Zum Inhalt springen

Nazi-Vergleich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist die aktuelle Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 21. Oktober 2025 um 06:22 Uhr durch imported>Der rausch (Tippfehler korrigiert).
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Datei:All Out for Gaza - IMG 7000-(60,8022) (53277447264).jpg
Teilnehmer einer Demonstration gegen das israelische Vorgehen im Krieg gegen die Hamas, Columbus (Ohio), 22. Oktober 2023. Auf seinem Schild wird in falschem Englisch Israel als „die neuen Nazis“ bezeichnet.

Nazi-Vergleiche sind Vergleiche von Ereignissen, Personen oder Institutionen mit denen der Zeit des Nationalsozialismus. Darunter fallen auch NS-Vergleiche, Hitlervergleiche, Reductio ad Hitlerum, Goebbels-Vergleiche oder Vergleiche mit anderen führenden Personen des NS-Staats.

Begriffsverwendung

Der Begriff Nazi-Vergleich wurde nach den Sprachwissenschaftlern Thorsten Eitz und Georg Stötzel als Neologismus in den 1980er-Jahren durch die Massenmedien eingeführt und taucht seitdem insbesondere in Pressekommentaren immer wieder auf.<ref>Thorsten Eitz, Georg Stötzel: Wörterbuch der Vergangenheitsbewältigung. Georg Olms Verlag, 2007, S. 489.</ref> Beschrieben wird mit dem Begriff eine diskursive Praxis, die die Konversationsmaximen verletze und die kognitive Rolle des Vergleichs bewusst missbrauche.<ref>Marie-Hélène Pérennec: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Nazi-Vergleiche im heutigen politischen Diskurs. Von den Gefahren falscher Analogien (Memento vom 16. April 2014 im Internet Archive) (PDF; 959 kB). In: langues.univ-lyon2.fr, Juni 2008 (Lylia, Heft 16).</ref> Er wird in diesem Zusammenhang oft als sogenannter Fehlschluss bzw. Totschlagargument verwendet und in politischen Debatten auch zur Diffamierung des politischen Gegners missbraucht.<ref>MDR, Nazi-Vergleiche: Wenn sich deutsche Politiker und Funktionäre im Ton vergreifen, abgerufen am 23. Dezember 2021</ref> Der Historiker Jürgen Kocka etwa bezeichnet die Gleichsetzung der DDR mit dem NS-Regime (beide „gleich verbrecherisch, beide zum ‚Reich des Bösen‘“) als „missbräuchliches Totschlagargument“.<ref>Jürgen Kocka: Nationalsozialismus und SED-Diktatur im Vergleich. In: derselbe: Vereinigungskrise. Zur Geschichte der Gegenwart. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1995, S. 91–101, hier S. 92.</ref> Sie ist zu unterscheiden von diesbezüglichen wissenschaftlichen Vergleichen.<ref>Deutschlandfunk, Faschismus-Vorwürfe, abgerufen am 23. Dezember 2021</ref>

Wie aber das Beispiel des Freisler-Vergleichs zeigt, sind Nazi-Vergleiche nicht immer wegen Beleidigung (§ 185 StGB) strafbar.<ref>Carsten Krumm, In München für Richter zu akzeptieren: "Eigentlich sind Sie so wie Freisler - nur anders!", abgerufen am 23. Dezember 2021</ref><ref>Tagesspiegel, Ein Nazivergleich kann zulässig sein, abgerufen am 23. Dezember 2021</ref> Gegenüber dem Recht des Bürgers, Maßnahmen der öffentlichen Gewalt auch mit drastischen Worten zu kritisieren, müsse eine Beeinträchtigung der Ehre der Richter (sofern keine Schmähkritik vorliegt) gegenüber der Meinungsäußerungsfreiheit grundsätzlich dann zurücktreten, wenn der Vorwurf Teil einer umfassenderen Meinungsäußerung ist und der Durchsetzung legitimer prozessualer Rechte dient.<ref name="OLG München 31.5.2017">OLG München, Beschluss vom 31. Mai 2017 – 5 OLG 13 Ss 81/17.</ref>

