Guido Fubini
Guido Fubini (* 19. Januar 1879 in Venedig; † 6. Juni 1943 in New York) war ein italienischer Mathematiker. Er gilt gemeinsam mit Eduard Čech als Begründer der modernen projektiven Differentialgeometrie. Darüber hinaus leistete er bedeutende Beiträge zur Analysis und mathematischen Physik, insbesondere zur Theorie der kontinuierlichen und diskontinuierlichen Gruppen, der automorphen Funktionen sowie der Variationsrechnung. Sein Name ist heute vor allem durch den Satz von Fubini über die Berechnung mehrdimensionaler Integrale bekannt.
Werdegang
Fubini wurde als Sohn von Lazzaro Fubini, Mathematiklehrer an der Lokführer-Schule in Venedig, und Zoraide Torre geboren. Er ging in Venedig auf das traditionsreiche Liceo Marco Foscarini, wo sich bereits frühzeitig seine außergewöhnliche mathematische Begabung zeigte. Ab 1896 studierte er an der Scuola Normale Superiore di Pisa unter anderem bei Ulisse Dini und bei Luigi Bianchi, die ihn dazu bewegten, auf dem Gebiet der Geometrie zu forschen. 1900 schloss er sein Studium mit einer Arbeit über Clifford-Parallelen in elliptischen Räumen ab (Il parallelismo di Clifford negli spazii ellittici),<ref>Guido Fubini. In: Mathematics Genealogy Project. North Dakota State University, abgerufen am 16. April 2026.</ref> deren Ergebnisse in einem vielgelesenen Werk Bianchis über Differentialgeometrie (1902) aufgenommen wurden, was ihm zu schlagartiger Bekanntheit in der mathematischen Fachwelt verhalf. Im Anschluss blieb er noch ein Jahr in Pisa; am Ende dieser Zeit erlangte er die Lehrbefugnis mit einer Habilitationsschrift über harmonische Funktionen auf Räumen konstanter Krümmung.
Ab 1901 lehrte er an der Universität in Catania und bald darauf in Genua. Ab 1908 lehrte er in Turin sowohl am Polytechnikum als auch an der Universität, bis er 1938 als Jude infolge der von der faschistischen Regierung Mussolinis erlassenen Rassengesetze in den Ruhestand versetzt wurde. 1939 folgte er einem Ruf des Institute for Advanced Study und emigrierte mit seiner Familie in die USA. Der Hauptgrund für seine Emigration war die Sorge um die Zukunft seiner beiden Söhne, die von der Universität Turin exmatrikuliert und der Möglichkeit beraubt wurden, den angestrebten Ingenieursberuf auszuüben.<ref>Fubini Case — Decision No. 201. In: Reports of International Arbitral Awards. Band 16, S. 421 (un.org [PDF]).</ref> Anschließend lehrte er an der New York University trotz einer Herzerkrankung, an deren Folgen er 1943 verstarb.
Familie
Fubini war seit 1910 mit Anna Estella Fubini Ghiron verheiratet. Er fügte 1935 seinem Namen offiziell den Namen seiner Ehefrau hinzu und nannte sich Guido Fubini Ghiron.<ref name=":0">Jürgen Elstrodt: Maß- und Integrationstheorie. 8. Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg 2018, ISBN 978-3-662-57938-1, S. 205.</ref> Das Paar hatte zwei Söhne, Gino Fubini (* 1911, † 1965) und den Physiker Eugenio (Eugene) Fubini (* 1913 in Turin, † 1997). Eugenio war unter John F. Kennedy von 1963 bis 1965 Assistant Secretary of Defense in den USA und danach von 1965 bis 1969 Forschungsdirektor von IBM.
Wissenschaftliches Werk
Fubinis wissenschaftliches Werk umfasst knapp 200 Arbeiten.<ref name=":0" /> Als Mathematiker beschäftigte er sich zunächst mit projektiver Differentialgeometrie und später mit verschiedenen Gebieten der Analysis wie Funktionentheorie und Integralrechnung (Satz von Fubini). Weitere Gebiete waren Gruppentheorie und mathematische Physik, besonders in der Zeit des Ersten Weltkriegs, wo er sich mit mathematischen Problemen aus der militärischen Anwendung in der Artillerie beschäftigte, und später aus Interesse für das Arbeitsgebiet seiner Söhne, die Ingenieure waren.
Bekannt war er auch für seine hervorragenden didaktischen Fähigkeiten, die er viele Jahre lang am Politecnico und an der Universität Turin in seinen Vorlesungen unter Beweis stellte; diese waren legendär für ihren kulturellen Weitblick, ihre methodische Strenge, ihre Präzision sowie ihre klaren Darstellungen. Fubini verstand es, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen und aufrechtzuerhalten, und die Wissensvermittlung bereitete ihm große Freude.<ref>Erika Luciano, Elena Scalambro, Lea Terracini: Guido Fubini: Lezioni di Teoria dei Numeri 1916-17. Hrsg.: Centro studi di storia dell'Università di Torino. 2020, S. 1 (unito.it [PDF]).</ref> Besonderes Gewicht haben auch seine Lehrbücher. Viele Generationen von Studenten studierten sein Lehrbuch zur Analysis und die zugehörige Aufgabensammlung.<ref name=":0" />
Schriften (Auswahl)
Bücher und Zeitschriftenartikel
- l parallelismo di Clifford negli spazii ellittici. In: Annali della Scuola Normale Superiore di Pisa. Band 9, 1904, exp. n. 1, S. 1–74 (mathematica.sns.it).
- I principii fondamentali della teoria delle funzioni armoniche negli spazi a curvatura constante. In: Annali della Scuola Normale Superiore di Pisa. Band 9, 1904, exp. n. 2, S. 1–39 (mathematica.sns.it).
- Sugli integrali multipli. In: Atti della Reale Accademia dei Lincei, Serie 5. Band 16, Nr. 1. Rom 1907, S. 608–614.
- Introduzione alla teoria dei gruppi discontinui e delle funzioni automorfe. Enrico Spoerri, Pisa 1908 (mathematica.sns.it).
- Lezioni di analisi matematica. Società Tipografico-Editrice Nazionale, Turin 1920 (archive.org).
- Mit Giulio Vivanti: Esercizi di analisi matematica (calcolo infinitesimale). Società Tipografico-Editrice Nazionale, Turin 1920.
- Mit Eduard Čech: Geometria proiettiva differenziale. 2 Bände. Bologna 1926 (Band 1, Band 2).
- Mit Eduard Čech: Introduction à la géométrie projective différentielle des surface. Gauthier-Villars & Cie, Paris 1931 (dml.cz).
- Mit Giuseppe Albenga: La matematica dell'ingegnere e le sue applicazioni. 2 Bände. Nicola Zanichelli Editore, Bologna 1949, 1954.
Sammlungen
- Opere scelte. 3 Bände. Edizioni Cremonese, Rom 1957–62.
Ehrungen
- Der 1997 entdeckte Asteroid (22495) Fubini wurde ihm zu Ehren benannt.
Literatur
- Mauro Picone: Necrologio di Guido Fubini. In: Bollettino dell’Unione Matematica Italiana. Serie 3, Band 1, Nr. 1, S. 56–58 (mathematica.sns.it).
- Beniamino Segre: Guido Fubini. In: Rendiconti della Accademia Nazionale dei Lincei, Classe di Scienze Fisiche, Matematiche e Naturali. Serie VIII, Band 17, 1954, S. 276–294.
Weblinks
- John J. O’Connor, Edmund F. Robertson: Guido Fubini. In: {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) (englisch).
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Fubini, Guido |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Mathematiker |
| GEBURTSDATUM | 19. Januar 1879 |
| GEBURTSORT | Venedig |
| STERBEDATUM | 6. Juni 1943 |
| STERBEORT | New York |