Monika Wulf-Mathies
Monika Wulf-Mathies, geb. Baier (* 17. März 1942 in Wernigerode), ist eine deutsche Gewerkschafterin, Managerin und Politikerin (SPD). Sie war von 1982 bis 1994 die erste weibliche Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), von 1995 bis 1999 EU-Kommissarin für Regionalpolitik, von 2001 bis 2006 Präsidentin der Europäischen Bewegung Deutschland sowie von 2001 bis 2008 Leiterin des Bereichs Politik und Nachhaltigkeit bei der Deutschen Post AG.
Leben
Monika Wulf-Mathies (geb. Baier) wurde nach einem Studium der Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Hamburg und Freiburg im Breisgau im Jahr 1968 zur Dr. phil. promoviert. Im selben Jahr heiratete sie den Physiker Carsten Wulf-Mathies. Seit 1965 Mitglied der SPD, wurde sie 1968 Hilfsreferentin in der Pressestelle von Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller und wechselte 1971 während der Kanzlerschaft von Willy Brandt in das Bundeskanzleramt, zunächst als Redenschreiberin und ab 1973 als Referatsleiterin für Sozial- und Gesellschaftspolitik.
Gewerkschafterin
Wulf-Mathies wurde im Jahr 1976 in den geschäftsführenden Hauptvorstand der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) gewählt, wo sie für Sozial-, Frauen- und Gesundheitspolitik zuständig war.<ref>Monika Wulf-Mathies. Abgerufen am 2. August 2024.</ref> Am 29. September 1982 setzte sie sich in einer Kampfabstimmung gegen den stellvertretenden Vorsitzenden Siegfried Merten überraschend als Nachfolgerin des ÖTV-Vorsitzenden Heinz Kluncker durch. Ihre Wahl als erste weibliche Vorsitzende an der Spitze der zweitgrößten Einzelgewerkschaft Deutschlands war eine Sensation, weil es damals kaum Frauen in Führungspositionen gab und auch DGB und IG Metall erst 40 Jahre später nachzogen. Sie leistete wichtige Beiträge zur Reform der Gesundheitspolitik und des Öffentlichen Dienstes mit Programmen zur „Zukunft durch öffentliche Dienste“ und zum Aufbau demokratischer Gewerkschaftsstrukturen in Ostdeutschland im Zuge der deutschen Vereinigung. (https://www.uni-hildesheim.de/media/fb1/geschichte/eg/ss2013/08_Wulf-Mathies/Protokoll_Wulf-Mathies.pdf, Monika Wulf-Mathies(Hrsg.) Im Wettstreit der Ideen: Reform des Sozialstaats, Bund Verlag 1991 - https://www.prozukunft.org/fileadmin/user_upload/magazine/1991_2.pdf ) Außerdem setzte sie sich aktiv für die Frauenquote ein, um den geringen Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. Als erste Gewerkschaft beschloss die ÖTV auf ihrem Gewerkschaftstag 1988 eine Frauenquote (Auskunft ötv-Archiv).
In den Jahren 1989 bis 1995 war Wulf-Mathies Präsidentin der Internationale der Öffentlichen Dienste.
Nachdem im September 1994 ihre Nominierung zur deutschen EU-Kommissarin als Nachfolgerin von Peter Schmidhuber bekannt geworden war, trat sie am 10. November 1994 als ÖTV-Vorsitzende zurück. Im Jahr 1995 wurde Herbert Mai zu ihrem Nachfolger in dieser Funktion gewählt.<ref>Arne Daniels: Europa: Kanzler Kohl schickt die ÖTV-Chefin Monika Wulf-Mathies zur Kommission nach Brüssel: Weg von der Basis. In: Die Zeit. 9. September 1994, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 8. März 2019]).</ref><ref>Hintergrund: Die bisherigen Chefs der ÖTV. In: Spiegel Online. 8. November 2000 (spiegel.de [abgerufen am 8. März 2019]).</ref>
Richterin
Am 4. Juli 1991 wurde Wulf-Mathies mit 71 von 93 Stimmen vom Landtag von Baden-Württemberg zur Richterin in der Gruppe „ohne Befähigung zum Richteramt“ am Staatsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg gewählt. Sie amtierte bis zu ihrem Rücktritt am 31. Dezember 1994. Zu ihrer Nachfolgerin wurde Sybille Stamm gewählt.
