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Kaffeekrise in der DDR

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Datei:KaffeeMix.jpg
„Kaffee Mix“, bestehend aufgrund der Mangelversorgung aus 51 % Bohnenkaffee

Die Kaffeekrise in der DDR war das Ergebnis von Versorgungsschwierigkeiten mit Kaffee Ende der 1970er Jahre in der DDR.

Situation

Um 1977 kam es in der DDR zu Problemen bei der Versorgung des Binnenhandels mit dieser nur gegen Devisen auf dem Weltmarkt erhältlichen Ware. Mittelbar führte die DDR-Kaffeekrise zu Veränderungen im weltweiten Kaffeemarkt. Außenpolitisch markierte die Kaffeekrise eine Neuorientierung der DDR-Außen- und Entwicklungspolitik<ref name="Wirz">Afrika und das andere: Alterität und Innovation Von Vereinigung von Afrikanisten in Deutschland Jahrestagung, Heike Schmidt, Albert Wirz Veröffentlicht von LIT Verlag Berlin-Hamburg-Münster, 1998, ISBN 3-8258-3395-X</ref> hin zu einer deutlich stärkeren Ökonomisierung.<ref name="Döring Diss">Hans-Joachim Döring: Entwicklungspolitik und Solidarität in der DDR, dargestellt an Beispielen der staatlichen Zusammenarbeit mit Mosambik und Äthiopien und der entwicklungsbezogenen Bildungsarbeit unabhängiger Gruppen (PDF; 797 kB) Diss., TU Berlin 2007</ref> Insbesondere wurden Tauschgeschäfte von Waffen und LKW aus der DDR gegen Rohkaffee und Energierohstoffe aus den Partnerländern angestrebt.<ref name="Döring">Hans-Joachim Döring: „Es geht um unsere Existenz“. Die Politik der DDR gegenüber der Dritten Welt am Beispiel von Mosambik und Äthiopien. (Forschungen zur DDR-Gesellschaft), Ch. Links Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-86153-185-2, S. 115 ff.</ref>

Vorgeschichte

Ähnlich wie fast im gesamten Nachkriegseuropa war Kaffee in der Sowjetischen Besatzungszone nach 1945 Mangelware. Die ersten Kaffeeimporte der DDR erfolgten über die Sowjetunion. Die Einstellung dieser Lieferungen 1954 führte zu einer der ersten Versorgungskrisen und intensivierte die Bemühungen, notwendige Devisen zum Ankauf des begehrten Rohstoffs zu erwirtschaften. Ab 1957 wurde in der DDR Röstkaffee hergestellt. Kaffee entwickelte sich bis in die 1970er Jahre zu einem der wichtigsten Posten im Budget der DDR-Privathaushalte, wobei Geschenke westdeutscher Verwandter etwa 20 Prozent des Bedarfs deckten.<ref>Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989. Econ & List, München 1999, S. 328 ff.</ref> Ab den 1960er Jahren war in der DDR zwar die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln gesichert, Luxus- und Konsumgüter sowie Delikatessen waren aber kaum verfügbar.<ref>Volker Wünderich: Die „Kaffeekrise“ von 1977. Genußmittel und Verbraucherprotest in der DDR. In: Historische Anthropologie 11 (2003), S. 240–261</ref> Dies führte indirekt, neben einem deutlich erhöhten Verbrauch von Genussmitteln wie Süßwaren, Tabak und alkoholischen Getränken, zu einem erhöhten Verbrauch an Bohnenkaffee (3,6 Kilogramm pro Kopf und Jahr) in den 1970er Jahren. Zu jener Zeit gaben DDR-Bürger 3,3 Milliarden Mark pro Jahr für Kaffee aus, fast ebenso viel wie für Möbel und nahezu doppelt so viel wie für Schuhe.<ref>Annette Kaminsky: Illustrierte Konsumgeschichte der DDR. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 1999, ISBN 3-931426-31-9</ref>

Kaffeekrise 1977

Eine eigentliche Kaffeekrise begann 1976. Damals waren die Weltmarktpreise für Kaffee aufgrund einer Missernte in der Saison 1975/6 in Brasilien dramatisch angestiegen und zwangen die DDR, statt etwa 150 fast 700 Millionen Valutamark bzw. etwa 300 Millionen Dollar am Weltmarkt pro Jahr für Kaffeeimporte auszugeben.<ref>DDR: Die Bürger werden aufsässig. In: Der Spiegel. Nr. 43, 1977, S. 46–65 (online – hier S. 53).</ref> Parallel kamen die Auswirkungen der Ölkrise von 1973 aufgrund der im Fünfjahresmittel des Weltmarktpreises festgelegten RGW-Verrechnungspreise erst Mitte der 1970er Jahre in der DDR an.<ref>Rainer Karlsch, Raymond G. Stokes: Faktor Öl: Die Mineralölwirtschaft in Deutschland 1859–1974. 1. Auflage, C. H. Beck, 2003</ref> Die SED-Führung drosselte die Importe von Nahrungs- und Genussmitteln insgesamt, um dringend benötigte Devisen für die Einfuhr von Erdöl zur Verfügung zu haben.<ref>André Steiner: Bundesrepublik und DDR in der Doppelkrise europäischer Industriegesellschaften. Zum sozialökonomischen Wandel in den 1970er Jahren. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History. Online-Ausgabe, 3 (2006) H. 3</ref>

Die von Alexander Schalck-Golodkowski empfohlene Einstellung des Kaffeeimports konnte das Politbüro-Mitglied Werner Lamberz mit Rüstungs- und Tauschgeschäften, etwa mit Äthiopien, noch abwenden.<ref>Ariane Mohl: Blaue gegen braune Bohnen. Die Stadt Luckenwalde will den DDR-Chefideologen Werner Lamberz mit einer Erinnerungsstelle würdigen. In: Märkische Allgemeine. 22. Mai 2007</ref><ref>Kaffee gegen Waffen In: MDR Zeitreise vom 6. August 2014</ref> Auch lieferte die DDR allradgetriebene, für den Kaffeeanbau im bergigen Gelände taugliche LKW W 50 nach Angola und erhielt im Gegenzug Kaffee.<ref name=":0">Maritta Adam-Tkalec: Als der Kaffee in der DDR plötzlich eine teure Mangelware wurde. 28. Juli 2022, abgerufen am 10. November 2024.</ref> Jedoch wurde die bis dahin angebotene billigste (7,50 Mark pro 125 Gramm<ref name=":0" />) Kaffeesorte „Kosta“ eingestellt und nur noch die um 12,5 bzw. 25 Prozent teureren Sorten „Rondo“ und „Mona“ angeboten.<ref>Mitteilung des Ministeriums für Handel und Versorgung vom September 1977, Berlin (ADN)</ref> Außerdem kam mit dem Kaffee-Mix eine Mischkaffeesorte mit 49-prozentigem Ersatzkaffeeanteil<ref name=":0" /> zum Preis von 4 Mark pro 125 Gramm auf den Markt.<ref>Gudrun Janicke: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Kaffee-Mix aus der DDR: „Erichs Krönung“ (Memento des Vorlage:IconExternal vom 9. Februar 2022 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.svz.de In: Schweriner Volkszeitung vom 26. September 2017</ref> Von einer Kontingentierung wurde abgesehen. Man ging davon aus, die Bevölkerung sei in der Lage, sich über Verwandte in der Bundesrepublik mit Kaffee zu versorgen. Die steigende Nachfrage für das typische Gegengeschenk der Ostdeutschen, den Dresdner Christstollen, bescherte der DDR-Wirtschaft ebenfalls Probleme, da Zutaten wie Mandeln, Korinthen und Orangeat ebenfalls nur für Devisen erhältlich waren. Schalck-Golodkowski konnte sich aber 1978 mit einem Stollenschenkverbot<ref name="Sigmund" /> nicht durchsetzen.

