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Muskeldysmorphie

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Als Muskeldysmorphie (auch: Muskelsucht, Bigorexie oder umgekehrte Anorexie) oder muskeldysmorphe Störung wird eine Form der Körperdysmorphen Störung bezeichnet. Es besteht die zwanghafte Überzeugung, dass der eigene Körper zu klein, zu dünn, nicht muskulös genug oder nicht schlank genug sei, obwohl die Statur der betroffenen Person in den meisten Fällen normal oder sogar außergewöhnlich groß und muskulös ist. Die Bezeichnung wurde in den 1990er Jahren durch mehrere Studien des US-amerikanischen Psychiaters und Harvard-Professors Harrison Pope bekannt und populärwissenschaftlich im deutschsprachigen Raum auch Adonis-Komplex benannt.<ref>Adonis-Komplex: Das steckt dahinter. In: Focus. Abgerufen am 25. April 2026.</ref><ref>Deutsches Ärzteblatt: Muskeldysmorphie: Die geheimen Leiden starker Männer. 9. März 2010, abgerufen am 25. April 2026.</ref>

Die Muskeldysmorphie betrifft vorwiegend Männer, insbesondere solche, die Sportarten ausüben, bei denen Körpergröße oder Gewicht Wettbewerbsfaktoren sind.<ref name=":0">James E. Leone, Edward J. Sedory, Kimberly A. Gray: Recognition and treatment of muscle dysmorphia and related body image disorders. In: Journal of Athletic Training. Band 40, Nr. 4, 2005, ISSN 1062-6050, S. 352–359, PMID 16404458, PMC 1323298 (freier Volltext) – (nih.gov [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Das Bestreben, den eigenen Körper scheinbar zu „korrigieren“, beansprucht übermäßig viel Zeit, Aufmerksamkeit und Ressourcen, beispielsweise für Trainingsprogramme, Diätpläne und Nahrungsergänzungsmittel, wobei auch der Konsum von Anabolika weit verbreitet ist. Andere körperdysmorphe Zustände, die nicht muskeldysmorpher Natur sind, treten in der Regel ebenfalls auf.<ref name=":1">Katharine A. Phillips: Understanding Body Dysmorphic Disorder. Oxford University Press USA - OSO, Oxford 2009, ISBN 978-0-19-537940-2.</ref>

Auch wenn sie oft mit der Anorexia nervosa verglichen wird, ist die Muskeldysmorphie besonders schwer zu erkennen, da das Bewusstsein dafür gering ist und Personen, die darunter leiden, in der Regel gesund aussehen.<ref>Dr Michael Atkinson, Dr Lee F. Monaghan: Challenging Myths of Masculinity: Understanding Physical Cultures. Ashgate Publishing, Ltd., 2014, ISBN 978-1-4094-3500-6 (google.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Die Belastung und Ablenkung durch die Störung kann zu Fehlzeiten in der Schule, am Arbeitsplatz und in sozialen Situationen führen.<ref name=":0" /> Im Vergleich zu anderen körperdysmorphen Störungen ist die Rate an Suizidversuchen bei Muskeldysmorphien besonders hoch.<ref name=":1" /> Forscher gehen davon aus, dass die Häufigkeit von Muskeldysmorphien zunimmt, was zum Teil auf die jüngste kulturelle Betonung muskulöser männlicher Körper zurückzuführen ist.<ref name=":2">Harrison Pope, Katharine A. Phillips, Roberto Olivardia: The Adonis Complex: The Secret Crisis of Male Body Obsession. Simon and Schuster, 2000, ISBN 978-0-684-86910-0 (google.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref>

Symptome

Obwohl Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild bereits bei Jungen im Alter von sechs Jahren festgestellt wurde, wird das Auftreten von einer Muskeldysmorphie in der Regel auf das Alter zwischen 18 und 20 Jahren geschätzt.<ref name=":3">David Tod, Christian Edwards, Ieuan Cranswick: Muscle dysmorphia: current insights. In: Psychology Research and Behavior Management. Band 9, 2016, ISSN 1179-1578, S. 179–188, doi:10.2147/PRBM.S97404, PMID 27536165, PMC 4977020 (freier Volltext) – (nih.gov [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref>Marita P McCabe, Lina A Ricciardelli: Body image dissatisfaction among males across the lifespan. In: Journal of Psychosomatic Research. Band 56, Nr. 6, Juni 2004, S. 675–685, doi:10.1016/S0022-3999(03)00129-6 (elsevier.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Gemäß DSM-5 wird die Muskeldysmorphie durch die diagnostischen Kriterien für eine körperdysmorphe Störung anhand „der Vorstellung, dass der eigene Körper zu klein oder nicht muskulös genug ist“ angezeigt, und dieser Spezifikator gilt auch dann, wenn die Person, wie es häufig der Fall ist, auch von anderen Körperbereichen besessen ist.<ref name=":4">Diagnostic and statistical manual of mental disorders: DSM-5-TR. American Psychiatric Association Publishing, Washington, DC 2022, ISBN 978-0-89042-577-0, S. 272–277.</ref>

Zu den weiteren klinischen Merkmalen zählen übermäßige Anstrengungen zur Steigerung der Muskulatur sowie Aktivitäten wie Diäten, Übertraining und die Injektion von wachstumsfördernden Medikamenten.<ref name=":5">Harrison G. Pope, Amanda J. Gruber, Precilla Choi, Roberto Olivardia, Katharine A. Phillips: Muscle Dysmorphia: An Underrecognized Form of Body Dysmorphic Disorder. In: Psychosomatics. Band 38, Nr. 6, November 1997, S. 548–557, doi:10.1016/S0033-3182(97)71400-2 (elsevier.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Personen mit Muskeldysmorphie verbringen in der Regel täglich mehr als drei Stunden damit, über den Aufbau von Muskeln nachzudenken, und fühlen sich möglicherweise unfähig, das Krafttraining einzuschränken.<ref name=":2" /> Wie bei der Anorexia nervosa kann das gegenteilige Streben bei der Muskeldysmorphie unstillbar sein.<ref>Philip E. Mosley: Bigorexia: bodybuilding and muscle dysmorphia. In: European Eating Disorders Review. Band 17, Nr. 3, Mai 2009, ISSN 1072-4133, S. 191–198, doi:10.1002/erv.897 (wiley.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Die Betroffenen beobachten ihren Körper genau und tragen möglicherweise mehrere Kleidungsschichten, um ihn größer erscheinen zu lassen.<ref>Philip E. Mosley: Bigorexia: bodybuilding and muscle dysmorphia. In: European Eating Disorders Review. Band 17, Nr. 3, Mai 2009, ISSN 1072-4133, S. 191–198, doi:10.1002/erv.897 (wiley.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref>

Bei der Muskeldysmorphie leiden die Betroffenen unter starken Ängsten, dass ihr Körper von anderen betrachtet wird.<ref name=":5" /> Die berufliche und soziale Funktionsfähigkeit ist beeinträchtigt und Diäten können diese Beeinträchtigung zusätzlich verstärken. Patienten meiden oft Aktivitäten, Menschen und Orte, die ihre wahrgenommene Unzulänglichkeit hinsichtlich Körpergröße oder Muskulatur offenbaren könnten. Etwa die Hälfte der Patienten hat nur wenig oder gar kein Verständnis dafür, dass diese Wahrnehmungen unrealistisch sind.<ref name=":6">Guy Cafri, Roberto Olivardia, J. Kevin Thompson: Symptom characteristics and psychiatric comorbidity among males with muscle dysmorphia. In: Comprehensive Psychiatry. Band 49, Nr. 4, Juli 2008, S. 374–379, doi:10.1016/j.comppsych.2008.01.003 (elsevier.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Die Anamnese der Patienten zeigt erhöhte Raten an Diagnosen anderer psychischer Störungen, darunter Essstörungen, Stimmungsstörungen, Angststörungen und Substanzgebrauchsstörungen, sowie erhöhte Raten an Suizidversuchen.<ref name=":6" /><ref name=":7">Volker Hitzeroth, Charmaine Wessels, Nompumelelo Zungu‐Dirwayi, Piet Oosthuizen, Dan J. Stein: Muscle dysmorphia: A South African sample. In: Psychiatry and Clinical Neurosciences. Band 55, Nr. 5, Oktober 2001, ISSN 1323-1316, S. 521–523, doi:10.1046/j.1440-1819.2001.00899.x (wiley.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref name=":5" />

Risikofaktoren

Obwohl die genau Entstehung der Muskeldysmorphie unklar ist, wurden mehrere Risikofaktoren identifiziert.

