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Friedrich Magirius

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Friedrich Magirius (Krakau, Polen, 2021)

Friedrich Magirius (* 26. Juni 1930 in Dresden; † 13. Oktober 2025<ref>Leipzigs Ehrenbürger Friedrich Magirius gestorben. In: leipzig.de. 14. Oktober 2025, abgerufen am 14. Oktober 2015.</ref> in Leipzig) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Theologe und Kommunalpolitiker. Er war Pfarrer an der Dresdner Kreuzkirche und der Leipziger Nikolaikirche, von 1982 bis 1995 Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig-Ost sowie von 1990 bis 1994 Stadtpräsident von Leipzig.

Familie

Vater Martin Magirius (1899–1962)<ref>Geburtsregistereintrag Friedrich Martin Magirius, Standesamt Dresden IV, 1899, Nr. 649, verfügbar bei Ancestry.com, abgerufen am 26. Dezember 2023.</ref> war Amtsgerichtsrat, die Mutter Hanna (geb. Schreckenbach, 1899–1983)<ref>Heiratsregistereintrag Friedrich Martin Magirius, Standesamt Dresden X, 1927, Nr. 68, verfügbar bei Ancestry.com, abgerufen am 26. Dezember 2023.</ref><ref>Geburtsregistereintrag Hanna Elisabeth Amalie Schreckenbach, Standesamt Kaditz, 1899, Nr. 217, verfügbar bei Ancestry.com, abgerufen am 14. Oktober 2025.</ref> Berufsschullehrerin. Der Kunsthistoriker Heinrich Magirius war sein jüngerer Bruder, der Archivar und Historiker Hans-Joachim Schreckenbach sein Cousin.<ref name="beck2022">Friedrich Beck und Klaus Neitmann: Hans-Joachim Schreckenbach. Geb. 19. September 1928 Dresden, gest. 19. September 2021 Köln. In: Archivar. Band 75, Heft 3, 2022, Seite 292.</ref> Magirius war verheiratet und hatte drei Kinder.<ref>Theologe Friedrich Magirius gestorben. Abgerufen am 15. Oktober 2025.</ref>

Beruflicher Werdegang

Friedrich Magirius wuchs bis zum Abitur in Radebeul auf. Er studierte Theologie - zunächst von 1948 bis 1950 an der Kirchlichen Hochschule Berlin-Zehlendorf in West-Berlin. Parallel dazu wirkte er als Erzieher im Internat der Wilhelm-von-Türkschen Stiftung - ehemals Zivil-Waisenhaus Klein-Glienicke.<ref>Gerhard Ludwig Petzholtz: Klein Glienicke – Große Geschichte. Buchkontor Teltow 2018, Seiten 126–129, ISBN 978-3-947422-03-6.</ref> Ab Herbst-Semester 1950 wechselte er bis zu seinem Studienende 1953 an die Universität Greifswald. Sein Vikariat absolvierte er bei der Inneren Mission in Sachsen und in der Kirchengemeinde Löbau. Ab 1955 wirkte Magirius als Internatsleiter und Lehrer an der kirchlichen Vorschule am Diakonenhaus Moritzburg.

1958 trat er seine erste Pfarrstelle in Einsiedel an, später wurde er Pfarrer an der Dresdener Kreuzkirche. Von 1974 bis 1982 war er Leiter der Aktion Sühnezeichen in der DDR, wobei er sich in Polen Ansehen erwarb.

Von 1982 bis zu seiner Pensionierung 1995 war Magirius Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig-Ost und gemeinsam mit Christian Führer Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche, wo er Einfluss<ref>Vgl. Gesellschaft für Zeitgeschichte: Friedensgebete.</ref> auf den Verlauf der Leipziger Montagsdemonstrationen und die Revolution von 1989 hatte.<ref>Vgl. Christian Dietrich, Uwe Schwabe (Hrsg. im Auftrag des Archives Bürgerbewegung e. V. Leipzig): Freunde und Feinde. Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989. Dokumentation. (PDF-Datei; 3,91 MB) Mit einem Vorwort von Harald Wagner, Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt, 1994.</ref>

Politisches Wirken

Seine Rolle vor und während der friedlichen Revolution 1989 ist umstritten. Ihm Wohlgesinnte versuchen ihn als „Mann des Ausgleichs“ darzustellen.<ref>Christine Reuther: Ein Mann des Ausgleichs. In: Der Sonntag. Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens. 24. Juni 2010, archiviert vom Vorlage:IconExternal am 15. März 2014; abgerufen am 5. August 2018.</ref> Viele Leipziger DDR-Bürgerrechtler kritisieren, Magirius habe als Kirchenfunktionär stets gegen sie gearbeitet.<ref>Offener Brief ehemaliger Mitwirkender in subversiven Gruppen Leipzigs an Friedrich Magirius anlässlich einer geplanten Ehrung; 22. Februar 1995.</ref> Auch als Moderator des „Runden Tisches“ habe er seine Einseitigkeit zugunsten der alten Parteien und Organisationen des SED-Staates nicht zu verbergen vermocht. Er sei für die Beendigung der Montagsdemonstrationen eingetreten, habe sich damit jedoch nie durchsetzen können.

