Mittelhessische Dialekte
| Mittelhessisch, Zentralhessisch | ||
|---|---|---|
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Gesprochen in |
Hessen | |
| Linguistische Klassifikation |
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Mittelhessisch, Zentralhessisch oder auch Oberhessisch von vielen Sprechern traditionell als „Platt“ (z. B. Hinterländer Platt) bezeichnet, wird gesprochen in einem Gebiet Mittelhessens, das den größten Teil der Landkreise Wetteraukreis, Hochtaunuskreis, Limburg-Weilburg, Lahn-Dill-Kreis, Gießen und Marburg-Biedenkopf sowie Teile der Landkreise Main-Kinzig-Kreis, Rheingau-Taunus-Kreis und Vogelsbergkreis umfasst. Das Wittgensteiner Platt, das im südlichen Nordrhein-Westfalen gesprochen wird, weist große Übereinstimmungen mit dem mittelhessischen Dialekt auf. Die Mundart der meisten Städte steht allerdings den Stadtmundarten des Rhein-Main-Gebiets näher als dem Mittelhessischen. Im südlichen mittelhessischen Sprachraum wird der Dialekt durch die städtischen Mundarten des Rhein-Main-Gebiets umgeformt und verdrängt.
Entwicklung
Hessisch ist nicht „Fernsehhessisch“
Die mediale Darstellung des in der Kritik als „Fernsehhessisch“ (auch „Äbbelwoihessisch“) bezeichneten Neuhessisch hat indes mit den unterschiedlichen hessischen Dialekten wenig gemein. Zur Popularisierung des Neuhessischen trugen viel gesehene Fernseh-Unterhaltungssendungen bei wie „Familie Hesselbach“ oder „Zum Blauen Bock“ sowie nicht zuletzt die Übertragungen der Mainzer Fastnacht „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“. Aufgrund der Dominanz dieses Wirtschaftsraumes ist in den 1950er und 1960er Jahren der Eindruck entstanden, das Frankfurterische sei das Hessische schlechthin, was es nachweislich nicht ist.
Mittelhessische Dialekte
Die mittelhessischen Dialekte in ihren jeweiligen ortsgebundenen Lautgestalten und Prägungen (Topolekte) wurden bis etwa 1970 vom überwiegenden Teil der ländlichen Bevölkerung gesprochen. Der Einfluss der modernen Massenmedien, heute der Sprache des Internets, wie auch die sich seit den späteren 1960er Jahren entwickelnde Mobilität und die historischen Veränderungen der Lebens- und Arbeitswirklichkeiten führten dazu, dass die Dialekte immer weniger gesprochen werden, weil diese sprachgeschichtlich ihren aktuellen Verkehrswert verloren haben.
Die alten Formen der mittelhessischen wie oberhessischen Dialekte werden heute meist nur noch von Angehörigen der älteren, ortsgebundenen Generationen gesprochen oder in der Traditionspflege heimischen Brauchtums beibehalten. Im November 1984 ergab eine Umfrage („Hessischer Dialektzensus“) der „Arbeitsstelle Sprache in Hessen“ der Universität Marburg folgendes Bild: In der mittelhessischen Region gaben von den 48- bis 75-Jährigen Befragten 62 % an, dass sie „einen oder mehrere Dialekte sprechen“, unter den 31- bis 47-Jährigen 65 %, bei den 16- bis 30-Jährigen aber nur noch 52 %. Da gerade seit den 1980er Jahren das Hochdeutsche in allen Lebensbereichen massiv an Einfluss gewonnen hat, müssen die empirischen Befunde des Dialektzensus als überholt angesehen werden.
Am Südrand des mittelhessischen Sprachgebietes, beispielsweise in der südlichen Wetterau und in den mittelhessischen städtischen Zentren Wetzlar, Gießen und Marburg, Friedberg und Bad Nauheim, sind diese Dialekte bereits verschwunden bzw. im Verschwinden begriffen. An ihrer Stelle haben sich in städtischen Räumen neue Formen des Sprachgebrauchs herausgebildet, die in der modernen Dialektologie als „Neuhessisch“ bezeichnet werden und der Standardsprache nahestehen, wenn auch in eigenständigen, sprachgeschichtlich verwobenen Lautformen.
