Verhaltensanalyse
Die Verhaltensanalyse<ref name="MADDEN">Gregory J. Madden: APA handbook of behavior analysis. American Psychological Association, Washington, DC 2012, ISBN 978-1-4338-1111-1.</ref> ist eine empirisch arbeitende<ref name="NORMAND2008">Matthew P. Normand: Science, skepticism, and applied behavior analysis. In: Behavior Analysis in Practice. Band 1, Nr. 2, 2008, ISSN 1998-1929, S. 42–49, PMC 2846586 (freier Volltext).</ref> Wissenschaft,<ref name="HS">Howard Sloane: What is Behavior Analysis? Auf: bsotr.com, Zugriff am 21. Mai 2019.</ref> die sich mit dem Verhalten von Menschen und Tieren befasst. Dabei wird unter Verhalten sowohl das offene (von außen, d. h. von anderen) beobachtbare als auch das verdeckte (private) Verhalten (das nur die Person, die sich verhält, an sich beobachten kann) verstanden. Die Verhaltensanalyse versteht daher auch sprachliches Verhalten (vgl. Verbal Behavior) und innere Vorgänge wie das Denken und Fühlen als Verhalten. Die Verhaltensanalyse versucht, dieses Verhalten zu beschreiben, zu erklären, zu verstehen und vorauszusagen. Die wissenschaftstheoretische Grundlage der Verhaltensanalyse ist der Radikale Behaviorismus nach B. F. Skinner.
Methodik
Nach Paul Chance (1998) ist die Verhaltensanalyse die Untersuchung der funktionalen Relationen zwischen Verhalten und Umweltereignissen:
- Ein Verhalten ist alles, was ein Mensch oder Tier tut und das (von anderen Menschen oder nur von dieser Person selbst) beobachtet werden kann.
- Ein Umweltereignis ist jedes Ereignis in der Umwelt eines Organismus, das beobachtet werden kann.
- Eine funktionale Relation ist die Tendenz eines Ereignisses, in regelhafter Art und Weise mit einem oder mehreren anderen Ereignissen zu variieren.
Die Grundlagenwissenschaft, die sich damit befasst, die Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens zu entdecken und zu beschreiben, ist die Experimentelle Verhaltensanalyse.
Die angewandte Verhaltensanalyse<ref name="BAER">Donald M. Baer, Montrose M. Wolf, Todd R. Risley: Some current dimensions of applied behavior analysis. In: Journal of Applied Behavior Analysis. Band 1, Nr. 1, 1968, ISSN 1938-3703, S. 91–97, doi:10.1901/jaba.1968.1-91, PMC 1310980 (freier Volltext).</ref> versucht, das Verhalten von Menschen oder Tieren zu ändern, indem sie die vorausgehenden Bedingungen und nachfolgenden Konsequenzen des Verhaltens verändert. Bekannte Anwendungen der Verhaltensanalyse sind:
- die Behandlung des frühkindlichen Autismus (Applied Behavior Analysis)
- diverse Methoden des programmierten Unterrichts (Direkter Unterricht, Personalized System of Instruction, Precision Teaching)
- die gewaltfreie Dressur von Tieren (vgl. Klickertraining)
- die Methode der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS)
- das verhaltensorientierte Fertigkeitstraining (Behavioral Skills Training, BST)
Die Verhaltensanalyse wird als eigenständige Wissenschaft an mehreren US-amerikanischen und internationalen Universitäten gelehrt.<ref name="Unis">eine Liste der akkreditierten Programme findet sich auf den Seiten der Association for Behavior Analysis International (ABA-I), Internetressource, Zugriff am 14. Juli 2013.</ref> Es gibt mittlerweile mehr als ein Dutzend Zeitschriften mit Gutachterverfahren, die ausschließlich über die Verhaltensanalyse berichten.<ref name="Journals">Eine Übersicht (Stand: 2015) findet man auf dem <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Webserver der Spalding University: Behavior Analysis Journals. ( vom 30. März 2015 im Internet Archive)</ref><ref name="SHABANI">Daniel B. Shabani, James E. Carr, Anna Ingeborg Petursdottir, Barbara Esch, Jill N. Gillet: Scholarly productivity in behavior analysis. The most prolific authors and institutions from 1992 to 2001. In: The Behavior Analyst Today. Band 5, Nr. 3, 2004, ISSN 1539-4352, S. 235–243 (baojournal.com [PDF; 559 kB; abgerufen am 14. Oktober 2014]).</ref><ref name="CARR">James E. Carr, Lisa N. Britton: Citation trends of applied journals in behavioral psychology: 1981-2000. In: Journal of Applied Behavior Analysis. Band 36, Nr. 1, 2003, ISSN 1938-3703, S. 113–117, doi:10.1901/jaba.2003.36-113, PMC 1284424 (freier Volltext).</ref> Die Bekanntheit der Verhaltensanalyse unter Psychologinnen und Psychologen ist eingeschränkt,<ref name="POLING">„often viewed as outdated and insignificant by mainstream psychologist“ so Alan Poling: Looking to the future: Will behavior analysis survive and prosper? In: The Behavior Analyst. Band 33, Nr. 1, 2010, ISSN 0738-6729, S. 7–17, PMC 2867507 (freier Volltext).</ref> ihre Wahrnehmung infolgedessen oft verzerrt.<ref name="ARNTZEN">wie eine Untersuchung aus Norwegen zeigte: Erik Arntzen, Jon Lokke, Gunn Lokke, Dag-Erik Eilertsen: On misconceptions about behavior analysis among university students and teachers. In: The Psychological Record. Band 60, Nr. 2, 2010, ISSN 0033-2933, S. 325–336 (siu.edu [PDF; 214 kB; abgerufen am 14. Oktober 2014]).</ref>
Siehe auch
Literatur
Einführende Lehrbücher:
- Christoph Bördlein: Einführung in die Verhaltensanalyse (behavior analysis). Alibri, Aschaffenburg 2016.
- Paul Chance: First Course in Applied Behavior Analysis. Brooks/Cole Publishing, Pacific Grove 1998.
- John O. Cooper, Timothy E. Heron, William L. Heward: Applied Behavior Analysis. Pearson, 2007.
- Richard W. Malott: Principles of Behavior. Pearson, 2007.
- L. Keith Miller: Principles of Everyday Behavior Analysis. Brooks/Cole Publishing, Pacific Grove 1997.
Weblinks
- Cambridge Center for Behavioral Studies
- Association for Behavior Analysis International
- European Association for Behaviour Analysis
- Association for Behavior Analysis Deutschland - Deutsche Gesellschaft für Verhaltensanalyse
- Journal of the Experimental Analysis of Behavior und Journal of Applied Behavior Analysis
Belege
<references />