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Wilde Karde

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Wilde Karde
Datei:Illustration Dipsacus fullonum0.jpg

Wilde Karde (Dipsacus fullonum), Illustration

Systematik
Euasteriden II
Ordnung: Kardenartige (Dipsacales)
Familie: Geißblattgewächse (Caprifoliaceae)
Unterfamilie: Kardengewächse (Dipsacoideae)
Art: Wilde Karde
Wissenschaftlicher Name
Dipsacus fullonum
L.

Die Wilde Karde<ref name="FloraWeb" /> (Dipsacus fullonum <templatestyles src="Person/styles.css" />L., Synonym: Dipsacus sylvestris <templatestyles src="Person/styles.css" />Huds.)<ref name="Rothmaler2005" /> ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Karden (Dipsacus) in der Unterfamilie der Kardengewächse (Dipsacoideae).

Beschreibung

Datei:Dipsacus fullonum by Danny S. - 009.jpg
Blütenstand
Bild: Wilde Karde im Februar
Fruchtstand
Datei:Blühend Karde.jpg
Man kann deutlich die zwei Reihen geöffneter Blüten erkennen

Vegetative Merkmale

Die Wilde Karde ist eine auffallend große, zweijährige, krautige Pflanze, die Wuchshöhen von bis zu 2,0, selten bis zu 2,6 Metern erreicht.<ref name="Hegi1918" /> Die oberirdischen Pflanzenteile sind stachelig, wobei die Stacheln 1 bis 5 Millimeter lang sind.<ref name="InfoFlora" />

Im ersten Jahr bildet die Wilde Karde eine grundständige Blattrosette.<ref name="Münker1982" /> Deren kurzgestielte Grundblätter sind bei einer Länge von bis zu 30 Zentimetern breit-lanzettlich<ref name="Münker1982" /> bzw. verkehrt-eilänglich.<ref name="Hegi1918" /> Bis auf ihren Blattrand, der gewimpert ist, sind die Grundblätter kahl. Besonders ihre Oberseiten tragen einzelne Stacheln.<ref name="Hegi1918" /> Im zweiten Jahr bildet sich der Blütenstängel, wobei die Grundblätter zur Blütezeit abgestorben sind.<ref name="Münker1982" /> Der Stängel ist kahl, besitzt stachelige Kanten und ist im oberen Bereich ästig.<ref name="Hegi1918" /> Die ungeteilten Stängelblätter sind länglich-lanzettlich, laufen spitz zu und sind kahl.<ref name="Hegi1918" /> Ihr Blattrand ist gekerbt bis gesägt oder ganzrandig (vor allem im oberen Bereich des Stängels).<ref name="Hegi1918" /><ref name="InfoFlora" /> Die Stängelblätter sind kreuzgegenständig angeordnet und im unteren Bereich des Stängels an ihrer Basis paarweise, tütenförmig zusammengewachsen.<ref name="Hegi1918" /><ref name="Münker1982" /> Ihr Hauptnerv (Mittelnerv) ist auf der Unterseite mit Stacheln besetzt.<ref name="Hegi1918" />

Generative Merkmale

Die Blütezeit reicht von Juli bis August.<ref name="Hegi1918" /><ref name="FloraWeb" /> Die bei einer Länge von 5 bis 8 Zentimetern eiförmig-länglichen, köpfchenförmigen Blütenstände sind an ihrer Basis von linealischen,<ref name="InfoFlora" /> kahlen mit Stacheln besetzen, auffallend unterschiedlich langen Hüllblättern umgeben.<ref name="Hegi1918" /> Diese sind bogig aufsteigend, wobei die längeren dieser Hüllblätter das Köpfchen überragen können.<ref name="Hegi1918" /> Die stechenden<ref name="InfoFlora" /> Die Spreublätter sind länger als die Blüten<ref name="Hegi1918" /> sind gewimpert und laufen in eine gerade, biegsame Spitze aus.<ref name="Hegi1918" />

Die zwittrigen, vierzipfligen<ref name="InfoFlora" /> Blüten sind violett, selten weiß.<ref name="Hegi1918" /> Die vier violetten Kronblätter sind röhrenförmig verwachsen,<ref name="Farbatlas">Klaus Becker, Stefan John: Farbatlas Nutzpflanzen in Mitteleuropa. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 2000, ISBN 3-8001-4134-5, S. 218.</ref> wobei die Kronröhre 9 bis 11 Millimeter lang ist.<ref name="Hegi1918" />

Die vom Kelch gekrönten Früchte sind häutige, einsamige Nüsse (Achänen).

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 16 oder 18.<ref name="Oberdorfer2001" />

Ökologie

Die Wilde Karde ist eine zweijährige Halbrosettenpflanze. Man nennt sie Zisternenpflanze, weil die gegenständigen, unten verwachsenen Blätter ein Wassersammelbecken (Phytotelm) bilden. Deren Funktion wird als Aufkriechschutz gegen Ameisen interpretiert. Möglicherweise stellt Insektenfang und Ansiedlung von Kleinlebewesen eine zusätzliche Stickstoffversorgung dar.

Blütenökologisch handelt es sich um „Körbchenblumen“. Die Entfaltung der Blüten geht von der Mitte des Blütenstandes aus und schreitet sowohl nach oben wie nach unten fort. Deshalb sieht man oft zwei Reihen von offenen Blüten; die dazwischen sind schon abgeblüht. Die Blüten sind vormännlich, mit einer etwa 1 Zentimeter langen engen Röhre und herausragenden Narben und Staubbeuteln. Die Blüten werden reichlich von Insekten besucht. Der Nektar ist nur für langrüsselige Hummeln und Schmetterlinge erreichbar. Auch Selbstbestäubung ist erfolgreich.

Die Wilde Karde ist ein typischer Tierstreuer; ihre Pflanzenteile, insbesondere die Fruchtstände, bleiben am Fell vorbeiziehender Tiere hängen und werden, unterstützt von den elastischen Deckblättern, durch den Rückschlag der ganzen Pflanze meterweit fortgeschleudert. Aber auch der Wind und bestimmte Vogelarten, wie beispielsweise der Stieglitz, breiten die Diaporen der Wilden Karde aus, wenn das Pflanzenexemplar im September oder Oktober die Fruchtreife erreicht. Die in den Fruchtstände befindlichen Samen sind dann soweit gereift, dass sie unter günstigen Bedingungen keimen können.

Vorkommen

Die Wilde Karde oder Weberkarde (lateinisch auch Labrum veneris oder Virga pastoris genannt<ref>Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 194 (zu Labrum veneris – wyß disteln).</ref>) stammt aus dem Mittelmeerraum und ist in Deutschland als Archäophyt zu betrachten. Die Pflanzenart ist in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Süd-Niedersachsen verbreitet. Sie kommt zerstreut auch in Nord-Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Brandenburg vor. Im Bergland ist sie selten.<ref></ref> In den Allgäuer Alpen steigt sie bis zu einer Höhenlage von 1100 Metern auf.<ref name="Dörr-Lippert2004" /> In der Schweiz ist die Wilde Karde im Mittelland und im Jura heimisch, in den Alpen nur in den unteren Lagen der Haupttäler.<ref>Konrad Lauber, Gerhart Wagner: Flora Helvetica. Flora der Schweiz. 2. Auflage, Haupt Verlag, Bern Stuttgart Wien 1998. S. 1026.</ref>

Ursprüngliche Vorkommen besitzt die Wilde Karde in Marokko, Algerien, Tunesien, Portugal, Spanien, Frankreich, Italien, Slowenien, auf Sardinien, Korsika, Sizilien, Malta, auf der Balkanhalbinsel, in Irland, im Vereinigten Königreich, Deutschland, Tschechien, Slowakei, Österreich, Ungarn, Polen, Belgien, Niederlande, in der Schweiz, Rumänien, Moldawien, in der Ukraine, in der Türkei, in Syrien und im Libanon<ref name="GRIN" />, aber auch im Kaukasusraum und in Georgien.<ref name="Euro+Med" /> In Australien, Neuseeland, in Nordamerika, Bolivien, Ecuador, Uruguay und Argentinien ist sie ein Neophyt, eine Pflanze, die sich in Gebieten ansiedelt, in denen sie zuvor nicht heimisch war.<ref name="GRIN" />

Die Wilde Karde ist in wärmeren Gebieten insbesondere auf Überschwemmungsflächen, an Ufern, Wegen, auf Weiden und in Ruinen sowohl in den Niederungen als auch im Hügelland zwischen Juli und Oktober anzutreffen. Sie ist in Mitteleuropa eine Charakterart der Klasse Artemisietea.<ref name="Oberdorfer2001" />

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3+w (feucht aber mäßig wechselnd), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).<ref name="InfoFlora" />

Taxonomie

Die Wilde Karde wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Band 1 Seite 97 als Dipsacus fullonum erstbeschrieben. Ein Synonym ist Dipsacus sylvestris <templatestyles src="Person/styles.css" />Huds.

Inhaltsstoffe und Volksheilkunde

Die Wilde Karde enthält das Glykosid Scabiosid, Terpene, Kaffeesäureverbindungen, organische Säuren, Glucoside und Saponine.

Im Mittelalter wurden Zubereitungen aus der Wurzel der Karde äußerlich bei Schrunden und Warzen verwendet.<ref>Gerhard Madaus: Lehrbuch der Biologischen Heilmittel. Hildesheim 1979, Band II, S. 1225.</ref> In der Volksheilkunde wird die Wurzel gegen Gelbsucht und Leberbeschwerden, Magenkrankheiten, kleine Wunden, Gerstenkörner, Fisteln, Hautflechten und Nagelgeschwüre empfohlen. Wolf-Dieter Storl führte die Pflanze zur Behandlung von Borreliose ein, bisher kaum mit wissenschaftlichen Belegen für die Wirksamkeit.<ref>Jens Behnke: Borreliose-Tagung in der Münch-Ferber-Villa. In: Natur und Medizin. Mitgliederzeitschrift der Fördergemeinschaft der Carstens-Stiftung. Nr. 5, September/Oktober 2013, S. 18–19.</ref><ref>T. Liebold, R. K. Straubinger, H. W. Rauwald: Growth inhibiting activity of lipophilic extracts from Dipsacus sylvestris Huds. roots against Borrelia burgdorferi s. s. in vitro. In: Die Pharmazie. Band 66, Nr. 8, 1. August 2011, ISSN 0031-7144, S. 628–630, PMID 21901989.</ref> Die Behauptung, getrocknete Pflanzen würden einen wasserlöslichen Farbstoff liefern, der als Ersatz für Indigo diente<ref name="Farbatlas" />, wird weder durch einschlägige Färbeliteratur<ref>Schweppe, Helmut: Handbuch der Naturfarbstoffe. Hamburg, 1993</ref> gestützt noch kann sie experimentell nachvollzogen werden.

Handwerkliche und technische Anwendung

Die stacheligen Blütenköpfe der Weberkarde wurden früher von Webern zum Aufrauen von Wollstoffen benutzt. Dieser Vorgang ist nicht zu verwechseln mit dem Kardieren, bei dem die Rohwolle für das Spinnen vorbereitet wird, was heute maschinell geschieht.

Die getrockneten Blütenköpfe werden manchmal in der Floristik als dekoratives Element in Blumengestecken eingesetzt. Dafür können diese auch gefärbt werden.

Trivialnamen

Für die Wilde Karde (lateinisch früher cardo<ref>Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 168.</ref> und mittelhochdeutsch auch vechdistel<ref>Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 376.</ref> genannt) bestehen bzw. bestanden auch die weiteren deutschsprachigen Trivialnamen: Agaleia (althochdeutsch), Ageleia (althochdeutsch), Ageley (althochdeutsch), Agelia (althochdeutsch), Agen (althochdeutsch), Aichdam, Bubenstral, Caerde (mittelniederdeutsch), Carde (mittelniederdeutsch), Cart (mittelniederdeutsch), Chart (althochdeutsch), weis Distelen, Färberkarte (Schweiz), Folderskarten, Frau Venus Bad, Gart (mittelhochdeutsch), Garten (mittelhochdeutsch), Hausdistel, Hirtenstab, Immerdurst, Karde, Karden, Kardel (Österreich), Karden, Karp (mittelhochdeutsch), Kart (mittelhochdeutsch), Karta (althochdeutsch), Karten, Kartendisteln, Kartenkrut, Karth (mittelhochdeutsch), Karthe (mittelhochdeutsch), Klette,<ref>Heinrich Marzell: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. 1943. S. 151.</ref> Roddistel (mittelhochdeutsch), Rotdistel (mittelhochdeutsch), Rottdistel (mittelhochdeutsch), Schuttkarde,<ref>Heinrich Marzell: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. 1943. S. 151.</ref> güldin Skepter, Sprotdistel (mittelhochdeutsch), Strohle (Schweiz), Strumpfhosenkratzerli (Luzern), rott Tistel (mittelhochdeutsch), Tuchkart (bereits 1515 erwähnt), Venusbad, Walkerdistel (Schlesien), Wandkart, Weberdistel, Weberkarten (Schweiz), Wullkarten (Bremen), Zeisel (mittelhochdeutsch) und Zeisela (mittelhochdeutsch).<ref>Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 135.(eingescannt).</ref>

Galerie

Literatur

  • Gunter Steinbach (Hrsg.), Bruno P. Kremer et al.: Wildblumen. Erkennen & bestimmen. Mosaik, München 2001, ISBN 3-576-11456-4.
  • Oskar Sebald: Wegweiser durch die Natur. Wildpflanzen Mitteleuropas. ADAC Verlag, München 1989, ISBN 3-87003-352-5.

Einzelnachweise

<references> <ref name="GRIN"> Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GRIN“ ist nicht vorhanden. im Germplasm Resources Information Network (GRIN), USDA, ARS, National Genetic Resources Program. National Germplasm Resources Laboratory, Beltsville, Maryland. Abgerufen am Vorlage:FormatDateSimple. </ref> <ref name="InfoFlora"> Dipsacus fullonum L. In: Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora. Abgerufen am Vorlage:FormatDateSimple. </ref> <ref name="FloraWeb"> Dipsacus fullonum L. (Wilde Karde). auf FloraWeb.deVorlage:Abrufdatum </ref> <ref name="Oberdorfer2001"> </ref> <ref name="Dörr-Lippert2004"> Erhard Dörr, Wolfgang Lippert: Flora des Allgäus und seiner Umgebung. Band 2, IHW, Eching 2004, ISBN 3-930167-61-1, S. 540. </ref> <ref name="Rothmaler2005"> Werner Rothmaler (Begr.), Eckehart J. Jäger (Hrsg.): Exkursionsflora von Deutschland. Band 2. Gefäßpflanzen: Grundband. 19., bearb. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, München 2005, ISBN 3-8274-1600-0. </ref> <ref name="Euro+Med"> G. Domina: Dipsacaceae. Datenblatt In: Euro+Med Plantbase – the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. 2017. </ref> <ref name="Hegi1918"> Gustav Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa, VI. Band, Erste Hälfte, J. F. Lehmanns Verlag, München 1918, S. 281–282; Digitalisat </ref> <ref name="Münker1982"> Bertram Münker: Die farbigen Naturführer – Wildblumen. Mosaik Verlag, München 1982, S. 198–199. </ref> </references>

Weblinks

Commons: Wilde Karde (Dipsacus fullonum) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien