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Amusie

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Klassifikation nach ICD-10
R48.8 Sonstige und nicht näher bezeichnete Werkzeugstörungen
F80.8 entwicklungsbedingte Amusie
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ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Amusie (synonym: Amusia, Dysmusie oder Dysmusia; von {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) ist die Unfähigkeit, trotz intakter Sinnesorgane Tonfolgen und/oder Rhythmen zu erkennen und diese vokal oder instrumental wiederzugeben.<ref>Friedrich Dorsch, Hartmut Häcker, Kurt-Hermann Stapf (Hrsg.): Psychologisches Wörterbuch. 11. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern / Stuttgart / Toronto 1992, ISBN 3-456-81614-6, S. 29.</ref>

Geschichte

Der Begriff der Amusie wurde 1888 von dem Neurologen August Knoblauch (1863–1919) geprägt.<ref>Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. 3. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1909, Spalte 47.</ref><ref>August Knoblauch: Ueber Störungen der musikalischen Leistungsfähigkeit infolge von Gehirnläsionen. Mit graphischen Darstellungen, Inaugural-Dissertation, C. L. Hirschfeld-Verlag, Leipzig / Heidelberg 1888.</ref><ref>Julene K. Johnson, Amy B. Graziano: August Knoblauch and amusia: A nineteenth-century cognitive model of music. In: Brain and Cognition, Februar 2003, Volume 51, Issue 1, S. 102–114; doi:10.1016/S0278-2626(02)00527-4.</ref>

Fritz Giese definierte 1921 die Amusie als „Notenblindheit, Tontaubheit, Unfähigkeit Noten oder Töne wiederzuerkennen.“<ref>Fritz Giese: Psychologisches Wörterbuch. 1. Auflage. B. G. Teubner Verlag, Leipzig / Berlin 1921, S. 6.</ref>

Gegenteil

Das Gegenwort ist die Musikalität. „Musikalität bezeichnet keineswegs die Fähigkeit, Musik auszuüben, sondern das vielseitig abgestufte Aufnahmevermögen für jede, auch primitivste musikalische Äußerungen aller Art.“<ref>Ernst Bücken: Wörterbuch der Musik. Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, Wiesbaden ohne Jahr [Vorwort im Herbst 1953], S. 363.</ref>

Definitionen

Genauer wird mit rezeptiver Amusie ein Defizit in der Musikwahrnehmung und mit expressiver Amusie eine Störung der musikalischen Produktion bezeichnet. Die Amusie ist damit eine Form der (auditiven) Agnosie. Die Unmusikalität ist „die Unfähigkeit, im Musikbereich zweckmäßig zu handeln“ oder „eine nennenswerte Leistung zu erbringen.“<ref>Daniel Cerny: Niemand ist unmusikalisch. Aura, Brügg 2005, ISBN 3-9523103-0-1, S. 2 und 57.</ref> Betroffenen fehlt das Verständnis für Melodik, Harmonik und Intonation.

Analog wird in der Neurologie auch zwischen der sensorischen Amusie und der motorischen Amusie unterschieden. Die sensorische Unmusikalität heißt auch Tontaubheit; die Betroffenen sind unfähig, Melodien aufzufassen (Melodientaubheit). Bei der motorischen (oder konstruktiven) Unmusikalität kann man weder Lieder singen noch Töne pfeifen, weder Musik spielen noch Tänze tanzen. Musikinstrumente können also nicht angemessen genutzt werden. Drittens ist die musikalische Alexie abzugrenzen; das ist die so genannte Notenblindheit.<ref>TGünter Thiele (Hrsg.): Handlexikon der Medizin. Band I (A–E). Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore 1980, S. 79 f.</ref><ref>Frieder Láhoda (Hrsg.): Wörterbuch der klinischen Neurologie. 3. Auflage. Einhorn Presse Verlag, Reinbek 1990, ISBN 3-88756-209-7, S. 21 f.</ref> Das Lexikon der Medizin definiert die Amusie als Verlust der Musikalität als rezeptorische Leistung mit den drei Formen Störung des Musikverständnisses, Tontaubheit und Melodientaubheit.<ref>Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Wörterbuch der Medizin ( WdM). Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 3-86126-126-X; 16. Auflage: Lexikon der Medizin. Sonderausgabe, Elsevier / Fackelträger Verlag, München / Köln ohne Jahr (2005), ISBN 3-7716-4326-0, S. 76.</ref> Wilhelm Kühns Neues medizinisches Fremdwörterbuch definierte schon 1913 die Amusie als „Fehlen oder Verlust des musikalischen Verständnisses.“<ref>Wilhelm Kühn: Neues medizinisches Fremdwörterbuch. 3. Auflage. Verlag von Krüger & Co., Leipzig 1913, S. 10.</ref>

Der Duden definierte die Amusie als das Fehlen einer Musikalität (auch durch Verlust einer ursprünglich vorhandenen) als Symptom einer Erkrankung der Großhirnrinde<ref>Duden: Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Mannheim / Wien / Zürich 1985, ISBN 3-13-437804-3, S. 94.</ref> und allgemein als die „Unfähigkeit, Musisches (= Künstlerisches) zu verstehen, und im engeren Sinne als die Unfähigkeit zu musikalischem Verständnis sowie in der Medizin als eine krankhafte Störung des Singvermögens oder der Tonwahrnehmung.“Vorlage:": Ungültiger Wert: ref= Der aktuelle Medizin-Duden definiert: „Amusie: Fehlen beziehungsweise Verlust der (ursprünglich vorhandenen) Musikalität, des Singvermögens als Symptom einer Erkrankung der Großhirnrinde.“<ref>Medizin-Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 104.</ref>

Ähnlich „verweist der Begriff der Musikalität den wirklich ‚unmusikalischen‘ Menschen in das Gebiet der Pathologie.“<ref>Ernst Bücken: Wörterbuch der Musik. Band 20. 2. Auflage. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Wiesbaden ohne Jahr [1953], S. 363 (Sammlung Dieterich).</ref>

Das Adjektiv amusisch bezieht sich im Alltagsgebrauch nicht auf die Amusie, sondern bedeutet nach dem Duden „ohne Kunstverständnis“<ref>Duden (Hrsg.): Die deutsche Rechtschreibung. 25. Auflage. Band 1. Dudenverlag, Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 2009, ISBN 978-3-411-04015-5, S. 197.</ref> und „ohne Kunstsinn“<ref>Duden: Der kleine Duden, Fremdwörterbuch. 3. Auflage. Dudenverlag, Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 1991, ISBN 3-411-04673-2, S. 30.</ref> (zurückgehend auf die altgriechische Bedeutung „musenlos“). Nur fachsprachlich wird der Begriff gelegentlich verwendet, um auf die Amusie Bezug zu nehmen, meint dann aber nicht ein generelles Fehlen von Kunstverständnis oder Kunstsinn, sondern das Vorliegen einer neurologischen Funktionsstörung oder Normvariante wie oben beschrieben. Patienten mit expressiver Amusie sind nicht oder nur einschränkt in der Lage, Musik zu reproduzieren; es fehlt ihnen aber nicht notwendigerweise an Kunstverständnis oder Kunstsinn.

Ursachen

Amusie ist in den meisten Fällen durch Hirnläsionen nach Schlaganfällen verursacht, kann aber auch angeboren sein. In letzteren Fällen ist sie genetisch mitbedingt und ist eine Teilleistungsschwäche. In manchen Fällen ist insbesondere die Tonhöhenwahrnehmung eingeschränkt und nicht die Rhythmuswahrnehmung.<ref>Isabelle Peretz, Stephanie Cummings, Marie-Pierre Dube: The Genetics of Congenital Amusia (Tone Deafness): A Family-Aggregation Study. In: The American Journal of Human Genetics. Band 81, 2007, doi:10.1086/521337.</ref><ref></ref>

Häufigkeit

Etwa vier Prozent der Menschen leiden an einer angeborenen Form der Amusie. Nach einem Schlaganfall leiden, je nach betroffener Hirnregion, bis zu 70 Prozent der Betroffenen an einem Defizit im musikalischen Bereich, allerdings wird diesem Umstand oft weder diagnostisch noch therapeutisch Rechnung getragen, da die Problematik meist hinter anderen, schwereren Leiden zurücksteht und den Betroffenen oft nicht sofort auffällt.

Diagnose

Die Amusie ist oft mit einer sensorischen oder motorischen Aphasie vergesellschaftet.<ref>Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 1. Ordner (A–Carfimatum), ISBN 3-541-84000-5, S. A 171.</ref> Die Diagnose kann mittels der {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) stattfinden.<ref></ref>

Kritik

Daniel Cerny beschreibt zwei Versuchsanordnungen zur Widerlegung einer angeblichen Unmusikalität:

Heinrich Jacoby suchte mit Zeitungsinseraten gezielt nach Menschen, die glaubten, unmusikalisch zu sein. Er spielte ihnen mit einem Musikinstrument Musikpassagen mit harmoniefremden Akkorden vor. Die Probanden erkannten diese und waren damit überführt.<ref>Heinrich Jacoby: Jenseits von „Musikalisch“ und „Unmusikalisch“. Vorträge 1921–1929. 2. Auflage. Christians Verlag, Hamburg 1995, ISBN 3-7672-0871-7.</ref>

Stefan Kölsch spielte angeblich Unmusikalischen an der Universität Leipzig am Klavier teilweise sinnlose Akkordfolgen vor. Mit der Elektroenzephalographie konnte er während des absichtlichen Falschspiels Veränderungen der Gehirnaktivität als Beweis für ihre Musikalität feststellen.<ref>Daniel Cerny: Niemand ist unmusikalisch. Aura, Brügg 2005, ISBN 3-9523103-0-1, S. 207 f.</ref> Man könne diese „so genannte Unmusikalität in Musikalität verwandeln“.<ref>Daniel Cerny: Niemand ist unmusikalisch. Aura, Brügg 2005, ISBN 3-9523103-0-1, S. 202.</ref>

Diese Ansätze übersehen aber den Unterschied zwischen sensorischer und expressiver, d. h. produktiver oder reproduktiver, Amusie.

Der Spiegel zitierte den Musikermediziner und Neurologen Eckart Altenmüller: „Musik sei keine Wahl. «Unmusikalische» Menschen gebe es nicht.“<ref>Ullrich Fichtner: Ein Gefühl von Ewigkeit. In: Der Spiegel, 14/2024, S. 40–45.</ref>

Therapie

Erfolgreiche Behandlungsverfahren sind nicht verfügbar. Weitere Forschungsergebnisse bleiben abzuwarten.

Siehe auch

Literatur

  • Isabelle Peretz, Annie Sophie Champod, Krista Hyde: Varieties of Musical Disorders: The Montreal Battery of Evaluation of Amusia. In: Annals of the New York Academy of Sciences, 2003, Vol. 999, S. 58–75; brams.umontreal.ca (PDF; 10,6 MB).
  • T. F. Münte: Brain out of tune. In: Nature, 2002, Band 415, S. 589–590.
  • L. Stewart: Congenital amusia. In: Current Biology, 2006, Band 16, Nr. 21, S. R904–R906.
  • Isabelle Peretz, E. Brattico, M. Tervaniemi: Abnormal Electrical Brain Responses to Pitch in Congenital Amusia. In: Annals of Neurology, 2005, Band 58, Nr. 3, S. 478–482.
  • Hans-Otto Karnath, Peter Thier: Kognitive Neurowissenschaften. 3. Auflage. Springer-Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-642-25526-7, S. 536.

Weblinks

Wiktionary: Amusie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

<references />

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