Die Bürger der DDR<ref>Hans-Joachim Döring 1999, a. a. O, S. 121</ref> lehnten den Kaffee-Mix überwiegend ab und empfanden den Kaffeemangel als Angriff auf ein zentrales Konsumbedürfnis und einen wichtigen Bestandteil der Alltagskultur. Spottnamen wie „Edescho“ (für „Erichs Devisenschoner“, anspielend auf Eduscho) oder „Erichs Krönung“ (anspielend auf Jacobs Krönung) wurden geprägt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Schweriner Volkszeitung zu Erichs Krönung (Memento des Vorlage:IconExternal vom 9. Februar 2022 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.svz.de</ref> Der Kaffeemix führte zu Ausfällen an Kaffeemaschinen in der Gastronomie, da der Mixtur u. a. Erbsenmehl beigemischt war. Das darin enthaltene Eiweiß quoll unter Druck und Hitze auf und verstopfte die Filter.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Kaffee in der DDR (Memento vom 1. August 2010 im Internet Archive)</ref> Es kam zu zahlreichen Eingaben und empörten Reaktionen gegenüber verschiedenen Gremien sowie zu Protesten.<ref>Felix Mühlberg: Bürger, Bitten und Behörden. Geschichte der Eingabe in der DDR (= Texte 11 der Rosa-Luxemburg-Stiftung), 2004, ISBN 3-320-02947-9.</ref> Als sich der Kaffeepreis nach 1978 mit der Entspannung auf dem Kaffeemarkt<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Kosta, Rondo, Kaffeemix – Honeckers Kaffeekrise MDR.DE Sendung vom 16. Januar 2007 (Memento vom 3. Oktober 2010 im Internet Archive)</ref> wieder normalisierte, blieb die Devisenbeschaffung für diesen Konsumartikel in den 1980er Jahren in der DDR ein Problem, und die nach wie vor andauernden Versorgungskrisen führten zu Gesichtsverlusten der politischen Führung. Es wird angenommen, dass 20 bis 25 Prozent des gesamten Kaffeeverbrauches in der DDR in den Jahren von 1975 bis 1977 als Bestandteil des klassischen Westpakets aus der Bundesrepublik kamen.<ref name="Sigmund">Kaffee in beiden deutschen Nachkriegsstaaten: Konsum, Diskurs, Deutung und Beziehungen, laufende Dissertation von Monika Sigmund, seit 2003 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, seit Juli 2007 Stipendiatin der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</ref> Dem Kaffee kam damit eine weit über die Rolle als Genussmittel und – nach Öl – wichtigstem Welthandelsprodukt<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />kaffeeverband.de (Memento vom 21. August 2006 im Internet Archive) Reader des deutschen Kaffeeverbandes, Stand 2004</ref> reichende Funktion als innerdeutschem Symbol zu.

Als direkte Auswirkung der Kaffeekrise instruierte die politische Führung der DDR deshalb zunächst den Zoll, großzügig darüber hinwegzusehen, wenn in Westpaketen oder im Gepäck von DDR-Besuchern aus dem Westen mehr Kaffee als erlaubt zu finden war.<ref>Maritta Adam-Tkalec: Als der Kaffee in der DDR plötzlich eine teure Mangelware wurde. 28. Juli 2022, abgerufen am 10. November 2024.</ref> Schließlich wurde im September 1977 die bis dahin begrenzte Kaffeemenge für die persönliche Mitnahme in die DDR sowie für Pakete als Geschenksendungen aus der Bundesrepublik aufgehoben und somit unbegrenzte Mengen zugelassen.<ref>Gesetzblatt der DDR Teil I Nr. 29 vom 21. September 1977, S. 335 (Durchführungsbestimmungen zum Zollgesetz der DDR vom 19. September 1977)</ref>

Auswirkungen in der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik führte die Preissteigerung bei Kaffee 1977 nicht zu Versorgungsengpässen. Es wurden aber im unteren Preissegment günstigere Kaffeesorten<ref name="Sigmund" /> verwendet. Surrogatmischungen<ref>Kaffee- und Teemarkt 6. Mai 1977 Seite 3, verweist auf ähnliche Entwicklungen in den USA</ref> wurden 1977 unter Markennamen wie „Caro mit“, „Jota-Sport“, „Aromata“ oder „Rogga halb & halb“ eingeführt, aber nur begrenzt angenommen. Kaffeehändler wie Tchibo und später Eduscho begannen in den 1970er Jahren, Kaffee zusammen mit Non-Food-Artikeln im Rahmen von Cross-Selling anzubieten; das kann ebenfalls den Auswirkungen der Krise am Kaffeemarkt im Westen zugeschrieben werden.<ref name="Sigmund" />

Einfluss auf die Kaffeeproduktion in Vietnam

Die Beziehungen zwischen der DDR und Nordvietnam waren außerordentlich eng, was bis heute eine enge Verbindung zwischen Vietnam und Deutschland<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />ihk-koeln.de (Memento vom 18. April 2009 im Internet Archive) IHK-Länderschwerpunkt Vietnam Stand 10/2003, demnach waren über 100.000 Vietnamesen zu Arbeit, Ausbildung und Studium in der DDR, die über 10.000 Akademiker machen einen bedeutenden Anteil der vietnamesischen Elite aus</ref> zur Folge hat.<ref>Andreas Margara: Geteiltes Land, geteiltes Leid. Geschichte der deutsch-vietnamesischen Beziehungen von 1945 bis zur Gegenwart, Berlin 2022, ISBN 978-3-947729-62-3</ref> In Vietnam war bereits 1926 unter französischer Herrschaft in geringen Mengen Kaffee angebaut worden.<ref name="BS">Bernd Schaefer: Socialist Modernization in Vietnam: The East German Approach, 1976–1989 – in: Comrades of Color – East Germany in the Cold War World, Edited by Quinn Slobodian, New York 2015, ISBN 978-1-78238-705-3, S. 108 ff.</ref> Ab 1975, weitgehend parallel mit der Kaffeekrise in der DDR, wurde mit dem systematischen Anbau von Robusta-Kaffeesorten begonnen. Diese wachsen schneller, enthalten mehr Coffein, lassen sich im vietnamesischen Hochland anbauen und leichter mechanisiert ernten. Gegenüber den Arabica-Kaffees sind die Qualität und das Preisniveau geringer.

In den Jahren 1980 und 1986 wurden unter dem Eindruck der Kaffeekrise des Jahres 1977 zwei Regierungsabkommen zwischen der DDR und Vietnam geschlossen. Die DDR lieferte die Ausrüstung und die Maschinen, die für den Aufbau nötig waren, Vietnam erhöhte die bewirtschaftete Fläche von 600 auf 8600 Hektar und schulte einheimisches Fachpersonal auch in der DDR im Pflanzenbau.<ref name="BS" /> Insbesondere lieferte die DDR für das neugegründete Kombinat Viet-Duc LKW, technische Geräte, Bewässerungssysteme und baute in Dray Linh für den Gegenwert von 20 Millionen US-Dollar ein Wasserkraftwerk zur Stromerzeugung.<ref name="BS" /> Für 10.000 von der Küste umgesiedelte Menschen, die für Anbau und Ernte eingeplant waren, baute die DDR Unterkünfte und Versorgungseinrichtungen. Die DDR sollte als Gegenwert über den Zeitraum von 20 Jahren die Hälfte der gesamten vietnamesischen Kaffee-Ernte bekommen.<ref name="BS" /> Doch Kaffee braucht vom Anpflanzen bis zur Ernte acht Jahre. Im Jahr 1990 sollte es die erste verwertbare Ernte geben.<ref>daklakcoffee.de: Vietnam und die DDR schließen “Kaffeeabkommen”, abgerufen am 14. Juni 2016</ref>

Vietnam gelang es nach 1990, sich sehr bald auf dem Weltmarkt als zweitgrößter Anbieter nach Brasilien zu etablieren und insbesondere traditionelle afrikanische Kaffeeanbauländer vom Markt zu verdrängen. Hilfreich dabei war die Aufhebung des Handelsboykotts der USA gegenüber Vietnam. Zusammen führte dies 2001 – nun durch Überversorgung – zu einer weiteren globalen Kaffeekrise. Laut den Länderinformationen des Auswärtigen Amts ist Deutschland (2008) vor den USA der größte Abnehmer vietnamesischen Kaffees.

Weblinks

Einzelnachweise

<references />