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Histadrut

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HaHistadrut haKlalit schel haʿOvdim b'Eretz Israel
Allgemeiner Verband der Arbeiter im Lande Israel
(Histadrut)
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Gründung Dezember 1920
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Gründer Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1686: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)
Sitz Tel Aviv-Jaffa
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Nachfolger Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1686: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)
Zweck Gewerkschaftsbund
Vorsitz Arnon Bar-David
Geschäftsführung Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1686: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)
Eigentümer Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1686: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)
Umsatz Lua−Fehler in Modul:Wikidata. Zeile 1686: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 273: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) (Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1686: attempt to index field 'wikibase' (a nil value))
Stiftungskapital Lua−Fehler in Modul:Wikidata. Zeile 1686: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 273: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) (Lua-Fehler in Modul:Wikidata, Zeile 1686: attempt to index field 'wikibase' (a nil value))
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Mitglieder ca. 800.000
Website www.histadrut.org.il

Die Histadrut (hebräisch für „Einordnung, Eingliederung“, mit vollem Namen: HaHistadrut haKlalit schel haʿOvdim b'Eretz Israel, {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value)) ist der Dachverband der Gewerkschaften Israels. Sie wurde im Dezember 1920, und damit fast 30 Jahre vor der israelischen Staatsgründung, in Haifa gegründet und war entscheidend an der Verwirklichung des „zionistischen Projekts“ beteiligt. In den 1970er Jahren waren über 80 %<ref name=":0" /> der Erwerbstätigen Israels in der Histadrut organisiert. Die gesellschaftliche Stellung der Histadrut ist seither rückläufig. Bis 2003 fiel der gewerkschaftliche Organisierungsgrad auf 25 %.<ref name=":2" /> Unter der Dachgesellschaft Chevrat HaʿOvdim<ref name=":5">Angelika Timm, Johannes Glasneck: Israel: Geschichte des Staates seit seiner Gründung. 3. Auflage. Bouvier Verlag, Bonn 1998, ISBN 3-416-02753-1, S. 20 f., 29.</ref> (dt. Gesellschaft der Arbeiter) vereinte die Histadrut zahlreiche Wirtschaftsunternehmen. Sie gründete mit Duldung der britischen Mandatsmacht die Militärorganisation Hagana.<ref name=":8" />

Datei:Histadrut Pav 34-M.jpg
Histadrut-Pavillon an der Levante-Messe in Tel Aviv, 1934
Datei:Youth movement's path at the Inauguration of the Histadrut's Garden.jpg
Gewerkschaftshaus Beit ha-Waʿad ha-Poʿel, 1956 von Dov Karmi, Tel Aviv
Datei:The Histadrut celebrating the 1st of May (FL45958174).jpg
Mitglieder an der Demonstration zum Ersten Mai 1983 in Jerusalem

Geschichte

Aufbauphase und Konsolidierung

An einer Versammlung vom 7. bis 11. Oktober 1920 im noch im Bau befindlichen Technion von Haifa gründeten achtundachtzig<ref name=":1" /> Delegierte, die zu diesem Zeitpunkt 4433<ref name=":1">Ze'ev Tzahor: The Histadrut: From Marginal Organization to "State-in-the-Making". In: Jehuda Reinharz, Anita Shapira (Hrsg.): Essential Papers on Zionism. Cassell/New York University Press, London and New York 1996, ISBN 0-304-33585-1, S. 474 f.</ref><ref name=":9">Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas – Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (= Beck’sche Reihe. Nr. 1461). Verlag C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47601-5, S. 226.</ref><ref name=":11">Nathan Weinstock: Terre promise, trop promise – Genèse du conflit israélo-palestinien (1882–1948). Éditions Odile Jacob, Paris 2011, ISBN 978-2-7381-2684-9, S. 138 f.</ref> Mitglieder ausschließlich jüdischer Organisationen des Jischuv vertraten, die Histadrut. Arabische Teilnehmer gab es nicht.<ref name=":7" /> Diese Strukturen basierten in weiten Teilen auf bereits in Polen organisierten personellen und parteipolitischen Grundlagen.<ref name=":6" /> 1924 erreichte sie bei den jüdischen Arbeitern Palästinas einen Organisierungsgrad von 70 %.<ref name=":2">Thomas Vescovi: L’échec d’une utopie – Une histoire des gauches en Israël. Éditions La Découverte, Paris 2021, ISBN 978-2-348-04311-6, S. 47, 54, 56, 261.</ref> 1927 zählte die Histadrut rund 22.000<ref name=":4" /> Mitglieder, 1930 waren es mit 25.400<ref name=":5" /> bereits 74 %.