Von einem Aussterben der mittelhessischen Dialekte kann entgegen allen Prognosen zwar nicht gesprochen werden, wohl aber von einer Hinwendung zu regionalen Ausgleichsformen im öffentlichen Leben, zu neuen dialektalen Sprachformen mit dem Phänomen, dass die originären Dialektsprecher sich je nach Kommunikationserfordernis zwei- oder dreisprachig bewegen und im Sinne eines Code-Switching ausgebildet sind, wenn auch mit denselben Zungenschlägen (Bilinguismus). Es trifft auch keinesfalls zu, dass die Jüngeren den Dialekt ablehnen. Lediglich werden Dialekte mit kleinräumiger Geltung zugunsten von neu entstehenden allgemeineren Sprachformen mit größerer kommunikativer Reichweite (Regiolekt) aufgegeben. Sie verzichten dabei auf dialektale Formen, von denen sie wissen, dass sie schon wenige Kilometer weiter nicht oder kaum verstanden werden. Das ist u. a. auch eine Folge der zunehmenden Mobilität durch Beruf und Freizeit.
Eine weitere Sprache Mittelhessens ist das fast ausgestorbene Manisch, das früher im Raum Marburg (Richtsberg und Waldtal), Gießen (Gummiinsel, Eulenkopf und Margarethenhütte) und Wetzlar (Finsterloh) von sogenannten sozialen Randgruppen benutzt wurde.
Lautliche Merkmale
Im Folgenden sollen ausgewählte phonetische und phonologische Merkmale beschrieben werden, die insofern typisch für den mittelhessischen Dialekt sind, als sie den meisten Ortsmundarten gemeinsam sind.
Die Lautungen der Mundarten sind grundsätzlich nicht als Abweichungen von der Standardsprache erklärlich, sondern sie stellen eigenständige Weiterentwicklungen mittelhochdeutscher Dialekte dar. Dennoch sollen hier der Verständlichkeit halber standarddeutsche mit mundartlichen Formen kontrastiert werden. Grundsätzlich lässt sich die Abstammung aus dem Mittelhochdeutschen zum Beispiel bei den Vokalen durch die große Lautverschiebung, die Neuhochdeutsche Diphthongierung sowie eine konsequente Entrundung nachvollziehen. Des Weiteren typisch ist eine Vereinfachung der Grammatik vergleichbar mit der des Niederländischen oder Norwegischen sowie eine intervokalische Konsonantenabschwächung.
Langvokale
Die Entwicklung der Langvokale des Mittelhessischen vom Mittelhochdeutschen ist gekennzeichnet durch die vollständige Entrundung der Vordervokale und zahlreiche Diphthongierungen, sowie der seit dem 13ten Jahrhundert belegten Monophthongierung der mittelhochdeutschen Diphthonge ei, ou und öu.<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 60 f.</ref><ref>Sprachkarte "Archaik und Neuerung im Vokalismus" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref>
| Neuhochdeutsch | Mittelhochdeutsch | Mittelhessisch | Abweichungen von Ortsdialekten |
|---|---|---|---|
| /a:/ Straße
gesagt |
â | /o:/ Schdroos
/a:/ gesaat<ref>Sprachkarte "gesagt" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> (vor g) |
Dillkreis: /ɔ:/
Hinterland: /uə/ Marburg: /u:/ vor m/n/ng Hanau: /u:/ vor r |
| /a:/ Hase | a | /ɔ:/ Hås | |
| /ɛ:/ Käse | ae | /e:/ Kees | Hanau: /i:/ vor r
Dillkreis: /ɛ:/ |
| /e:/ gehen | ê | /i:/ giih<ref>Sprachkarte "gehen" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | verstreut in einzelnen Wörtern: /ɛi/ |
| /e:/ Leben | ë/e/Umlaut von a | /ɛ:/ Lääwe | Nassau/Marburg: /ɛə/
Hinterland: /i:/ |
| /i:/ lieb | ie | /ɛi/ läib<ref>Sprachkarte "liebes" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | |
| /i:/ Biene | i | 50/50 entweder /i:/ Bii oder /e:/ Bee | |
| /o:/ Brot | ô | /u:/ Bruud<ref>Sprachkarte "Brot" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | |
| /o:/ Hose | o | /o:/ Hoos | |
| /ø:/ schöne | oe | /i:/ schiine<ref>Sprachkarte "schöne" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | |
| /ø:/ Öfen | ö | /e:/ Eewe | |
| /u:/ Bruder | uo | /ɔu/ Broura<ref>Sprachkarte "Bruder" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | das vom Südhessischen eindringende /u:/
wird standardsprachlich gestützt und bedrängt dieses Merkmal stark |
| /y:/ Füße, Kühe | üe | /ɔi/ Fois<ref>Sprachkarte "Füße" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref>, Koi<ref>Sprachkarte "Kühe" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | In allen Randgebieten: /ɛi/ |
| /y:/ Lüge | ü | /i:/ Lii/Liije/Lii(s)ch | |
Diphthonge
Kein traditioneller deutscher Dialekt hat die standardsprachlichen Merkmale des ei/î und ou/û Zusammenfalls, das Mittelhessische bildet hier keine Ausnahme.<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 65 f.</ref>
| Neuhochdeutsch | Mittelhochdeutsch | Mittelhessisch | Abweichungen von Ortsdialekten |
|---|---|---|---|
| /ai/ Pfeife
Wein |
î | /ai/ Paif
/ɔi/ Woi<ref>Sprachkarte "Wein" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> (vor n/m/ng) |
|
| /ai/ heiß, kein | ei | Norden: /ɛ:/ hääs, kä/ke
Biedenkopf-Gießen-Bad Orb-Linie<ref>Sprachkarte "heiß" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref><ref>Sprachkarte "kein" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> Süden: /a:/ haas, kaa teils: /ɔ:/ vor n/m/ng | |
| /au/ bauen | û | /au/ baue<ref>Sprachkarte "bauen" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | teils: /ɔu/ vor n/m/ng
unbetontes "auf" entspricht of/uf<ref>Sprachkarte "auf" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> |
| /au/ auch, Frau | ou | /a:/ aach<ref>Sprachkarte "auch" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref>, Fraa<ref>Sprachkarte "Frau" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | teils: /ɔ:/ vor n/m/ng
Marburg: /e:/ oder /ɛ:/ Niederhessische Grenze: /o:/ |
| /ɔi/ Häuser | iu | /ɔi/ Hoisa<ref>Sprachkarte "Häuser" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | Dieser Vokal wird meistens als Umlaut des Plurals verstanden, sodass Hochdeutsche Wörter einer Singular Form mit /oi/ aus Mhdt. <iu> in vielen Ortsdialekten entsprechend ein /au/ besitzen: aua "euer", Faua<ref>Sprachkarte "Feuer" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> "Feuer", nau<ref>Sprachkarte "neu" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> "neu" |
| /ɔi/ Heu | öu | Norden: /ɛ:/ oder /e:/
Süden: /a:/ |
Diese Nord-Süd-Grenze verläuft südlicher als die von Mhdt <ei>. Ortsdialekte mit eigentlich /a:/ können in flektierten Formen /e:/ als Umlaut besitzen |
Kurzvokale