Trauma und Mobbing

Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben Personen, die an einer Muskeldysmorphie leiden, mit höherer Wahrscheinlichkeit traumatische Ereignisse wie sexuelle Übergriffe<ref name=":8">Amanda J Gruber, Harrison G Pope: Compulsive weight lifting and anabolic drug abuse among women rape victims. In: Comprehensive Psychiatry. Band 40, Nr. 4, Juli 1999, S. 273–277, doi:10.1016/S0010-440X(99)90127-X (elsevier.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> oder häusliche Gewalt erlebt oder beobachtet oder wurden in ihrer Jugend wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Defizite wie Kleinwuchs, Schwäche, mangelnder Sportlichkeit oder intellektueller Unterlegenheit gemobbt und verspottet.<ref name=":3" /><ref>Christian Edwards, Gyozo Molnar, David Tod: Searching for masculine capital: Experiences leading to high drive for muscularity in men. In: Psychology of Men & Masculinity. Band 18, Nr. 4, Oktober 2017, ISSN 1939-151X, S. 361–371, doi:10.1037/men0000072 (apa.org [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Eine erhöhte Körpermasse scheint die Gefahr weiterer Misshandlungen zu verringern.<ref>Robero Olivardia: Mirror, Mirror on the Wall, Who's the Largest of Them All? The Features and Phenomenology of Muscle Dysmorphia. In: Harvard Review of Psychiatry. Band 9, Nr. 5, 1. Oktober 2001, S. 254–259, doi:10.1080/10673220127900 (metapress.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref>

Soziopsychologische Merkmale

Ein geringes Selbstwertgefühl geht mit einer stärkeren Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und einer erhöhten Neigung zu einer Muskeldysmorphie einher.<ref name=":9">Frederick G. Grieve: A Conceptual Model of Factors Contributing to the Development of Muscle Dysmorphia. In: Eating Disorders. Band 15, Nr. 1, Januar 2007, ISSN 1064-0266, S. 63–80, doi:10.1080/10640260601044535 (tandfonline.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Auch ein Narzissmus wurde mit einem erhöhten Risiko für eine Muskeldysmorphie in Verbindung gebracht.<ref>Matt W. Boulter, Tom Wooldridge, Vegard E. Bjelland, Sebastian S. Sandgren: My father, myself, and my muscles: Associations between muscle dysmorphia, narcissism and relationship with father among exercising males. In: Personality and Individual Differences. Band 207, 1. Juni 2023, ISSN 0191-8869, S. 112173, doi:10.1016/j.paid.2023.112173 (sciencedirect.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Eine größere Körpergröße oder ausgeprägtere Muskulatur scheint die männliche Identität zu stärken.<ref name=":3" />