Besonders im Vorfeld von Auszeichnungen wandten sich Akteure aus dem einstigen organisierten Widerstand an die Öffentlichkeit, zuletzt 2005 vor Verleihung der Ehrenmedaille der Stadt Leipzig.<ref>Offener Brief an OBM Wolfgang Tiefensee vom 14. Juni 2005 sowie Offener Brief an Friedrich Magirius vom 23. Juni 2005.</ref>

Die Absetzung des SED-kritischen Pfarrers Christoph Wonneberger als Koordinator für die Friedensgebete an der Leipziger Nikolaikirche im August 1988<ref>Robert-Havemann-Gesellschaft: Friedliche Revolution 1989/90.</ref> ging auf eine Entscheidung von Magirius zurück.<ref>Neues Forum Leipzig: Zur Geschichte der Friedensgebete. 25 Jahre Friedensgebete in St. Nikolai 2007.
<templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Rubrik Stasi: Pfarrer denunzierte Pfarrer (Memento vom 14. Oktober 2013 im Internet Archive). In: FOCUS-Magazin Nr. 2 vom 9. Januar 1995, S. 13.</ref> Er schrieb: „Lieber Bruder Wonneberger […] Wir haben eine neue Gestaltung der Friedensgebete für die nächsten Wochen vorbereitet. Meinerseits stelle ich noch einmal fest, dass Sie damit von Ihrer bisherigen Aufgabe entbunden sind.“<ref>Peter Wensierski: Handeln statt Beten. In: Der Spiegel. 43/2009, 19. Oktober 2009, S. 42–46, hier S. 45, abgerufen am 15. Oktober 2025.</ref> Auch Christian Führer, der Pfarrer der Nikolaikirche, beugte sich dem Druck staatlicher Stellen und unterstützte die Superintendentur Ost beim Ausschluss aller Leipziger Bürgerrechtsgruppen von der Gestaltung der Friedensgebete.<ref>Robert-Havemann-Gesellschaft: Friedliche Revolution 1989/90. Vgl. Christian Dietrich, Uwe Schwabe: Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebeten in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989. Hrsg. im Auftrag des Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V., Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1994, ISBN 3-374-01551-4.</ref>

Erst nach mehreren Monaten intensiver Protestaktionen konnten Christoph Wonneberger und die organisierte Leipziger Opposition – wie Arbeitsgruppe Menschenrechte, Arbeitskreis Gerechtigkeit Leipzig, Initiativgruppe Leben, Arbeitsgruppe Umweltschutz, Frauen für den Frieden – einen Kompromiss erreichen, der den Gruppen die Gestaltung der Friedensgebete unter der Leitung und Verantwortung jeweils eines Pfarrers ermöglichte. Die Gruppen wurden dann neben Christoph Wonneberger von den evangelischen Pfarrern Klaus Kaden und Rolf-Michael Turek sowie dem katholischen Priester Hans-Friedrich Fischer unterstützt.<ref>Christian Dietrich: Fallstudie Leipzig 1987–1989. Die politisch-alternativen Gruppen in Leipzig vor der Revolution. Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ Band VII/1, 1995; Christian Dietrich, Uwe Schwabe im Auftrag des Archiv Bürgerbewegung e. V. (Hrsg.): Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989; Leipzig 1994.</ref><ref name="Wensierski">Peter Wensierski: Handeln statt Beten. In: Der Spiegel. 43/2009, 19. Oktober 2009, S. 42–46, abgerufen am 15. Oktober 2025.</ref>

Magirius selbst verteidigte sein Handeln laut Hamburger Abendblatt vom 15. Februar 1992 mit den Worten: „Als Christ sitzt man immer zwischen den Stühlen. Christus wurde dafür ans Kreuz geschlagen.“

Magirius verhinderte auch erfolgreich ein Kommunikationszentrum (KOZ) ähnlich der Berliner Umweltbibliothek (oder anderer Umweltbibliotheken) in Leipzig. Zunächst spielte er auf Zeit und gab die Absage der Gemeinde der Heilig-Kreuz-Kirche nicht an den Trägerkreis des Kommunikationszentrums weiter. Dort hatte Pfarrer Erler, der als IM Amos für das Ministerium für Staatssicherheit tätig war, den Trägerkreis von November 1988 bis zum Winter 1989 in der Annahme gelassen, es läge eine Zusage der Gemeinde vor. Brigitte Moritz vom Trägerkreis des KOZ sagte 1991, Pfarrer Erler habe „massiv gegen uns gearbeitet“. Magirius beteiligte sich an diesem Spiel.

