen Theologie, Kunst und Altertum,. Müller et al. Archäologische Universitätsmuseen und -Sammlungen im Spannungsfeld von Forschung, Lehre Und Öffentlichkeit. Berlin 2013, S. 105 ff.</ref> Daher verfügt die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin heutzutage über ca. 5000 Bücher und ca. 5000 Glasplattendias, wozu auch das behandelte Exemplar von Paul Wendland zählt.
Obwohl das nur ein Beispiel ist, kann man behaupten, dass viele Versionen des Buches eine komplizierte Geschichte haben, die entwieder mit Zerstörung, Zerstreuung, Plünderung oder im besten Fall mit Verlorengehen und Wiederfinden zu tun haben.
Werke
- Die hellenistisch-römische Kultur in ihren Beziehungen zu Judentum und Christentum: die urchristlichen Literaturformen (Tübingen: J.C.B. Mohr, 1907)
Literatur
- Nachrufe
- Wilhelm Kroll: Paul Wendland (Nekrolog). In: Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur. Jahrgang 93, 1915, Band 1 (1916), Nekrologe, S. 44–46 (Digitalisat)
- Hans Lietzmann: Paul Wendland. In: Philologische Wochenschrift. Band 36 (1916), Sp. 28–31
- Max Pohlenz: Paul Wendland. In: Neue Jahrbücher für das klassische Altertum. Band 19 (1916), S. 57–75
- Richard Reitzenstein: Paul Wendland. In: Nachrichten von der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Geschäftliche Mitteilungen. Jahrgang 1916, S. 71–82
- Würdigungen
- Björn Biester, William M. Calder III: Briefe und Postkarten von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff an Paul Wendland 1886 bis 1915. In: Quaderni di storia. Band 61 (2005), S. 137–200
- Klaus-Gunther Wesseling: Wendland, Johann Theodor Paul. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 13, Bautz, Herzberg 1998, ISBN 3-88309-072-7, Sp. 744–749.
Weblinks
- Literatur von Paul Wendland im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Wilt Aden Schröder: Biogramm zu Paul Wendland in der Gelehrtengeschichtlichen Prosopographie des Teuchos-Zentrums
- Personalbogen von Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 316: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) in der Personalkartei der Gutachterstelle des BIL in der Archivdatenbank der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF)
Einzelnachweise
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Erster Lehrstuhl (seit 1972 C3-Professur): Karl Friedrich Heinrich (1804–1818) | Wilhelm Wachsmuth (1820–1825) | Gregor Wilhelm Nitzsch (1827–1852) | Georg Curtius (1854–1862) | Otto Ribbeck (1862–1872) | August Wilmanns (1873–1874) | Eduard Lübbert (1874–1881) | Richard Foerster (1881–1890) | Ivo Bruns (1890–1901) | Siegfried Sudhaus (1901–1914) | Werner Jaeger (1915–1921) | Christian Jensen (1921–1926) | Manfred Fuhrmann (1962–1966) | Antonie Wlosok (1968–1972) | Herbert Juhnke (1972–1997) | Lore Benz (1997–2001) | Hans Bernsdorff (2002–2003) | Jan Radicke (seit 2004)
Zweiter Lehrstuhl: Friedrich Blass (1881–1892) | Alfred Schöne (1892–1902) | Paul Wendland (1902–1906) | Felix Jacoby (1907–1935) | Erich Burck (1938–1969) | Ernst Doblhofer (1971–1984) | Konrad Heldmann (1985–2005) | Thorsten Burkard (seit 2005)
Dritter Lehrstuhl (bis 1921 Extraordinariat): Johann Matthias Schultz (1802–1846) | Erwin Rohde (1872–1876) | Friedrich Blass (1876–1881) | Friedrich Leo (1881–1883) | Christian Lütjohann (1884) | Ivo Bruns (1886–1890) | Otto Rossbach (1890–1895) | Ernst Bickel (1909–1921) | Johannes Stroux (1922–1923) | Eduard Fraenkel (1923–1928) | Richard Harder (1930–1941) | Hans Diller (1942–1973) | Ernst-Richard Schwinge (1976–1999) | Lutz Käppel (seit 1999)
Vorlage:Klappleiste/EndeVorlage:Klappleiste/Anfang Erster Lehrstuhl: Johann Gottlob Theaenus Schneider (1811–1815) | Franz Passow (1815–1833) | Friedrich Ritschl (1833–1839) | Friedrich Haase (1840–1867) | August Reifferscheid (1868–1885) | Wilhelm Studemund (1885–1889) | Richard Foerster (1890–1898) | Eduard Norden (1898–1906) | Paul Wendland (1906–1909) | Alfred Gercke (1909–1922) | Ludolf Malten (1922–1945)
Zweiter Lehrstuhl: Ludwig Friedrich Heindorf (1811–1816) | Karl Ernst Christoph Schneider (1816–1856) | Johannes Vahlen (1856–1858)
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Etatmäßiges Extraordinariat: Richard Foerster (1873–1875) | Arthur Ludwich (1876–1878) | Georg Kaibel (1879–1881) | Konrad Zacher (1881–1907) | Konrat Ziegler (1909–1920) Vorlage:Klappleiste/EndeVorlage:Klappleiste/Anfang
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| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Wendland, Paul |
| ALTERNATIVNAMEN | Wendland, Johann Theodor Paul |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Klassischer Philologe |
| GEBURTSDATUM | 17. August 1864 |
| GEBURTSORT | Hohenstein, Ostpreußen |
| STERBEDATUM | 10. September 1915 |
| STERBEORT | Göttingen |
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- Altphilologe (20. Jahrhundert)
- Hochschullehrer (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)
- Hochschullehrer (Universität Breslau)
- Hochschullehrer (Georg-August-Universität Göttingen)
- Mitglied der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
- Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften
- Deutscher
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- Gestorben 1915
- Mann