Die Entwicklung der Kurzvokale ist weniger einheitlich, wieder kennzeichnend ist allerdings die vollständige Entrundung.<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 69 f.</ref>
| Neuhochdeutsch | Mittelhochdeutsch | Mittelhessisch | Abweichungen von Ortsdialekten |
|---|---|---|---|
| /a/ Apfel | a | /a/ Appel
/a:/ vor lt/ld/nk |
/ɔ~ɔ:/ vor rn/rm/rd/rt/rg/rk/chs/cht
/ɔ:/ vor n/m/ng |
| /ɛ/ Zwetschge | ë | /ɛ/ Gwädsch | Nordwesten: /ɛə/
Norden: /a:/ vor cht Süden: /ɛ:/ vor cht |
| /ɛ/ dreschen | e | /ɛ/ dresche<ref>Sprachkarte "dreschen" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | Feine Aussprachunterschiede |
| /ɪ/ Biss | i | Norden: häufiger /ɛ/ Bäss
Süden: häufiger /ɪ/ Biss |
Betonte Pronomen sind diphthongiert zu /ai/ oder /ɛi/, so heißt "Ich" meist Aich<ref>Sprachkarte "Ich" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> |
| /ɔ/ Tropfen | o | /ɔ/ Drobbe | |
| /œ/ Köpfe | ö | /ɛ/ Kebb | |
| /ʊ/ Luft | u | /ɔ/ Loft<ref>Sprachkarte "Luft" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref> | Südwesten: /ʊ/ |
| /ʏ/ Füchse | ü | Norden: häufiger /ɛ/ Fegs
Süden: häufiger /ɪ/ Figs |
Konsonanten
Besonders charakteristisch ist das mit zurückgebogener Zunge (retroflex) und mit relativ gleichmäßig ausgeatmeter Luft, ohne Reibung oder „Explosion“ (Approximant), „gerollte“ /r/ (<templatestyles src="IPA/styles.css" />ɻ, Stimmhafter retroflexer Approximant), das dem amerikanischen /r/ gleicht und nicht zu den drei Realisierungen (<templatestyles src="IPA/styles.css" />) des /r/ in der hochdeutschen Standardlautung zählt. In vielen Dialekten bleibt es auch am Wortende und vor Konsonant deutlich hörbar (z. B. in „Wasser“ oder „Ort“). Ansonsten weist es die typischen konsonantischen Merkmale rheinfränkischer Dialekte auf: Anstelle des hochdeutschen Affrikats pf steht immer p oder innerhalb eines Wortes auch pp; folglich die westmitteldeutschen Kennwörter Appel "Apfel" und Pond "Pfund". Ein s das auf ein r folgt, wird wie sch /ʃ/ ausgesprochen; siehe Worscht statt "Wurst".
Hartlautabschwächung
Hessische Dialekte im allgemeinen sind berühmt für ihre weiche Aussprache. Diese ist zum Großteil auf die Lenisierungs-Prozesse ihrer Konsonanten zurückzuführen. Im Allgemeinen erklärt werden stimmlose Konsonanten stimmhaft, während stimmhafte Konsonanten zu Frikativen werden. Stimmlose Frikative werden ebenfalls stimmhaft. S /z/ ist nur am Silbenende stimmlos.
Im Anlaut
Am Wortanfang abgeschwächt werden nur die Hartlaute T- /t/, dessen Affrikate und Konsonantencluster Z- /ts/,Tr- /tr/, Tsch- /tʃ/ und P-, welches nicht dem hochdeutschen PF entspricht. Entsprechend heißt "Tag" Daach und "Puppe" Bobb. Das Wort "Pacht" ist ein westmitteldeutsches Lehnwort. Nicht abgeschwächt werden K- und P(f)-. Es heißt also immer noch "Kauz" sowie "Pond".
Intervokalisch
Zwischen zwei Vokalen tritt ausnahmslos bei allen Konsonanten eine Lenisierung ein. Diese lassen sich zur Vereinfachung in Verschiebungsketten darstellen. Bei Konsonantenclustern lenisiert der letzte Konsonant, Ausnahmen sind in der Tabelle. Da sich unbetonte Pronomina und Artikel als Klitika an die Verben heften, führt auch dies meist zu einer Lenisierung. "Hat er" klingt für gewöhnlich nach hor-e.
| Stimmlose Konsonanten | Stimmhafte Konsonanten/Reibelaute | Reibelaute | ||
|---|---|---|---|---|
| t "satten" | > | (d) /sadə~sarə/ "leiden" | > | r /lairə/ |
| k "hacken" | g /hagə/ "tragen" | ɣ /dra:ɣə/
/maɣə/ | ||
| x "machen" | ||||
| g "wegen" | ʝ /ve:ʝə/ | |||
| ʃ "waschen" | ʒ /vaʒə/ | |||
| p "stopfen" | b /ʃdɔbə/ "geben" | v /gɛvə/
/la:və/ | ||
| f "laufen" | ||||
| lt "walten" | (ld) /valdə/ "Wälder" | l /vɛl_/ | ||
| nt "Winter" | nd /vindɐ/ "Wände" | n /vɛn/ | ||
| mp "stumpen" | mb /ʃdɔmbə/ | m |
Im Auslaut
Am Wortende wird nur -g abgeschwächt. Nach Hinterzungenvokalen /x/, nach Vorderzungenvokalen /ʃ/.
Sonstiges
Einige Konsonantencluster werden meist vereinfacht, so entspricht -chs- oft ein einfaches -s-. Vor einem -t oder -s wird oft ein b getilgt. Deswegen lautet "Es gibt hier" – Es git häi.
Grammatikalische Merkmale
Mittelhessisch hat eine starke Apokopierung der Endungen durchgemacht. Ein Hochdeutsches -EN entspricht meist einem -E, doch ein hdt. -E entfällt. Nach L oder R kann das N erhalten bleiben. Das grammatikalische System wurde somit zu einer Vereinfachung gezwungen. Wie bei fast allen Dialekten fehlt der Genitiv, welcher meist durch eine "von" oder Dativ + "sein/ihr" Konstruktion ersetzt wird.
Personalpronomen
Mittelhessische Personalpronomen treten in drei Stärken auf, je nachdem wie sie im Satz betont werden. Die Formen für "Wir" und "Ihr" weichen vom Standarddeutschen ab, der Ursprung ist nicht ganz geklärt. Im Dativ ist trotz der sonstigen Apokopierung häufig ein -e angefügt. "Aich hun 's dere ja gesaat." = Ich hab's ihr ja gesagt.<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 90.</ref>
| Neuhochdeutsch | Ich | Du | Er | Sie/Die | Es | Wir | Ihr | Sie/Die |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Betont | aich | dau | hee/haa | säi | däs/dos | mir/mär | dir/där | däi |
| Neutral | ich | du | hä/he/ha | si | äs | mä | dä/da | di |
| Reduziert | əch | də | ə/a | sə | əs | mə | də/ə | də |
Verben
Mittelhessische Verben haben keinen Einheitsplural und flektieren gewöhnlich für drei Personen in zwei Numeri, zwei Modi und drei Tempora. Hochdeutsche Zeitformen werden bisweilen eins zu eins übernommen. Als einfache Vergangenheit wird entweder das Präteritum (Nördlich) oder eine Konstruktion mit hun "haben" benutzt. Das Futur benutzt falls gebraucht das Hilfsverb wernn/werde "werden", der Konjunktiv deed "täte", der Konjunktiv Perfekt hädd "hätte", sowie das Plusquamperfekt hadd "hatte". Die Stammformen stimmen teils nicht mit den hochdeutschen überein, ebenso haben sich vielmals starke in der Standardsprache veraltete Bildungsformen bewahrt.<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 91 ff.</ref>
Die Bildungsformen des Verbs "sein" aus der Gegend um Wetzlar:
| sein | Singular | Plural |
|---|---|---|
| 1te Person | (A)ich sai(n) | Mer ben |
| 2te Person | D(a)u saisd | Der bed |
| 3te Person | Er/He ben | Se ben |
Aus dem südlichen Teil der Wetterau:
| sein | Sigular | Plural |
|---|---|---|
| 1te Person | (A)ich sai/san/sain | Mir sin/sai/sain |
| 2te Person | D(a)u saisd/besd | Der said |
| 3te Person | Er/Ha/He es/is | Däi sin/sai/sain |
Adjektive
