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Uta Frith

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Uta Frith (2012)

Dame Uta Frith, DBE (* 25. Mai 1941 in Rockenhausen als Uta Aurnhammer) ist eine deutsche Entwicklungspsychologin, Neurowissenschaftlerin und Autismusforscherin, die am Institute of Cognitive Neuroscience des University College London arbeitet. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Autismus und Dyslexie.

Leben

Uta Frith studierte in Saarbrücken einige Semester Kunstgeschichte, wechselte dann zur Psychologie und erlangte 1964 das Vordiplom. Zwei Jahre später erhielt sie das Diplom in Abnormal Psychology am Institut für Psychiatrie der Universität London. 1968 promovierte sie am King’s College London über das Thema Autismus. Von 1968 bis 2006 war sie als MRC-Wissenschaftlerin tätig. Nach ihrer Habilitation 1996 trat sie am University College London eine Professur für kognitive Entwicklung an, die sie seit 2006 als Emeritus Professur innehat. 2007 übernahm sie eine Forschungs-Stiftungsprofessur an der Universität Aarhus, wo sie am Projekt „Interacting Minds“ beteiligt ist.

Ihr Ehemann Chris Frith ist ebenfalls Neurowissenschaftler.

Arbeiten

Frith gilt bis heute als eine der weltweit bedeutendsten Autismus-Forscherinnen und prägte das wissenschaftliche und gesellschaftliche Verständnis von Autismus maßgeblich. 1985 veröffentlichte sie gemeinsam mit Simon Baron-Cohen und Alan M. Leslie den Artikel „Does the autistic child have a „theory of mind“?“, in dem sie die These aufstellte, dass autistische Kinder grundsätzlich ein Defizit bei der Fähigkeit hätten, die Überzeugungen und Wünsche anderer Menschen zu verstehen.<ref>Simon Baron-Cohen, Alan M. Leslie, Uta Frith: Does the autistic child have a “theory of mind” ? In: Cognition. Band 21, Nr. 1, 1. Oktober 1985, ISSN 0010-0277, S. 37–46, doi:10.1016/0010-0277(85)90022-8 (sciencedirect.com [abgerufen am 6. April 2026]).</ref> Obwohl diese Theorie, für die Simon Baron-Cohen 1990 die Bezeichnung mind blindness prägte, schon früh angezweifelt wurde und inzwischen als widerlegt gilt, prägt sie bis heute den wissenschaftlichen Blick auf Autismus.<ref>Morton Ann Gernsbacher, Melanie Yergeau: Empirical failures of the claim that autistic people lack a theory of mind. In: Archives of Scientific Psychology. Band 7, Nr. 1, 9. Dezember 2019, ISSN 2169-3269, S. 102–118, doi:10.1037/arc0000067 (apa.org [abgerufen am 6. April 2026]).</ref>

Ebenfalls mitgeprägt hat Frith die Theorie der schwachen zentralen Kohärenz, die davon ausgeht, dass Autisten zwar eine bessere Detailwahrnehmung besitzen als neurotypische Menschen, aber Schwierigkeiten haben, das große Ganze zu sehen und Informationen aus verschiedenen Quellen zu integrieren.<ref>Uta Frith: Autism: a very short introduction (= Very short introductions). Oxford University Press, Oxford ; New York 2008, ISBN 978-0-19-920756-5, S. 90 ff.</ref> Frith war zudem eine der ersten, die Autismus als eine Entwicklungsstörung des Gehirns erkannte, die nicht durch Erziehungsfehler entsteht.<ref>Kate Kellaway: Uta Frith: 'The brain is not a pudding; it is an engine'. In: The Guardian. 24. Februar 2013, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 6. April 2026]).</ref> Sie war auch eine der ersten, die sich mit der später als Asperger-Syndrom bezeichneten Ausprägung von Autismus beschäftigte und übersetzte die Arbeiten des Namensgebers Hans Asperger von 1944 ins Englische.<ref>Autism and Asperger Syndrome. 1. Auflage. Cambridge University Press, 1991, ISBN 978-0-521-38608-1, doi:10.1017/CBO9780511526770 (cambridge.org [abgerufen am 6. April 2026]).</ref>

Darüber hinaus beschäftigte sich Frith mit dem Schriftspracherwerb und Lese-Rechtschreib-Störungen. Sie widersprach der damals verbreiteten Annahme, Legasthenie stehe im Zusammenhang mit mangelnder Intelligenz.<ref>Uta Frith: Paradoxes in the definition of dyslexia. In: Dyslexia. Band 5, Nr. 4, Dezember 1999, ISSN 1076-9242, S. 192–214, doi:10.1002/(SICI)1099-0909(199912)5:4<192::AID-DYS144>3.0.CO;2-N (wiley.com [abgerufen am 6. April 2026]).</ref> Sie wies schon früh darauf hin, dass einige Menschen fließend lesen, aber nur extrem schlecht rechtschreiben konnten, was zuvor kaum Beachtung gefunden hatte. Gemeinsam mit Maggie Snowling konnte sie zeigen, dass Legastheniker Probleme mit der phonologischen Verarbeitung haben,<ref>Dorothy V. M. Bishop: Forty years on: Uta Frith's contribution to research on autism and dyslexia, 1966-2006. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology (2006). Band 61, Nr. 1, Januar 2008, ISSN 1747-0218, S. 16–26, doi:10.1080/17470210701508665, PMID 18038335, PMC 2409181 (freier Volltext) – (nih.gov [abgerufen am 6. April 2026]).</ref> die auf mangelnde funktionale Konnektivität im Sprachzentrum des Gehirns zurückzuführen ist.<ref>Eraldo Paulesu, Uta Frith, Margaret Snowling, Alison Gallagher, John Morton, Richard S. J. Frackowiak, Christopher D. Frith: Is developmental dyslexia a disconnection syndrome?: Evidence from PET scanning. In: Brain. Band 119, Nr. 1, 1996, ISSN 0006-8950, S. 143–157, doi:10.1093/brain/119.1.143 (oup.com [abgerufen am 6. April 2026]).</ref>

Frith war Doktormutter mehrerer Wissenschaftler, die später selbst zu führenden Experten in ihren jeweiligen Fachbereichen wurden, darunter Simon Baron-Cohen, Tony Attwood, Maggie Snowling und Francesca Happé.

Positionen zum Autismus-Spektrum

In einem am 4. März 2026 im tes magazine (dem ehemaligen Times Educational Supplement) veröffentlichten Interview vertritt Frith, die selbst maßgeblich zur Etablierung des Autismus-Spektrums und damit zur Abschaffung diagnostischer Subtypen beigetragen hat, die Ansicht, dass das Konzept des Autismus-Spektrums wissenschaftlich nicht mehr haltbar sei. Dieses sei diagnostisch inzwischen bis zum Rand des Zusammenbruchs ausgeweitet, wodurch Menschen mit grundlegend verschiedenen neurologischen und symptomatischen Profilen unter einem einzigen Label versammelt seien, was dessen wissenschaftliche Präzision untergrabe und zu Überdiagnostizierung führe. In diesem Kontext kritisiert sie auch den Begriff „neurodivers“ als unscharf und stellt fest: „[...] was ist schon Besonderes daran, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle angehören? Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“ Sie spricht sich stattdessen für eine Rückkehr zu einer engeren Definition von Autismus aus. Das Label „Autismus“ solle Betroffenen mit deutlichen kognitiven Beeinträchtigungen und Entwicklungsverzögerungen vorbehalten sein. Alle anderen, darunter auch spät diagnostizierte Erwachsene mit geringem Unterstützungsbedarf, sollten eher als hypersensibel und nicht als autistisch eingestuft werden. Auch hält sie aktiv an der Bezeichnung von Autismus als disorder („Störung“) fest, die von Betroffenen überwiegend abgelehnt wird.<ref name=":19">Helen Amass: Uta Frith interview: 'Autism is not a spectrum'. In: tes magazine. 4. März 2026, abgerufen am 5. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref><ref>Simon Baron‐Cohen: Editorial Perspective: Neurodiversity – a revolutionary concept for autism and psychiatry. In: Journal of Child Psychology and Psychiatry. Band 58, Nr. 6, Juni 2017, ISSN 0021-9630, S. 744–747, doi:10.1111/jcpp.12703 (wiley.com [abgerufen am 6. April 2026]).</ref>

Darüber hinaus behauptet Frith, das Konzept und die Auswirkungen des Maskings hätten keine wissenschaftliche Grundlage. Dabei handelt es sich um eine von Autisten angewendete Kompensationsstrategie, um in ihrer sozialen Umgebung nicht aufzufallen, was von Betroffenen als extrem anstrengend und kräftezehrend beschrieben wird. Diese Fähigkeit gilt auch als einer der Gründe, warum autistische Mädchen und Frauen lange Zeit übersehen und auch heute noch im Schnitt deutlich später diagnostiziert werden als männliche Autisten.<ref>Martina Siracusano, Claudia Marcovecchio, Elisa Carloni, Assia Riccioni, Luigi Mazzone: Female Autism Phenotype. In: Autism Spectrum Disorder: Understanding the Female Phenotype. Springer International Publishing, Cham 2024, ISBN 978-3-03162071-3, S. 11–22, doi:10.1007/978-3-031-62072-0_2 (springer.com [abgerufen am 6. April 2026]).</ref> Frith bezweifelt jedoch, dass autistische Mädchen und Frauen überhaupt unterdiagnostiziert sind und vergleicht dies mit Psychopathie, die ja auch überwiegend bei Männern auftrete. Fähigkeiten, wie das flüssige Führen einer Konversation oder das Verstehen von Ironie und Sarkasmus, sprechen ihrer Ansicht nach gegen eine Autismusdiagnose. Auch die Reduzierung bzw. das Vermeiden sensorischer Reize, z. B. durch geräuschreduzierende Kopfhörer oder das Dimmen von Lichtern, habe laut Frith kaum eine wissenschaftliche Grundlage. Entsprechende Maßnahmen betrachte sie kritisch.<ref name=":19" />

Obwohl auch andere Wissenschaftler bereits ähnliche Befürchtungen bezüglich möglicher Überdiagnostizierungen durch eine zu breite Ausdehnung der Diagnosekriterien geäußert haben, stießen Friths Aussagen auf erhebliche Kritik aus der Fachwelt und teils scharfe Reaktionen der autistischen Community.<ref>Paul Sunseri: Has Broadening the Autism Spectrum Led to Overdiagnosis? Dame Uta Frith sounds the alarm and draws harsh attacks. In: Psychology Today. 15. März 2026, abgerufen am 5. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Die Erziehungspsychologin Sue Franklin kritisiert insbesondere Friths Ansichten zu Masking, Hypersensibilität und Autismus bei Mädchen und Frauen als verfehlt und potentiell gefährlich, da es das Leid Betroffener bagatellisiere.<ref>Sue Franklin: Why Uta Frith is wrong about girls and autism. In: tes magazine. 10. März 2026, abgerufen am 5. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Die Autismusforscherin Chloe Farahar bezeichnet Friths Aussagen sogar als aktiv schädlich und unterstellt, dass Frith ein überholtes, autistische Stimmen ausschließendes Forschungsparadigma aufrechterhalten wolle.<ref>Chloe Farahar: Why “Autism Is Not A Spectrum” – But Not For the Reasons You May Have Heard. In: Aucademy. 10. März 2026, abgerufen am 5. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Die britische National Autistic Society veröffentlichte eine Stellungnahme, in der sie insbesondere Friths Aussagen zu Überdiagnostizierungen als gefährliche Falschinformationen bezeichnet. Es gebe durchaus Belege für signifikante Dunkelziffern bei Autismus, vor allem bei Frauen und älteren Menschen, und die verheerenden Auswirkungen von Masking.<ref>Judith Brown: Challenging misinformation about autism: using evidence to correct false claims. In: National Autistic Society. 9. März 2026, abgerufen am 5. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Auch Tony Attwood und Michelle Garnett, die als zwei der weltweit führenden Autismus-Experten gelten, widersprachen Frith entschieden.<ref>Michelle Garnett, Tony Attwood: Prof Uta Frith’s Interview: What do we think? In: attwood & garnett events. 10. März 2026, abgerufen am 6. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Auszeichnungen und Mitgliedschaften (Auswahl)

Sie ist Ehrendoktor der Universität Göteborg und der Universitäten St Andrews, Cambridge, Nottingham und York.

Schriften (Auswahl)

  • Autism: Explaining the Enigma. Blackwell Publishing, Oxford 2003, ISBN 0-631-22901-9.
  • Autism — Mind and Brain. Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 0-19-852924-4.
  • Autism and Asperger syndrome. Cambridge University Press, Cambridge 1991, ISBN 0-521-38608-X.
    • enthält: H. Asperger: Autistic psychopathy' in childhood. (1944; mit Anmerkungen von U. Frith), S. 37–92.
  • mit Sarah-Jayne Blakemore: The Learning Brain: Lessons for Education. Blackwell Publishing, Oxford 2005, ISBN 1-4051-2401-6.
  • mit Gilles Trehin: Urville. Jessica Kingsley Publishers, London 2006, ISBN 1-84310-419-9.
  • Cognitive Processes in Spelling. Academic Press, London 1983, ISBN 0-12-268662-4.
  • mit Rab Houston: Autism in History: The Case of Hugh Blair of Borgue. Blackwell Publishing, Oxford 2000, ISBN 0-631-22088-7.
  • Autism. A Very Short Introduction. Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN 978-0-19-920756-5.
    • deutsche Ausgabe: Autismus. Eine sehr kurze Einführung. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Huber, Bern 2013, ISBN 978-3-456-85294-2.

Weblinks

Commons: Uta Frith – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

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