Nach dem Politologen Norbert Seitz gehört „die Nazi-Analogie […] seit Gründung der Bundesrepublik zum probaten Totschlagarsenal in der politischen Auseinandersetzung“. Er unterschied drei Verwendungsphasen: Im Kalten Krieg durch Gleichsetzungen des „real-existierenden Sozialismus“ mit dem NS-Staat als antikommunistisches Propagandamittel der politischen Rechten, in den 1960er-Jahren die Kritik der Linken von der APO aufgrund moralischer Empörung gegenüber dem Umgang in der Bundesrepublik mit der NS-Vergangenheit. Schließlich verwendete man den NS-Vergleich nach dem sogenannten Historikerstreit 1986 infolge einer „wachsenden Skandalisierung von Politik“ und der „Enthistorisierung des Holocaust“. Seitz zufolge ist aber der Vergleich kein rein deutsches Phänomen, da weltweit viele verbrecherische Diktatoren und politische Führer mit Hitler verglichen werden, wie etwa seit den 1990er Jahren: Saddam Hussein<ref>Hans Magnus Enzensberger: Hitlers Wiedergänger. In: Der Spiegel. Nr. 6, 1991, S. 26–28 (online).</ref>, Slobodan Milošević, Jassir Arafat, Osama bin Laden. Gleichzeitig tauche die Schoah als Metapher im Kuwait-Feldzug Desert Storm 1991 auf, während des Kosovo-Krieges 1998 wie nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 im israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt oder im Kampf gegen die Taliban als „Äquivalent zu Hitlers SS“. Der Holocaust würde international längst als Metapher für das „absolut Böse“ verwandt. Die Vergangenheit werde nach dem Sozialpsychologen Harald Welzer enthistorisiert und lasse sich als „legitimatorisches Label im Kampf gegen böse Staaten und Diktatoren einsetzen“.<ref>Norbert Seitz: Nicht ohne meinen Nazi. In: Die Zeit, Nr. 52/2002.</ref>

NS-Vergleiche, insbesondere zum Holocaust wie etwa „Babycaust“ (Abtreibungen), werden daher auch als Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus kritisiert.<ref>Süddeutsche Zeitung, Wie Hitler, wie Auschwitz, wie der Holocaust, abgerufen am 23. Dezember 2021</ref><ref>Südwestdeutscher Rundfunk, Warum die „Querdenker“-Vergleiche mit der Nazi-Zeit völlig daneben sind, abgerufen am 23. Dezember 2021</ref> Insbesondere wurden solche Vergleiche in der katholischen Kirche sowie der Umwelt- und Friedensbewegung häufig genutzt, nachdem der Begriff Holocaust 1979 in Deutschland durch die gleichnamige Fernsehserie als neues „Horrorwort“ entdeckt wurde und etwa als Warnung vor einer Nukleargefahr diente. Nach Stötzel und Eitz wurde so aus einer nicht stattgefundenen Vergangenheitsbewältigung eine „Bewältigung der Gegenwart“. Ereignisse, die im allgemeinen Verständnis historisch einzigartig sind, würden durch Vergleiche relativiert sowie „zum Zweck der Instrumentalisierung in heutigen Auseinandersetzungen“ gebraucht. Begriffe Rechtsextremer wie „Bomben-Holocaust“ dienten dagegen der „Aufrechnung“.<ref>Gerd Korinthenberg: „Nicht bewältigt“: Sprechen über NS-Zeit. In: ORF.at, 19. Dezember 2007.</ref>

Die französische Sprachwissenschaftlerin Marie-Hélène Pérennec stellte eine Häufung von Nazi-Vergleichen seit Ende der 1990er Jahre fest und meinte, „dass der politische Diskurs sich seit einem Jahrzehnt so radikalisiert hat, dass derartige Entgleisungen beinahe allen Rednern passieren können und dass es schwierig wird, zwischen Provokation und Ungeschicklichkeit zu unterscheiden“.<ref>Marie-Hélène Pérennec: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Nazi-Vergleiche im heutigen politischen Diskurs. Von den Gefahren falscher Analogien (Memento vom 16. April 2014 im Internet Archive) (PDF; 959 kB). In: langues.univ-lyon2.fr, Juni 2008 (Lylia, Heft 16), S. 10.</ref> Zur Erklärung der Zunahme verweist sie auf Harald Welzers Aufmerksamkeitsvermutung: „Aufmerksamkeit kriegen Sie immer, wenn Sie die Nazi-Karte spielen.“<ref>Harald Welzer: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Herman-Eklat: „Nazi-Karte sichert Aufmerksamkeit“ (Memento vom 21. Januar 2012 im Internet Archive). In: Stern.de, 10. Oktober 2007.</ref> Doch Pérennec vermutet: „Inzwischen haben sich die Menschen an diese Beschimpfungen gewöhnt und beachten sie kaum noch.“<ref name="MHP11">Marie-Hélène Pérennec: Nazi-Vergleiche im heutigen politischen Diskurs. Von den Gefahren falscher Analogien (PDF; 959 kB). In: langues.univ-lyon2.fr, Juni 2008 (Lylia, Heft 16), S. 11.</ref> Die wichtigste Folge dieses Prozesses sei jedoch „die Verharmlosung der Verbrechen der Nazis“, die durch die Gewöhnung an NS-Vergleiche verursacht werde.<ref name="MHP11" />