Für Frauen entstand die Moʿezet HaPoʿalot<ref name=":13">Juliet J. Pope: The Place of Women in Israeli Society. In: Keith Kyle, Joel Peters (Hrsg.): Whither Israel? – The Domestic Challenges. The Royal Institute of International Affairs/I. B. Tauris Publishers, London/New York 1993, ISBN 1-85043-643-6, Kap. 11, S. 202–222, hier S. 203, 209 f.</ref> (dt. Rat der Arbeiterinnen). Zusammen mit Na’amat band sie Frauen in ihre Strukturen ein und befähigte sie für Leitungsfunktionen im überwiegend patriarchalischen Israel. Neben Golda Meir<ref name=":13" /> brachte sie z. B. Ora Namir,<ref name=":13" /> Mascha Lubelsky<ref name=":13" /> und die arabisch-israelischen Politikerinnen Violet Khoury<ref name=":13" /> (erste Bürgermeisterin in Israel) und Nelly Karkaby<ref name=":13" /> (erste in die Knesset gewählte arabische Frau) hervor.

Der Lehre Nachman Syrkins<ref name=":5" /> folgend, strebte die Histadrut die Verwirklichung einer sozialistischen Arbeitergesellschaft an, wobei sie in seinem Sinne weder Klassenkampf noch Revolution als legitime Mittel anerkannte. Auch Lohnverhandlungen standen dabei für die Histadrut nicht im Vordergrund,<ref name=":7" /> vielmehr diente sie kollektivistischen<ref name=":7" /> Zielen und dem Ziel der Ansiedlung.<ref name=":7" /> In diesem Sinne war sie auch für eine schnelle Aufnahme von Olim in den Arbeitsmarkt zuständig. Finanziell war der organisatorische Aufbau der Histadrut stark von der Zionistischen Weltorganisation (WZO) abhängig,<ref name=":5" /> welche bürgerlich-marktwirtschaftlich gesinnte Allgemeine Zionisten<ref name=":2" /> vereinte. Die Histadrut baute mit dem ausländischen Kapital im sozialen und produktiven Sektor umfassende genossenschaftliche Strukturen auf. Ihr Generalsekretär war von 1921<ref name=":2" /><ref name=":10">Avi Shlaim: The Iron Wall – Israel and the Arab World. 2. Auflage. Penguin Books, London 2014, ISBN 978-0-14-103322-8, S. 18.</ref> bis 1935<ref name=":2" /><ref name=":10" /> der Mapai-Politiker David Ben-Gurion. Bei der Fusion von HaPoel HaZair und Achdut haʿAvoda im Jahr 1930<ref name=":7" /> positionierte sich die neue Partei Mapai zunehmend in Richtung der politischen Mitte.<ref name=":7" />

