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Jesus-Seminar

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Das Jesus-Seminar wurde 1985 als Teil des Westar-Instituts in Kalifornien von dem US-amerikanischen Orientalisten Robert W. Funk (1926–2005) gegründet. Es widmet sich laut eigener Aussage ganz der Suche nach authentischem Material über Jesus von Nazaret.

Methoden und Arbeitsweise

Zur Erhebung des Wissens über den historischen Jesus will es die internationalen Forschungen zusammenführen und den Austausch fördern. So sollen die Fakten überprüft und von Gerüchten und Spekulationen unterschieden werden. Dabei konzentriert sich das Jesus-Seminar auf die Zeit von Jesu Auftreten um 30 bis 200 n. Chr.

Im Halbjahresrhythmus finden internationale Mitgliedertreffen statt, auf denen Forschungsergebnisse ausgetauscht und diskutiert werden. Diese sind zugleich ein öffentliches Forum auch für Laien. Die Debatten werden aufgezeichnet und medial verbreitet. Die Forschung wird also nicht nur im elitären Zirkel, sondern breit zugänglich und diskutierbar gemacht.

Das Jesus-Seminar hat sehr spezifische Kriterien für seine Arbeit aufgestellt, die von den meisten Theologen (dem „mainstream“) nicht akzeptiert werden. Eine Aussage von Jesus wird beispielsweise nur als authentisch angesehen, wenn es sich um einzelne Aussprüche oder Gleichnisse handelt, Dialoge oder längere Reden werden ausgeschlossen. Ebenso seien nur jene Aussagen Jesu echt, wenn sie sonst weder im jüdischen Kontext noch im frühchristlichen Kontext vorkommen.

Jede Streitfrage wird am Ende einer Debatte zur Abstimmung gestellt, um zu testen, wie viel relative historische Plausibilität der einen oder anderen Antwort die Forscher beimessen. Die durchschnittliche Stimmenmehrheit der rund 70 Teilnehmer entscheidet, was vom Seminar als verifizierbare Datenbasis über Jesus akzeptiert wird. Insofern repräsentieren die regelmäßigen Seminarberichte ein ausgewogenes Urteil aller Beteiligten, nicht Einzelmeinungen.

Positionen

Kritik

Das Jesus-Seminar wurde wegen seiner Methode, seinen Annahmen und seinen Schlussfolgerungen kritisiert. Die Kritik kommt aus einem weiten Spektrum von Wissenschaftlern und Laien.<ref>Michael J. Wilkins & J.P. Moreland (Hrsg.): Jesus Under Fire: Modern Scholarship Reinvents the Historical Jesus. Zondervan 1995, ISBN 0-310-21139-5.</ref><ref>Dale C. Allison: Jesus of Nazareth: Millenarian Prophet. Augsburg Fortress Publishers, 1998, ISBN 0-8006-3144-7.</ref> Von wissenschaftlicher Seite haben sich v. a. Richard B. Hays,<ref>The Corrected Jesus. In: First Things 43, Mai 1994.</ref> Ben Witherington,<ref>The Jesus Quest: The Third Search for the Jew of Nazareth. 2. Aufl. Downers Grove 1997.</ref> Greg Boyd,<ref>Cynic Sage or Son of God? (1995), ISBN 0-8010-2118-9</ref> N.T. Wright,<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Five Gospels but no Gospel (Memento vom 22. Dezember 2004 im Internet Archive) (PDF; 185 kB), 1999</ref> William Lane Craig, Luke Timothy Johnson,<ref>Luke Timothy Johnson: The Real Jesus : The Misguided Quest for the Historical Jesus and the Truth of the Traditional Gospels. HarperOne, 1997.</ref> Craig A. Evans,<ref>Craig A. Evans: Fabricating Jesus: How Modern Scholars Distort the Gospels. InterVarsity Press, 2006, ISBN 0-8308-3318-8.</ref> Craig Blomberg,<ref>Craig A. Blomberg: Where Do We Start Studying Jesus?. In: Jesus Under Fire: Modern Scholarship Reinvents the Historical Jesus. Zondervan, 1995, ISBN 0-310-21139-5, S. 20.</ref> Darrell Bock, Daniel B. Wallace<ref>Jesus Seminar. Abgerufen am 12. Januar 2022 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> und Edwin Yamauchi kritisch geäußert.

