Abu Gosch
| Abu Gosch | ||||||
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| Abu Gosch | ||||||
| Basisdaten | ||||||
| hebräisch: | {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) | |||||
| arabisch: | {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) | |||||
| Staat: | Datei:Flag of Israel.svg Israel | |||||
| Bezirk: | Jerusalem | |||||
| Koordinaten: | 31° 48′ N, 35° 6′ O
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dim=10000 | globe= | name=Abu Gosch | region=IL-JM | type=city
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| Fläche: | 1,89 km² | |||||
| Einwohner: | 8657 (Stand: 2022)<ref>2022 {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value). (XLSX; 119 kB) [Population and households by locality - 2022 Census estimate]. Israelisches Zentralbüro für Statistik, 2025, abgerufen am 31. Januar 2026. </ref> | |||||
| Bevölkerungsdichte: | 4.580 Einwohner je km² | |||||
| Gemeindecode: | 0472 | |||||
| Zeitzone: | UTC+2 | |||||
| Postleitzahl: | {{#property:P281}} | |||||
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Abu Gosch (arabisch أبو غوش, DMG {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value); {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value) oder, der arabischen Phonetik genauer folgend, {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value); in lateinischer Schrift mitunter Abu Ghosh; älter auch arabisch قريت العنب, DMG {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Multilingual:153: attempt to index field 'data' (a nil value) ‚Traubenstadt‘) ist ein arabisches Dorf in Israel, etwa 10 Kilometer westlich von Jerusalem an der Haupt-Nationalstraße 1 von der Küste nach Jerusalem gelegen. Mit rund 8657 Einwohnern (Stand 2022)<ref>2022 {{Modul:Vorlage:lang}} Modul:Vorlage:lang:103: attempt to index field 'wikibase' (a nil value). (XLSX; 119 kB) [Population and households by locality - 2022 Census estimate]. Israelisches Zentralbüro für Statistik, 2025, abgerufen am 31. Januar 2026.</ref> bei 1,89 km2 Fläche<ref>Central Bureau of Statistics, Israel: אבו גוש. 2021, S. 416, abgerufen am 31. Januar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> ist es heute vor allem als kulinarisches und kulturelles Zentrum bekannt, insbesondere für seine zahlreichen Hummus-Restaurants.
Das Gebiet war bereits im späten 7. Jahrtausend v. Chr. besiedelt. Der am Ortsrand gelegene antike Ort auf dem Tell Dēr el-‘Āzar wird seit dem 19. Jahrhundert mehrheitlich mit dem biblischen Kirjat-Jearim identifiziert, wo nach alttestamentlicher Überlieferung die Bundeslade nach ihrer Rückgabe durch die Philister untergebracht gewesen sein soll. Archäologische Ausgrabungen belegen eine Besiedlung des Tells vor allem während der Eisenzeit, der hellenistischen, frührömischen und byzantinischen Zeit. In byzantinischer Zeit entstand auf dem Tell eine Kirche. In frühislamischer Zeit wurde am Fuß des Tells eine große Karawanserei errichtet, die vom 9. bis ins 11. Jahrhundert und erneut während der Zeit der Mamluken genutzt wurde. Zwischen diesen Phasen identifizierten Kreuzfahrer im Mittelalters Abu Gosch als Emmaus und errichteten über der Quelle der Karawanserei die Auferstehungskirche, die heute von französischen Benediktinern betreut wird.
In osmanischer Zeit war Abu Gosch Sitz eines einflussreichen arabischen Clans, der für den Schutz der Straße nach Jerusalem zuständig war und zeitweise beträchtliche politische Macht in der Region ausübte. Während des Palästinakriegs 1948 verhielt sich das Dorf neutral bis pro-zionistisch, was jedoch nicht verhinderte, dass ein Großteil der Bevölkerung zeitweise vertrieben wurde. Abu Gosch ist eines der wenigen arabischen Dörfer, in denen ein großer Teil deren Bewohner in ihre Heimat zurückkehren konnte, wobei sie erhebliche Landverluste hinnehmen mussten.
Die besondere Geschichte des Ortes prägt bis heute sein Selbstverständnis und seine Wahrnehmung in der israelischen Öffentlichkeit. Seit den 2010er Jahren wird eine umstrittene Ortserweiterung geplant, bei der Bewohner befürchten, dass die neuen Wohngebiete vorrangig an jüdische Israelis verkauft werden und den Charakter des Ortes verändern könnten.
Geschichte
Ausgrabungen
Die wissenschaftliche Untersuchung von Abu Gosch begann 1870. In diesem Jahr erhoben französische Franziskaner und griechisch-orthodoxe Christen beide Anspruch auf die Kirche St. Georg in Lod. Die damaligen Landesherren übereigneten daraufhin ersatzweise die Kreuzfahrerkirche von Abu Gosch an Frankreich,<ref>Vergleiche R. de Vaux, A.-M. Steve: Fouilles à Qaryet el-ʻEnab. Abū Ġoŝh. J. Gabalda, Paris 1950, S. 12 (archive.org).</ref> nachdem kurz zuvor Melchior Vogüé eine erste Beschreibung derselben veröffentlicht hatte.<ref>Melchior Vogüé: Les églises de la Terre Sainte. V. Didron, Paris 1860, S. 340–344 (bnf.fr).</ref>
Blau: Khalaily u. a.: Steinzeit
Rot: Finkelstein u. a.: Bronze-/Eisenzeit<ref>Bereits gesamte Bronzezeit laut Chris McKinny u. a.: Kiriath-Jearim (Deir el-ʿÂzar): Archaeological Investigations of a Biblical Town in the Judaean Hill Country. In: Israel Exploration Journal. Band 68, Nr. 1, 2018, S. 30–49, hier 38 mit FN 16, 44 (academia.edu).</ref> bis byzantinisch.
Gelb: De Vaux u. a.: Frührömisch, frühislamisch bis Mittelalter.
Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten waren daher Untersuchungen (in der Umgebung) dieser Kreuzfahrerkirche.<ref>
Adolphe Moreau: Mémoire sur les Fouilles d’Abou-Gosch. Poulain-Rocher, 1906 (bnf.fr).
Später auch Charles Diehl: Les fresques de l’église d’Abou-Gosch. In: Comptes rendus des séances de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres. Band 68, Nr. 2, 1924, S. 89–96 (persee.fr).
Annemarie W. Carr: The mural paintings of Abu Ghosh and the patronage of Manuel Comnenus in the Holy Land. In: Jaroslav Folda (Hrsg.): Crusader Art. The Art of the Crusaders in the Holy Land. British School of Archaeology in Jerusalem, Oxford 1982.
Yves Boiret: Les fresques d'Abu-Gosh, Israël. In: Monumental. 2002, S. 124–131 (sauvegardeartfrancais.fr [PDF]).
Jean-Baptiste Deilzant (Hrsg.): L’Eglise d’Abou Gosh: 850 ans de regards sur les fresques d’une église franque en terre sainte. Tohu-Bohu, Paris 2018, ISBN 978-2-37622-070-1.</ref> Besonders hervorzuheben sind die Grabungen von Roland de Vaux und A.-M. Steve in den 1940ern.<ref>
R. de Vaux, A.-M. Steve: Fouilles à Qaryet el-ʻEnab. Abū Ġoŝh. J. Gabalda, Paris 1950 (archive.org).</ref> Auf ihnen beruht im Wesentlichen unser heutiges Wissen über die Nutzung des Orts von der frühislamischen bis zur Mamlukenzeit.
Den Benediktinern, denen ab dem frühen 20. Jahrhundert die Kreuzfahrerkirche als Klosterkirche diente, fielen in der Umgebung Feuerstein-Artefakte und Steingefäße auf, was René Neuville publizierte.<ref>René Neuville: Additions à la liste des stations préhistoriques de Palestine et Transjordanie. In: Journal of the Palestine Oriental Society. Band 9, 1929, S. 114–121.
Vergleiche Monique Lechevallier: Abu Ghosh. In: David N. Freedman (Hrsg.): Anchor Bible Dictionary. Band 1. Doubleday, New York 1992, ISBN 0-385-19351-3, S. 46 f.</ref> Daraufhin erfolgten mehrere Ausgrabungen prähistorischer Siedlungen.<ref>Jean Perrot: Le Néolithique d’Abou-Gosh. In: Syria. Band 29, 1952, S. 119–145 (persee.fr).
Geneviève Dollfus, Monique Lechevallier: Les deux premières campagnes de fouilles à Abou Gosh (1967–1968). In: Syria. Band 46, 1969, S. 277–292 (persee.fr).
Monique Lechevallier: Abou-Gosh et Beisamoun. Deux gisements du VIIème millénaire avant l’ère chrétienne en Israël. Association Palórient, Paris 1978.
Ianir Milevski u. a.: Abu Ghosh, Jasmine Street: A Pre-Ghassulian Site in the Judean Hills. In: ‘Atiqot. Band 82, 2015, S. 85–130, hier 124 (researchgate.net).</ref> Hervorzuheben sind hier besonders die Grabungen von Hamoudi Khalaily und Ofer Marder für die israelische Antiquitätenbehörde in den 1990ern.<ref>Hamoudi Khalaily, Ofer Marder (Hrsg.): The Neolithic Site of Abu Ghosh. The 1995 Excavations. Israel Antiquities Authority, Jerusalem 2003, doi:10.2307/j.ctt1fzhdmm.</ref>
Kurze Zeit nach der Ansiedlung der Benediktiner gelangte der damals am Rand des Orts liegende Tell Dēr el-‘Āzar in den Besitz der Schwestern des hl. Joseph von der Erscheinung, die dort ein Sanatorium bauen wollten. Auch hier machten die Schwestern die ersten Funde, besonders aus der hellenistischen Zeit bis zur frühislamischen Zeit,<ref>J. Germer-Durand: Decouvertes archéologiques a Aboughoch. In: Revue Biblique. Band 3, Nr. 2, 1906, S. 286–287.</ref> außerdem stießen sie auf Ruinen einer byzantinischen Kirche. Wieder folgten zunächst Untersuchungen dieser Kirche.<ref>
A. de Piellat: Kariat-el-Enab (Abou-Gosch) et le sanctuaire de l’Arche d’Alliance. In: Jerusalem. Band 5, 1907, S. 545–556, 587–660.</ref>
Davon abgesehen blieb der Tell lange weitgehend unerforscht – mit Ausnahme von zwei veröffentlichten<ref>Francis T. Cooke: The Site of Kirjath-Jearim. In: The Annual of the American Schools of Oriental Research. Band 5, 1924, S. 105–120, hier 115 (archive.org).
Chris McKinny u. a.: Kiriath-Jearim (Deir el-ʿÂzar): Archaeological Investigations of a Biblical Town in the Judaean Hill Country. In: Israel Exploration Journal. Band 68, Nr. 1, 2018, S. 30–49, hier 40–44 (academia.edu).</ref> und einem unveröffentlichten Survey.<ref>Vergleiche Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5, S. 7.</ref> Dies ist bemerkenswert, denn mit seinen 6 ha Fläche gehört er zu den größten eisenzeitlichen Tells in der Region Palästina. Zudem liegt er strategisch wichtig nahe Jerusalem auf der Hauptroute zur westlichen Küste. 1995 bis 1996 führte Gabriel Barkay eine Rettungsgrabung durch, deren Ergebnisse jedoch ebenfalls nie publiziert wurden.<ref>Mit Ausnahme einer unveröffentlichten Masterarbeit und einer zweiseitigen Zusammenfassung in Chris McKinny u. a.: Kiriath-Jearim (Deir el-ʿÂzar): Archaeological Investigations of a Biblical Town in the Judaean Hill Country. In: Israel Exploration Journal. Band 68, Nr. 1, 2018, S. 30–49, hier 39 f. (academia.edu).</ref> 2016 kündigte Thomas Römer an, dass er und Christophe Nicolle (beide Collège de France) gemeinsam mit Israel Finkelstein (Universität Tel Aviv) diesen gut erhaltenen Tell ausgraben würden. Nach Ortslage, Größe des Tells und biblischer Überlieferung habe sich dort „zweifellos eine wichtige Stadt und ein religiöses Zentrum“ befunden.<ref>Thomas Römer: Kiriath-Jearim archaeological mission. The Vlad and Sana Shmunis Excavations at Biblical Kiriath-Jearim. In: Collège de France. 13. Dezember 2016, abgerufen am 29. Januar 2026: „undoubtedly an important city and religious center“</ref> Ihr Ziel sei es, die politische Ordnung Israels während der Eisenzeit besser zu verstehen und Erkenntnisse über die religiöse Rolle zu gewinnen, die der Ort gespielt hatte. Nach einigen Vorveröffentlichungen<ref>Israel Finkelstein u. a.: Excavations at Kiriath-jearim near Jerusalem, 2017: preliminary report. In: Semitica. Band 60, 2018, S. 31–83 (researchgate.net).
Israel Finkelstein u. a.: Les fouilles archéologiques à Qiryath Yéarim et le récit de l’Arche d'Alliance. In: Académie des Inscriptions & Belles-Lettres: Comptes Rendus. Band 2, 2018, S. 983–1000 (academia.edu).
Israel Finkelstein, Christophe Nicolle, Thomas Römer: Archaeological Excavations at Kiriath-jearim and the Ark Narrative in the Books of Samuel. In: Hamoudi Khalaily u. a. (Hrsg.): The Mega Project at Motza (Moẓa): The Neolithic and Later Occupations up to the 20th Century. New Studies in the Archaeology of Jerusalem and Its Region. Band 2020. Israel Antiquities Authority, Jerusalem, ISBN 978-965-406-715-7 (academia.edu).
Israel Finkelstein u. a.: Excavations at Kiriath-jearim 2019: Preliminary Report. In: Tel Aviv. Band 48, 2021, S. 47–72, doi:10.1080/03344355.2021.1904680.</ref> erschien 2025 ihr Abschlussbericht.<ref>Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5.</ref> Laut den Ausgräbern waren vor dem Mittelalter die Hochzeiten des Orts die Eisenzeit IIB–IIC, die frühere hellenistische Zeit, die frührömische Zeit und die byzantinische Zeit. Zwischen diesen Phasen scheint der Ort ebenfalls schwach besiedelt, aber nicht bedeutend gewesen zu sein.<ref>Vergleiche Israel Finkelstein u. a.: Excavations at Kiriath-jearim near Jerusalem, 2017: preliminary report. In: Semitica. Band 60, 2018, S. 31–83, hier 40 f. (researchgate.net).
Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5, S. 319.</ref>
Prähistorische Zeit
Ausgrabungen von Monique Chevallier in den 1960ern und die von Khalaily und Marder in den 1990ern im Norden Abu Goschs ergaben, dass der Ort spätestens im späten 7. Jahrtausend v. Chr. besiedelt war. Die Bewohner lebten dort in einem Dorf von etwa 1,5 ha in gut gebauten Steinhäusern und begruben ihre Toten unter diesen Häusern (ein üblicher Befund für das steinzeitliche Palästina). Sicher lebten sie von der Jagd; zudem ist es möglich, dass sie in Abu Gosch bereits im präkeramischen Neolithikum anfanghaft Ziegen domestizierten.<ref>Monique Lechevallier: Abu Ghosh. In: David N. Freedman (Hrsg.): Anchor Bible Dictionary. Band 1. Doubleday, New York 1992, ISBN 0-385-19351-3, S. 47.
Hamoudi Khalaily, Ofer Marder (Hrsg.): The Neolithic Site of Abu Ghosh. The 1995 Excavations. Israel Antiquities Authority, Jerusalem 2003, S. 133–135, doi:10.2307/j.ctt1fzhdmm.</ref>
Eine weitere, kleinere Ausgrabung in den 2010er-Jahren fand nahe der Ausgrabungsstätte von de Vaux und Steve weitere steinzeitliche Siedlungsspuren; die Ausgräber datieren sie auf das 6. oder 5. Jahrtausend v. Chr.<ref>Ianir Milevski u. a.: Abu Ghosh, Jasmine Street: A Pre-Ghassulian Site in the Judean Hills. In: ‘Atiqot. Band 82, 2015, S. 85–130, hier 124 (researchgate.net).</ref>
Eisenzeit bis frührömische Zeit
Seit Edward Robinson wird Abu Gosch mit dem Ort Kirjat-Jearim identifiziert. Dort soll laut biblischem Zeugnis die Bundeslade nach der Rückgabe durch die Philister untergebracht gewesen sein (Vorlage:Bibel/Link).<ref>(online)
Chris McKinny u. a.: Kiriath-Jearim (Deir el-ʿÂzar): Archaeological Investigations of a Biblical Town in the Judaean Hill Country. In: Israel Exploration Journal. Band 68, Nr. 1, 2018, S. 30–49, hier 35 (academia.edu).</ref> Ist das richtig, diente der Ort dem Namen nach zu urteilen möglicherweise zeitweise als Sakralort für kanaanäische Gottheiten – ein alternativer Ortsname in der Bibel lautet nämlich „Kirjat Baal“ („Stadt Baals“, Vorlage:Bibel/Link und öfter). Außerdem wird der Ort „Baalah“ („Baalin“, Vorlage:Bibel/Link) genannt – vielleicht eine Bezeichnung für eine weibliche Gottheit wie Anat oder Aschera.<ref>Erasmus Gaß: Kirjat-Jearim. In: Michaela Bauks, Michael Pietsch, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart März 2019Vorlage:Abrufdatum</ref> Ein dritter alternativer Name ist „Baale Jehuda“ („Baale Judas“, Vorlage:Bibel/Link). Den Plural erklärt der Exeget Mark Leuchter damit, dass verschiedene Menschengruppen verschiedene Kulte, deren Gottheiten als „Baale“ zusammengefasst wurden, nebeneinander am selben Ort praktiziert hätten.<ref></ref>
Im frühen 8. Jahrhundert v. Chr., noch bevor das südliche Königreich Juda erstarkte, wurde eine künstliche Plattform aufgeschüttet und diese mit massiven Mauern umwallt.<ref>Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5, S. 321 f.</ref> Die Ausgräber um Finkelstein setzen bei ihrer Deutung an der biblischen Erzählung von der Bundeslade an. Sie rekonstruieren die Geschichte so, dass sie ursprünglich mit der Unterbringung der Lade in Kirjat-Jearim endete, und halten Kirjat-Jearim für einen Ort an der Grenze zwischen dem Nordreich Israel und dem Südreich Juda (vergleiche Vorlage:Bibel/Link; Vorlage:Bibel/Link). Daher interpretieren sie die Plattform als Grenzheiligtum zur Unterbringung der Bundeslade. Das Heiligtum würde nach dieser Deutung gleichzeitig die Dominanz des Nordkönigreichs über sein Vasallenkönigreich im Süden signalisiert haben. Im Laufe der Jahrzehnte hätte sich um das Heiligtum herum eine Siedlung entwickelt. Die Bundeslade wäre nach dieser Rekonstruktion wahrscheinlich erst spät in den Jerusalemer Tempel überführt worden; Finkelstein und Römer schwanken zwischen dem späten 8. Jahrhundert unter Hiskija und dem späten 7. Jahrhundert unter Joschija.<ref>Israel Finkelstein, Christophe Nicolle, Thomas Römer: Archaeological Excavations at Kiriath-jearim and the Ark Narrative in the Books of Samuel. In: Hamoudi Khalaily u. a. (Hrsg.): The Mega Project at Motza (Moẓa): The Neolithic and Later Occupations up to the 20th Century. New Studies in the Archaeology of Jerusalem and Its Region. Band 2020. Israel Antiquities Authority, Jerusalem, ISBN 978-965-406-715-7, S. 327 (academia.edu).
Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5, S. 322 f.</ref>
Yigal Levin widersprach dieser Rekonstruktion: Seiner Ansicht nach war Abu Gosch kein Grenzort, sondern lag klar in judäischem Gebiet, und war es auch im frühen 8. Jahrhundert Judäern zuzutrauen, einen solchen Ort zu gründen.<ref></ref>
Auch gefunden wurden in der Nähe des Tells einige Gräber, beginnend in der Eisenzeit und mindestens bis in die frührömische oder byzantinische Zeit.<ref>
Francis T. Cooke: The Site of Kirjath-Jearim. In: The Annual of the American Schools of Oriental Research. Band 5, 1924, S. 105–120, hier 115 f. (archive.org).
</ref>
Zur Zeit des Babylonischen Exils scheint Kirjat-Jearim verlassen oder entvölkert, aber nicht zerstört worden zu sein.<ref>Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5, S. 323.</ref> Vermutlich im 3. Jahrhundert v. Chr., möglicherweise aber auch erst zur Zeit der Makkabäer, wurde die Plattform repariert und dann wahrscheinlich als römisches Militärlager genutzt. Sicher belegt ist diese Nutzung für das 1. Jahrhundert n. Chr. Nach dem Jüdischen Krieg in diesem Jahrhundert wurde Kirjat-Jearim weitestgehend verlassen.<ref>Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5, S. 323 f.</ref>
Byzantinische Zeit
Während der byzantinischen Zeit entstand auf dem Tell Dēr el-‘Āzar eine Kirche und/oder ein Kloster, die vermutlich nach dem biblischen Eleazar aus der Ladeerzählung benannt wurde (daher der Name „Dēr el-‘Āzar“).<ref>
Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5, S. 323 f.</ref> Zur selben Zeit wurde auch in Imwas (Emmaus) im Westen eine bereits ältere Kirche wiederaufgebaut.<ref>Moshe Sharon: Corpus Inscriptionum Arabicarum Palaestina. Band 1. Brill, Leiden, New York, Köln 1997, ISBN 90-04-10833-5, S. 80.</ref> Eine weitere Kirche entstand im 4./5. Jahrhundert wenige Kilometer östlich in Bayt Naqquba / Bet Neqofa,<ref name="Landes-Nagar">Annette Landes-Nagar: Bet Neqofa (East). In: Hadashot Arkheologiyot. Band 134, 2022 (hadashot.iaa.org.il).</ref> eine vierte wenige Kilometer westlich im heutigen Telz-Stone.<ref name="Außenministerium">1,500 year old church uncovered near Jerusalem road. In: Israel Ministry of Foreign Affairs. 10. Juni 2015, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 13. Juni 2015; abgerufen am 22. Januar 2026.</ref> Im Jahr 2021 wurde in Abu Gosch nordwestlich des Tells ein weiterer Bau freigelegt (die Veröffentlichung erfolgte erst 2025), bei dem es sich möglicherweise ebenfalls um eine byzantinische Kirche handelt.<ref name="Benenstein">Nicolas Benenstein: Abu Ghosh, Mahmud Rashid Street. In: Hadashot Arkheologiyot. Band 137, 2025 (hadashot.iaa.org.il).</ref> Wahrscheinlich dienten diese entlang der Route von der Küste nach Jerusalem<ref>Zum Verlauf der Route vergleiche Yehiel Selinger: The Identification of the Jerusalem–Lydda (Diospolis) Roman Road on the Madaba Map and Khirbet el-Latatin. In: Strata. Band 16, 1998, S. 75–84, hier 75–77 (aias.org.uk [PDF]).</ref> gelegenen Kirchen auch der Versorgung christlicher Pilger.<ref name="Außenministerium" />
Nach Finkelstein bleibt unklar, ob die Kirche(n) mit einer Siedlung verbunden waren oder isoliert standen.<ref name="Finkelstein325">Israel Finkelstein, Thomas Römer, Reli Avisar (Hrsg.): Kiriath-Jearim. The Shmunis Family Excavations. Eisenbrauns, University Park 2025, ISBN 978-1-64602-329-5, S. 325.</ref> Die Ausgrabung von 2021 konnte er allerdings noch nicht berücksichtigen; auch die Ergebnisse vierer kleiner Ausgrabungen von 2010 bis 2015, die ebenfalls Siedlungsspuren für die byzantinische Zeit freilegten,<ref>Zubair ‘Adawi: Abu Ghosh. In: Hadashot Arkheologiyot. Band 128, 2016 (hadashot.iaa.org.il).
Natan Ben-Ari: Tel Qiryat Ye‘arim (West). In: Hadashot Arkheologiyot. Band 128, 2016 (hadashot.iaa.org.il).
Zubair ‘Adawi: Tel Qiryat Yeʽarim (Abu Ghosh). In: Hadashot Arkheologiyot. Band 129, 2017 (hadashot.iaa.org.il).
Elena Kogan-Zehavi: Abu Ghosh. In: Hadashot Arkheologiyot. Band 133, 2021 (hadashot.iaa.org.il).</ref> scheint er nicht berücksichtigt zu haben. Unklar ist laut Finkelstein außerdem, wann die Kirche auf dem Tell aufgegeben wurde. Möglicherweise wurde sie zumindest zu Beginn der frühislamischen Zeit, für die sich spärliche Besiedlungsspuren nachweisen lassen, weitergenutzt.<ref name="Finkelstein325" /> Der nordwestlich gelegene Bau scheint zu Beginn des 8. Jahrhunderts ohne erkennbare Zerstörung aufgegeben worden zu sein,<ref name="Benenstein" /> ebenso die Kirche in Bayt Naqquba, wo allerdings eine Siedlung um den Kirchenbau herum die liturgische Nutzung noch eine Zeit lang überdauerte.<ref name="Landes-Nagar" />
Frühislamische Zeit bis Mamlukenzeit
Sicher im 9. Jahrhundert, je nach Deutung einer Inschrift möglicherweise aber bereits zu Beginn des 8. Jahrhunderts, wurde in Abu Gosch östlich am Fuß des Tells eine große Karawanserei errichtet,<ref>Rekonstruktion bei R. de Vaux, A.-M. Steve: Fouilles à Qaryet el-ʻEnab. Abū Ġoŝh. J. Gabalda, Paris 1950, Plate 13 (archive.org).</ref> die bis ins 11. Jahrhundert genutzt wurde. Von einer nahegelegenen Wasserquelle (der „ʿAin el-Kenîseh“, „Kirchenquelle“) floss Wasser durch einen offenen Kanal in den Innenhof der Karawanserei. Bei der aktuellsten Ausgrabung wurde dieser Kanal auf das 7./8. Jahrhundert datiert.<ref>Azriel Yechezkel u. a.: Empires, Local Traditions, and the Spread of Knowledge: A Case Study in Water Management in Early Islamic Palestine. In: Bulletin of the American Society of Overseas Research. Band 394, Nr. 1, 2025, S. 101–121, hier 113, doi:10.1086/737713.</ref> Wenig später wurde von einer weiteren nahegelegenen Wasserquelle (der „ʿAin el-Balad“, „Dorfquelle“) eine an ein Qanat erinnernde unterirdische Wasserleitung in den Innenhof der Karawanserei konstruiert, wo das Wasser in einem Becken gesammelt wurde und von dort weiter nach Osten floss.<ref>Michael Avi-Yonah: Abu Ghosh. In: Ephraim Stern (Hrsg.): The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land. Volume 1. The Israel Exploration Society, Carta, Jerusalem 1993, ISBN 965-220-210-X, S. 5 f.
Azriel Yechezkel u. a.: Empires, Local Traditions, and the Spread of Knowledge: A Case Study in Water Management in Early Islamic Palestine. In: Bulletin of the American Society of Overseas Research. Band 394, Nr. 1, 2025, S. 101–121, hier 113, doi:10.1086/737713.</ref> An die Karawanserei angeschlossen war außerdem eine Moschee. Die Ausgräber um de Vaux sprechen als diese einen kleinen südwestlich gelegenen Anbau an die Karawanserei an,<ref>R. de Vaux, A.-M. Steve: Fouilles à Qaryet el-ʻEnab. Abū Ġoŝh. J. Gabalda, Paris 1950, S. 70 (archive.org).
Ebenso Michael Avi-Yonah: Abu Ghosh. In: Ephraim Stern (Hrsg.): The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land. Volume 1. The Israel Exploration Society, Carta, Jerusalem 1993, ISBN 965-220-210-X, S. 5 f.
Katia Cytryn-Silverman: The Road Inns (Khāns) in Bilād al-Shām. BAR Publishing, Oxford 2016, ISBN 978-1-4073-0671-1, S. 139.</ref> Moshe Sharon hält alternativ für möglich, dass nach Aufgabe des Kirchenbaus dieser als Moschee weitergenutzt wurde.<ref>Moshe Sharon: Corpus Inscriptionum Arabicarum Palaestina. Band 1. Brill, Leiden, New York, Köln 1997, ISBN 90-04-10833-5, S. 6 f.</ref> Spätestens ab dieser Zeit (10. Jahrhundert) war der Ort im Arabischen auch bekannt als „Qaryat al-ʿInab“ („Traubenstadt“).<ref>Eutychius von Alexandrien, in L. Cheikho: Eutychi Patriarchae Alexandrii Annales. Carolus Poussielgue, Paris 1906, S. 43 (archive.org).
Vergleiche Chris McKinny u. a.: Kiriath-Jearim (Deir el-ʿÂzar): Archaeological Investigations of a Biblical Town in the Judaean Hill Country. In: Israel Exploration Journal. Band 68, Nr. 1, 2018, S. 30–49, hier 33 (academia.edu).
Auch im 11. Jhd. bei Nāsir-i Chusrau, vergleiche A.-S. Marmardji: Textes géographiques arabes sur la Palestine. Recueillis, mis en ordre alphabétique et traduits en français. J. Gabalda, Paris 1951, S. 167 (archive.org).
Vergleiche L.-H. Vincent, F.-M. Abel: Emmaüs. Sa basilique et son histoire. Librairie Ernest Leroux, Paris 1932, S. 386 (archive.org).</ref> Yakut (12./13. Jhd.) nennt ihn außerdem „Ḥiṣn al-ʿInab“ („Traubenfestung“), was nahelegt, dass auf dem Tell auch eine frühislamische Festung stand. Eine solche wurde jedoch noch nicht gefunden.<ref>Katia Cytryn-Silverman: The Road Inns (Khāns) in Bilād al-Shām. BAR Publishing, Oxford 2016, ISBN 978-1-4073-0671-1, S. 137.</ref>
Nach der Eroberung Jerusalems (1099) durch die Kreuzfahrer gelangte Mitte des 12. Jahrhunderts<ref>Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A Corpus. Volume I: A–K (excluding Acre and Jerusalem). Cambridge University Press, Cambridge 1993, ISBN 0-521-39036-2, S. 7 f.</ref> Abu Gosch in Besitz der Johanniter.<ref>Michael Avi-Yonah: Abu Ghosh. In: Ephraim Stern (Hrsg.): The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land. Volume 1. The Israel Exploration Society, Carta, Jerusalem 1993, ISBN 965-220-210-X, S. 7, 16 f.</ref> Mittelalterliche Christen identifizierten – möglicherweise auch aufgrund der Karawanserei – den Ort als Emmaus. Sie bauten die Karawanserei um zu einer Unterkunft für Pilger, errichteten angrenzend über der „Kirchenquelle“ die Auferstehungskirche<ref>
Michael Avi-Yonah: Abu Ghosh. In: Ephraim Stern (Hrsg.): The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land. Volume 1. The Israel Exploration Society, Carta, Jerusalem 1993, ISBN 965-220-210-X, S. 7.
Zur Identifikation als Emmaus vergleiche noch Materialdienst Evangelischer Arbeitskreis Kirche und Israel in Hessen und Nassau</ref> und nannten den Ort nach dieser „Emmaus-Quelle“ „Fontenoid“ (von lat. „fontanetum“, „Quelle“).<ref>L.-H. Vincent, F.-M. Abel: Emmaüs. Sa basilique et son histoire. Librairie Ernest Leroux, Paris 1932, S. 387 (archive.org).
Kiriath-jearim. In: Walter A. Elwell (Hrsg.): Baker Encyclopedia of the Bible. Band 3. Baker Books, Grand Rapids 1988, S. 1288 (archive.org).
Yoram Tsafrir: Ancient Churches Revealed. Israel Exploration Society, Biblical Archaeology Society, Jerusalem, Washington 1993, ISBN 965-221-016-1, S. 38 (archive.org).</ref> Der Kanal von der Kirchenquelle zur Karawanserei geriet dadurch außer Betrieb.<ref>Azriel Yechezkel u. a.: Empires, Local Traditions, and the Spread of Knowledge: A Case Study in Water Management in Early Islamic Palestine. In: Bulletin of the American Society of Overseas Research. Band 394, Nr. 1, 2025, S. 101–121, hier 113, doi:10.1086/737713.</ref> Zeitgleich existierte vielleicht weiterhin die byzantinische Kirche; die „Kirche der Bundeslade“, von der Petrus Diaconus um 1137 berichtet, meint wahrscheinlich diesen Bau.<ref>Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A Corpus. Volume I: A–K (excluding Acre and Jerusalem). Cambridge University Press, Cambridge 1993, ISBN 0-521-39036-2, S. 7.</ref>
1187 wurde der Ort von Saladin erobert; Anfang bis Mitte des 13. Jahrhunderts gelangte er wieder zurück in fränkische Hände,<ref name="Pringle8">Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A Corpus. Volume I: A–K (excluding Acre and Jerusalem). Cambridge University Press, Cambridge 1993, ISBN 0-521-39036-2, S. 8.</ref> Ende desselben Jahrhunderts ging er mit dem Rest der Region Palästinas über an die Mamluken, die die Pilgerherberge zu einem syrischen Khan umbauten.<ref></ref> Für Pilger verlor der Ort während der Mamlukenzeit als Pilgerstation nach und nach an Bedeutung, da sich andere Routen nach Jerusalem und auch nach Ramla etablierten.<ref name="Pringle8" />
Dafür kam während der mamlukischen Zeit eine neue Interpretation des Orts auf: Die Quelle in der Krypta der Kirche, die mittlerweile verlassen war, trug offenbar im Arabischen auch den volkstümlichen Namen „ʿAin el-dud“ („Maulbeer-Quelle“). Daraus entwickelte sich die Tradition, bei Abu Gosch handle es sich um den biblischen Ort Anatot, den Geburtsort des Propheten Jeremia, und die Kirche sei diesem Propheten geweiht. Um die Ruine des Johanniterklosters rankte sich bei christlichen Reisenden die Legende, hier hätten einst Franziskaner gelebt, seien aber sämtlich von Arabern getötet worden.<ref>L.-H. Vincent, F.-M. Abel: Emmaüs. Sa basilique et son histoire. Librairie Ernest Leroux, Paris 1932, S. 390 f. (archive.org).</ref>
Osmanische Zeit
Herkunft des Abu Gosch-Clans
Mit der Zerschlagung des Mamlukenreiches durch die Osmanen Anfang des 16. Jahrhunderts wurde Palästina Teil des Osmanischen Reichs. Eine Variante der Oral History der späteren Bewohner Abu Goschs besagt, ihr Ahne, ein mächtiger Scheich, sei zu Beginn dieser Zeit vom Kaukasus an diesen Ort emigriert. Von seiner lauten Stimme rühre der heutige alternative Name des Orts her („Abu Gosch“, von arab. „ghosh“, „streiten“). Sein Sohn Issa und dessen Frau Wafa hätten vier Söhne geboren, von denen die ihren Namen tragenden Sippen des Abu Gosch-Clans abstammten: Othman, Ibrahim, Abd al-Rahman und Jaber.<ref>Michael Gorkin, Rafiqa Othman: Three Mothers, Three Daughters. Palestinian Women’s Stories. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1996, ISBN 0-520-20329-1, S. 161 f. (archive.org).
Eine noch komplexere Version überliefern Ruth Kark, Michal Oren-Nordheim: Jerusalem and Its Environs. Quarters, Neighborhoods, Villages, 1800–1948. The Hebrew University Magnes Press, Wayne State University Press, Jerusalem, Detroit 2001, ISBN 0-8143-2909-8, S. 230 (archive.org).</ref> Laut einer weiteren Variante der Oral History stammen die Ahnen des Abu Gosch-Clans ursprünglich stattdessen aus dem Yemen und waren über Ägypten nach Palästina eingewandert.
In der Forschung wird mehrheitlich angenommen, dass die Bewohner Abu Goschs wirklich wie nach der ersten Variante von Tscherkessen abstammen, die sich zu Beginn der osmanischen Zeit in Palästina niederließen.<ref>Khaled Muhammad Safi: آل أبو غوش شيوخ ناحية بني مالك في سنجق القدس في العهد العثماني 1279 ه - 1860-1750 م. In: Al-Aqsa University Journal. Band 18, Nr. 1, 2014, S. 31–62, hier 33 (alaqsa.edu.ps [PDF] arabisch).</ref> Die zweite Variante dagegen halten zum Beispiel der Franziskaner Omer Englebert und der palästinensische Historiker Mustafa Abbasi<ref>Prof. Mustafa Abbasi. In: The Historical Society of Israel. Abgerufen am 24. Januar 2026.</ref> für die plausiblere;<ref>Omer Englebert: In Quatre-vingts siècles d’histoire à Abou-Gosh, l’Emmaüs des corisés. Albin Michel, Paris 1968. Zitiert nach Gabriel Stern: מורשת ה"מוכתר" של אבו גוש לנינו. In: Al HaMischmar. 4. Juli 1969, abgerufen am 24. Januar 2026.
Mustafa Abbasi: „Guardians“ of the Road: Abu Ghush Family in the Jerusalem Mountains during the Eighteenth and Nineteenth Centuries. In: Jerusalem Quarterly. Band 78, 2019, S. 38–53, hier 41, doi:10.70190/jq.I78.p38 (palestine-studies.org).</ref> auch der Historiker Mustafa Murad Al-Dabbagh berichtet nur von ihrer Einwanderung aus Ägypten.<ref>Mustafa al-Dabbagh: بلادنا فلسطين. Band 8. Dar al-Huda, Beirut 1991, S. 113.</ref> Genetische Untersuchungen bestätigen, dass die Einwohner Abu Goschs tatsächlich auf gemeinsame Vorfahren zurückgehen.<ref>Umut Koldaṣ: A Tale of Two Villages: A Gramscian Analysis of the Hamula and the Relations between the Israeli State and Palestinian Arab Citizens of Israel. 2008, S. 325 (edu.tr – Dissertation, Technische Universität des Nahen Ostens).</ref>
Auch von ihrer frühen Geschichte in der Region Palästina kursieren mehrere Varianten. Khaled Muhammad Safi beispielsweise berichtet von Versionen, laut denen sie sich direkt in Abu Gosch niedergelassen haben, und anderen, laut denen sie zunächst in Jerusalem lebten und von dort nach Abu Gosch umsiedelten.<ref>Khaled Muhammad Safi: آل أبو غوش شيوخ ناحية بني مالك في سنجق القدس في العهد العثماني 1279 ه - 1860-1750 م. In: Al-Aqsa University Journal. Band 18, Nr. 1, 2014, S. 31–62, hier 33 (alaqsa.edu.ps [PDF] arabisch).</ref> Laut einer dritten – der komplexesten – Variante lebten sie zunächst im weiter nördlich gelegenen Dorf Beit Liqya, wurden dann entweder ins etwas weiter südöstlich gelegene Qalunya oder ins südlich von Abu Gosch gelegene Suba getrieben und gelangten schließlich von hier in ihr späteres Hauptdorf.<ref>James Finn: Stirring Times. Or, Records from Jerusalem Consular Chronicles of 1853 to 1856. Band 1. C. Kegal Paul & Co, London 1878, S. 230 f. (archive.org).
So zum Beispiel auch Mustafa Abbasi: „Guardians“ of the Road: Abu Ghush Family in the Jerusalem Mountains during the Eighteenth and Nineteenth Centuries. In: Jerusalem Quarterly. Band 78, 2019, S. 38–53, hier 41, doi:10.70190/jq.I78.p38 (palestine-studies.org).</ref>
Aufstieg des Clans
Sultan Süleyman I. übertrug dem Abu Gosch-Clan die Aufgabe, die Straße nach Jerusalem zu bewachen, und erteilte ihnen damit einhergehend das Recht, von Reisenden und Pilgern die ghifr-Steuer zu erheben<ref>Khaled Muhammad Safi: آل أبو غوش شيوخ ناحية بني مالك في سنجق القدس في العهد العثماني 1279 ه - 1860-1750 م. In: Al-Aqsa University Journal. Band 18, Nr. 1, 2014, S. 31–62, hier 34 (alaqsa.edu.ps [PDF] arabisch).</ref> – ein unter anderem im Süden Palästinas übliches Arrangement,<ref>Vergleiche K. J. Asali: Jerusalem under the Ottomans 1516–1831 AD. In: Idem (Hrsg.): Jerusalem in History. Olive Branch Press, New York 1990, ISBN 0-940793-44-X, S. 208 f., 226 FN 57 (archive.org).
Amnon Cohen, Bernard Lewis: Population and Revenue in the Towns of Palestine in the Sixteenth Century. Princeton University Press, Princeton 1978, S. 72 (archive.org).</ref> das von christlichen Reisenden jedoch als Banditentum oder willkürliche Erpressung interpretiert wurde. Der Orientreisende Giovanni Mariti beispielsweise berichtete:
„Als wir durch dieses Dorf zogen, stellten sich viele jener Araber zu beiden Seiten auf, die als das ungerechteste Volk gelten, dem man auf der ganzen Straße von Rama nach Jerusalem begegnen kann, und wenn Pilger diesen Ort Sankt Jeremia passiert haben, pflegt man zu sagen, man habe [nun] alle Gefahren überwunden. […] Später erfuhr ich jedoch, dass die Furcht, die mancher beim Durchzug hier empfindet, daher rührt, dass die meisten der Dorfbewohner, denen man unterwegs begegnet und die – wie ich gezeigt habe – von uns ‚zu Unrecht‘ ein kleines Geldstück gefordert hatten, ganz oder zum größten Teil [gerade] aus diesem Dorf und seiner Umgebung stammten. [Und] hier in Sankt Jeremia zahlt man einen jener Cafarri, die durch alten Gebrauch zu einem Recht geworden sind.“
Ida Pfeiffer: Reise einer Wienerin in das Heilige Land. Societäts-Verlag, Frankfurt a. M. 1980, ISBN 3-7973-0373-4 (archive.org – 1842 geschrieben.): „Wir blieben also im nächsten Dorf, Karjet el Enab […]. Hier herrschte vor mehreren Jahren der berüchtigte Räuber und zugleich Scheich des Ortes, der keinen Franken durchließ, ohne nach Willkür Tribut von ihm erpreßt zu haben. Seit der Regierung Mehmed Alis hörte dies auf […].“
Claude R. Conder: Tent Work in Palestine. A Record of Discovery and Adventure. Band 1. Richard Bentley & Son, London 1879, S. 20 (archive.org): „The place, which derives its name from these vineyards, was once the seat of the famous native family of Abu Ghôsh. The most notorious of its chiefs, a robber, who held all pilgrims to the capital in terror […]“
Charles Wilson: Picturesque Palestine. Sinai and Egypt. Band 1. J. S. Virtue and Co., London, S. 200 (archive.org – o. D., erschienen in den 1880ern): „Abu Ghosh, the name of a celebrated family of bandit chiefs once the terror of the neighbourhood, but now reduced to insignificance“
Vergleiche noch Naomi Shepherd: The Zealous Intruders. The Western Rediscovery of Palestine. Collins, London 1987, ISBN 0-00-217432-4, S. 21, 74 (archive.org).</ref>
Evliya Çelebi, der Mitte des 17. Jahrhunderts Palästina bereiste, beschrieb den Ort noch als muslimisches Dorf mit etwa 200 Häusern, das von Weinbergen und Olivengärten umgeben sei.<ref>St. H. Stephan: Evliya Tshelebi’s Travels in Palestine, Translated and Annotated. In: The Quarterly of the Department of Antiquities in Palestine. Band 8, Nr. 4, 1938, S. 145 (archive.org).</ref> Mit der Schwächung der Zentralmacht der Osmanen im Palästina des 18. Jahrhunderts allerdings entwickelte sich der Clan zu einer der mächtigsten Familien der Region.<ref>Khaled Muhammad Safi: آل أبو غوش شيوخ ناحية بني مالك في سنجق القدس في العهد العثماني 1279 ه - 1860-1750 م. In: Al-Aqsa University Journal. Band 18, Nr. 1, 2014, S. 31–62, hier 34 f. (alaqsa.edu.ps [PDF] arabisch).</ref>
Zwei Rebellionen
1824 wurde in Damaskus, von wo aus osmanische Beamte unter anderem die Region Jerusalem regierten, Mustafa Pascha (genannt „Mustafa der Kriminelle“) zum Gouverneur ernannt. Mustafa erhöhte die Steuern, woraufhin der Abu Gosch-Clan seine Steuereintreiber aus dem Distrikt trieben. Mustafa begab sich daher selbst zur Steuereintreibung nach Palästina und entführte Abd al-Rahman von den Abu Goschs und Umar al-Husayni von den Stadtnotablen Jerusalems als Geiseln nach Nablus. Dort wartete er auf die Zahlung der Steuern und Lösegelder. Die Abu Goschs erhoben sich daraufhin gemeinsam mit den Christen aus Bethlehem zur Rebellion, nahmen unter Führung von Tahir al-Husayni Jerusalem ein und trieben die zurückgelassenen osmanischen Soldaten aus der Stadt. Dort riefen Anführer aus der Gegend um Nablus, Jerusalem und Abu Gosch „unabhängige Republiken“ aus, in denen für ein Jahr die Bewohner der Region von Steuerzahlungen befreit waren. Die Revolution endete und der alte Status quo war wieder hergestellt, nachdem Sultan Mahmud II. 1825 auf Begehr der Notablen Jerusalems Mustafa abgesetzt und Veliyyüddin Pascha zum neuen Gouverneur gemacht und Abdullah Pascha, der Gouverneur von Sidon, Jerusalem zurückerobert hatte.<ref>Ilan Pappé: The Rise and Fall of a Palestinian Dynasty. The Husaynis 1700–1948. University of California Press, Berkeley, Los Angeles 2010, ISBN 978-0-520-26839-5, S. 62–64 (archive.org).
Issa Baraijia: Administrative and Socio-Political Transformations in Ottoman Palestine: Between Central Authority and Local Elites. In: Lex Localis. Band 23, S6, S. 1019–1046, hier 1037 f., doi:10.52152/801899.</ref>
Als in den 1830ern während der kurzzeitigen ägyptischen Herrschaft über Palästina die Ägypter die Ghifr-Steuer abschafften, schlossen sich 1834 die Abu Goschs erneut einer Revolution an; diesmal belagerten und eroberten sie Jerusalem gemeinsam mit Beduinen aus der Region. Tausende verloren ihr Leben bei der Rückeroberung. Über das Ende der Revolution im Raum Jerusalem existieren zwei sehr unterschiedliche Varianten: Laut den Annalen des Jerusalemer Mönchs Neophytos hatte Muhammad Ali Pascha die Rebellion in Nablus niedergeschlagen, danach erst Jaber Abu Gosch aus seiner Gefangenschaft befreit und ihn zum Gouverneur Jerusalems ernannt.<ref>S. N. Spyridon: Annals of Palestine, 1821–1841. In: The Journal of the Palestine Oriental Society. Band 18, 1938, S. 110 mit FN 2 (archive.org).
Ähnlich zum Beispiel Mustafa Abbasi: „Guardians“ of the Road: Abu Ghush Family in the Jerusalem Mountains during the Eighteenth and Nineteenth Centuries. In: Jerusalem Quarterly. Band 78, 2019, S. 38–53, hier 47, doi:10.70190/jq.I78.p38 (palestine-studies.org).</ref> Laut den Aufzeichnungen des Orientreisenden Alexander William Kinglake dagegen hatte er diesen Jaber, der aufgrund seiner Listigkeit den Ehrentitel „Vater der Lügen“ trug, zunächst befreit und ihn zum Gouverneur ernannt. Baruch Kimmerling erklärt diesen Schachzug als Strategie, die Revolutionäre zu entzweien.<ref></ref> Im Gegenzug schlug dieser Jaber für ihn mit seiner Kriegslist die Revolution im Raum Jerusalem nieder. Die Abu Goschs wurden so mit seiner Einsetzung über alle Dörfer in der Umgebung Jerusalems letztendlich für kurze Zeit noch weiter erhoben.<ref>Alexander W. Kingslake: Eōthen. Or, Traces of Travel brought home from the East. John Ollivier, London 1844, S. 361 f. (archive.org).
Vergleiche Mustafa al-Dabbagh: بلادنا فلسطين. Band 8. Dar al-Huda, Beirut 1991, S. 115 f.
</ref>
Noch während der ägyptischen Herrschaft wurde Jaber wieder von seinem Posten entlassen; ersatzweise wurde ihm die Entsprechung eines halben Gouverneurs-Gehalts aus der Staatskasse zugesprochen.<ref>Mustafa al-Dabbagh: بلادنا فلسطين. Band 8. Dar al-Huda, Beirut 1991, S. 116 f.</ref> Nachdem die Osmanen in den 1840ern die Kontrolle über Palästina zurückerlangt hatten, übernahmen sie diese Praxis und setzten eine feststehende Summe als Lohn für den Schutz der Straße fest.<ref>James Finn: Stirring Times. Or, Records from Jerusalem Consular Chronicles of 1853 to 1856. Band 1. C. Kegal Paul & Co, London 1878, S. 232 (archive.org).
Vergleiche Alexander Schölch: Palästina im Umbruch 1856 – 1882: Untersuchungen zur wirtschaftlichen und sozio-politischen Entwicklung. Steiner-Verlag, Stuttgart 1986, S. 214 (uni-halle.de).
</ref> 1844 berichtete außerdem der französische Konsul Lantivy von Bestechungsgeldern; nur diese könnten „den mächtigen Abu Gosch-Häuptling“ davon abhalten, Jerusalem (erneut) einzunehmen und für sich zu beanspruchen.<ref>Naomi Shepherd: The Zealous Intruders. The Western Rediscovery of Palestine. Collins, London 1987, ISBN 0-00-217432-4, S. 144 (archive.org).</ref>
Konflikt von Qays und Yaman
Andrew Petersen: A Gazetteer of Buildings in Muslim Palestine. Oxford University Press, Oxford 2001, S. 68. (jstor.org).
Zu Mustafas Rolle vergleiche Alexander Schölch: Palästina im Umbruch 1856 – 1882: Untersuchungen zur wirtschaftlichen und sozio-politischen Entwicklung. Steiner-Verlag, Stuttgart 1986, S. 214 f. (uni-halle.de).</ref>
In den 1850ern fungierte der Scheich der Abu Goschs im Kontext der palästinischen Dauerstreitigkeiten zwischen Qays und Yaman<ref>Vergleiche dazu anfanghaft Alexander Schölch: Palästina im Umbruch 1856 – 1882: Untersuchungen zur wirtschaftlichen und sozio-politischen Entwicklung. Steiner-Verlag, Stuttgart 1986, S. 178 (uni-halle.de).
Issa Khalaf: Politics in Palestine. Arab Factionalism and Social Disintegration, 1939–1948. State University of New York Press, Albany 1991, ISBN 0-7914-0707-1, S. 6 (archive.org).</ref> als Oberhaupt der (fiktiven) „Südaraber“; gut zehn Jahre lang führten er und weitere Clans wiederholt Krieg gegen die „Nordaraber“ der Region. Die Osmanen und auch der englische Konsul James Finn bemühten sich lange erfolglos, die Kämpfe einzudämmen; erst mit der erneuten teilweisen Entmachtung der Abu Goschs in den 1860ern und der Exilierung ihrer Gegner gelang es, den Konflikt zu befrieden.<ref>Alexander Schölch: Palästina im Umbruch 1856 – 1882: Untersuchungen zur wirtschaftlichen und sozio-politischen Entwicklung. Steiner-Verlag, Stuttgart 1986, S. 215–218 (uni-halle.de).
Khaled Muhammad Safi: آل أبو غوش شيوخ ناحية بني مالك في سنجق القدس في العهد العثماني 1279 ه - 1860-1750 م. In: Al-Aqsa University Journal. Band 18, Nr. 1, 2014, S. 31–62, hier 55 (alaqsa.edu.ps [PDF] arabisch).</ref>
Politisch und wirtschaftlich blieb den Abu Goschs zwar eine gewisse Bedeutung – Victor Guérin beschreibt den Scheich auch nach seiner Degradierung weiterhin als „Autorität über eine gewisse Anzahl von Dörfern“;<ref>Victor Guérin: Description géographique, historique et archéologique de la Palestine, accompagnée de cartes détaillées. Band 1. Imprimerie Impériale, Paris 1868, S. 65 (archive.org): „Son autorité, singulièrement amoindrie depuis quelques années, s’étend néanmoins encore sur un certain nombre de villages.“</ref> laut Moreau war der Scheich außerdem auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach wie vor der regionale Steuereintreiber,<ref>Adolphe Moreau: Mémoire sur les Fouilles d’Abou-Gosch. Poulain-Rocher, 1906, S. 6 FN 2 (bnf.fr).</ref> konnte also einen Anteil der gezahlten Steuer der gesamten Region einbehalten.<ref>Vergleiche zum Steuersystem zu dieser Zeit zum Beispiel Salim Tamari: A Farcical Moment? Nabulsi Exceptionalism and the 1908 Ottoman Revolution. In: Jerusalem Quarterly. Band 60, 2014, S. 92–109, hier 103 f., doi:10.70190/jq.I60.p92.</ref> Status und militärische Macht aber hatten gelitten.<ref>Vergleiche Mustafa Abbasi: „Guardians“ of the Road: Abu Ghush Family in the Jerusalem Mountains during the Eighteenth and Nineteenth Centuries. In: Jerusalem Quarterly. Band 78, 2019, S. 38–53, hier 49, doi:10.70190/jq.I78.p38 (palestine-studies.org).</ref> 1865 beschrieb der Palästinareisende William Hepworth Dixon den Scheich des Clans wieder als gewöhnlichen Wegelagerer, der nun von Reisenden „Trinkgeld“ erhielt:
„Dies ist wieder eine der an der Straße liegenden Herbergen, an welchen der Pilger eine Stunde sitzen bleibt, sein Pferd ruhen läßt und sein einfaches Mahl genießt. [… E]in Scheik kommt aus dem Dorfe herab, um eine Pfeife Jebeilé zu rauchen und ein Bakschisch, sein tributmäßiges Trinkgeld, zu verlangen – Höflichkeiten und Gaben, die ein kluger Pilger nicht verweigern wird. Ein Dutzend Piaster machen Sie zum Herrn dieses Thales, denn der Scheik ist zwar nicht mehr ein Fürst an der Spitze von tausend Speeren, der Krieg mit seinem Nachbar führt und dem Pascha von Jerusalem Tribut abnimmt; der Stolz des Abu Gosch ist gebrochen und sein Name ist jetzt nur noch ein Schrecken, welcher der Vergangenheit angehört. Wenn Sie aber durch eine wilde Schlucht reiten, wo jeder Mann ein Gewehr führt, ist es dennoch gut, mit dem regierenden Scheik Frieden zu haben.“
Vergleiche Khaled Muhammad Safi: آل أبو غوش شيوخ ناحية بني مالك في سنجق القدس في العهد العثماني 1279 ه - 1860-1750 م. In: Al-Aqsa University Journal. Band 18, Nr. 1, 2014, S. 31–62, hier 56 (alaqsa.edu.ps [PDF] arabisch).</ref>
Sakralbauten in Abu Gosch Ende der Osmanischen Zeit
A: Kirche
B: Kloster (= Karawanserei)
C: Quelle / Brunnen („fonteyn“)
D: Moschee
Spätestens in der osmanischen Zeit entstand neben der Mamluken-Karawanserei eine neue Moschee. Yechezkael datiert den heutigen Bau ohne Begründung auf das 18. Jhd.;<ref></ref> die Ausgräber um de Vaux lassen die Bauzeit der osmanischen Moschee offen, nehmen aber an, dass bereits im Zuge der Wiederinbetriebnahme des Khans in mamlukischer Zeit ein Vorgängerbau errichtet worden war.<ref>R. de Vaux, A.-M. Steve: Fouilles à Qaryet el-ʻEnab. Abū Ġoŝh. J. Gabalda, Paris 1950, S. 108 f. (archive.org).</ref> Entweder in der mamlukischen oder osmanischen Zeit wurde das vom Becken in der Karawanserei nach Osten abfließende Wasser in den Innenhof der Moschee weitergeleitet; dort kommt es an die Oberfläche und fließt in einen ebenfalls „ʿAin el-Balad“ genannten Brunnen.<ref>R. de Vaux, A.-M. Steve: Fouilles à Qaryet el-ʻEnab. Abū Ġoŝh. J. Gabalda, Paris 1950, S. 39 (archive.org).
Azriel Yechezkel u. a.: Empires, Local Traditions, and the Spread of Knowledge: A Case Study in Water Management in Early Islamic Palestine. In: Bulletin of the American Society of Overseas Research. Band 394, Nr. 1, 2025, S. 101–121, hier 113, doi:10.1086/737713. Abbildung ebd., S. 110 Fig. 7e</ref> Zur Moschee gehört ungewöhnlicherweise ein eigener Raum zur Waschung von Toten.<ref>Taufik Canaan: Mohammedan Saints and Sanctuaries in Palestine. Luzac & Co, London 1927, S. 16 (archive.org).
</ref> In ihrem Innenhof steht außerdem eine Steinsäule, an der nach einer lokalen Legende der im Koran „Uzayr“ genannte Esra seinen Esel angebunden und 100 Jahre lang gebetet haben soll.<ref>Taufik Canaan: Mohammedan Saints and Sanctuaries in Palestine. Luzac & Co, London 1927, S. 51 (archive.org).
Variante bei </ref> Die Säule galt als heilig; auf ihr wurden Opfergaben verbrannt und an ihr Kerzen entzündet und Schwüre geleistet.<ref>Amer A. Al-Qobbaj, David J. Marshall, Loay M. Abu Alaud: Sacred Monuments and Stone Circles in Palestine: A Historical, Ethnographic and Mythological Inquiry. In: Journal of Holy Land and Palestine Studies. Band 22, Nr. 2, 2023, S. 229–253, hier 238, doi:10.3366/hlps.2023.0316 (researchgate.net).</ref> Säule und Moschee tragen auch beide den Namen „Uzayr“, was allerdings Taufik Canaan und Zev Vilnay nicht mit dem Koran, sondern (wie „Dēr el-‘Āzar“) als eine weitere Korruption von „Eleazar“ erklären.<ref>Taufik Canaan: Mohammedan Saints and Sanctuaries in Palestine. Luzac & Co, London 1927, S. 287, 292 (archive.org).
Zev Vilnay: Legends of Judea and Samaria. The Sacred Land: Volume 2. The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1975, ISBN 0-8276-0064-X, S. 140 (archive.org).</ref>
Die Kreuzfahrerkirche wurde zu Beginn der Osmanischen Zeit als Stall genutzt.<ref>Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A Corpus. Volume I: A–K (excluding Acre and Jerusalem). Cambridge University Press, Cambridge 1993, ISBN 0-521-39036-2, S. 8.
Ida Pfeiffer: Reise einer Wienerin in das Heilige Land. Societäts-Verlag, Frankfurt a. M. 1980, ISBN 3-7973-0373-4 (archive.org – 1842 geschrieben.): „Wir blieben also im nächsten Dorf, Karjet el Enab […], wo man noch ziemlich guterhaltene Ruinen einer christlichen Kirche sieht, die jetzt in einen Stall verwandelt ist.“</ref> 1873 übereigneten die Osmanen den Bau dem französischen Staat, der ihn 1901 französischen Benediktinern überließ. Nachdem 1955 der letzte Benediktiner aus dem renovierten Kloster nach Frankreich zurückgekehrt war, ging es für etwa 20 Jahre über an französische Lazaristen. Danach wurde es 1976 erneut von Benediktinern einer anderen französischen Kommunität – darunter Jean-Baptiste Gourion, der spätere Weihbischof in Jerusalem – in Besitz genommen. Stand 2023 leben diese dort gemeinsam mit Olivetanerinnen.<ref>Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. A Corpus. Volume I: A–K (excluding Acre and Jerusalem). Cambridge University Press, Cambridge 1993, ISBN 0-521-39036-2, S. 8.
Maria C. Rioli: A Liminal Church. Refugees, Conversions and the Latin Diocese of Jerusalem, 1936–1956. Brill, Leiden, Boston 2020, ISBN 978-90-04-42372-5, S. 177–180.
John P. Sonnen: On the Road to Emmaus: the Benedictine Abbey of Abu Gosh in the Holy Land. In: Liturgical Arts Journal. 23. August 2023, abgerufen am 23. Januar 2026.</ref> Das Kloster gilt als französisches Staatsgebiet.<ref>Andrea Kogmann: Wem gehört was in der Heiligen Stadt? Neu entfachte Debatte: Putin fordert Rückgabe von Kirche in Jerusalem. In: katholisch.de. 21. April 2022, abgerufen am 23. Januar 2026.</ref>
Auf dem Gelände der einstigen byzantinischen Kirche wurde 1906 ein weiteres Kloster der Schwestern des hl. Joseph von der Erscheinung und 1924 angrenzend die Kirche Unsere Liebe Frau von der Bundeslade errichtet.<ref>Thomas Römer: The mysteries of the Ark of the Covenant. In: Studia Theologica – Nordic Journal of Theology. Band 77, Nr. 2, 2023, S. 169–185, hier 174, doi:10.1080/0039338X.2023.2167861 (Auch frei zugänglich unter academia.edu, dort S. 6).</ref> Ab dem frühen 20. Jahrhundert betrieben außerdem die Brüder Unserer Lieben Frau von Sion am Rand des Dorfs ein Waisenhaus. Aus diesem entwickelte sich später ein von Yedida betriebenes Sozialdorf.<ref>
מעון ידידה. In: yedida-h.co.il. Abgerufen am 23. Januar 2026.</ref>
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Alte Moschee
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Auferstehungskirche
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Benediktinerkloster
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Kirche Notre Dame Arche d’Alliance
Am 29. Oktober 1898 führte der Tross Kaiser Wilhelms II. auf seinem Staatsbesuch auf dem Weg nach Jerusalem durch den Ort.
Mandatszeit
Blau = im Besitz des JNF, Grün = in Privatbesitz.
Zu Beginn der Mandatszeit, nachdem die zionistische Immigration bereits seit mehreren Jahrzehnten im Gange war, besaß der Abu Gosch-Clan ausgedehnte Ländereien. Der Landbesitz des Clans reichte noch 1948 über das Ayalon-Tal (bei Yalo) bis nach Latrun.<ref>
Sam Orbaum: „We chose survival“. In: Jerusalem Post. 6. Oktober 1997, abgerufen am 23. Januar 2026.</ref> In den Jahren 1920 und 1921 verkaufte die Familie etwa 400 ha für Landwirtschaft weitgehend ungeeignetes Bergland nördlich des Dorfs Qaryat al-‘Inab an den Jüdischen Nationalfonds (JNF). Im östlichen Teil dieses Gebiets entstand 1920 die erste jüdische Siedlung „Kiryat Anavim“ (die hebräische Übersetzung von „Qaryat al-‘Inab“). Der westliche Teil wurde zunächst an die Bürger Abu Goschs zurückverpachtet. Dort gründete sich 1938 die Siedlung Ma'ale HaHamisha.<ref>
Zur landwirtschaftlichen Eignung vergleiche auch Amiram Gonen: Israel. Then, Now and In-Between. The Jerusalem Publishing House, 1997, ISBN 965-05-0890-2, S. 22 f. (archive.org).</ref>
Shira Robinson: Citizen Strangers. Palestinians and the Birth of Israel’s Liberal Settler State. Stanford University Press, Stanford 2013, ISBN 978-0-8047-8802-1, S. 249 FN 1 (archive.org).</ref>
Zwischen den Bewohnern von Qaryat al-‘Inab und Kiryat Anavim entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis.<ref>Umut Koldaṣ: A Tale of Two Villages: A Gramscian Analysis of the Hamula and the Relations between the Israeli State and Palestinian Arab Citizens of Israel. 2008, S. 328 (edu.tr – Dissertation, Technische Universität des Nahen Ostens).</ref> Dies zeigte sich bereits während der Nabi-Musa-Unruhen von 1920 und erneut bei den Ausschreitungen von 1929. In beiden Fällen schützten die Abu Goschs ihre jüdischen Nachbarn.<ref>Hillel Cohen: Army of Shadows. Palestinian Collaboration with Zionism, 1917 – 1948. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 2008, ISBN 978-0-520-25221-9, S. 78, 112.</ref> Ungewöhnlich für palästinensische Dörfer gab es in Abu Gosch auch eine offen pro-zionistische Partei. Andere Bewohner engagierten sich dagegen gegen die Judaisierung des Landes.<ref>Hillel Cohen: Army of Shadows. Palestinian Collaboration with Zionism, 1917 – 1948. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 2008, ISBN 978-0-520-25221-9, S. 112.</ref> Beim Arabischen Aufstand von 1936 bis 1939, der großenteils durch die Verarmung der Palästinenser während der Mandatszeit motiviert war, offenbarte sich diese Spaltung erneut: ein Teil der Dorfgemeinschaft schloss sich den Rebellen an, während pro-zionistische Bürger neutral blieben oder 1937 sogar einmal Rache für einen Mord an Bewohnern Kiryat Anavims nahmen.<ref>Hillel Cohen: Army of Shadows. Palestinian Collaboration with Zionism, 1917 – 1948. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 2008, ISBN 978-0-520-25221-9, S. 148 f.
Vergleiche allerdings auch Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 258 (archive.org – Laut einem späteren Zeugnis des Bürgermeisters Lisser von Kiryat Anavim gingen während des Aufstands die Bürger Abu Goschs insgesamt gegen die Rebellen vor.).</ref>
Von ihrem Kerngebiet hatten die Bewohner Abu Goschs bis 1938 nur 1,4 von insgesamt etwa 750 ha an Zionisten verkauft. In den folgenden Jahren wurde weiteres Land veräußert. 1945 befanden sich etwa 82 ha des im Westen des Dorfs gelegenen Landes in zionistischem Privatbesitz. Auf diesem Gebiet entstand später Telz-Stone (Kirjat-Jearim). Noch weiter westlich verkaufte die Dorfgemeinschaft außerdem etwa 120 ha an den JNF. Hier wurde 1946 Neve Ilan gegründet.<ref></ref> Vor Beginn des Palästinakriegs waren Abu Gosch und seine beiden Satellitendörfer Bayt Naqquba und Ein Rafa damit im Nordosten, Norden und Westen von zionistischen Siedlungen umgeben.
Palästinakrieg und Vertreibungen
Palästinakrieg
Mit Beginn des Kriegs wurde Mahmud Rashid Abu Gosch zum Bürgermeister des Dorfs.<ref>Gabriel Stern: מורשת ה"מוכתר" של אבו גוש לנינו. In: Al HaMischmar. 4. Juli 1969, abgerufen am 24. Januar 2026.</ref> Dieser scheint eine entschieden pro-zionistische Linie vertreten zu haben: Vor Ausbruch des Kriegs hatte er Zionisten mit Dynamit für Anschläge auf Briten versorgt.<ref>Israelis Fight Banishing of Arabs Called Security Risks by Tel Aviv. In: The New York Times. 14. September 1953, abgerufen am 23. Januar 2026.</ref> Als die Briten vor ihrem Abzug aus Palästina die Polizeistation von Abu Gosch an die Araber übergaben, um diese bei ihrer Verteidigung gegen zionistische Truppen zu unterstützen, verkaufte Mahmud Rashid sie stattdessen an die Haganah weiter.<ref>Motti Golani: The End of the British Mandate for Palestine, 1948. The Diary of Sir Henry Gurney. Palgrave Macmillan, New York 2009, ISBN 978-0-230-20986-2, S. 139, 141 mit FN 300 (edu.et [PDF]).
Hillel Cohen: Army of Shadows. Palestinian Collaboration with Zionism, 1917 – 1948. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 2008, ISBN 978-0-520-25221-9, S. 249.</ref> Nach Erinnerung der späteren Bewohner von Abu Gosch war auch er es, der seine Mitbürger darauf verpflichtete, während des Palästinakriegs nicht gegen Zionisten zu kämpfen.<ref>Sam Orbaum: „We chose survival“. In: Jerusalem Post. 6. Oktober 1997, abgerufen am 23. Januar 2026.</ref> Stattdessen versorgte das Dorf Kiryat Anavim mit Munition und bot angegriffenen israelischen Konvois auf ihrem Weg von und nach Jerusalem Schutz. Die Jewish Agency versorgte ihrerseits Abu Gosch mit Proviant.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 258 f. (archive.org).</ref> Yusuf Abu-Gosch hatte sogar beantragt, Mitglied bei Lechi zu werden,<ref>Ron Kuzar: Hebrew and Zionism. A Discourse Analytical Study. Mouton de Gruyter, Berlin, New York 2001, ISBN 3-11-016993-2, S. 226 (archive.org).</ref> half gemeinsam mit weiteren Abu Goschs beim Gefängnisausbruch des Lechi-Mitglieds Geulah Cohen aus einem britischen Gefängnis<ref>Peter Hirschberg: Israel. Political and Diplomatic Developments. In: American Jewish Year Book. 1998, S. 475 (web.archive.org [PDF]).
Hillel Cohen: Army of Shadows. Palestinian Collaboration with Zionism, 1917 – 1948. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 2008, ISBN 978-0-520-25221-9, S. 196.</ref> – der einzige bekannte Fall von arabischer Unterstützung des zionistischen Terrorismus dieser Zeit<ref>Joseph Heller: The Stern Gang. Ideology, Politics and Terror, 1940–1949. Frank Cass, London 1995, ISBN 0-7146-4558-3, S. 177 (archive.org).</ref> – und kandidierte später bei den Knesset-Wahlen von 1949 für Lechis Fighters’ Party.<ref>Joseph Heller: The Stern Gang. Ideology, Politics and Terror, 1940–1949. Frank Cass, London 1995, ISBN 0-7146-4558-3, S. 264 f. (archive.org).</ref>
Während nahezu alle umliegenden palästinensischen Dörfer bereits im April und Mai 1948 entvölkert worden waren, konnten die Bewohner von Abu Gosch und seiner beiden Satellitendörfer zunächst noch in ihren Orten bleiben.<ref name="Morris258">Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 258–260 (archive.org).</ref> Viele flohen dennoch bereits zu diesem Zeitpunkt; die Zurückbleibenden suchten Schutz im Benediktinerkloster.<ref>Michael Gorkin, Rafiqa Othman: Three Mothers, Three Daughters. Palestinian Women’s Stories. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1996, ISBN 0-520-20329-1, S. 174 (archive.org).</ref> Erst ab Juni wurde in verschiedenen israelischen Behörden diskutiert, Abu Gosch vollständig zu räumen. Im Blick war sowohl, die Bewohner ohne Gewaltanwendung aufzufordern, sich in arabische Gebiete zu begeben, als auch, sie ins bereits entvölkerte Jaffa umzusiedeln.<ref name="Morris258" /> Der Bürgermeister von Kiryat Anavim argumentierte gegenüber dem Militär gegen eine Vertreibung. Gleichzeitig beraumten er, der besonders die Ländereien Bayt Naqqubas begehrte, und David Ben-Gurions rechte Hand Jitzchak Nawon<ref>Zu Nawon vergleiche Akiva Eldar: Jews Who Are Malicious to Those Who Help Us. In: Haaretz. 7. Februar 2012, abgerufen am 24. Januar 2026.</ref> Anfang Juli ein oder mehrere Treffen an. Dort teilten sie den Bewohnern von Abu Gosch und Bayt Naqquba entweder mit oder befahlen ihnen, dass sie ihre Orte verlassen müssten. Sie versprachen, dass die Bewohner nach dem Krieg zurückkehren dürften.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 262 (archive.org).
Vergleiche auch Nawons spätere Selbstaussage in Adi Schertzer: יצחק נבון. נשיא של העם. Informationszentrum, 2016 (web.archive.org [PDF] („Ich sagte euch damals, dass der Krieg sich diesem Ort nähere und dass die Behörden euch rieten, das Dorf zu verlassen, weil sie während der schweren Kampftage nicht die Verantwortung für die Sicherheit der Zivilbevölkerung übernehmen könnten. Ich versprach euch, dass ihr nach dem Ende des Krieges hierher zurückkehren könntet.“)): „אמרתי לכם אז כי המלחמה מתקרבת למקום זה וכי השלטונות מייעצים לכם להתפנות מכאן, כי לא יוכלו לשאת באחריות לשלומם של אזרחים במשך ימי הקרבות הקשים. והבטחתי לכם כי בגמר המלחמה תוכלו לשוב לכאן.“</ref> Als das Kämpfen nach dem Waffenstillstand im Juli wieder begann, hatten die Bewohner Bayt Naqqubas ihr Dorf bereits verlassen; von den etwa 960 Einwohnern Abu Goschs waren 60 zurückgeblieben.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 258–260 (archive.org).</ref>
Am 11. Juli erließ die Armee außerdem einen Ausweisungsbefehl an die in der Nähe stationierte Harel-Brigade. Ben-Gurion untersagte eine Vertreibung ohne seine ausdrückliche schriftliche Autorisierung. Laut Benny Morris hatte dann letztlich gar keine gewaltsame Vertreibung stattfinden müssen, nachdem das Gros der Bewohner ohnehin schon ihren Ort verlassen hatte.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 262 (archive.org).</ref> Nawon dagegen berichtete später in einem Interview, dass unter Führung von Jitzchak Rabin und mit seiner Mitwirkung doch eine Vertreibung versucht worden war: Die Harel-Brigade sei ins Dorf einmarschiert, die verbliebenen Bewohner aber hätten sich erneut beim Benediktinerkloster versammelt und erklärt, lieber würden sie sterben als den Ort zu verlassen, woraufhin die Brigade schließlich wieder abgezogen sei.<ref>האיש שהציל את אבו־גוש. In: Haaretz. 30. April 1997, S. 8.
Zitiert nach Zeev Qam: טוב שכן קרוב? יחסי תושבי אבו גוש והיהודים. 2024, S. 171 (ramot-shapira.co.il [PDF]).</ref>
Rückkehr, wiederholte Abschiebungen und Sechstagekrieg
Diejenigen, die ihre Dörfer verlassen hatten, lebten als Flüchtlinge in Ramallah, wo sie als „Verräter“ einen schweren Stand hatten.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 264 (archive.org).</ref> Bereits in der letzten Phase des Kriegs kehrten nach und nach einzelne von ihnen zurück. Im Januar 1949 war die Bevölkerung Abu Goschs wieder auf 600 angewachsen, darunter knapp 500 der ursprünglich 960 Einwohner aus Abu Gosch, 60 der ursprünglich 300 aus Bayt Naqquba und 50 aus Ein Rafa, das allerdings nie vollständig verlassen worden war. Ungewöhnlicherweise duldete Israel dies bis Ende April und stellte den Zurückgekehrten sogar Pässe aus. Im Mai 1949 änderte sich die Politik. Anfang Mai wurde nachts die erste Gruppe Zurückgekehrter von israelischen Polizisten über die Grenze abgeschoben.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 266 f. (archive.org).
Shira Robinson: Citizen Strangers. Palestinians and the Birth of Israel’s Liberal Settler State. Stanford University Press, Stanford 2013, ISBN 978-0-8047-8802-1, S. 113 f. (archive.org).</ref>
Dies wiederholte sich in den folgenden Jahren mehrmals<ref>Für ein Beispiel siehe Michael Gorkin, Rafiqa Othman: Three Mothers, Three Daughters. Palestinian Women’s Stories. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1996, ISBN 0-520-20329-1, S. 177 f. (archive.org).</ref> und führte auch in Israel zu Protesten. So ging etwa durch die Presse, als im August 1949 unter einer Gruppe Ausgewiesener auch die Familie des Lechi-Anhängers Yusuf Abu Gosch war.<ref>Zum Beispiel אשת השייך יוסף אבו גוש וילדיו הוחזרו לשטח הערבי? In: HaBoker. 5. August 1949, abgerufen am 24. Januar 2026.
Vergleiche Raphael Patai: Israel between East and West. A study of human relations. The Jewish Publication Society of America, Philadelphia 1953, S. 245 (archive.org).</ref> Insbesondere eine Ausweisung von 105 Bewohnern im Juli 1950 sorgte für öffentliches Interesse, nachdem die Bürger Abu Goschs einen „Offenen Brief an die Bewohner Israels“ verfasst und die Abschiebung von Verwandten „an unbekannte Ziele“ beklagt hatten.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 267 (archive.org).
Umut Koldaṣ: A Tale of Two Villages: A Gramscian Analysis of the Hamula and the Relations between the Israeli State and Palestinian Arab Citizens of Israel. 2008, S. 334 f. (edu.tr – Dissertation, Technische Universität des Nahen Ostens).</ref> Ebenfalls heftig diskutiert wurde 1953 ein weiterer Vorfall. Nach einem Angriff auf Telz-Stone beschuldigte die Armee acht Bewohner Abu Goschs – darunter der Bürgermeister und ausgerechnet zwei jener Bewohner, die für Lechi am Gefängnisausbruch Geula Cohens mitgewirkt hatten –, entweder die Täter zu beherbergen oder nicht bei der Fahndung nach den Schuldigen zu kooperieren, und verbannte sie für mehrere Monate aus dem Dorf. In Israel bildeten daraufhin Palmach-Veteranen – darunter Uri Avnery<ref>Journalist and crusader for peace Uri Avnery dies at 94. In: Israel HaYom. 20. August 2018, abgerufen am 23. Januar 2026.</ref> – die „Freunde des Abu Gosch-Dorfs“, um gegen diese Verbannung zu protestieren.<ref>Israelis Fight Banishing of Arabs Called Security Risks by Tel Aviv. In: The New York Times. 14. September 1953, abgerufen am 23. Januar 2026.
ארבעת גולי אבו גוש חוזרים לכפרם. In: Haaretz. 17. Dezember 1953, abgerufen am 23. Januar 2026.
</ref>
Zumindest manche der Geflüchteten oder Ausgewiesenen siedelten später um nach Imwas, wo der Clan noch Ländereien und Felder besaß.<ref>Für ein Beispiel siehe Ronni Shaked: The Naksa in the Shadow of the Nakba. In: Regina F. Bendix, Aziz Haidar, Hagar Salamon (Hrsg.): June 1967 in Personal Stories of Palestinians and Israelis. Göttingen University Press, Göttingen 2022, S. 99, 97 (oapen.org).</ref> In Abu Gosch war die Bevölkerung 1951 wieder auf 950 angewachsen.<ref></ref> Darunter waren jedoch nach wie vor die Bewohner Bayt Naqqubas, deren Dorf 1949 frisch immigrierte Jugoslawen als „Beit Nekofa“ neu gegründet hatten. 1962 wurden die Bewohner Bayt Naqqubas stattdessen in das neue Dorf Ein Naqquba südlich von Abu Gosch umgesiedelt. Hinsichtlich der Bewohner von Ein Rafa beantragten die neuen Bewohner von Suba – nun „Kibbuz Tzuba“ –, die ihre Ländereien begehrten, sie umzusiedeln. Dies aber wurde nicht umgesetzt.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 267, 269 (archive.org).</ref>
Als Israel 1967 mit dem Sechstagekrieg das Westjordanland eroberte, wurden die nach Imwas Geflohenen erneut vertrieben. Dieses Mal flohen sie nach Jordanien.<ref>Ronni Shaked: The Naksa in the Shadow of the Nakba. In: Regina F. Bendix, Aziz Haidar, Hagar Salamon (Hrsg.): June 1967 in Personal Stories of Palestinians and Israelis. Göttingen University Press, Göttingen 2022, S. 97 (oapen.org).</ref> Anders als in anderen Dörfern konnten einige von diesen allerdings im Rahmen der Familienzusammenführung wieder nach Abu Gosch zurückkehren.<ref>Ori Stendel: The Arabs in Israel. Sussex Academic Press, Brighton 1996, ISBN 1-898723-23-0, S. 156 (archive.org).
Berichtet zum Beispiel in משפחות שברחו מאבו גוש ב־48 הורשו לחזור. In: Haaretz. 16. Juni 1968, abgerufen am 30. Januar 2026.
פליטי אבו־גוש ממלחמת השחרור חזרו לכפרם במסגרת איחוד משפחות. In: Maariv. 17. Juni 1968, abgerufen am 24. Januar 2026.</ref> Laut Benny Morris blieben letztendlich „nur einige Dutzend Familien“ der einstigen Bewohner Flüchtlinge.<ref>Benny Morris: The Case of Abu Ghosh and Beit Naqquba, Al Fureidis and Jisr Zarka in 1948 – or Why Four Villages Remained. In: Idem (Hrsg.): 1948 and After. Israel and the Palestinians. Clarendon Press, Oxford 1994, ISBN 0-19-827929-9, S. 269 (archive.org): „In the end only several dozen Abu Ghosh families remained in exile, as refugees, in the Ramallah area in the West Bank.“</ref> In der Encyclopedia of the Palestine Problem dagegen, für die Issa Nakhleh israelische Statistiken bis 1975 ausgewertet hat, heißt es, nur 50 Prozent der einstigen Bewohner lebten in Abu Gosch. 75 Prozent seines Landes seien konfisziert worden.<ref>Issa Nakhleh: Encyclopedia of the Palestine Problem. Band 1. Intercontinental Books, New York 1991, ISBN 0-9622881-1-X, S. 327, 315 (archive.org): „Qaryat el ’Inab (Abu Ghosh): Exists. 50% of population remained. 75% of land usurped.“</ref> Genauer nämlich wurden die vor dem Palästinakrieg verbliebenen 670 ha des Kerngebiets Abu Goschs (siehe oben) auf 250 ha reduziert. Der Rest wurde konfisziert und Neve Ilan und später Telz-Stone zugeschlagen.<ref>Sam Orbaum: „We chose survival“. In: Jerusalem Post. 6. Oktober 1997, abgerufen am 23. Januar 2026.
Rebecca L. Stein: Itineraries in Conflict. Israelis, Palestinians, and the political Lives of Tourism. Duke University Press, Durham, London 2008, S. 101 (archive.org).</ref> Auch weiter entfernt verloren Bürger Abu Goschs Land. Die Zeitzeugin Umm Khaled beispielsweise berichtet, ihre 0,3 ha im Dorf hätten sie behalten können; 9 ha Land in der Gegend von Imwas dagegen seien bereits nach dem Palästinakrieg in israelischen Besitz übergegangen.<ref>Michael Gorkin, Rafiqa Othman: Three Mothers, Three Daughters. Palestinian Women’s Stories. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London 1996, ISBN 0-520-20329-1, S. 176 (archive.org).</ref>
Jüngere Vergangenheit
Bis in die 1980er Jahre blieb Abu Gosch ein kleines Dorf, das infrastrukturell von der israelischen Regierung ähnlich vernachlässigt wurde wie andere arabische Orte im israelischen Staatsgebiet. Die palästinensische Zeitung Al Fajr beschrieb es 1985 als „so israelisch-arabisch, wie ein Dorf nur sein kann“:
„Seine schmalen, unregelmäßig gepflasterten Straßen werden von abfließendem Waschwasser und offenen Abwasserkanälen durchzogen. Die alten, flachdachgedeckten Häuser verweisen auf das Alter des Ortes und auf den Mangel an Entwicklung. Die traditionellen palästinensischen Kleidungsstücke, die von Männern und Frauen im Dorf getragen werden, zeigen, welcher Gruppe von Menschen sie sich zugehörig fühlen. Das Dorf hat keine Parks, keine Jugendzentren, keine Bibliotheken, keine Spielplätze. Hoch über ihm jedoch, auf den umliegenden Berggipfeln, stehen mehrere ultramoderne israelische Siedlungen, ganz ähnlich jenen, die derzeit auf Hunderten von Bergkuppen in den besetzten Gebieten und innerhalb der ‚Grünen Linie‘ gebaut werden oder bereits existieren.“
Während der Ersten Intifada Ende der 80er wurden von Abu Gosch aus derart viele Steine auf die Hauptstraße geworfen, dass diese beinahe gesperrt worden wäre. Interviewte Bürger bestritten zwar, dass ihre Mitbürger die Täter seien, verwiesen aber auf verständlichen Frust aufgrund von Benachteiligung beim Ausbau des Schulwesens, der Abwassersysteme und des Wohnungsmarktes.<ref>אבו גוש: ערבי קיצוני חי יותר טוב במדינה מערבי ידידותי. In: Maariv. 6. Mai 1988, abgerufen am 26. Januar 2026.</ref>
Reiseführer bewarben die beiden Kirchen und das Restaurant Caravan,<ref>Zum Beispiel Israel. Fodor’s Travel Publications, New York, London 1988, S. 147 (archive.org).</ref> das seit den 70er-Jahren von Yusuf Abu Goschs Sohn, dem Bürgermeister des Dorfs, geführt wurde.<ref>Ben Lynfield: Passover a frantic time for Abu Ghosh restaurants. In: Jerusalem Post. 18. April 2017, abgerufen am 26. Januar 2026.</ref> Gershon Cohen, der Leiter des Musikfestivals von Abu Gosch, erinnerte sich später, dass dies zu dieser Zeit das einzige Restaurant im Ort gewesen sei und jüdische Israelis Abu Gosch nur selten besucht hätten.<ref>Barry Davis: It takes a festival. In: Jerusalem Post. 24. September 2010, abgerufen am 26. Januar 2026: „When we started the festival 19 years ago, there was one restaurant in Abu Ghosh. Jews hardly came here back then.“</ref>
Dies änderte sich in den 1990ern: Samir Abd al-Rahman eröffnete ein weiteres Restaurant nach dem Vorbild des von einem Abu Goscher geführten Hummus-Ladens „Abu Shukri“ in Jerusalem. Einige Jahre später folgte sein Schwiegersohn mit einem weiteren Hummus-Restaurant, das als „originaler Abu Shukri“ vermarktet wurde und zu einem ersten „Hummus-Krieg“ führte,<ref>Vered Levi-Barzilai: מיהו אבו-שוקרי האמיתי. In: Haaretz. 14. Juli 2004, abgerufen am 26. Januar 2026.
Ofer Petersburg: מלחמת החומוס באבו גוש: עכשיו הסולחה. 2. November 2004, abgerufen am 26. Januar 2026.</ref> der später von israelischen Food-Kritikern als Marketingstrategie eingeordnet wurde.<ref>Jonathan Cohen, Amit Aaronson: האם נמצא המקום שיגרום לנו לבקש מאבו גוש סליחה על שנים של זלזול קולינרי? In: Haaretz. 14. September 2016, abgerufen am 26. Januar 2026.</ref> Ebenfalls in den 1990ern eröffnete Jawdat Ibrahim, der in den USA durch einen Lotterie-Gewinn zum Millionär geworden war, mit dem „Abu Gosch Restaurant“ ein weiteres Hummus-Geschäft.<ref>Tani Goldstein: ג'ווראת איברהים: אבו גוש זה לא רק חומוס. In: Ynet. 20. Januar 2006, abgerufen am 26. Januar 2026.
Itamar Eichner: BBC תצלם דוקו על המסעדן מאבו גוש שזכה בלוטו. In: Ynet. 11. April 2018, abgerufen am 26. Januar 2026.
Abu Gosh. In: Touristisrael.com. Archiviert vom Vorlage:IconExternal am 30. März 2012; abgerufen am 26. Januar 2026.</ref> Zeitgleich startete das „Abu Gosch Festival“, ein Kirchenmusiks-Festival, das zweimal jährlich eine Klientel nach Abu Gosch brachte, die anders nicht hierher gefunden hätte. Die Leiter führten es auf dieses Festival zurück,<ref>Barry Davis: It takes a festival. In: Jerusalem Post. 24. September 2010, abgerufen am 26. Januar 2026: „Now there are dozens of restaurants and other businesses that are doing well. That’s all because of the festival.“</ref> Samirs Sohn Paddy Abd al-Rahman auf ihre Restaurant-Gründung; in jedem Fall kam es in den 90er-Jahren zu einem Tourismus-Boom in Abu Gosch.<ref>Dana Ben Shimon: נפרדים מאבו שוקרי: הבן פאדי מדבר על אביו שהקים את המסעדה לפני 50 שנה. In: Jerusalem.Mynet. 3. Mai 2019, abgerufen am 26. Januar 2026: „‚Plötzlich entstand ein regelrechter Ansturm von Hummus-Liebhabern nach Abu Ghosh, und nicht zuletzt dank unseres Hummus wurde das Dorf touristischer‘, erzählt der Sohn. ‚[…] Später eröffneten viele Restaurants, die neben Hummus auch andere Gerichte anboten […].‘“</ref><ref>Vergleiche auch Rebecca L. Stein: Itineraries in Conflict. Israelis, Palestinians, and the Political Lives of Tourism. Duke University Press, Durham, London 2008, S. 172 FN 7 (archive.org): „Elite Jews of European descent comprised the vast majority of festival visitors. The village’s acclaim as a festival site also bolstered its restaurant sector.“</ref> Binnen weniger Jahre wuchs das Dorf<ref>Amiram Gonen: Israel. Then, Now and In-Between. The Jerusalem Publishing House, 1997, ISBN 965-05-0890-2, S. 23 (archive.org).</ref> und wurden weitere Restaurants gegründet. Reiseführer konnten nun die beiden Kirchen, das Caravan „und diverse Nachahmer“ bewerben.<ref>Zum Beispiel Daniel Jacobs, Shirley Eber, Francesca Silvani: Israel and the Palestinian Territories. The Rough Guide. Rough Guides, London 1998, ISBN 1-85828-248-9, S. 126 (archive.org).</ref>
Zielgruppe dieser Tourismusindustrie waren vor allem jüdische Israelis.<ref>Nir Avieli: The Hummus Wars: Local Food, Guinness Records and Palestinian-Israeli Gastropolitics. In: Ishita Banerjee-Dube (Hrsg.): Cooking Cultures. Convergent Histories of Food and Feeling. Cambridge University Press, Cambridge 2016, ISBN 978-1-107-14036-3, S. 50, 47.</ref> Die Anthropologin Rebecca L. Stein<ref>Rebecca L. Stein. In: Scholars@Duke. Abgerufen am 26. Januar 2026.</ref> beschrieb in einer ethnologischen Studie über das Abu Gosch der 90er-Jahre, dass dies einherging mit einem komplexen Phänomen der (Selbst-)Identifikation Abu Goschs: Abu Goscher beschrieben sich selbst als „Israelis“, nahmen teilweise in der Öffentlichkeit jüdische Namen an und betonten ihre tscherkessische Herkunft. Jüdische Israelis sahen bewusst darüber hinweg, dass Abu Gosch arabisch oder palästinensisch war; der Hinweis darauf habe zu empörten Gesprächsabbrüchen führen können. Damit einhergegangen sei die der sichtbaren Realität „radikal widerstreitende Fiktion“, Abu Gosch sei ein wohlhabender Ort, der von seiner pro-zionistischen Haltung während des Palästinakriegs profitiert hätte.<ref>Rebecca L. Stein: Itineraries in Conflict. Israelis, Palestinians, and the Political Lives of Tourism. Duke University Press, Durham, London 2008, S. 107–110, bes. 110 (archive.org): „The need to substantiate the village’s difference from other Arab places and constituents, and thereby make Jewish consumption and patronage possible, often yielded the fiction of village affluence, the account of a place well rewarded by the state for its nationalism. Interestingly, this story was radically at odds with abundant visual evidence: unpaved streets, broken roads, lack of sidewalks, streetlights, or public landscaping. [… T]he details of visual evidence were overwritten by the desires of hosts and guests to inscribe the village into the national consensus.“</ref> Der Soziologe Nir Avieli<ref>Nir Avieli. In: Ben-Gurion University of the Negev. Abgerufen am 26. Januar 2026.</ref> ergänzte, dass außerdem die muslimische Religion, der Stand 2021 99,8 Prozent der Dorfbewohner angehörten,<ref>Central Bureau of Statistics, Israel: אבו גוש. 2021, S. 415, abgerufen am 31. Januar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> aus kommerziellen und politischen Gründen verschleiert worden sei und Abu Gosch stattdessen irrtümlich als christliches Dorf wahrgenommen werde.<ref>Nir Avieli: The Hummus Wars: Local Food, Guinness Records and Palestinian-Israeli Gastropolitics. In: Ishita Banerjee-Dube (Hrsg.): Cooking Cultures. Convergent Histories of Food and Feeling. Cambridge University Press, Cambridge 2016, ISBN 978-1-107-14036-3, S. 50, 47: „[… It is] a village whose Palestinian-Muslim identity is purposely blurred for commercial and political reasons […]. The second reason for Abu Gosh’s popularity among Israeli Jews has to do with the widespread belief that Abu Gosh is a Christian village, and as such, safe or at least, safer, for Jews when compared to Muslim Arab villages. Abu-Gosh’s Christian image is constructed around its Notre-Dam Church, the large Benedictine monastery and especially the popular ‚Abu Gosh Festival of Liturgical Music.‘ However, the Central Bureau of Statistics indicates that 99.9 per cent of the village residents are Muslim.
Abu Gosh’s popularity as the ‚Hummus Mecca‘ of Israel is thus based on a set of wrong assumptions made by Israeli Jews regarding the religion of its dwellers and their relations with the Israeli state and its Jewish citizens.“</ref>
1998 wurde vom damaligen Bürgermeister von Jerusalem, Ehud Olmert, die Eingemeindung zahlreicher Orte und Gemeinden nach Jerusalem angestrebt. Gegen diese Pläne gab es vielerorts heftigen und zum Teil gewaltsamen Widerstand. Einzig in Abu Gosch verliefen die Proteste friedlich.<ref>Jerusalem leidet unter Schluckbeschwerden. In: Welt Online. Abgerufen am 23. Juni 2009.</ref> Bei der Zweiten Intifada Anfang der 2000er flogen keine Steine mehr.<ref>Umut Koldaṣ: A Tale of Two Villages: A Gramscian Analysis of the Hamula and the Relations between the Israeli State and Palestinian Arab Citizens of Israel. 2008, S. 3 f. (edu.tr – Dissertation, Technische Universität des Nahen Ostens).</ref>
Gegenwart
Tourismus und Kultur
Abu Gosch ist heute ein kulinarisches und kulturelles Zentrum. Es ist bekannt für seine Restaurants, in denen als besondere Spezialität der „Hummus Abu Gosch“ angeboten wird, der auch ins Ausland exportiert wird. Da Abu Gosch von der Sabbatruhe in Jerusalem nicht betroffen ist, ist es besonders am Wochenende ein beliebtes, vielbesuchtes Ausflugsziel der Jerusalemer Bevölkerung. Selbst hochrangige israelische, palästinensische und ausländische Politiker finden sich hier ein, gelegentlich kommt es in Abu Gosch zu informellen jüdisch-palästinensischen Verhandlungen.<ref>23-facher Lottomillionär. Das Glück ist mit dem Friedvollen. In: Sueddeutsche.de, 20. März 2007, abgerufen am 26. November 2010.</ref>
Musikalisch finden seit 1992 jährlich zu Schawuot und Sukkot in der Kirche Unsere Liebe Frau von der Bundeslade die Abu Gosh Music Festivals statt.<ref>About Us. In: abugoshfestival.co.il. Abgerufen am 27. Januar 2026.</ref> 2021 wurde es unter einem neuen Leitungsteam offiziell wegen Renovierungsarbeiten nach Tel Aviv ins Jitzchak-Rabin-Zentrum verlegt.<ref>The Abu Ghosh Music Festival is back but will take place in Tel Aviv this September. In: diplomacy.co.il. 1. September 2021, abgerufen am 27. Januar 2026.</ref> Die verärgerten Bewohner Abu Goschs mutmaßten, der Grund dafür seien stattdessen örtliche Demonstrationen gegen den Gazakrieg von 2021. Die Organisatoren stritten dies ab und versicherten, dass das Festival nach Abu Gosch zurückkehren werde.<ref>Itamar Eichner: פסטיבל אבו גוש עובר לת"א, והתושבים זועמים: "זו בגידה". In: Ynet News. 14. September 2021, abgerufen am 27. Januar 2026.</ref> Seit 2024 finden wieder einige Konzerte in Abu Gosch statt, andere weiterhin in Tel Aviv.<ref>Neria Barr: Abu Gosh Festival in Israel to intertwine tradition with innovation. In: Jerusalem Post. 28. September 2024, abgerufen am 27. Januar 2026.</ref>
Geplante Ortserweiterung
Die Bewohner von Abu Gosch befinden sich in einem strukturellen Dilemma: Ein Wegzug in andere Orte ist für sie kaum möglich. In vielen arabisch-israelischen Gemeinden werden sie aufgrund ihrer pro-israelischen Haltung als Außenseiter wahrgenommen, während sie in jüdisch-israelischen Gemeinden – in denen anders als in Abu Gosch häufig „Zuzugs-Komitees“ über die Aufnahme neuer Bewohner entscheiden können<ref>Vergleiche Knesset Approves Expansion of Admission Committees Law Further Entrenching Racial Segregation. In: Adalah. 25. Juli 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.
Hadar Horesh: They Tried to Block Arabs From Jewish Communities. But I Was the One Who Was Screwed. In: Haaretz. 16. Oktober 2024, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> – als Palästinenser nicht akzeptiert werden.<ref>Guy Nardi: תושבי אבו גוש פוחדים מהוותמ"ל ומתושבי מזרח ירושלים. In: Globes. 5. Dezember 2017, abgerufen am 28. Januar 2026.
Kim Lagziel: In the Arab Village of Abu Ghosh, an Expansion Dream Sours. In: Haaretz. 11. April 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> Zugleich fürchten die Bewohner auch den Zuzug von außen: Die Ansiedlung anders gesinnter Palästinenser, etwa aus Ostjerusalem – wie bereits geschehen –, könnte den politischen Charakter des Ortes verändern. Der Zuzug jüdischer Israelis wiederum könnte Abu Gosch von einem homogenen Dorf in eine gemischte Stadt wie Lod oder Ramla verwandeln.<ref>Kim Lagziel: In the Arab Village of Abu Ghosh, an Expansion Dream Sours. In: Haaretz. 11. April 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.
Amir Ali Bouirat: قلق في أبو غوش: "وحدات سكنية تُسوّق للمستوطنين". In: Arab48. 30. August 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> Ein größerer Zuzug war ohnehin über viele Jahre kaum möglich, da das Ortsgebiet mit der wachsenden Bevölkerung nicht Schritt gehalten hat. Umgekehrt schrumpfte es durch weitere Enteignungen für Telz-Stone und den Bau der Haupt-Nationalstraße 1 weiter auf 200 ha zusammen.<ref>Kim Lagziel: "מבחינת היהודים הם ערבים, מבחינת הערבים הם משת"פים": ביישוב אבו גוש חוששים מרוכשי דירות ממזרח ירושלים. In: The Marker. 6. März 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.
Kim Lagziel: In the Arab Village of Abu Ghosh, an Expansion Dream Sours. In: Haaretz. 11. April 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> Gleichzeitig – so der Gemeinderat in einer Petition von 2022 – sei über Jahrzehnte hinweg kein neuer bezahlbarer Wohnraum bereitgestellt worden.<ref>Kleiner Dubrovitsky: אבו גוש: "המדינה משווקת קרקע בניגוד לעמדתנו". In: Calcalist. 24. November 2022, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref>
Seit den frühen 2010er Jahren wird daher eine Erweiterung des Ortes geplant, beginnend mit einem Gesamtplan,<ref>Landadministration Israel: Planungsakte Nr. 0150664 – 152: Bebauungsplan Kolleliyat Abu Gosch. Abgerufen am 28. Januar 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> der 2013 bei den Planungsbehörden eingereicht wurde. Dieser sah eine geringfügige randliche Ausdehnung sowie eine Neuordnung der inneren Raumstruktur vor, darunter auch die Umwandlung des durch den Ort fließenden Wadi von landwirtschaftlicher Fläche in eine touristische Promenade. Gegen den Plan wurden zahlreiche Einwände erhoben. Bimkom beispielsweise kritisierte im Namen von 46 Bewohnern, dass sich die neu ausgewiesenen Wohngebiete de facto entweder in Privatbesitz oder im Besitz des französischen Staates befänden und der Plan mit seinem Fokus allein auf die Stärkung des Tourismuszweigs ohne Ausweisung von Industrieflächen nicht auf die wirtschaftlichen Bedarfe der Bevölkerung eingehe.<ref>Zum Beispiel Bimkom: Einwendungen zum Bebauungsplan Abu Gosch (Nr. 0150664-152). 9. Februar 2015, abgerufen am 28. Januar 2026. Siehe besonders den Plan auf S. 8: Orange die Wohngebiete, schraffiert die Flächen, die Bikom als nicht umsetzbar einstuft.</ref>
Parallel dazu genehmigte die staatliche Kommission für bevorzugte Wohnungsbauvorhaben (Vatmal) 2017 südwestlich entlang Telz-Stone ein Neubaugebiet mit rund 600 Wohneinheiten und Fläche für ein geplantes Hotel<ref>Amitai Gazit: הוותמ"ל אישרה תוכנית לבניית 600 דירות ומלון חדש באבו גוש. In: Calcalist. 23. November 2017, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> und 2019 ein weiteres Wohngebiet im Nordosten Richtung Maale HaHamisha mit 650 Wohneinheiten.<ref>Guy Nardi: תושבי אבו גוש פוחדים מהוותמ"ל ומתושבי מזרח ירושלים. In: Globes. 5. Dezember 2017, abgerufen am 28. Januar 2026.
A New Neighborhood is Planned to Expand Abu Gosh. In: The Yeshiva World. 29. Dezember 2019, abgerufen am 28. Januar 2026.
Oral Zaken: אבו גוש מתרחב: אושרה תוכנית להקמת שכונת מגורים חדשה. In: Kol HaIr. 29. Dezember 2019, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> Im Falle einer Umsetzung beider Pläne könnte sich die Bevölkerung binnen weniger Jahre verdreifachen.<ref>Nir Hasson: תוכנית חדשה להרחבת אבו גוש מעוררת חשש בקרב התושבים לשינוי אופי הכפר. In: Haaretz. 23. Oktober 2017, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> In der lokalen Öffentlichkeit wurde vielfach die Auffassung vertreten, dass – nachdem ab 2009 die ersten jüdisch geführten Betriebe eröffnet hatten<ref>Tali Haruti-Sober: אבו גוש: לא רק מעצמת חומוס. In: Haaretz. 4. September 2010, abgerufen am 27. Januar 2026.</ref> – diese Projekte nur unzureichend auf die Wohnbedürfnisse der Ortsbevölkerung ausgerichtet seien, sondern auf jüdisch-israelische Käufer zielten. Diese Wahrnehmung wurde dadurch verstärkt, dass die neuen Quartiere in der Vermarktung nicht mit Abu Gosch, sondern als „Nofei Ilan“ („Ausblick auf [Neve] Ilan“) und „Psagot Ilan“ („Gipfel von [Neve] Ilan“) mit dem benachbarten wohlhabenden jüdischen Ort in Verbindung gebracht wurden.<ref>Kim Lagziel: In the Arab Village of Abu Ghosh, an Expansion Dream Sours. In: Haaretz. 11. April 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.
Ähnlich Amir Ali Bouirat: قلق في أبو غوش: "وحدات سكنية تُسوّق للمستوطنين". In: Arab48. 30. August 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> 2022 reichte der Gemeinderat eine verwaltungsrechtliche Klage gegen die Israel Land Authority und das Wohnungsministerium ein. Er beanstandete, dass Baugrundstücke nicht vorrangig über lokale „Bau-dein-Haus“-Programme an Ortsansässige verkauft, sondern über öffentliche Ausschreibungen vermarktet worden seien, wodurch sich die relativ arme Bevölkerung Abu Goschs die Grundstücke nicht mehr habe leisten können.<ref>Kleiner Dubrovitsky: אבו גוש: "המדינה משווקת קרקע בניגוד לעמדתנו". In: Calcalist. 24. November 2022, abgerufen am 28. Januar 2026.
Kim Lagziel: "מבחינת היהודים הם ערבים, מבחינת הערבים הם משת"פים": ביישוב אבו גוש חוששים מרוכשי דירות ממזרח ירושלים. In: The Marker. 6. März 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.
Attila Szumpelby, Alexandra Lukash, Einav Halabi: אבו גוש מתנגדת לשיווק קרקעות לתושבי חוץ: "משנה את הדמוגרפיה". In: Ynet News. 8. Juni 2023, abgerufen am 28. Januar 2026.</ref> 2024, nachdem sich gezeigt hatte, dass 90 Prozent der bisherigen Käufer jüdische Israelis waren, erklärten Bauträger, sie hätten von vornherein auf eine jüdisch-israelische Zielgruppe abgezielt, da „man eine jüdische Bevölkerung im Dorf wolle“.<ref>Dror Nir Castel: בדרך להפוך ליישוב מעורב? למעלה מ-90% מהרוכשים בפרויקט חדש באבו גוש - יהודים. In: Nadlan Center. 28. Mai 2024, abgerufen am 28. Januar 2026: „הם רוצים אוכלוסייה יהודית בכפר“</ref>
Besonderheiten
Die 2014 fertiggestellte Akhmad-Kadyrov-Moschee ist die zweitgrößte Moschee in Israel. Sie wurde mit Geldern der Tschetschenischen Regierung gebaut. Das Grundstück wurde vom israelischen Staat zur Verfügung gestellt.<ref>The New Mosque of Abu Ghosh: 23 March 2014 Inauguration ceremony</ref> Bei dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 wurde die Kadyrow-Moschee beschädigt, als in der Nähe der Gebetsstätte eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete einschlug.<ref>Hamas beschießt die zweitgrößte Moschee Israels. 10. Oktober 2023, abgerufen am 9. November 2023.</ref>
Abu Gosch hat gemeinsam mit der Nachbarstadt Mevasseret Zion den einzigen gemischtethnischen arabisch-jüdischen Fußballverein Israels, mit paritätisch arabisch-jüdisch besetztem Vorstand: FC Hapoel Abu Gosch/Mevasseret Zion. Die ethnische Verteilung innerhalb der Mannschaft spiegelt die Größenverhältnisse der beiden Ortschaften wider. Die erste Mannschaft des Vereins spielt in der dritten israelischen Liga und wird von Adidas gesponsert.<ref>Ein Fußballprojekt für den Frieden. In: General-Anzeiger online (Bonn), abgerufen am 17. November 2012.</ref> Die U17-Mannschaft besuchte im Mai 2009 auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland die Bundesrepublik und absolvierte dabei ein Freundschaftsspiel gegen die U17-Mannschaft von Hertha BSC.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Jüdische Allgemeine ( vom 16. Juni 2009 im Internet Archive) (PDF).</ref>
Literatur
- Chris McKinny, Oron Schwartz, Gabriel Barkay, Alexander Fantalkin, Boaz Zissu: Kiriath-Jearim (Deir el-ʿÂzar): Archaeological Ecavations of a Biblical Town in the Judaean Hill Country. In: Israel Exploration Journal, Band 68 (2018), S. 30–49.
- Hamoudi Khalaily, Ofer Marder: The Neolithic Site of Abu Ghosh: the 1995 Excavations (= Israel Antiquities Authorities Reports, Band 19). IAA, Jerusalem 2003. (Open Access)
- R. de Vaux, A.-M. Steve: Fouilles à Qaryet el-ʻEnab. Abū Ġoŝh. J. Gabalda, Paris 1950. (archive.org)
Weblinks
- Offizielle Website
- Städteinformation Abu Gosch, zentralratdjuden.de
Einzelnachweise
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