Der Soziologe und Antisemitismusbeauftragte von Berlin Samuel Salzborn sagte, bei NS-Vergleichen, wie sie beispielsweise von Corona-Leugnern gezogen würden, handele es sich „um eine geschichtsrevisionistische Relativierung der Shoah, bei der die antisemitische Vernichtungspolitik auf infame Weise instrumentalisiert“ werde. Die Verschwörungsgläubigen phantasierten „sich in eine Opferrolle, die die demokratische Politik dämonisieren und delegitimieren“ solle. Man überhöhe die eigene Rolle, stelle sich als mutigen Widerstandskämpfer dar und diffamiere politische Gegner als Nazis und Faschisten, gleichzeitig würden die tatsächlichen Schrecken und Verbrechen der Nazi-Diktatur relativiert. Salzborn sprach dementsprechend von einer „Doppelinstrumentalisierung im Geist der antisemitischen Täter-Opfer-Umkehr“.<ref name="gensing">Patrick Gensing: Relativieren und dämonisieren www.tagesschau.de, 2. Februar 2021</ref>

Mit Bezug auf den Zweiten Historikerstreit, in dem es um das Gedenken an Kolonialverbrechen und an den Holocaust sowie um dessen vielfach reklamierte Singularität geht, stellt der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank Meron Mendel fest, das ein Vergleich keineswegs die Identität der beiden verglichenen Ereignisse impliziert, sondern vielmehr kriteriengeleitet Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschieden feststellt. Insofern ließen sich „Äpfel und Birnen – entgegen dem Sprichwort – ganz wunderbar miteinander […] vergleichen“. Auch wenn der Holocaust ein präzendenzloses Ereignis sei, dürfe er durchaus mit anderen historischen Verbrechen verglichen werden, zumal die Erkenntnis seiner Einzigartigkeit einen Vergleich denknotwendig voraussetze.<ref>Meron Mendel: Über Israel reden. Eine deutsche Debatte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2023, S. 169.</ref>

Beispiele

„60 Jahre ‚danach‘ werden heute wieder Menschen mit Tieren gleichgesetzt, die – das schwingt unausgesprochen mit – als ‚Plage‘ vernichtet, ‚ausgerottet‘ werden müssen. Heute nennt man diese ‚Plage‘ ‚Heuschrecken‘, damals ‚Ratten‘ oder ‚Judenschweine‘. Worte aus dem Wörterbuch des Unmenschen, weil Menschen das Menschsein abgesprochen wird.“<ref>welt.de: SPD und Grüne empört über Wolffsohns Nazi-Vergleich.</ref>

Julius Cäsar, Karl der Große, Napoleon, Adolf Hitler, Angela Merkel – die Liste der Staatsleute, die versuchten, Europa zu einigen, ist sehr lang. Und stets scheiterten die Bemühungen an folgendem: Niemand kann sich vorstellen, zusammen in ein und demselben Haus Europa zu wohnen.“<ref>Andreas Köhler: Ärztechef stellt Merkel in eine Reihe mit Hitler. In: WELT.de vom 20. Dezember 2012 (Zugriff am 25. Dezember 2012)</ref>

Literatur

  • Thorsten Eitz, Georg Stötzel: Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung“. Olms, 2007, ISBN 978-3-487-13377-5.
  • Frederik Weinert: Nazi-Vergleiche und Political Correctness. Eine sprach- und kommunikationswissenschaftliche Analyse. Nomos, Baden-Baden, 2018, ISBN 978-3-8487-5468-7.
  • Wolfram Wette: Ein Hitler des Orients? NS-Vergleiche in der Kriegspropaganda von Demokratien. In: Gewerkschaftliche Monatshefte, Bd. 54 (2003), 4, S. 231–242.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />