Zum Inhalt springen

Grannus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 16. Oktober 2022 um 17:55 Uhr durch imported>PhiRho~dewiki (Verehrung: Lesbarkeit).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)

Grannus (gallisch Grannos) ist der Name eines Heilgottes der Kelten und wurde nach der Interpretatio Romana mit Apollon gleichgesetzt. Seine Partnerin war die Göttin Sirona.

Verehrung

Datei:CarolusThermen02.JPG
Heiße Quellen wie bei Aquae Granni, heute Aachen, waren dem Grannus geweiht.

Grannus war offenbar der keltische Gott mit der größten Ausbreitung. Das Zentrum seiner Verehrung lag in den Provinzen Niedergermanien, Obergermanien und Raetia, inklusive der Agri decumates. Besonders in Faimingen und Höchstädt an der Donau, alle in der römischen Provinz Raetia, jetzt Bayrisch Schwaben, wurden viele dem Grannus geweihte Inschriften gefunden.<ref>CIL III, 5870 In h(onorem) d(omus) d(ivinae) / Apolli(ni) Granno / Baienius Victor / et Baienius Victor / et Baienius Victo/rinus fili(i) eius ex / vis{s}u signum cum base
CIL III, 5871 Apollini / Granno / signum cum / base MIRPA
CIL III, 5873 Apollini Granno et Sanctae Hygiae [3] / [M]at(ri) deum ipsorum pro salute Luci[
CIL III, 5874 [D]ei Apollinis Granni / [pro salute Imp(eratoris) Caes(aris) M(arci) Au]rel(i) Antoni[ni] / [6] / [3] p(atris) p(atriae) / [3 Dio]nysius leg(atus) Aug(usti) pr(o) p(raetore) / [3] Kal(endas) Iunias
CIL III, 5876 Apollini / Granno / M(arcus) Ulpius / Secundus / |(centurio) leg(ionis) III Ital(icae) / cum signo / argenteo / v(otum) s(olvit) l(ibens) l(aetus) m(erito)
CIL III, 5881 Apollini / Granno / Sabinius / Provincia/lis ex voto / l(ibens) l(aetus) m(erito)</ref> In Faimingen steht der von Kaiser Caracalla gestiftete Apollo-Grannus-Tempel. Doch Widmungen finden sich von Musselburgh in Schottland<ref>The Roman Inscriptions of Britain (RIB) 2132</ref> und Astorga, Provinz Hispania citerior (Spanien)<ref>AE 1968, 230 Serapidi / Sancto / Isidi Myr(i)onym<a=O>(e) / Cor(a)e Invictae / Apollini Granno / Marti Sagato / Iul(ius) Melanio / proc(urator) Augg(ustorum) / v(otum) s(olvit)</ref> bis nach Ephesos am Ägäischen Meer.<ref>1905 in der Bibliotheksmauer von Ephesos gefunden, in griechischer Schrift ein Reisebericht durch das ganze Römische Reich bis zu Apollo Grannus</ref> Ein Bronzeeimer mit einer Inschrift an Apollo Grannus stammt sogar aus einem Grabhügel in Fycklinge bei Västerås (Schweden).<ref>AE 1903, 273 Apollini Granno / donum Ammillius / Constans praef(ectus) templi / ipsius / v(otum) s(olvit) l(ibens) l(aetus) m(erito)</ref> In einer Inschrift aus Horbourg-Wihr (Elsass) hat er den Beinamen Mogounus „Mächtiger“<ref name="birkhan">Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. S. 619f.</ref> oder „Jüngling“<ref>CIL XIII, 5315 Apollini Gran/no Mogouno / aram / Q(uintus) Licini(us) Trio / d(e) s(uo) d(edit)</ref> und eine Inschrift aus Branges (Département Saône-et-Loire) ist dem Amarcolitanus, dem „Weithinschauenden“<ref name="birkhan" /> bzw. „Weitsichtigen“, gewidmet.<ref>CIL XIII, 2600 Deo Apol/lini Gran/no Amarcolitan(o) / Veranus / Verci f(ilius) Tilander / v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito)</ref>

Datei:Grand amphitheatre vgen.jpg
Amphitheater von Grand (Département Vosges)

Grannus wurde nicht nur von Kelten verehrt. Cassius Dio berichtet, dass Kaiser Caracalla (211–217) vergeblich Apollon Grannus (Γράννος), Asklepios und Sarapis um Heilung gebeten habe, nachdem ihn einige Alamannen mit gewissen Zaubermitteln und Zaubersprüchen krank gemacht hatten.<ref>Cassius Dio: Römische Geschichte. 77, 15, 2.</ref>