Europapolitik
Bundeskanzler Helmut Kohl schlug das überparteilich geachtete SPD-Mitglied Wulf-Mathies als erstes deutsches weibliches Mitglied der Europäischen Kommission vor.<ref>Kämpferin mit Knick in der Karriere - WELT. 28. Oktober 2006, abgerufen am 2. August 2024.</ref> Von 1995 bis 1999 Kommissarin für Regionalpolitik und Kohäsion in der EU-Kommission Santer. Die Santer-Kommission musste aber nach zahlreichen Korruptionsvorwürfen im März 1999 geschlossen zurücktreten. Die bedeutendsten dieser Vorwürfe richteten sich nicht gegen Wulf-Mathies, allerdings wurde auch ihr ein Fall von Vetternwirtschaft angelastet.<ref name="korruption">Dirk Koch, Silvia Schreiber: Die Stammtisch GmbH. In: Der Spiegel. Nr. 3, 1999, S. 37–38 (online).</ref> Demgegenüber sprach der Präsident des Europäischen Parlaments, Klaus Hänsch davon, dass sie für eine Sache, mit der sie nichts zu tun gehabt hätte, Opfer geworden sei.<ref>Kämpferin mit Knick in der Karriere - WELT. 28. Oktober 2006, abgerufen am 1. August 2024.</ref> Außerdem wurde in einem Bericht der Untersuchungskommission des europäischen Parlaments „Committee of Independent Experts“ (https://www.europarl.europa.eu/experts/pdf/reporten.pdf S. 133) der Fall als zulässig („admissible on its merits“, https://www.europarl.europa.eu/experts/pdf/reporten.pdf S. 134) bewertet. Von 1999 bis 2000 fungierte sie für ein symbolisches Gehalt als europapolitische Beraterin im Bundeskanzleramt von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Sie war in den Jahren 2001 bis 2006 Präsidentin der Europäischen Bewegung Deutschland, in deren Zeit eine umfassende Reform von einem losen Verein von Honoratioren zu einem gemeinnützigen Netzwerk für europapolitische Interessen fiel.<ref>Jürgen Mittag: Vom Honoratiorenkreis zum Europanetzwerk. In: Sechs Jahrzehnte EBD, 2009.</ref> Sie ist seitdem EBD-Ehrenpräsidentin.