In den USA gibt es Stimmen, die das Seminar wegen seiner politischen Ausrichtung als zu weit links stehend kritisieren oder als „extrem liberales“ Spektrum der Theologie bezeichnen. So bezeichnet Professor Gregory A. Boyd vom Bethel College (Kansas) das Jesus-Seminar als „extrem kleine Zahl extremer Wissenschaftler […], die am äußersten linken Flügel neutestamentlichen Denkens stehen.“

Ein scharfer Kritiker ist William Lane Craig, der im Buch Will the Real Jesus Please Stand Up? („Kann der echte Jesus bitte einmal aufstehen?“) mit John Dominic Crossan, einem prominenten Mitbegründer des Seminars, debattiert.<ref>Paul Copan (Hrsg.): Will the Real Jesus Please Stand Up? A Debate Between William Lane Craig and John Dominic Crossan. Baker Books, 1998, ISBN 0-8010-2175-8.</ref>

Der katholische Bibelhistoriker John P. Meier, der sich seit Beginn der 1990er Jahre der Erforschung des historischen Jesus widmet und dessen auf fünf Bände angelegte Serie A Marginal Jew über konfessionelle und religiöse Grenzen hinweg als grundlegendes neueres Werk der historischen Jesusforschung anerkannt ist, kritisiert neben dem populären Show-Charakter des Jesus-Seminars und der Anmaßung, wissenschaftliche Wahrheit durch Abstimmungen messen zu wollen,<ref>John Bookser Feister: Finding the Historical Jesus: An Interview With John P. Meier, Washington 1997.</ref> inhaltlich vor allem die Tendenz zu einer Hellenisierung der Gestalt Jesu, die ihn als Juden des ersten Jahrhunderts nicht ausreichend ernst nehme und in einen unhistorischen Gegensatz zum zeitgenössischen Judentum stelle, was etwa seine Haltung zu den jüdischen Reinheitsgeboten angehe. „Der historische Jesus ist der halachische Jesus. Eine Rekonstruktion des historischen Jesus, welcher die ernsthafte halachische Dimension fehlt, ist ipso facto nicht der historische Jesus.“<ref>John P. Meier: Surprised by Law and Love: Second Thoughts on A Marginal Jew with a Glance Forward. Vortrag, Berkeley 2011, (Min. 57:35).</ref>

Der Neutestamentler Wolfgang Stegemann kritisiert das Jesus-Seminar als Neuauflage liberaler Hermeneutik, wegen seines Festhaltens am doppelten Differenzkriterium, seiner Bevorzugung apokrypher Texte und seine Sonderthesen, etwa die kynischer Einflüsse auf die Jesusbewegung.<ref>Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-012339-7, S. 119f., 140ff., 173–176.</ref>

Literatur

Eigenveröffentlichungen
  • W. Barnes Tatum: John the Baptist and Jesus: A Report of the Jesus Seminar. Polebridge Press, 1994, ISBN 0-94-434442-9.
  • Robert W. Funk u. a.: The Five Gospels: What Did Jesus Really Say? Harper 1997, ISBN 0-06-063040-X.
  • Robert W. Funk u. a.: The Acts of Jesus: What Did Jesus Really Do? Harper 1998, ISBN 0-06-062978-9.
  • Arthur J. Dewey, Robert W. Funk (Hrsg.): Gospel of Jesus. 2. Auflage 2014, Polebridge Press, ISBN 1-598-15158-4.
Andere
  • Michael J. Wilkins, J. P. Moreland: Jesus under Fire: Modern Scholarship Reinvents the Historical Jesus. 1995, ISBN 0-310-21139-5.
  • Robert J. Miller: The Jesus Seminar and Its Critics. 1999, Polebridge Press, 1999, ISBN 0-94-434478-X.
  • Philip Jenkins: Hidden Gospels: How the Search for Jesus Lost Its Way. Oxford University Press, 2002, ISBN 0-19-515631-5.

Einzelnachweise

<references/>

Weblinks

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