Grannus wurde vor allem in Heilbädern verehrt: So hieß Aachen, wo heiße Quellen der Erde entspringen, wenigstens seit dem frühen Mittelalter Aquae Granni („Wasser des Grannus“).<ref>Max Ihm: Aquae Grani (Granni). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band II,1, Stuttgart 1895, Sp. 300.</ref> Nach diesem Gott ist ebenfalls das gallo-römische Quellheiligtum von Grand an der ehemaligen Römerstraße Lyon-Trier (heute Grand (Département Vosges)) benannt, wo drei dem Grannus gewidmete Inschriften gefunden wurden.<ref>CIL XIII, 5940 [3]o Invi[cto] / ac deinde c/[3 A]ntoninum / [3]s numini e[ius] / [3]mi ser(vus?) [ /// ]IN[ /// ]EC[3] / [3]VM / [3]EI[
CIL XIII, 5942 [Gra]nni [3] / [3 A]quilinus [3] / [3 Li]ngon(ius) VM[3] / [v(otum) s(olvit)] l(ibens) [m(erito)]
AE 1937, 55 Deo Apollini] / [Gr]anno Consi[n]ius / [tri]bunus / somno iussus</ref> Das Sironabad bei Nierstein am Rhein ist dem Götterpaar Apollo Grannus und Sirona geweiht.<ref>Alle Inschriften in Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur. S. 150 f.</ref>

Ein weiteres Kultzentrum des Apollo Grannus könnte sich im Trierer Tempelbezirk im Altbachtal befunden haben.<ref name="birkhan" />

Name

Der gallische Name Grannos wird meist als „Sonne“ (altirisch grían „Sonne“) gedeutet und derjenige seiner Partnerin Sirona als „Großer Stern“. Doch ist eine Ableitung aus indogermanisch *guhr-snó-s „Wärmer“ (keltisch *Grasnos) wahrscheinlicher, zumal Heilbäder von natürlichen warmen Quellen gespeist werden. Im Altirischen hat sich dann die Bedeutung „warm“ sekundär zu „Sonne“ verschoben.<ref>Garrett S. Olmsted: The gods of the Celts and the Indo-Europeans. Innsbruck 1994, ISBN 3-85124-173-8.</ref>

Birkhan zitiert Whatmougs Dialects of Ancient Gaul (1971), der ein angebliches gallisches Wort granus („Bart“, „Schnurrbart“, auch „Augenbraue“) nennt; allerdings gibt es auch eine germanische Entsprechung, vergleiche das deutsche Wort Granne. Das im Dictionary of the Irish Language (1983) auf S. 370 angeführte mittelirische grenn bzw. bretonische grann lassen eine keltische Form aber durchaus möglich scheinen. Dies könnte auf die erwachsene Männlichkeit und Schönheit des Gottes hinweisen. Die Ableitung bei Olmsted bezweifelt Birkhan allerdings, da sie mit dem a-Vokalismus von ā nur schwer vereinbar sei.<ref name="birkhan" />

Andere bekannte keltische Heilgötternamen wie Belenus, Bormo/Borvo<ref>siehe Max Ihm: Bormo. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band III,1, Stuttgart 1897, Sp. 733.</ref> und Toutiorix stellen nach heutigem Stand regionale Varianten desselben keltischen Heilgottes dar.

Siehe auch

Literatur

  • Max Ihm: Grannus. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band VII,1, Stuttgart 1910, Sp. 1823–1827.
  • Emil Pauls: Zur Granussage. In: Aus Aachens Vorzeit. Mitteilungen des Vereins für Kunde der Aachener Vorzeit. 2. Jahrgang, Aachen 1889, S. 21–26 (Textarchiv – Internet Archive).
  • Bernhard Maier: Lexikon der keltischen Religion und Kultur (= Kröners Taschenausgabe. Band 466). Kröner, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-46601-5, S. 150 f.
  • Garrett S. Olmsted: The gods of the Celts and the Indo-Europeans. Innsbruck 1994, ISBN 3-85124-173-8, S. ?.
  • Helmut Birkhan: Kelten. Versuch einer Gesamtdarstellung ihrer Kultur. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1997, ISBN 3-7001-2609-3, S. 619 f.
  • Manfred Hainzmann: Apollini Granno. Explikatorisches Beinamenformular oder Göttergleichung? Ein „Modellfall“. In: Krešimir Matijević (Hrsg.): Kelto-Römische Gottheiten und ihre Verehrer (= Pharos. Band 39). Verlag Marie Leidorf, Rahden 2016, ISBN 978-3-86757-267-5, S. 229–256.

Einzelnachweise

<references />

Vorlage:Hinweisbaustein