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Alexander Rahr

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Datei:Alexander Rahr, November 2011.jpeg
Alexander Rahr (2011)

Alexander Rahr (* 2. März 1959 in Taipeh, Republik China (Taiwan)) ist ein deutscher Unternehmensberater, Schriftsteller und Osteuropahistoriker. In die öffentliche Kritik geriet er als Interessenvertreter für das russische Erdgasförderunternehmen Gazprom und wegen seiner vermuteten politischen Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin.<ref>Barbara Kerneck: Ost-Vermittler, Kreml-Versteher: Unterhändler mit zwei Seelen. In: Die Tageszeitung: taz. 16. Oktober 2014, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 13. September 2022]).</ref>

Leben

Alexander Rahr studierte von 1980 bis 1988 Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sein Doktorvater war David Stuart Lane, ein Professor der Cambridge University.<ref>Alexander Rahr auf Twitter: Enjoy article from my ex- „Doktorvater“, twitter.com vom 8. März 2019. Der Tweet verlinkt auf: David Lane: Why the West Blames Russia, valdaiclub.com, 8. März 2019.</ref> Von 1977 bis 1985 war er Mitarbeiter des Forschungsprojekts „Sowjetelite“ des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOst). Er arbeitete von 1982 bis 1994 als Analytiker für Radio Liberty und die Denkfabrik Rand Corporation. Achtzehn Jahre lang arbeitete er für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und war bis zu seinem Wechsel in die Wirtschaft im Mai 2012 Programmleiter des Berthold-Beitz-Zentrums der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik mit Arbeitsschwerpunkt Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien.<ref>Ewald Böhlke neuer Programmleiter des Berthold-Beitz-Zentrums Pressemitteilung DGAP.org</ref>

Rahr saß von 2004 bis 2015 im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Dort war er auch Mitkoordinator der Arbeitsgruppe Zukunftswerkstatt. Seit 2012 war er Projektleiter des Deutsch-Russischen Forums. Dort betreute er die Potsdamer Begegnungen und den Arbeitskreis „Gemeinsamer Raum Lissabon-Wladiwostok“ (mit Ulf Schneider). 2012–2015 war er Senior Advisor der eng mit Gazprom verflochtenen<ref>Tobias Schulze: Ost-Vermittler, Kreml-Versteher: Unterhändler mit zwei Seelen. In: taz.de. 16. Oktober 2014, abgerufen am 7. März 2024.</ref> Wintershall Holding GmbH und Berater des Präsidenten der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer AHK.<ref>Porträt Petersburger Dialog</ref> Er ist Mitglied des russischen Diskussionsklubs „Waldai“ und des ukrainischen Netzwerkes Yalta European Strategy (YES). 2014–2022 war er Stellvertretender Vorsitzender, Mitglied des Beirates des Verbandes der Russischen Wirtschaft in Deutschland. 2015–2022 war er Berater für EU-Angelegenheiten von Gazprom in Brüssel. Seit 2022 ist er Vorsitzender der Eurasien Gesellschaft in Berlin. Zur Vernetzung mit Russland sagte Rahr 2013: «Jede Agentur will beim Russland-Geschäft mit machen, weil da das große Geld ist».<ref>Gemma Pörzgen: „Soft Power“ und Imagepflege aus Moskau: Leichtes Spiel für PR-Offensive in der Medienkrise, Osteuropa, Band 64, Heft 1 Im Namen des Volkes: Revolution und Reaktion (JANUAR 2014), S. 73.</ref>

Er ist Autor zahlreicher Bücher über Russland in mehreren Sprachen, darunter eine Biografie über Michail Sergejewitsch Gorbatschow (1985) und Wladimir Wladimirowitsch Putin (2000).<ref>Thorsten Denkler: Russland-Experte Rahr: „Hinter Putins eiskalter Maske verbirgt sich ein Vulkan“. SZ, 17. Mai 2010.</ref> Rahr veröffentlichte Artikel in der Frankfurter Rundschau, der jungen Welt, der Süddeutschen Zeitung und dem Tagesspiegel.

Rahr assistierte ab 2011 Hans-Dietrich Genschers Bemühungen um die Freilassung des inhaftierten ehemaligen Oligarchen und Kremlkritikers Michail Chodorkowski. Im Dezember 2013 erfolgte Chodorkowskis Freilassung.<ref>Miriam Hollstein: Im Adlon haben wir Wodka getrunken. In: Die Welt. 21. Dezember 2013, abgerufen am 19. März 2021 (Interview mit Alexander Rahr).</ref>

Privatleben

Rahr wurde als Sohn des russischen Journalisten und Kirchenhistorikers deutschbaltisch-skandinavischer Herkunft Gleb Rahr und Sofia geb. Orechowa geboren. Er ist verheiratet mit Anna Rahr (geb. Galperina) und hat einen Sohn und eine Tochter.

Auszeichnungen

2003 wurde Rahr das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er ist Ehrenprofessor des Staatlichen Moskauer Instituts für Internationale Beziehungen und der Wirtschaftshochschule Moskau.

2019 erhielt Rahr den Orden der Freundschaft der Russischen Föderation für sein Engagement in den deutsch-russischen Beziehungen.<ref>Executive Order on awarding Russian Federation state decorations. Abgerufen am 1. Dezember 2019 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>

Kritik

Interview in der Komsomolskaja Prawda 2012

Im Mai 2012 erschien ein breit diskutiertes Interview mit Alexander Rahr in der russischen Zeitung Komsomolskaja Prawda. Mehrere seiner hierbei getätigten Zitate lösten in Deutschland empörte Reaktionen aus.

Das Auswärtige Amt distanzierte sich daraufhin von Rahr mit der Begründung, dass man „bekannt gewordene Äußerungen von ihm zur westlichen Wertepolitik nicht teile“.<ref>Jörg Lau: Energie zum Frühstück – Rechtsstaat und Demokratie sollen nicht nur Floskeln sein: Das Auswärtige Amt distanziert sich von dem Russlandexperten Alexander Rahr. Die Zeit Ausgabe 14/2013, 27. März 2013.</ref> Von Spiegel Online auf sein Interview angesprochen, verteidigte Rahr das heutige Russland. Es sei „authentischer“ als in den neunziger Jahren unter Boris Jelzin. Allerdings fühle er sich von der Komsomolskaja Prawda hereingelegt. Mit der Journalistin sei lediglich ein Hintergrundgespräch abgesprochen gewesen, jedoch kein Wortlautinterview.<ref>Benjamin Bidder: Russland-Experte Rahr: „Deutschlands Ostpolitik hat die Balance verloren“, Spiegel Online, 18. März 2013.</ref> Die Zeit schrieb dazu, ein Video auf der Website der Zeitung, das vier Minuten des Gesprächs zeige, spreche gegen den Vorwurf der Manipulation. Der veröffentlichte Text weiche nicht wesentlich vom aufgezeichneten Gespräch ab.<ref name="zeit.de" />

Nähe zu Wladimir Putin

Datei:Vladimir Putin and Alexander Rahr, November 2011.jpeg
Rahr mit Wladimir Putin beim Waldai-Klub (Moskau, 2011)

Während der Annexion der Krim durch Russland im April 2014 wurde in einigen Medien Kritik an Rahr laut. Am 20. April 2014 erschien in der Tageszeitung Die Welt ein Artikel, in dem sich der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments Elmar Brok und der Europa-Politiker der Partei „Bündnis 90/Die GrünenWerner Schulz kritisch über Rahrs Aktivitäten äußerten. Laut Brok sei Rahr kein unabhängiger Wissenschaftler, sondern ein Lobbyist des Kreml. Schulz warf in demselben Artikel Rahr vor, er propagiere die Strategie Putins, Russland als strategische Rohstoffmacht auszurichten.<ref name="welt.de">Deutscher Putin-Unterstützer gibt den Russland-Experten, Die Welt vom 20. April 2014.</ref>

Auch die NZZ stellte die Gazprom-Beratertätigkeit ins Zentrum und meinte, er werbe „auf deutschen Kanälen vorsichtig verständnisvoll für die Politik Putins, während er im russischen Fernsehen die Bundesrepublik gerne als Erfüllungsgehilfen amerikanischer Einkreisung Russlands bezichtige“.<ref>Deutsches Verständnis für Annexion der Krim - Putins Netzwerker, NZZ, 6. Mai 2014.</ref>

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung befand 2019, dass Rahrs Ruf wegen der Nähe zu Präsident Putin in Deutschland „Schaden genommen“ habe.<ref>Friedrich Schmidt, Die Revolution, die ich nicht meine, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. März 2019, S. 14.</ref> Im Buch Die Moskau Connection (2023) der FAZ-Autoren Reinhard Bingener und Markus Wehner wird Rahr ein führender Apologet des Putin-Regimes in Deutschland genannt.<ref>Reinhard Bingener, Markus Wehner: Die Moskau Connection. Das Schröder-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abhängigkeit. C. H. Beck, München 2023, S. 97.</ref>

Veröffentlichungen

  • Gorbatschow – der neue Mann. (zusammen mit Nikolai Poljanski) Universitas-Verlag, 1986, ISBN 3-8004-1107-5.
  • Wladimir Putin. Der Deutsche im Kreml. Universitas-Verlag, 2000, ISBN 978-3-8004-1408-6.
  • Russland gibt Gas. Hanser-Wirtschaft, 2008, ISBN 978-3-446-41395-5.
  • Putin nach Putin. Universitas-Verlag, 2009, ISBN 978-3-8004-1481-9.
  • Der kalte Freund. Warum wir Russland brauchen: die Insider-Analyse. Hanser-Wirtschaft, München 2011, ISBN 978-3-446-42438-8.
  • 2054: Putin decodiert. Das Neue Berlin, 2018, ISBN 978-3-360-01341-5.
  • Der 8. Mai: Geschichte eines Tages. Das Neue Berlin, 2020, ISBN 978-3-360-01358-3.
  • Anmaßung. Wie Deutschland sein Ansehen bei den Russen verspielt. Das Neue Berlin, 2021, ISBN 978-3-360-01376-7.
  • Das Goldene Tor von Kiew. Das Neue Berlin, 2025, ISBN 978-3-360-02771-9.

Literatur

  • Tatjana Lukina: Das russische München. Verlag Mir e. V., München 2010, ISBN 978-3-9805300-9-5.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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