Die Histadrut bot ihren Mitgliedern Arbeitsplätze mit festem Mindestlohn<ref name=":5" /> und ab 1926 den Achtstundentag.<ref name=":5" /> Es gab Aufstiegschancen in der Arbeitnehmervertretung, im Direktionskomitee und in den Unternehmen. Ihrem Ziel, eine jüdische Arbeiterklasse in Palästina zu erschaffen, lag das sozialistische Ideal des „Neuen Juden“<ref name=":0" /><ref name=":8" /><ref>Moshe Zimmermann: Die Angst vor dem Frieden – Das israelische Dilemma. Aufbau Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-351-02717-9, S. 19.</ref> und einer propagierten „Eroberung der Arbeit und des Marktes“<ref name=":5" /> zu Grunde. Dies war zunächst mit Schwierigkeiten verbunden, da jüdische Arbeiter für die jüdischen Unternehmer – nach damaliger Diktion die Besitzer sogenannter Produktionsmittel<ref name=":7" /> – teurer waren,<ref name=":4" /> weshalb diese ungern auf arabische Arbeiter verzichteten, welche sie als Tagelöhner<ref name=":4" /> anwerben konnten. Unter dem Vorwand, ebenfalls gegen arabischen „Feudalismus“<ref name=":16">Taher Labadi: George Mansour: Du combat syndical à la lutte nationale, 1905–1963. In: Sabri Giroud (Hrsg.): La Palestine en 50 portraits – De la préhistoire à nos jours. Éditions Riveneuve, Paris 2023, ISBN 978-2-36013-674-2, S. 245–252, hier S. 247, 251.</ref> zu sein, wie George Mansur im Januar 1937 der Peel-Kommission darlegte, setzte die Histadrut die sogenannten „Wächter der Arbeit“<ref name=":16" /> ein. Um in der Zeit des Jischuv auch arabische Arbeiter in diesem Sinne gewerkschaftlich zu organisieren, ihnen aber gleichzeitig bis 1959<ref name=":5" /><ref name=":8" /><ref name=":17" /> die Histadrut-Vollmitgliedschaft zu verwehren, gründete die Histadrut 1932 die Palestine Labor League.<ref>Zachary Lockman: Comrades and Enemies – Arab and Jewish Workers in Palestine, 1906–1948. University of California Press, Berkeley 1996, ISBN 0-520-20419-0, S. 196 f.</ref> Wechselnde Bündnisse ging sie aber auch mit den eigenständig organisierten arabischen Gewerkschaften Palestine Arab Workers Society (Haifa) und Arab Workers Society (Jerusalem) ein.

Frühe oppositionelle Strömungen in der Histadrut

Die Histadrut vereinbarte „den historischen Pakt“<ref name=":7">Jonathan Mendilow: Ideology, Party Change, and Electoral Campaigns in Israel, 1965–2001. State University of New York Press, Albany 2003, ISBN 0-7914-5587-4, S. 32 f.</ref> über die Zusammenarbeit mit der religiös-zionistischen Partei Misrachi<ref name=":7" /> (nicht zu verwechseln mit Mizrachim), bzw. später Agudat Jisra’el.<ref name=":7" /> Dies erlaubte es religiösen Arbeitern, zumal sie sich in ihrem Handeln an den Vorgaben ihrer Rabbiner orientierten, die Autorität der Histadrut anzuerkennen,<ref name=":7" /> ohne ihr persönlich beizutreten.

Die Beziehungen zum radikal-rechten Flügel des Zionismus, vertreten im Revisionismus um dessen Anführer Wladimir Zeev Jabotinsky, verschlechterten sich zu Beginn der 1930er Jahre. David Ben-Gurion hatte zwar 1934 mit Jabotinsky einen Vertragsentwurf über „freundschaftliche Beziehungen“<ref name=":5" /> ausgearbeitet, dieser wurde aber 1935 bei einem Referendum der Histadrut-Mitglieder mit 60 gegen 40 % der Stimmen abgelehnt. Die Revisionisten waren jedoch schon 1934<ref name=":5" /> aus der Histadrut ausgetreten und gründeten eine Gegengewerkschaft<ref name=":5" /> (1935–1946 verließen sie auch die Zionistische Weltorganisation). Damit traten sie als Streikbrecher<ref>James L. Gelvin: The Israel-Palestine Conflict – One Hundred Years of War. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-71652-9, S. 74.</ref> gegen die Histadrut auf. 1944<ref name=":5" /> kehrten Revisionisten in die Histadrut zurück. Ihre Militärorganisationen, die Hagana und die aggressiver auftretende Irgun, arbeiteten zeitweilig punktuell zusammen.<ref name=":5" />

Die Kommunistische Partei Palästinas betrieb bis zu ihrem Ausschluss 1924<ref name=":2" /> eine Histadrut-interne Linksopposition unter der Bezeichnung Frakzia.<ref name=":2" /> Sie warf der Histadrut Kolonialismus vor.<ref name=":2" /> Auch sowjetische Funktionäre kritisierten die Histadrut harsch.<ref name=":2" /> Andererseits konnte die Histadrut sich bei der Allrussischen Landwirtschaftsausstellung, die 1923 in Moskau eröffnet wurde, mit einem Stand vorstellen, dank der Vermittlung der russischen Hechaluz.<ref>Shlomo Na’aman: Marxismus und Zionismus. Bleicher, Gerlingen 1997, ISBN 3-88350-463-7, S. 221.</ref> Aus diesem Anlass fand im Oktober 1923 der „Internationale Bauernkongress“ statt,<ref>Gleb J. Albert (Bearb.), Hermann Weber, Jakov Drabkin, Bernhard H. Bayerlein (Hrsg.): Deutschland, Russland, Komintern, Band 2: Dokumente (1918–1943), Teilband 2: Nach der Archivrevolution: Neuerschlossene Quellen zu der Geschichte der KPD und den deutsch-russischen Beziehungen. de Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-033976-5, S. 286.</ref> an dem David Ben-Gurion teilnahm. Die Mifleget Poʿalim Sozialistit Ivrit (MOPSI oder MOPS) ihrerseits forderten die Aufnahme arabischer Mitglieder und eine Trennung<ref name=":11" /> des Gewerkschafts- vom Produktionssektor. Die Histadrut-Leitung lehnte dies ab und verbot es 1922<ref name=":11" /> jüdischen Bäckereiarbeitern, ihre Gewerkschaft für „international“<ref name=":11" /> zu erklären und so auch Araber aufzunehmen.

Die Histadrut war eine der wenigen etablierten Institutionen des Jischuvs, die sich für das jiddische Spracherbe der Diaspora einsetzte. Sie versuchte, jiddische und hebräische Literatur zusammenzuführen, indem sie beispielsweise regelmäßig Übersetzungen hebräischer Texte in ihre Zeitschrift aufnahm. Die allgemeine Sprachpolitik des israelischen Staates ließ ausschließlich das Hebräische als Landes- und Kultursprache gelten, während andere Sprachen, insbesondere das Jiddische, marginalisiert wurden und oft als Relikt der Diaspora galten.<ref>Jowita Panczyk: Is the War Over Yet? Yiddish and Hebrew Literature in Israel. In: Mimeo. Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, 18. Dezember 2023, abgerufen am 26. März 2025.</ref>

Die Histadrut im israelisch-palästinensischen Konflikt

1938 war das Histadrut-Unternehmen Solel Boneh am vom britischen Offizier Charles Tegart beaufsichtigten Bau der Turm-und-Palisaden-Siedlungen beteiligt.<ref name=":17" /> Der Ausschluss informeller Arbeit oder nicht gewerkschaftlich organisierter Arbeit benachteiligte arabische aber auch mizrachische Frauen, die zuvor in Kleinbetrieben Beschäftigung gefunden hatten.<ref>Sylvaine Bulle: Israël après de 7-Octobre. Presses Universitaires de France, Paris 2026, ISBN 978-2-13-089020-1, S. 62.</ref> Die Histadrut trug später auch zum Prozess der Inbesitznahme des im Sechstagekrieg 1967 eroberten Westjordanlandes bei, indem sie ab Juli 1967, sogleich nach der de facto Annexion von Ostjerusalem nach dem Sechstagekrieg, im jordanischen Stadtteil mit seinen 20.000<ref name=":14" /> Werktätigen aktiv wurde. Sie beauftragte den früheren Journalisten Ghazi Ilm ad-Din<ref name=":14" /> mit der Gewerkschaftsarbeit. So gab es zunächst rund 3500<ref name=":14">Menachem Klein: Jerusalem: geteilt, vereint – Araber und Juden in einer Stadt. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-633-54289-5, S. 230 ff. (gekürzte deutschsprachige Ausgabe von Lives in Common. Arabs and Jews in Jerusalem, Jaffa, and Hebron, C. Hurst & Co. Publishers, 2014; übersetzt von Eva-Maria Thimme).</ref> Neumitgliedschaften von Ostjerusalemern in der Histadrut. 90<ref name=":14" /> Einschreibungen hatte ein von der Gewerkschaft angebotener Ulpan. Auch fand ein Treffen arabischer Lehrer aus Israel und dem besetzten Gebiet im Gymnasium von Rechavia<ref name=":14" /> statt. Im Februar und März 1968 unterstützte die Histadrut zwei Streiks von Angestellten des Grand National Hotel und des Intercontinental.<ref name=":14" />

Strukturwandel der israelischen Gesellschaft

Lange stand die Histadrut der Arbeitspartei nahe, die ihrerseits wesentlichen Einfluss besaß. In den 1970er Jahren erreichte sie den Höhepunkt ihres gesellschaftlichen Einflusses, als über 80 %<ref name=":0" /> der Arbeitnehmenden durch sie organisiert waren. Israelische Arbeiter, die sich, wie im Fall von Hafenarbeitern in Aschdod, zu einem sogenannten Wilden Streik organisierten, wurden von ihr vor Gericht gebracht.<ref>Pierre Vidal-Naquet: Israël : les chances d’une contestation (1970). In: Les Juifs, la mémoire et le présent (= Jean-Claude Zylberstein [Hrsg.]: Le goût de l’Histoire). Éditions Les Belles Lettres, Paris 2023, ISBN 978-2-251-45442-9, S. 157–167, hier S. 158 (Ersterscheinung im Verlag Le Seuil, Paris 1995).</ref> Ab den 1970er Jahren wurde die Bürokratie<ref name=":6" /> der Histadrut zunehmend kritisiert. Auf die Arbeitslosigkeit und zunehmende Lohnungleichheit konnte sie kaum noch reagieren.<ref name=":18" />

Als eines der ersten Unternehmen wurde die 1934 gegründete Textilsparte ATA<ref name=":18" /> privatisiert. 1994 wurde die Histadrut völlig umgebaut. Neben der Auflösung vieler Unternehmen im Zuge wirtschaftsliberaler (neoliberaler) Reformen kam es zu einer Abtrennung der Krankenkasse und der noch verbliebenen Reste der Gemeinwirtschaft der Chevrat HaʿOvdim. Zum ersten Mal konnte die Mapai in diesem Jahr nicht die internen Wahlen, die alle vier Jahre ablaufen, mit einer absoluten Mehrheit für sich entscheiden. 1995 wurde der Verband in Neue Histadrut umbenannt. Ihr Vorsitzender, Amir Peretz, gründete eine eigene Partei (Am Echad), die mit zwei Mandaten im israelischen Parlament vertreten war. Nach diesen Veränderungen hat die Histadrut ähnliche Aufgaben wie Gewerkschaften in der Europäischen Union, sie führt Lohnverhandlungen und ist der Dachverband der Einzelgewerkschaften. Sie ist Mitglied im Internationalen Bund freier Gewerkschaften.

Die Proteste in Israel gegen die geplante Justizreform 2023 weiteten sich auf die Histadrut aus, deren Zurückhaltung kritisiert wird. Am 18. Juli 2023<ref name=":15">Ran Shimoni: 10:05 AM Hundreds of protesters gather outside the trade union building. In: Haʾaretz. 18. Juli 2023, abgerufen am 18. Juli 2023.</ref> nahmen einige hundert Personen an einer Demonstration am Histadrut-Sitz in Tel Aviv teil. Eine weitere Demonstration fand am Sitz der Histadrut in Jerusalem statt.<ref name=":15" /> Diese gab bekannt, sie wolle zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen Generalstreik ausrufen. Arnon Bar-David, seit März 2019<ref>Redaktion: The Moment of Truth for Israel's Union Boss. Editorial. In: Haʾaretz. 18. Juli 2023, abgerufen am 19. Juli 2023.</ref> Vorsitzender der Histadrut, hatte Ende März 2023 dem rechtsextrem bestückten Kabinett Netanjahu VI einen Arbeitsstreik von historischer Dimension angedroht.<ref>Sam Sokol: Israel's Largest Trade Union and Major Corporations Join Forces in Historic Strike to Protest Government's Judicial Overhaul – A general strike of historic proportions was staged by Israel's largest trade union and major corporations to protest the government's judicial overhaul. In: Haʾaretz. 27. März 2023, abgerufen am 18. Juli 2023.</ref>

Die Unternehmen der Histadrut

Die Aktivitäten gingen dabei weit über rein gewerkschaftliche Tätigkeitsfelder hinaus. Zur Histadrut gehörten Ende der 1960er Jahre über 2100<ref name=":0" /> Unternehmen:

  • Die Histadrut war im Wohnungsbau tätig und errichtete vorstädtische Arbeiterwohnsiedlungen, die Kiriot haʿOvdim.<ref name=":0" /> 1947 wohnten rund 25.000<ref name=":0" /> Personen in den insgesamt 6150<ref name=":0" /> errichteten Wohneinheiten, sie konnten diese Wohnung vergünstigt als Eigentum erwerben.<ref name=":0" /> Für die Mieten wurde eine Obergrenze von 20 %<ref name=":0" /> des Erwerbseinkommens festgelegt. Ein Beispiel dafür ist der Ortsteil Borochov in Givʿatajim, wo 320<ref name=":0" /> Familien 1934 lebten.
  • Die Histadrut gründete 1920<ref name=":3">Georges Bensoussan: Le sionisme, un enfant de l’Europe des Lumières. In: Sionismes/Antisionismes – Un panorama complet pour mettre fin à la confusion (Hrsg.): Cités: Philosophie, Politique, Histoire. Nr. 47–48. Presses Universitaires de France, Paris 2011, ISBN 978-2-13-058705-7, S. 142.</ref> Kupat Cholim,<ref name=":0" /> die größte Krankenkasse des Landes, die 1930 rund 15.000<ref name=":4" /> Versicherte umfasste und bis 1935 diese Zahl mehr als verdoppelte.
  • Die Histadrut betrieb den Medizinaldienstleister Klalit<ref name=":17">Jean-Pierre Bouché: Palestine: Plus d’un siècle de dépossession – Histoire abrégée de la colonisation, du nettoyage ethnique et de l’apartheid. 2. Auflage. Scribest éditions/Association Récit Présent, Bischheim (Bas-Rhin) 2020, ISBN 979-1-09275816-0, S. 20, 26.</ref> und baute bis in die 1930er Jahre fünf<ref name=":4" /> städtische Krankenhäuser und 33<ref name=":4" /> ländliche Gesundheitszentren und errichtete Alters- und Erholungsheime.
  • Die Histadrut gründete die Versicherungsgesellschaft Hasneh<ref name=":4" /> und den Pensionsfonds Mivtachim.<ref name=":6">Ouri Weber: La gauche en Israël – Conversation entre générations. Éditions de l’Aube/Fondation Jean-Jaurès, La Tour-d’Aigues (Vaucluse) 2022, ISBN 978-2-8159-4607-0, S. 67 f., 70 (übersetzt von Avner Lahav).</ref>
  • Die Histadrut betrieb mit HaMaschbir<ref name=":5" /><ref name=":12">Zeev Sternhell: Aux origines d’Israël – Entre nationalisme et socialisme (= Pierre Birnbaum [Hrsg.]: Collection L’espace du politique). Librairie Arthème Fayard, Paris 1996, ISBN 2-213-59538-0, S. 278, 343 (übersetzt von Georges Bensimhon).</ref> ein Distributionsnetz eigener den Mitgliedern vorbehaltenen Lebensmittelläden, sie verteilten z. B. Milchprodukte der Kooperative Tnuva<ref name=":4">Mark Tessler: A History of the Israeli-Palestinian Conflict. In: Mark Tessler (Hrsg.): Indiana Series in Middle East Studies. 2. Auflage. Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis 2009, ISBN 978-0-253-22070-7, S. 179, 187, 189.</ref> aus der Produktion der Kibbuzim.
  • Die Histadrut gründete 1935<ref name=":3" /> die Busgesellschaft Egged und betrieb auch Dan.<ref name=":6" />
  • Die Histadrut war 1936 an der Gründung der Hafenbetriebsgesellschaft Otzar Mifʿalej Jam des Hafens von Tel Aviv beteiligt.<ref>Kobi Cohen-Hattab: Zionism's Maritime Revolution – The Yishuv's Hold on the Land of Israel's Sea and Shores, 1917–1948 (= Yehoshua Ben-Arieh, Ruth Kark, Ran Aaronsohn, Rehav (Buni) Rubin [Hrsg.]: Israel Studies in Historical Geography (Series)). De Gruyter Oldenbourg/Hebrew University Magnes Press, Berlin-Boston/Jerusalem 2019, ISBN 978-3-11-062963-7, S. 133.</ref>
  • Die Histadrut betrieb Kultur-, Sport- und Medien-Einrichtungen, wie Bibliotheken,<ref name=":0" /> ab 1925<ref name=":9" /> die Tageszeitung Davar<ref name=":6" /> mit der Wochenendbeilage Davar HaSchavuʿa,<ref>Tom Segev: Die ersten Israelis – Die Anfänge des jüdischen Staates. 2. Auflage. Pantheon Verlag (Random House), München 2010, ISBN 978-3-570-55113-4, S. 21.</ref> den Verlag Am Oved,<ref name=":6" /> sowie den Sportverband HaPoel.<ref name=":6" />
  • Die Histadrut betrieb eigene Volksschulen. Mitte der 1930er Jahre waren 44 %<ref name=":4" /> aller hebräischsprachigen Schulen der Histadrut angeschlossen. Die Schulen der Arbeiterschaft auf der Primar- und Sekundarschulstufe wurden als Zerem HaOvdim behinoukh<ref name=":6" /> bezeichnet.
  • Die Histadrut gründete 1921<ref name=":9" /><ref name=":12" /> mit Hilfe der Zionistischen Weltorganisation<ref name=":12" /> ihre eigene Bank, die Bank HaPoʿalim.<ref name=":5" /> Die ersten vier Jahrzehnte nach der Staatsgründung erlaubte das israelische Finanzministerium der Histadrut, ihre Pensionsgelder in die eigene Beteiligungsgesellschaft Chevrat HaʿOvdim zu investieren, wodurch sie einen stetigen Kapitalfluss gewährleisten konnte.