Medienpräsenz

Da in den westlichen Medien körperliche Attraktivität in den Vordergrund gestellt wird, nutzen einige Marketingkampagnen mittlerweile die Unsicherheiten von Männern hinsichtlich ihres Körperbildes aus.<ref name=":10">Geoffrey H. Cohane, Harrison G. Pope: Body image in boys: A review of the literature. In: International Journal of Eating Disorders. Band 29, Nr. 4, Mai 2001, ISSN 0276-3478, S. 373–379, doi:10.1002/eat.1033 (wiley.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref></ref><ref></ref><ref>Richard A. Leit, Harrison G. Pope, James J. Gray: Cultural expectations of muscularity in men: The evolution of playgirl centerfolds. In: International Journal of Eating Disorders. Band 29, Nr. 1, Januar 2001, ISSN 0276-3478, S. 90–93, doi:10.1002/1098-108X(200101)29:1<90::AID-EAT15>3.0.CO;2-F (wiley.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Seit den 1980er Jahren hat die Zahl der Fitnessmagazine und der teilweise entblößten, muskulösen Männer in der Werbung zugenommen.<ref name=":9" /> Solche Medien regen zu körperlichen Vergleichen an, üben Druck auf den Einzelnen aus, sich anzupassen (Konformitätsdruck), und vergrößern gleichzeitig die Kluft zwischen der Wahrnehmung der eigenen Muskulatur durch Männer und ihrer gewünschten Muskulatur. Bei Männern im College-Alter ist die Verinnerlichung der in den Medien dargestellten idealisierten männlichen Körper ein starker Prädiktor für das Streben nach mehr Muskulatur.<ref>Mike C. Parent, Bonnie Moradi: His biceps become him: A test of objectification theory's application to drive for muscularity and propensity for steroid use in college men. In: Journal of Counseling Psychology. Band 58, Nr. 2, 2011, ISSN 1939-2168, S. 246–256, doi:10.1037/a0021398 (apa.org [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref>Samantha Daniel, Sara K. Bridges: The drive for muscularity in men: Media influences and objectification theory. In: Body Image. Band 7, Nr. 1, 1. Januar 2010, ISSN 1740-1445, S. 32–38, doi:10.1016/j.bodyim.2009.08.003 (sciencedirect.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref>

Sportliche Aktivitäten

Sportler weisen häufig bestimmte psychologische Faktoren auf, die eine Veranlagung für eine Muskeldysmorphie darstellen können. Dazu gehören ein ausgeprägter Wettbewerbsdrang, Kontrollbedürfnis und Perfektionismus.<ref name=":9" /> Sie neigen außerdem dazu, ihren eigenen Körper und ihr Körpergewicht kritischer zu beurteilen.<ref>Caroline Davis, Michael Cowles: Body image and exercise: A study of relationships and comparisons between physically active men and women. In: Sex Roles. Band 25, Nr. 1-2, Juli 1991, ISSN 0360-0025, S. 33–44, doi:10.1007/BF00289315 (springer.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Erreichen Sportler ihre sportlichen Leistungsziele nicht, verstärken sie unter Umständen ihre Bemühungen, ihren Körperbau zu veränden – Bemühungen, die sich mit denen bei einer Muskeldysmorphie überschneiden.<ref name=":0" /> Die Ausübung von Sportarten, bei denen Körpergröße, Kraft oder Gewicht einen Wettbewerbsvorteil bedeuten, stehen im Zusammenhang mit einer Muskeldysmorphie.<ref name=":10" /><ref name=":5" /><ref>Bryan Chung: Muscle Dysmorphia: A Critical Review of the Proposed Criteria. In: Perspectives in Biology and Medicine. Band 44, Nr. 4, September 2001, ISSN 1529-8795, S. 565–574, doi:10.1353/pbm.2001.0062 (jhu.edu [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Sportliche Ideale verstärken das gesellschaftliche Ideal der Muskulatur. Umgekehrt ist es wahrscheinlicher, dass Personen, die bereits für eine Muskeldysmorphie prädisponiert sind, solche Sportarten ausüben.<ref name=":0" />

