Zum Inhalt springen

Psychotherapie mit Psychedelika

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 8. März 2026 um 05:29 Uhr durch imported>KaiKemmann (Verweise).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Als Psychotherapie mit Psychedelika, Psycholytische Psychotherapie, Psycholyse, Psychedelische Therapie und Substanz-unterstützte Psychotherapie werden psychotherapeutische Behandlungsverfahren bezeichnet, bei denen bewusstseinsverändernde Eigenschaften psychedelischer Substanzen gezielt zur Unterstützung des therapeutischen Prozesses eingesetzt werden. Durch die induzierten veränderten Erlebnisweisen sollen psychische Abwehrmechanismen gelockert und ein erleichterter Zugang zu verdrängten Gefühlen sowie zu bislang ungenutzten inneren Ressourcen ermöglicht werden.

Zum Einsatz kommen in der aktuellen klinischen Forschung vor allem Substanzen aus der Gruppe der serotonergen Psychedelika (5HT2A-Rezeptor-Agonisten), darunter Psilocybin, Dimethyltryptamin (DMT), häufig in Form von Ayahuasca<ref>M. Diament, B. R. Gomes, L. F. Tófoli: Ayahuasca and Psychotherapy: Beyond Integration. In: B. C. Labate, C. Cavnar (Hrsg.): Ayahuasca Healing and Science. Springer, Cham 2021 (doi:10.1007/978-3-030-55688-4_4).</ref>, Lysergsäurediethylamid (LSD; vgl. "LSD Psychotherapie"<ref>siehe z. B. Stanislav Grof: LSD-Psychotherapie. ISBN 978-3-608-96259-8.</ref>) sowie Mescalin.<ref name="McIntyre2025">McIntyre, R. S.; Kwan, A. T. H.; Mansur, R. B.; Oliveira-Maia, A. J.; Teopiz, K. M.; Maletic, V.; Suppes, T.; Stahl, S. M.; Rosenblat, J. D.: Psychedelics for the Treatment of Psychiatric Disorders: Interpreting and Translating Available Evidence and Guidance for Future Research. In: American Journal of Psychiatry. Band 182, 2025, S. 21–32, doi:10.1176/appi.ajp.20230902.</ref><ref name="Romeo2025">Romeo, B.; Kervadec, E.; Fauvel, B.; Strika-Bruneau, L.; Amirouche, A.; Bezo, A.; Piolino, P.; Benyamina, A.: The intensity of the psychedelic experience is reliably associated with clinical improvements: A systematic review and meta-analysis. In: Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Band 172, 2025, S. 106086, doi:10.1016/j.neubiorev.2025.106086.</ref> Für diese Stoffe wird in der Fachliteratur kein eigenständiges Abhängigkeitspotenzial beschrieben.<ref>Nichols: Hallucinogens. In: Pharmacology & Therapeutics. Band 101, Nr. 2, Februar 2004, S. 131–181, doi:10.1016/j.pharmthera.2003.11.002, PMID 14761703.</ref><ref>Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA): Drug profiles, Lysergid (LSD)</ref><ref>[…] Because of the unpredictability of psychedelic drug effects, any use carries some risk. Dependence and addiction do not occur, but users may require medical attention because of „bad trips“. […] Laurence Brunton, Donald Blumenthal, Iain Buxton, Keith Parker: Goodman and Gilman’s Manual of Pharmacology and Therapeutics. 2008, ISBN 978-0-07-144343-2, S. 398. doi:10.1036/0071443436</ref>

Der Einsatz von Psychedelika in der Psychotherapie ist umstritten, und die Forschung ist erschwert durch gesetzliche Einschränkungen bezüglich der Verwendung psychedelischer Substanzen. Solche Therapien finden – von vorwiegend in der Schweiz erteilten Ausnahmegenehmigungen abgesehen – in der Regel illegal<ref>Vgl. dazu Bundes Psychotherapeuten Kammer: Psycholytische Psychotherapie ist illegal. Pressemitteilung vom 1. September 2009 (Digitalisat)</ref><ref>Vgl. auch Sunna Gieseke: Psycholytische Therapie: Absolut illegal. In: Deutsches Ärzteblatt. 2009.</ref> statt, häufig als Gruppentherapien.