Den Endungsverlust der Adjektive vom Hochdeutschen aus zu betrachten führt zu Verwirrung, da hier nicht alles apokopiert wurde. Bei der schwachen Adjektivdeklination, also z. B. der nach einem bestimmten Artikel, lautet die Form für alle Geschlechter und Numeri gleich auf -e aus. Bei der starken, also z. B. nach dem unbestimmten Artikel, hingegen entfällt dieses -e bei sächlichen Adjektiven im Nominativ und Akkusativ. Bei einigen Dialekten hat sich dieser Endungsverlust jeweils auf weibliche Adjektive oder auch auf den Dativ ausgedehnt.<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 88.</ref>
| starke Flexion von "groß" | M | F | N | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | en gruuse(r) | e gruus(e) | e gruus | paar gruuse |
| Akkusativ | en gruuse | |||
| Dativ | em gruuse | er gruus(e) | em gruuse |
Possessivpronomen
Die Possessivpronomen flektieren anders als die Adjektive. Markantes Merkmal ist ein -n Suffix im männlichen Singular Nominativ bei jedem Pronomen. Nach einem R bleibt in vielen Dialekten ein historisches -en erhalten.<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 91.</ref>
| mein | M | F | N | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | main | mai | mai | |
| Akkusativ | mai | |||
| Dativ | maim | mai(ner) | maim | |
| ihr | M | F | N | Plural |
|---|---|---|---|---|
| Nominativ | irn/ern | ir/er | ir/er | |
| Akkusativ | ir(n)/er(n) | |||
| Dativ | irm/erm | ir(er)/er(er) | irm/erm | |
Nomen
Mittelhessisch hat infolge der Apokopierung seiner Endungen fast sämtliche Nominalflexion verloren, lediglich eine Singular/Plural Unterscheidung wird aufrechterhalten, sowie produktive Diminuitivformen auf -che/-je/-i. Der Diminuitiv des Plurals endet hingegen auf -er. Die häufigste Pluralform ist das Anhängen eines Schwa's und/oder eine Umlautung. Einige Wörter haben andere Pluralformen als im Hochdeutschen: "Wälder" Wäll und "Kinder" Kenn/Kinn zum Beispiel. Nach einem L ist in einigen Dialekten das -en mit diesem verschmolzen (-nn).<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 81–87.</ref><ref>Sprachkarte "Kohlen" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref>
Sprachrelikte
In der ersten Form Singular der Verben, die auf einen Vokal enden, findet sich im Zusammenhang mit einem betonten "Ich" oft eine athematische Endung auf -n.
- Aich saan's der! – "Ich sag's dir!"
- Aich gän näit of. "Ich gebe nicht auf"
- Aich hun se gesiih. "Ich hab sie gesehen."
- Aich giin schuu näit naus. "Ich geh schon nicht raus."
Das Wort für "nichts" ist naut, welches mit dem englischen Wort naught verwandt ist.<ref>Deutscher Sprachatlas: "DSA: 73"/"nichts" aufrufen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref>
Das Pronomen "Er" ist erst in den letzten 200 Jahren schrittweise in den mittelhessischen Sprachraum eingedrungen, traditionell herrschten Formen mit anlautendem H- vor; also He/Ha. In vielen Ortsdialekten haben sie sich noch gut erhalten.<ref>Sprachkarte "Gestaffelter Erhalt des vordeutschen Pronomens 'he'" Hessen. Abgerufen am 5. April 2026.</ref>
Eine andere Besonderheit ist die vom Althochdeutschen ererbte dreigeschlechtige Verwendung des Zahlwortes „zwei“. Sie richtet sich nach dem Geschlecht des Substantivs. Dabei steht „zwie“ z. B. für männlich, „zwu“ für weiblich und „zwä“ für sächlich. Beispiele:
- zwie Menner (Männer), zwu Fräe (Frauen), zwä Kenn (Kinder)
- zwie Honn (Hunde), zwu Koih (Kühe), zwä Huinger (Hühner)
- zwie Beme (Bäume), zwu Blemme (Blumen), zwä Vajilcher (Veilchen)
- zwie Handkees (Handkäse), zwu Tomade (Tomaten), zwä Aijer (Eier)
Lautmalerische Unterschiede der dreigeschlechtlichen Laute existieren oftmals von Dorf zu Dorf. So heißt es im unteren Vogelsberg:
- zwee Menner (Männer), zwu Weiwer (Weiber/Frauen), zwoi Kinn (Kinder)
- zwee Honde (Hunde), zwu Koih (Kühe), zwoi Hinkel (Hühner)
- zwee Beem (Bäume), zwu Blumme (Blumen), zwoi Vajilche (Veilchen)
- zwee Handkees (Handkäse), zwu Tomade (Tomaten), zwoi Aijer (Eier)
Im Nordwesten des Herzogtums Nassau findet sich noch altes -t in sächlichen Fürwörtern: it "es", dat "das", alt "alles"; hier besteht ein Dialektkontinuum zum Moselfränkischen.<ref>Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H.Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0, S. 76.</ref>
Sprachbeispiele
Textbeispiel aus dem Gießener Raum:
„Mir kenne also virläufich folgendes feststelle: Mittelhessen muss mer als e Gejend verstieh, däi vo städtische Enklave – wäi z. B. Gäiße oawwer Wetzler – durchlechert eas, wäi en Schweizer Kees. Nur halt met winger Lecher. Un wann en Mittelhesse ean so e fremd Loch kimmt, dann fremdelt er.“<ref>Siegward Roth: Der Knotterbock – Grondlejendes zoum mittelhessische Charakter o sich. Wolfram Schleenbecker Verlag, Wettenberg, ISBN 3-9803797-1-X</ref>
Textbeispiel aus dem Hinterland (Hinterländer Platt):<ref>Kurt Werner Sänger: schwortswaise raabooche. Jonas Verlag, Marburg 1987, ISBN 3-922561-53-5</ref> <poem style="margin-left: 2em; font-style: italic"> Wann’s raant, gieh ma heem Wann’s nit raant, blaiwe ma häi Raants nit un ma hu ke Lost, gieh ma aach heem Raants, breache ma suwisu nit ze blaiwe Gieh ma da heem un wesse nit, woas ma da mache sinn Kinnte ma jo aach glaisch häiblaiwe Feräasgesast es raant nit </poem> Kurt W. Sänger, Gruppe Odermennig, aus: "Gemorje Hinnerlaand" 1984.
Der Klein-Kärber Dichter Peter Geibel (1841–1901) verfasste einen Gedichtband mit Namen „Mein schinste Gruß d'r Wearreraa“, in dem alle Texte in Mundart-Schreibung zu finden sind. Ein Auszug:<ref>Emerich Reeck (Hrsg.): Mein schinste Gruß d'r Wearreraa! Gedichte von Peter Geibel. Verlag Hessische Volksbücher, Darmstadt 1951, für den Buchhandel: Carl Bindernagel, Friedberg (Hessen)</ref> <poem style="margin-left: 2em; font-style: italic"> Di Wearreraa, su schih gelähje, Meat Wiß ean Wahld, meat Doahl ean Hih, Die Wearreraa meat all ihrm Sähje, Meat Frücht ean Obst, meat Mensch ean Vieh - Däi läiw ich üwer alle Moaße Meat ihrer Luoft ean meat ihrm Wih; Si eaß m’r su ohs Herz gewoase, Wäi uf d’r ganze Welt nix mih. </poem>
Blues aus Friedberg – südliches Mittelhessen: <poem style="margin-left: 2em; font-style: italic"> Ean Friddbersch, ean de Wearrera Ihr Leut, do eas was luus! Do spielt e dicke Dickworzfraa Ean dicke, dicke Dickworzblues De Laandroat, dear kimmt aach vorbei He freet – woas eas da luus? Ei do, do spielt e Dickworzfraa Ean dicke, dicke Dickworzblues </poem> Quelle: spontanifax in a-dur, Kurt W. Sänger / Odermennig
Sprichwörter und Redensarten (Beispiele):<ref>Hans Friebertshäuser: Land und Stadt im Wandel. Mundart und bäuerliche Arbeitswelt im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Sparkasse Marburg-Biedenkopf, Wenzel, Marburg, 1991</ref>
- Wann’s Brai raant, hu däi d’n Läffel fageaesse
- Wäi de Mann es, so krire die Worscht gebrore
- Wann de Kripp leer is, schmaiße sisch de Gäul
- Wer die Howwer verdäint, kritt se net
- Wann’s Schof plärrt, schoads eam ean Muffel
Siehe auch
Literatur
- Heinrich Bastian: Alles für mei Hesselaad – 150 Gedichte im Dialekt des Marburg/Gießener Raumes. Dr. W. Hitzeroth-Verlag, Marburg 1988, ISBN 3-925944-43-5.