Interessenvertretung für die Deutsche Post AG
Seit 2001 war Wulf-Mathies Bereichsleiterin Politik und Nachhaltigkeit bei der Deutschen Post AG und ging Ende 2008 in Rente.<ref>Cheflobbyistin geht in Rente., Edgar Bauer dpa in: Manager Magazin, 1. Dezember 2008, abgerufen am 16. Dezember 2022</ref> Ihr Nachfolger wurde am 1. April 2009 Rainer Wend.<ref>Wulf-Mathies als Post-Direktorin verabschiedet. In: cio/dpa. 8. Dezember 2008, ehemals im Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 18. Dezember 2008. (Seite nicht mehr abrufbar. Suche im Internet Archive )</ref>
Gesellschaftliches Engagement
Nach ihrem ehrenamtlichen europapolitischem Engagement für die EBD ist sie bis heute Kuratoriumsmitglied der Carlo-Schmid-Stiftung. Sie ist im Beirat der Vereinigung Gegen Vergessen – Für Demokratie. Von 2005 bis 2025 war sie Vorsitzende des Kuratoriums der Beethoven-Stiftung Bonn, sie war außerdem Vorsitzende des im Januar 2010 gegründeten Vereins Fest.Spiel.Haus.Freunde.e. V. für das Festspielhaus Beethoven in Bonn, der sich nach Rückzug der Post als Sponsor des Projekts aufgelöst hat.<ref>Bonner Beethoven-Festspielhaus gescheitert., In: Deutsche Welle, Kultur, Meldung vom 16. Juni 2015, abgerufen am 16. Dezember 2022.</ref>
Wulf-Mathies erstellte im Jahr 2018 im Auftrag des Intendanten Tom Buhrow einen Bericht zum Umgang des Westdeutschen Rundfunks (WDR) mit Vorwürfen sexueller Belästigung durch Sendermitarbeiter.<ref name="SPON-1227788">Vorwürfe sexueller Belästigung beim WDR: „Machtgefälle zwischen männlichen Chefs und weiblichen Untergebenen“. In: Spiegel Online. 12. September 2018, abgerufen am 7. Oktober 2018.</ref> Anlässlich ihres 80. Geburtstages erklärte sie im März 2022 gegenüber der Gewerkschaftszeitung ver.di Publik, dass die Frauen-Quote weiterhin nötig sei. Die Quote gebe ein Signal an Frauen, dass Gleichstellung gesellschaftlich erwünscht sei.<ref>Heike Langenberg: Das geht einem halt manchmal als Vorsitzende so. (Interview mit Wulf-Mathies anlässlich ihres 80. Geburtstages), ver.di Publik 2/2022, S. 11.</ref>
Literatur
- Jürgen Mittag: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Vom Honoratiorenkreis zum Europanetzwerk: Sechs Jahrzehnte Europäische Bewegung Deutschland. ( vom 18. Januar 2012 im Internet Archive) in: 60 Jahre Europäische Bewegung Deutschland. Berlin 2009. S. 12–28.
- Sibylle Plogstedt: „Wir haben Geschichte geschrieben.“ Zur Arbeit der DGB-Frauen 1945–1990. Psychosozial-Verlag, Giessen 2013, ISBN 978-3-8379-2318-6.
- Albrecht Rothacher: Monika Wulf-Mathies. In: ders.: Die Kommissare. Vom Aufstieg und Fall der Brüsseler Karrieren. Eine Sammelbiographie der deutschen und österreichischen Kommissare seit 1958. Nomos, Baden-Baden. 2012, ISBN 978-3-8329-7097-0, S. 141–146.
Weblinks
- Literatur von und über Monika Wulf-Mathies im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Monika Wulf-Mathies Zeitzeugin im Video-Interview
- Monika Wulf-Mathies im Gespräch mit Corinna Spies, alpha-forum, ard-alpha (27.01.2012)
Einzelnachweise
<references />
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Martin Bangemann | Ritt Bjerregaard | Emma Bonino | Leon Brittan | Hans van den Broek | Édith Cresson | João de Deus Pinheiro | Franz Fischler | Pádraig Flynn | Anita Gradin | Neil Kinnock | Erkki Liikanen | Manuel Marín | Karel Van Miert | Mario Monti | Marcelino Oreja Aguirre | Christos Papoutsis | Jacques Santer | Yves-Thibault de Silguy | Monika Wulf-Mathies Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:Siehe auch“ ist nicht vorhanden.
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Hans von der Groeben | Albert Borschette | George Thomson | Antonio Giolitti | Grigoris Varfis | Bruce Millan | Monika Wulf-Mathies | Michel Barnier | Jacques Barrot | Danuta Hübner | Paweł Samecki | Johannes Hahn | Corina Crețu | Elisa Ferreira | Raffaele Fitto
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| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Wulf-Mathies, Monika |
| ALTERNATIVNAMEN | Baier, Monika (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Gewerkschaftsfunktionärin und Politikerin (SPD) |
| GEBURTSDATUM | 17. März 1942 |
| GEBURTSORT | Wernigerode |
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