Geschichte

Datei:Leuner.jpg
Hanscarl Leuner initiierte 1960 das Erste europäische Symposion für die Psychotherapie unter LSD 25 an der Göttinger Universität.<ref name="Leuner" /><ref>Psychedelic Science: LSD-Pionier Hanscarl Leuner – Psychedelic Science. In: psychedelic-science.org. Abgerufen am 20. März 2022.</ref>
Datei:Albert Hofmann Oct 1993.jpg
Albert Hofmann entdeckte 1943 die halluzinogene Wirkung des LSDs.
Datei:Johns Hopkins psilocybin session room-SessionRm 2176x.jpg
Therapiesitzung mit Psilocybin an der Johns Hopkins University.

Der Gedanke einer Heilbehandlung mit Hilfe von psychoaktiven und entheogenen Substanzen geht auf das Schamanentum aus vorgeschichtlicher Zeit zurück. Insofern es im religiösen Kultus stets auch um Heilung und das Heil geht, war die rituelle Anwendung von psychedelischen Substanzen bei indigenen Völkern immer üblich und ist in solchen Kulturen heute noch verbreitet.<ref>Franz-Theo Gottwald, Christian Rätsch (Hrsg.): Rituale des Heilens. Ethnomedizinische Naturerkenntnis und Heilkraft. Aarau/Schweiz 2000 – Adolf Dittrich, Christian Scharfetter (Hrsg.): Ethnopsychotherapie. Psychotherapie mittels außergewöhnlicher Bewusstseinszustände in westlichen und indigenen Kulturen. Stuttgart 1987.</ref><ref name="DOI10.1080/02791072.2013.873157">Anja Loizaga-Velder, Rolf Verres: Therapeutic Effects of Ritual Ayahuasca Use in the Treatment of Substance Dependence—Qualitative Results. In: Journal of Psychoactive Drugs. Band 46, 2014, S. 63, doi:10.1080/02791072.2013.873157.</ref>

Die Anwendung psychedelischer Substanzen in der Psychiatrie begann erstmals 1913 mit Alwyn Knauer und William Maloney in New York, die sich selbst und anderen gesunden Probanden Mescalinsulfat spritzten.<ref>A. Knauer, W. J. M. A. Maloney: A preliminary note on the psychic action of mescalin, with special reference to the mechanism of visual hallucinations. In: J Nerv Ment Dis. Band 40, 1913, S. 425–436.</ref><ref>Mike Jay: Mescaline. A Global History of the First Psychedelic. Vereinigtes Königreich, Yale University Press, 2019, ISBN 978-0-300-23107-6, S. 132.</ref> Die erstmalige Anwendung in der modernen Psychotherapie erfolgte 1931 durch den Psychoanalytiker Dario Baroni mit Mescalin und Samen des Gemeinen Stechapfels (Datura stramonium).<ref></ref>

Der Naturstoffchemiker Albert Hofmann stieß 1943 erstmals auf die psychedelische Wirkung von LSD. Die Firma Sandoz, in deren Auftrag Hofmann forschte, brachte 1949 LSD unter dem Namen Delysid als Heilmittel auf den Markt und zwar – wie der Beipackzettel auswies – „zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie, besonders bei Angst- und Zwangsneurosen.“<ref>Albert Hofmann: LSD - mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer "Wunderdroge". München 1993, S. 55.</ref> Von da an nahm die substanzgestützte Psychotherapie, zunächst vorwiegend unter der Bezeichnung „psychedelische Psychotherapie“, einen starken Aufschwung.<ref>Leuner, Ebenda, S. 141 ff. – Stanislav Grof: Psychedelische Therapie und holonome Integration. Therapeutisches Potential außergewöhnlicher Bewusstseinszustände. Beobachtungen bei psychedelischer und holotroper Therapie. In: Adolf Dittrich, Christian Rätsch: Ethnopsychotherapie. S. 162–180.</ref> W. V. Caldwell listete bereits 1968 193 wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema auf.<ref>W. V. Caldwell: LSD Psychotherapy: An Exploration of Psychedelic an Psycholytic Therapy. Grove Press, New York 1968.</ref> 1953 wurde das Guajacolglycerinether-haltige Medikament Reorganin von der Firma Dr. Christian Brunnengräber in Lübeck als Medikament zur Behandlung unter anderem von Angst- und Spannungszuständen, aber auch „zur Unterstützung der Psychotherapie“, als medikamentöse „Lobotomie“ beworben.<ref>Bei Angst-Spannungs-Zuständen. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. XL.</ref>

Zu einem europäischen Symposion 1960 in Göttingen erschienen Experten aus England, Italien, Österreich, der Schweiz und der Tschechoslowakei und gründeten die „Europäische Ärztliche Gesellschaft für psycholytische Therapie“ (EPT). Nachdem jedoch jeder weitere Gebrauch von Halluzinogenen, auch jede weitere Forschung auf diesem Gebiet, verboten worden war, stellte die EPT 1971 ihre Tätigkeit ein.<ref name="Leuner">Hanscarl Leuner: Halluzinogene. Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie. Bern / Stuttgart / Wien 1981, S. 26.</ref>

Ende der 1970er Jahre wurde, angeregt durch den Chemiker Alexander Shulgin,<ref>Alexander Shulgin, Ann Shulgin: PiHKAL. A Chemical Love Story. Transform Press, Berkeley/CA 1995, S. 72 ff.</ref> zunehmend auch MDMA (Ecstasy) in der Psychotherapie eingesetzt, da es die Empathiefähigkeit steigert und nicht durch Halluzinationen oder visionäre Episoden von der Konzentration auf den eigenen inneren Prozess ablenkt.<ref>Hans Gros und die Redaktion Naturwissenschaften: Rausch und Realität. Eine Kulturgeschichte der Drogen. Band 1, Ernst Klett Verlag, Stuttgart / München / Düsseldorf 1996, S. 140.</ref> In den Jahren 1988 bis 1993 erhielten mehrere Mitglieder sowie auch Peter Gasser und Peter Baumann, der Gründer der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT), eine Ausnahmebewilligung für Psychotherapien unter der Gabe von MDMA und LSD sowie für Forschungen.<ref name="Ausnahmebewilligung-CH">Schweizerische Aerztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT) – Porträt</ref>

Forschung

Über 500 bisherige Veröffentlichungen, die sich der Therapie mithilfe psychoaktiver Substanzen widmen, beschreiben deren Wirkungen unter supervisierten psychoanalytischen und anderen therapeutischen Settings; eine Zusammenfassung zur Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA wurde 2008 von Jungaberle und Kollegen veröffentlicht.<ref>Henrik Jungaberle: Therapie mit psychoaktiven Substanzen. Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA. Huber, 2008, ISBN 978-3-456-84606-4.</ref>

In den USA wurde 2018 von der Food and Drug Administration (FDA) eine große Studie über Psilocybin-assistierte Psychotherapie bei der Behandlung von behandlungsresistenten Depressionen genehmigt<ref>FDA approves magic mushrooms depression drug trial. In: Newsweek. 23. August 2018 (newsweek.com [abgerufen am 22. September 2018]).</ref><ref>Deutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches Ärzteblatt: Krebs: Pilz-Halluzinogen lindert Depression und nimmt Angst vor dem... (aerzteblatt.de [abgerufen am 22. September 2018]).</ref><ref>Robin L Carhart-Harris, Leor Roseman, Mark Bolstridge, Lysia Demetriou, J Nienke Pannekoek: Psilocybin for treatment-resistant depression: fMRI-measured brain mechanisms. In: Scientific Reports. Band 7, Nr. 1, 13. Oktober 2017, ISSN 2045-2322, doi:10.1038/s41598-017-13282-7 (nature.com [abgerufen am 22. September 2018]).</ref> und der Status einer breakthrough therapy verliehen.<ref>COMPASS Pathways Receives FDA Breakthrough Therapy Designation for Psilocybin Therapy for Treatment-resistant Depression – COMPASS. Abgerufen am 6. Dezember 2018 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Parallel dazu untersuchen Franz Vollenweider und seine Mitarbeiter seit den frühen 1990er Jahren die neurophysiologischen Grundlagen, die den therapeutischen Wirkungen serotonerger Psychedelika zugrunde liegen.<ref name="VollenweiderPreller2020">Vollenweider, F. X.; Preller, K. H.: Psychedelic drugs: neurobiology and potential for treatment of psychiatric disorders. In: Nature Reviews Neuroscience. Band 21, 2020, S. 611–624, doi:10.1038/s41583-020-0367-2.</ref> Verschiedene Studien zeigen, dass Psychedelika im Sinne psychoanalytischer Modelle das primärprozesshafte Denken fördern,<ref name="Kraehenmann2017a">Kraehenmann, R.; Pokorny, D.; Aicher, H.; Preller, K. H.; Pokorny, T.; Bosch, O. G.; Seifritz, E.; Vollenweider, F. X.: LSD Increases Primary Process Thinking via Serotonin 2A Receptor Activation. In: Frontiers in Pharmacology. Band 8, 2017, S. 814, doi:10.3389/fphar.2017.00814.</ref><ref name="Kraehenmann2017b">Kraehenmann, R.; Pokorny, D.; Vollenweider, L.; Preller, K. H.; Pokorny, T.; Seifritz, E.; Vollenweider, F. X.: Dreamlike effects of LSD on waking imagery in humans depend on serotonin 2A receptor activation. In: Psychopharmacology (Berlin). Band 234, 2017, S. 2031–2046, doi:10.1007/s00213-017-4610-0.</ref> die bewusste und unbewusste Emotionsverarbeitung erleichtern,<ref name="Kometer2012">Kometer, M.; Schmidt, A.; Bachmann, R.; Studerus, E.; Seifritz, E.; Vollenweider, F. X.: Psilocybin biases facial recognition, goal-directed behavior, and mood state toward positive relative to negative emotions through different serotonergic subreceptors. In: Biological Psychiatry. Band 72, 2012, S. 898–906, doi:10.1016/j.biopsych.2012.04.005.</ref><ref name="Kraehenmann2016">Kraehenmann, R.; Schmidt, A.; Friston, K.; Preller, K. H.; Seifritz, E.; Vollenweider, F. X.: The mixed serotonin receptor agonist psilocybin reduces threat-induced modulation of amygdala connectivity. In: NeuroImage: Clinical. Band 11, 2016, S. 53–60, doi:10.1016/j.nicl.2015.08.009.</ref> die soziale Kognition positiv beeinflussen und die Empathiefähigkeit erhöhen.<ref name="Preller2016">Preller, K. H.; Pokorny, T.; Hock, A.; Kraehenmann, R.; Stampfli, P.; Seifritz, E.; Scheidegger, M.; Vollenweider, F. X.: Effects of serotonin 2A/1A receptor stimulation on social exclusion processing. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 113, 2016, S. 5119–5124, doi:10.1073/pnas.1524187113.</ref><ref name="Casanova2024">Casanova, A. F.; Ort, A.; Smallridge, J. W.; Preller, K. H.; Seifritz, E.; Vollenweider, F. X.: The influence of psilocybin on subconscious and conscious emotional learning. In: iScience. Band 27, 2024, S. 110034, doi:10.1016/j.isci.2024.110034.</ref><ref name="Jungwirth2025">Jungwirth, J.; von Rotz, R.; Dziobek, I.; Vollenweider, F. X.; Preller, K. H.: Psilocybin increases emotional empathy in patients with major depression. In: Molecular Psychiatry. Band 30, 2025, S. 2665–2672, doi:10.1038/s41380-024-02875-0.</ref>

Diese Eigenschaften können den therapeutischen Prozess unterstützen und dem Patienten helfen, sich im alltäglichen Leben neu zu orientieren. Der auf das Thema spezialisierte Psychiater Torsten Passie urteilt:

„Eine Brauchbarkeit zur Unterstützung von Psychotherapie besitzen Psychedelika wie LSD und Psilocybin durch ihre Eigenschaft, einen traumartigen Erlebnissfluss bei weitgehend klarem Bewusstsein und gutem Erinnerungs­vermögen hervorzurufen.“<ref>Torsten Passie: Psilocybin in der modernen Psychotherapie. In: Curare, Zeitschrift für Medizinethnologie. H. 18, 1995, S. 131–152, S. 136.</ref>

In diesem können vordem verdrängte unbewusste Konflikte und Erinnerungen aktiviert und lebhaft wiederbelebt werden, was sie psychotherapeutischer Durcharbeitung zugänglich macht. Unter der psychischen Aktivierung kann außerdem eine Lockerung psychischer Abwehrmechanismen und eine Begünstigung psychotherapeutisch wertvoller regressiver Erlebnisweisen („Altersregression“) beobachtet werden. Zu einem ähnlich positiven Ergebnis kam schon 1981 der Pionier der Psychotherapieforschung mit psychoaktiven Substanzen in Deutschland, Hanscarl Leuner:

„Die überwiegende klinische Evidenz spricht dafür, dass die LSD-Aktivierung der Psychodynamik diese einer psycho­therapeutischen Beeinflussung eher zugänglich macht als ohne einen Halluzinogen­spiegel im Blut.“<ref>Hanscarl Leuner: Halluzinogene. S. 92.</ref>

Gefahren

Die Nutzung von psychoaktiven Substanzen wie LSD oder Psilocybin im Selbstversuch oder als „Selbsttherapie“ ist mit größeren Risiken verbunden als die Nutzung im Rahmen einer fachlich geleiteten therapeutischen Situation. Doch auch in einer solchen ist diese Therapieform nicht in allen Fällen unbedenklich. Gefahren gehen weniger von den psychoaktiven Substanzen selbst aus als vielmehr von ihrer Kombination mit unsachgemäßen Behandlungsmethoden. Der gleiche Effekt, nämlich der Zuwachs an seelischer Sensibilisierung und Zugänglichkeit, kann als gefährliche Suggestibilität die Behandelten in eine Abhängigkeit vom Therapeuten bringen, insbesondere dann, wenn das unter Umständen extrem gesteigerte Übertragungsgeschehen nicht bearbeitet wird oder der Therapeut das zwischen ihm und dem Klienten bestehende Machtgefälle ausnutzt.<ref>Ralf H. Bolle: Übertragung und Gegenübertragung in der psycholytischen Therapie. In: Adolf Dittrich, Albert Hofmann, Hanscarl Leuner (Hrsg.): Welten des Bewusstseins. Band 4: Bedeutung für die Psychotherapie. Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1994, S. 129–137, S. 132 ff.</ref><ref>Hans-Peter Waldrich: Gehirnwäsche oder Heilverfahren? Erfahrungen mit drogengestützten Psychotherapien. Hamburg 2014.</ref> Gewisse Gefahren sind mit der Illegalität des Behandlungsverfahrens in vielen Ländern verbunden, bei der die Reinheit der verwendeten Stoffe und ihre sachgemäße Dosierung nicht garantiert werden kann, und auch das Risiko traumatisierender Verhaftungen durch die Polizei während der Therapiesitzung besteht. In einem klinischen, rechtssicheren Kontext hingegen sind die Gefahren durch die garantierte Reinheit der verwendeten Stoffe und ein professionelles, haltgebende Umfeld als gering einzuschätzen.<ref>Matthias E. Liechti: Modern Clinical Research on LSD. In: Neuropsychopharmacology: Official Publication of the American College of Neuropsychopharmacology. Band 42, Nr. 11, Oktober 2017, ISSN 1740-634X, S. 2114–2127, doi:10.1038/npp.2017.86, PMID 28447622.</ref>

Rechtliche Situation

In vielen Staaten wurden nach der UN-Konvention über psychotrope Substanzen von 1971 viele psychedelische Substanzen stark reglementiert, was zum Abbruch vieler erfolgversprechender wissenschaftlicher Forschungen führte.<ref>Hanscarl Leuner: Halluzinogene: Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie. Huber, Bern 1981, ISBN 3-456-80933-6, S. 17 ff.</ref> Ihre wissenschaftliche Erforschung wurde Ende der 1980er Jahre unter restriktiven Bedingungen wieder aufgenommen.<ref>Ben Sessa: Can psychedelics have a role in psychiatry once again? In: The British Journal of Psychiatry. Band 186, Nr. 6, May 2005, S. 457–458.</ref><ref>Nicolas Langlitz: Neuropsychedelica. The Revival of Hallucinogen Research since the Decade of the Brain. University of California Press, Berkeley / Los Angeles 2013.</ref> Außerhalb solcher Forschungsprojekte gab es zudem eine nichtöffentliche Anwendung illegal gehandelter psychedelischer Substanzen.<ref>Hunderte Berliner sind in verbotener LSD-Therapie. bz-berlin.de, 25. September 2009, abgerufen am 16. Januar 2022.</ref> In einigen Ländern ist der traditionelle therapeutische oder religiöse Gebrauch einiger psychedelischer Substanzen gesetzlich geregelt oder geduldet.

Europa

Deutschland

In Deutschland werden psychotrope Substanzen nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) in drei Gruppen eingeteilt: „nicht verkehrsfähig“ (BtMG Anlage I), „verkehrs- aber nicht verschreibungsfähig“ (BtMG Anlage II) oder „verkehrs- und verschreibungsfähig“ (BtMG Anlage III). LSD, Meskalin, Psilocybin und MDMA sind in Deutschland nicht verkehrsfähig.<ref>buzer.de: Anlage I BtMG (nicht verkehrsfähige Betäubungsmittel) *) Betäubungsmittelgesetz. buzer.de, abgerufen am 31. Januar 2025.</ref>

Schweiz

Seit 2014 können Ärztinnen und Ärzte beim Bundesamt für Gesundheit eine Ausnahmebewilligung beantragen: Diese erlaubt den medizinischen Einsatz von andernfalls verbotenen Substanzen wie LSD, MDMA und Psilocybin.<ref>LSD, MDMA und Psilocybin - Drogen statt Antidepressiva: Psychotherapie nach Schweizer Art. SRF, 21. Februar 2023, abgerufen am 27. Februar 2023.</ref>

Tschechien

Durch ein 2025 verabschiedetes Gesetz wurde es ermöglicht, dass seit dem 1. Januar 2026 Psilocybin in Tschechien medizinisch verschrieben werden kann.<ref>Tschechien auf dem Weg zu neuer Drogenpolitik: Lockerungen für Cannabis und Psilocybin. Radio Prague International, 16. Juli 2025, abgerufen am 29. Juli 2025.</ref>

Amerika

Vereinigte Staaten

2020 wurde in Oregon und 2022 in Colorado durch Volksabstimmungen der zukünftige Einsatz von Psilocybin in einem therapeutischen Kontext ermöglicht (in Colorado gültig seit 2025).<ref>Will Feuer: Oregon becomes first state to legalize magic mushrooms as more states ease drug laws in 'psychedelic renaissance'. CNBC, 4. November 2020, abgerufen am 14. November 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Gegen Depression: Colorado legalisiert Magic Mushrooms. ZDFheute, 26. November 2022, abgerufen am 26. November 2022.</ref>

Kanada

Seit 2023 ist in der kanadischen Provinz Alberta die Nutzung von Psilocybin, LSD, MDMA, Meskalin, Ketamin und DMT zu psychotherapeutischen Zwecken legal.<ref>Emily Mertz: Alberta sets standards for psychedelic drug-assisted therapy. In: Global Edmonton. Global News, 5. Oktober 2022, abgerufen am 10. Oktober 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Zudem wurden in den letzten Jahren eine geringe Anzahl von Ausnahmegenehmigungen für den Einsatz von Psychedelika zu psychotherapeutischen Zwecken an Ärzte<ref>Kate Dubinski: Some doctors, therapists get Health Canada permission to use magic mushrooms. In: CBC News. 10. Dezember 2020, abgerufen am 11. Dezember 2020 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>A. J. Herrington: Canada Regulators Ease Access to Psychedelic Drugs. In: High Times. 7. Januar 2022, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 10. Januar 2022; abgerufen am 10. Januar 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> sowie ausgewählte Patienten<ref>CBC News: More patients granted psilocybin exemption by federal government. www.cbc.ca, 14. Dezember 2021, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 15. Dezember 2021; abgerufen am 15. Dezember 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.cbc.ca</ref><ref></ref> erteilt.