Im Bereich der Histadrut waren in den 1950er Jahren etwa 20–25 % der israelischen Arbeitnehmer beschäftigt.<ref>Joel Beinin: Was the Red Flag Flying There? – Marxist Politics and the Arab-Israeli Conflict in Egypt and Israel, 1948–1965. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1990, ISBN 0-520-07036-4, S. 71.</ref> Die wichtigsten Unterorganisationen des Produktionssektors waren:

  • ATA (Kleider)<ref name=":18">Michel Abitbol: Histoire d’Israël (= Marguerite de Marcillac [Hrsg.]: Collection Tempus. Nr. 936). 2. Auflage. Éditions Perrin, Paris 2024, ISBN 978-2-262-10643-0, S. 745.</ref>
  • Koor (Industrie)<ref name=":0" /><ref name=":4" /><ref name=":17" />
  • Mekorot (Wasser)<ref name=":8">Nur Masalha: Palestine – A four thousand year history. 2. Auflage. Zed Books, London 2020, ISBN 978-1-78699-869-9, S. 327, 345.</ref>
  • Nir (Landwirtschaft)<ref name=":0" />
  • Solel Boneh (Bauwesen)<ref name=":0">Steve Jourdin, préface de Élie Barnavi: Israël : autopsie d’une gauche (1905–1995). In: Jean-Luc Veyssy (Hrsg.): Collection « Documents ». Éditions le bord de l’eau, Lormont (Gironde) 2021, ISBN 978-2-35687-802-1, S. 60, 66, 85 ff., 98.</ref><ref name=":4" /><ref name=":11" />

Siehe auch

Literatur

  • Daniel Blackburn (Hrsg.), Trade unions of the world, London (The International Centre for Trade Union Rights), 8th edition, 2021, ISBN 978-0-9933556-2-2, S. 295–300
  • Manuela Maschke: Die israelische Arbeiterorganisation Histadrut: Vom Staat im Staate zur unabhängigen Gewerkschaft. Haag+Herchen, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-89846-251-X.
  • Theo Pirker: Die Histadrut. Gewerkschaftsprobleme in Israel. Kyklos-Verlag, Basel und J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1965.

Weblinks

Commons: Histadrut – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

<references />

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