Der Trägerkreis des KOZ wollte danach aus taktischen Gründen zunächst einmal nur eine Gemeindebibliothek in der Markusgemeinde einrichten, wo Rolf-Michael Turek Pfarrer war. Superintendent Magirius sprach sich im Juli 1989 gegen den Trägerkreis und gegen die Installierung eines KOZ aus und gab Rolf-Michael Turek telefonisch zu verstehen, „daß der Trägerkreis des KOZ kein von der Kirche gewolltes Gremium ist. Der Trägerkreis sei demzufolge ‚gegenüber dem Kirchenvorstand der Markusgemeinde nicht antragsberechtigt‘“.<ref>Wie die Leipziger Stasi ein „KOZ“ verhinderte. Durch indirekten Einfluß über IMs und über direkten Einfluß auf die Kirchenleitung verhinderte die Staatssicherheit eine Leipziger „Umweltbibliothek“. In: Die Tageszeitung. 25. Februar 1991, abgerufen am 14. Oktober 2025.</ref>

Schon im Herbst 1989 war ein Kommunikationszentrum der kirchlichen Oppositionskreise von der Geschichte überholt worden (siehe Wende und friedliche Revolution in der DDR). Magirius hatte es erfolgreich verhindert.

Magirius moderierte während der Revolution 1989/90 den Leipziger Runden Tisch. Die nach der Friedlichen Revolution frei gewählte Stadtverordnetenversammlung von Leipzig wählte ihn am 30. Mai 1990 zu ihrem Präsidenten. Magirius hatte das nur während dieser Übergangszeit existierende Ehrenamt des Stadtpräsidenten bis 1994 inne.<ref>Biografie des ehemaligen Nikolaikirche-Pfarrers Friedrich Magirius erschienen. In: lichtfest.leipziger-freiheit.de. 10. März 2017, abgerufen am 5. August 2018.</ref>

Magirius starb am 13. Oktober 2025 im Alter von 95 Jahren in Leipzig.<ref>„Wenn wir nichts tun, nutzt alles Beten nichts“ – Leipzigs Ehrenbürger Friedrich Magirius ist tot. In: lvz.de. 14. Oktober 2025, abgerufen am 14. Oktober 2025.</ref>

Ehrungen

Literatur

  • Friedrich Magirius: Gelebte Versöhnung – Meine Erinnerungen. Autobiographie. Mitteldeutscher Verlag Halle/Saale 2017, ISBN 978-3-95462-796-7
  • Karl Czok (Hrsg.): Nikolaikirche, offen für alle. Hrsg. auf der Grundlage der Handakten von Christian Führer und Friedrich Magirius. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1999, ISBN 3-374-01740-1.
  • Ehrhart Neubert: Magirius, Friedrich. In: Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Band 2. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4, S. Vorlage:VonBis (bundesstiftung-aufarbeitung.de).
  • Thomas Rudolph, Oliver Kloss, Rainer Müller, Christoph Wonneberger (Hrsg.): Weg in den Aufstand. Chronik zu Opposition und Widerstand in der DDR vom August 1987 bis zum Dezember 1989. Bd. 1, Leipzig, Araki, 2014, ISBN 978-3-941848-17-7; Vorwort als Leseprobe.
  • Hermann Geyer: Nikolaikirche, montags um fünf. Die politischen Gottesdienste der Wendezeit in Leipzig. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007 (Universität Leipzig, Habilitationsschrift, 2006), ISBN 978-3-534-18482-8, Inhaltsverzeichnis.
  • Sylvia Kabus: Neunzehnhundertneunundachtzig. Psychogramm einer Stadt. Beucha, Sax Verlag, 2009, ISBN 978-3-86729-041-8, S. 157, 160 f., 164–168, 170–175.
  • Friedrich Magirius in: Internationales Biographisches Archiv 50/1997 vom 1. Dezember 1997, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)

Weblinks

Commons: Friedrich Magirius – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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