Australien

In Australien können Psilocybin und MDMA seit Juli 2023 durch Psychiater mit einer speziellen Berechtigung verschrieben werden.<ref>Eugen Epp: Aus der Partydroge wird Medizin: Australien gibt Ecstasy für psychiatrische Zwecke frei. stern, 3. Februar 2023, abgerufen am 12. Februar 2023.</ref>

Siehe auch

Weblinks

Literatur

  • D. E. Nichols, H. Walter: The History of Psychedelics in Psychiatry. In: Pharmacopsychiatry. Band 54, Nr. 4, Juli 2021, S. 151–166, doi:10.1055/a-1310-3990, PMID 33285579.
  • M. Diament, B. R. Gomes, L. F. Tófoli: Ayahuasca and Psychotherapy: Beyond Integration. In: B. C. Labate, C. Cavnar (Hrsg.): Ayahuasca Healing and Science. Springer, Cham 2021. doi:10.1007/978-3-030-55688-4_4
  • Matthew Oram: Trials of Psychedelic Therapy: LSD Psychotherapy in America. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2018, ISBN 978-1-4214-2620-4.<ref>Buchbesprechung von Nadine Weidman: Matthew Oram. The Trials of Psychedelic Therapy: LSD Psychotherapy in America. In: Isis. 2020, Band 111, Nr. 1, doi:10.1086/707842. Online auf der Website der University of Chicago, abgerufen am 23. November 2021.</ref>
  • Henrik Jungaberle, Peter Gasser, Jan Weinhold, Rolf Verres (Hrsg.): Therapie mit psychoaktiven Substanzen – Praxis und Kritik der Psychotherapie mit LSD, Psilocybin und MDMA. Hans Huber, Bern 2008, ISBN 978-3-456-84606-4.
  • J. B. Luoma, C. Chwyl, G. J. Bathje, A. K. Davis, R. Lancelotta: A Meta-Analysis of Placebo-Controlled Trials of Psychedelic-Assisted Therapy. In: J Psychoactive Drugs. Band 52, Nr. 4, 2020, S. 289–299, doi:10.1080/02791072.2020.1769878, PMID 32529966, PMC 7736164 (freier Volltext).
  • Stanislav Grof: Topographie des Unbewußten. LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. (Erstauflage 1975, Deutsche Übersetzung 1978), mit Joan Halifax, ISBN 3-608-95232-2. Wiederauflage Souvenir Press, 2010.
  • Stanislav Grof: LSD-Psychotherapie. 1983, ISBN 3-608-94017-0.
  • Stanislav Grof: Das Abenteuer der Selbstentdeckung: Heilung durch veränderte Bewusstseinszustände, Ein Leitfaden. Rowohlt, Reinbek 1994, ISBN 3-499-19640-9.
  • Hanscarl Leuner: Die experimentelle Psychose. Ihre Psychopharmakologie, Phänomenologie und Dynamik in Beziehung zur Person. Springer, Berlin 1962, ISBN 978-3-540-02883-3. Reprint 1997: Berlin VWB.
  • Hanscarl Leuner: Halluzinogene. Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie. Hans Huber, Bern 1981, ISBN 3-456-80933-6.
  • Claudio Naranjo: Die Reise zum Ich, Psychotherapie mit heilenden Drogen, Behandlungsprotokolle. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-23381-X.
  • Manfred Josuttis, Hanscarl Leuner (Hrsg.): Religion und die Droge. Ein Symposion über religiöse Erfahrungen unter dem Einfluss von Halluzinogenen. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1972, ISBN 3-17-213031-2.

Einzelnachweise

<references responsive />

Vorlage:Hinweisbaustein