- Magnus Breder Birkenes, Jürg Fleischer: Zentral-, Nord- und Osthessisch. In: Joachim Herrgen, Jürgen Erich Schmidt: Sprache und Raum. Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Band 4: Deutsch (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Band 30.4). De Gruyter Mouton, Berlin/Boston 2019, ISBN 978-3-11-018003-9, S. 435–478.
- Heinrich J. Dingeldein: Das Mittelhessische. In: Hessisches. Schriften der Universitätsbibliothek Marburg Nr. 46, Marburg 1989, ISBN 3-8185-0039-8.
- Hans Friebertshäuser: Das hessische Dialektbuch. C.H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32317-0.
- Hans Friebertshäuser und Heinrich J. Dingeldein: Hessischer Dialektzensus. Statistischer Atlas zum Sprachgebrauch. Hergestellt mit Software-Systemen von Harald Händler und Wolfgang Putschke. Tübingen 1989, ISBN 3-7720-1812-2.
- Hans Friebertshäuser: Kleines hessisches Wörterbuch. C.H.Beck, München 1990, ISBN 3-406-34192-6.
- Hans Friebertshäuser: Land und Stadt im Wandel. Mundart und bäuerliche Arbeitswelt im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Sparkasse Marburg-Biedenkopf, Wenzel, Marburg 1991.
- Christian Heger: Wäller Platt. Geschichte, Grammatik und Wortschatz des Westerwälder Dialekts. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, Husum 2016, ISBN 978-3-89876-813-9.
- Regina Klein: In der Zwischenzeit – Tiefenhermeneutische Fallstudien zur weiblichen Verortung im Modernisierungsprozess. Psychosozial-Verlag, Gießen 2003, ISBN 3-89806-194-9.
- Ulrike Köppchen: Bembelsänger, Dippegucker, Ossenköppe – Dialekte in Hessen und regionale Identität. Sendemanuskript, Hessischer Rundfunk, Redaktion: Volker Bernius, Frankfurt 2004.
- Siegward Roth: Knotterbock – Grondlejendes zoum mittelhessische Charakter o sich. Wolfram Schleenbecker Verlag, Wettenberg etwa 2001, ISBN 3-9803797-1-X.
- Bernd Strauch: Dialekt in Mittelhessen. Oberhessisches Taschenwörterbuch. Eigenverlag, Gießen 2005, ISBN 3-935584-02-4.
- Emil Winter: Mittelhessisches Wörterbuch. E. Winter, Heuchelheim 1985, ISBN 3-9801058-0-6.
- Emil Winter: Du Huläbber … und weitere 699 Schimpf-, Spott- und Uznamen. D’m Owwerhess off’s Maul geguckt. E. Winter, Heuchelheim 1986, ISBN 3-9801058-2-2.
Weblinks
- Bernd Strauch: Ergänztes und neu sortiertes Dialektwörterbuch (inkl. Tonaufnahmen)
- Dialekte in Hessen (inkl. Sprachproben). In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS).
- Mittelhessisches Wörterbuch: A–G | H–P | Q–Z
- Verein zur Erhaltung der mittelhessischen Mundart und Kultur e. V. (VEMuK) --- https://www.vemuk.de/
- Andreas Stahl: Hörproben und Texte: http://www.abc-hero.de/mundart.html
- "...ois Platt..." Wörter und Sätze aus dem Hüttenberger Land von Joachim Pausch - https://jaypeeservices.hier-im-netz.de
Einzelnachweise
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