Sexuelle Orientierung

Es wurde beobachtet, dass Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), eine besondere Beziehung zur Entwicklung von Symptomen der Muskeldysmorphie aufweisen. MSM sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, verinnerlichten Heterosexismus zu erleben, was zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und zur Verinnerlichung von Attraktivitätsstandards führen kann.<ref>Melanie E. Brewster, Riddhi Sandil, Cirleen DeBlaere, Aaron Breslow, Austin Eklund: “Do you even lift, bro?” Objectification, minority stress, and body image concerns for sexual minority men. In: Psychology of Men & Masculinity. Band 18, Nr. 2, April 2017, ISSN 1939-151X, S. 87–98, doi:10.1037/men0000043 (apa.org [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Männer, die konventionellen Idealen von Männlichkeit entsprechen, berichten häufig von erhöhtem Stress, da sie den auferlegten Standard eines maskulinen und muskulösen Körpers nicht erfüllen.<ref>Sara B. Kimmel, James R. Mahalik: Body Image Concerns of Gay Men: The Roles of Minority Stress and Conformity to Masculine Norms. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology. Band 73, Nr. 6, Dezember 2005, ISSN 1939-2117, S. 1185–1190, doi:10.1037/0022-006X.73.6.1185 (apa.org [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> In einer Stichprobe von 2.733 MSM, die von Unzufriedenheit mit ihrem Körper berichteten, gab nur jeder Zehnte an, keine Unzufriedenheit mit seiner Muskulatur zu empfinden. Die Unzufriedenheit mit der Muskulatur stand dabei in einem stärkeren Zusammenhang mit einer Beeinträchtigung der Lebensqualität als die Unzufriedenheit mit Körperfett, Körpergröße und Penisgröße.<ref>Scott Griffiths, Stuart B. Murray, Deborah Mitchison, David Castle, Jonathan M. Mond: Relative strength of the associations of body fat, muscularity, height, and penis size dissatisfaction with psychological quality of life impairment among sexual minority men. In: Psychology of Men & Masculinities. Band 20, Nr. 1, Januar 2019, ISSN 1939-151X, S. 55–60, doi:10.1037/men0000149 (apa.org [abgerufen am 27. April 2026]).</ref>

Personen, die sich als Teil einer sexuellen Minderheit verstehen, sind aufgrund ihrer Identität einem erhöhten Risiko ausgesetzt, Opfer von Diskriminierung zu werden. Das Erleben von homophobem Mobbing steht im Zusammenhang mit vermehrten Symptomen einer Muskeldysmorphie. Eine mögliche Ursache für diesen Zusammenhang könnte das verstärkte Gefühl paranoider Vorstellungen sein, das ein MSM nach homophobem Mobbing erleben kann.<ref>Matteo Angelo Fabris, Laura Badenes-Ribera, Claudio Longobardi, Alessia Demuru, Ścigała Dawid Konrad, Michele Settanni: Homophobic bullying victimization and muscle Dysmorphic concerns in men having sex with men: the mediating role of paranoid ideation. In: Current Psychology. Band 41, Nr. 6, 1. Juni 2022, ISSN 1936-4733, S. 3577–3584, doi:10.1007/s12144-020-00857-3.</ref>

Behandlung

Die Behandlung einer Muskeldysmorphie kann dadurch behindert werden, dass sich der Patient seiner krankhaften Fixierung nicht bewusst ist oder eine Behandlung vermeidet. Die wissenschaftliche Forschung zur Behandlung einer Muskeldysmorphie ist begrenzt. Die Erkenntnisse stammen größtenteils aus Fall- und Einzelberichten und es wurden keine spezifischen Behandlungsprotokolle validiert. Dennoch sprechen die Erkenntnisse für die Wirksamkeit einer familienbasierten Therapie, einer kognitiven Verhaltenstherapie und einer Pharmakotherapie mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Ebenfalls begrenzt ist die Forschung zur Prognose bei unbehandelten Patienten.<ref name=":3" /><ref name=":0" />

Prävalenz

Die Schätzungen zur Prävalenz von der Muskeldysmorphie variieren stark und reichen von 1 % bis 54 % der Männer in den untersuchten Stichproben. Stichproben von Fitnessstudio-Mitgliedern, Gewichthebern und Bodybuildern weisen eine höhere Prävalenz auf als Stichproben aus der Allgemeinbevölkerung.<ref name=":3" /> Noch höhere Raten wurden bei Anwendern von Anabolika festgestellt.<ref>Celso Alves dos Santos Filho, Patrícia Passarelli Tirico, Sergio Carlos Stefano, Stephen W Touyz, Angélica Medeiros Claudino: Systematic review of the diagnostic category muscle dysmorphia. In: Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. Band 50, Nr. 4, April 2016, ISSN 0004-8674, S. 322–333, doi:10.1177/0004867415614106 (sagepub.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Die Störung ist bei Frauen selten, tritt jedoch auf und wurde insbesondere bei Bodybuilderinnen beobachtet, die sexuelle Übergriffe erlebt haben.<ref name=":8" />

Die Muskeldysmorphie wurde ebenfalls in China, Südafrika und Lateinamerika festgestellt.<ref name=":7" /><ref>E. K. Ung, C. S. Fones, A. W. Ang: Muscle dysmorphia in a young Chinese male. In: Annals of the Academy of Medicine, Singapore. Band 29, Nr. 1, Januar 2000, ISSN 0304-4602, S. 135–137, PMID 10748983 (nih.gov [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref name=":11">Rosa Behar, Daniela Molinari: Dismorfia muscular, imagen corporal y conductas alimentarias en dos poblaciones masculinas. In: Revista médica de Chile. Band 138, Nr. 11, November 2010, ISSN 0034-9887, S. 1386–1394, doi:10.4067/S0034-98872010001200007 (scielo.cl [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Nicht-westliche Bevölkerungsgruppen, die weniger westlichen Medien ausgesetzt sind, weisen geringere Raten auf.<ref>Chi-Fu Jeffrey Yang, Peter Gray, Harrison G. Pope: Male Body Image in Taiwan Versus the West: Yanggang Zhiqi Meets the Adonis Complex. In: American Journal of Psychiatry. Band 162, Nr. 2, 1. Februar 2005, ISSN 0002-953X, S. 263–269, doi:10.1176/appi.ajp.162.2.263 (psychiatryonline.org [abgerufen am 27. April 2026]).</ref>

Geschichte

Das Konzept der Muskeldysmorphie wurde Ende der 1990er Jahre erstmals von Fachleuten aus dem Gesundheitswesen entwickelt.<ref name=":12">Harrison G. Pope, David L. Katz, James I. Hudson: Anorexia nervosa and “reverse anorexia” among 108 male bodybuilders. In: Comprehensive Psychiatry. Band 34, Nr. 6, November 1993, S. 406–409, doi:10.1016/0010-440X(93)90066-D (elsevier.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Im Jahr 2016 stammten 50 Prozent der begutachteten Fachartikel zu diesem Thema aus den vorangegangenen fünf Jahren.<ref name=":5" /><ref name=":3" />

Ursprünglich wurde die Muskeldysmorphie als das Gegenteil der Anorexia nervosa angesehen, also als das Streben nach einem großen und muskulösen statt einem kleinen und dünnen Körper.<ref name=":12" /> Spätere Forscher ordneten diese subjektive Erfahrung jedoch der körperdysmorphen Störung zu.<ref name=":5" />

Die American Psychiatric Association erkannte die Muskeldysmorphie im DSM-5 unter der Kategorie „Körperdysmorphe Störungen“ an.<ref name=":4" /> In der ICD-11 ist die Muskeldysmorphie ebenfalls den Körperdysmorphen Störungen als Inklusiva zugeordnet.<ref>6B21.Z Body dysmorphic disorder, unspecified. In: icd.who.int. Weltgesundheitsorganisation, Januar 2026, abgerufen am 27. April 2026.</ref>

Kontroverse zur Klassifikation

Die Einordnung der Muskeldysmorphie ist umstritten. Es wurden daher alternative Klassifikationen gemäß DSM vorgeschlagen.

Essstörung

Viele Merkmale der Muskeldysmorphie überschneiden sich mit denen von Essstörungen,<ref name=":13">Scott Griffiths, Jonathan M Mond, Stuart B Murray, Stephen Touyz: Positive beliefs about anorexia nervosa and muscle dysmorphia are associated with eating disorder symptomatology. In: Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. Band 49, Nr. 9, September 2015, ISSN 0004-8674, S. 812–820, doi:10.1177/0004867415572412 (sagepub.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref name=":14">Stuart B Murray, Stephen W Touyz: Muscle dysmorphia: Towards a diagnostic consensus. In: Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. Band 47, Nr. 3, März 2013, ISSN 0004-8674, S. 206–207, doi:10.1177/0004867412452018 (sagepub.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> darunter die Fokussierung auf Körpergewicht, Körperform und Körperveränderung,<ref name=":15">Janice Russell: Commentary on: ‘Muscle dysmorphia: Towards a diagnostic consensus’. In: Australian & New Zealand Journal of Psychiatry. Band 47, Nr. 3, März 2013, ISSN 0004-8674, S. 284–285, doi:10.1177/0004867412451345 (sagepub.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> während bei der körperdysmorphen Störung solche Komponenten in Bezug auf Ernährung und Bewegung in der Regel fehlen. Zudem erzielen Personen mit Muskeldysmorphie tendenziell hohe Werte im Eating Attitudes Test und im Eating Disorder Inventory,<ref>Johanna E. Nieuwoudt, Shi Zhou, Rosanne A. Coutts, Ray Booker: Muscle dysmorphia: Current research and potential classification as a disorder. In: Psychology of Sport and Exercise. Band 13, Nr. 5, September 2012, S. 569–577, doi:10.1016/j.psychsport.2012.03.006 (elsevier.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref><ref name=":11" /> während gleichzeitig die Muskeldysmorphie und Anorexia nervosa diagnostische Überschneidungen aufweisen.<ref>Stuart B. Murray, Elizabeth Rieger, Stephen W. Touyz, Yolanda De la Garza García, Lic: Muscle dysmorphia and the DSM‐V conundrum: Where does it belong? A review paper. In: International Journal of Eating Disorders. Band 43, Nr. 6, September 2010, ISSN 0276-3478, S. 483–491, doi:10.1002/eat.20828 (wiley.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Die Muskeldysmorphie und ein gestörtes Essverhalten korrelieren stärker miteinander als mit der körperdysmorphen Störung.<ref name=":16">Andrew Foster, Gillian Shorter, Mark Griffiths: Muscle dysmorphia: Could it be classified as an addiction to body image? In: Journal of Behavioral Addictions. Band 4, Nr. 1, März 2015, ISSN 2062-5871, S. 1–5, doi:10.1556/JBA.3.2014.001, PMID 25592218, PMC 4394845 (freier Volltext) – (akjournals.com [abgerufen am 27. April 2026]).</ref> Behandlungen für Essstörungen können auch bei Muskeldysmorphie wirksam sein.<ref>Stefanie Teri Greenberg, Eva G. Schoen: Males and eating disorders: Gender-based therapy for eating disorder recovery. In: Professional Psychology: Research and Practice. Band 39, Nr. 4, August 2008, ISSN 1939-1323, S. 464–471, doi:10.1037/0735-7028.39.4.464 (apa.org [abgerufen am 27. April 2026]).</ref>

Verhaltenssucht

Einige Forscher streben eine Neuklassifizierung der Muskeldysmorphie als Verhaltenssucht an.<ref name=":14" /><ref name=":16" /> Das Bestreben, das Körperbild aufrechtzuerhalten, äußert sich bei der Muskeldysmorphie in Aktivitäten wie Sport, Diäten und dem damit verbundenen Einkaufen, was zu Konflikten mit anderen führen kann.<ref name=":15" /> Darüber hinaus können zwanghaftes Muskelaufbautraining und Diäten diese Konflikte verschärfen. Ferner kann der Verzicht auf diese Aktivitäten Entzugserscheinungen hervorrufen, wodurch die Person in ihr zwanghaftes Verhalten zurückfällt.<ref name=":13" /><ref name=":16" />

Siehe auch

Literatur

  • Manuel Waldorf, Martin Cordes, Christoph Taube, Janine Trunk, Silja Vocks: Muskeldysmorphie. In: Handbuch Klinische Psychologie. Springer, Berlin / Heidelberg 2020, ISBN 978-3-662-45995-9, S. 1–13, doi:10.1007/978-3-662-45995-9_46-1 (springer.com [abgerufen am 25. April 2026]).
  • Tansila Raja: Nach Anerkennung strebende junge Männer durch Körperdefinierung: Wie präsent ist der Adonis-Komplex in Schulen und welche Ursachen hat dieser? 1. Auflage. Grin Verlag, München 2023, ISBN 978-3-346-92346-2.

Weblinks

Berichte

Dokumentationen

Einzelnachweise

<references />

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