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Zimbelkraut

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Zimbelkraut
Datei:Cymbalaria-muralis-2036.jpg

Zimbelkraut (Cymbalaria muralis)

Systematik
Asteriden
Euasteriden I
Ordnung: Lippenblütlerartige (Lamiales)
Familie: Wegerichgewächse (Plantaginaceae)
Gattung: Zimbelkräuter (Cymbalaria)
Art: Zimbelkraut
Wissenschaftlicher Name
Cymbalaria muralis
G.Gaertn., B.Mey. & Scherb.

Das Zimbelkraut (Cymbalaria muralis, synonym Linaria cymbalaria), auch Zymbelkraut, Mauer-Zimbelkraut oder Eustett (Schweiz)<ref name="Pritzel1882" /> genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Cymbalaria innerhalb der Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae).

Beschreibung

Datei:Cymbalaria muralis Sturm21.jpg
Illustration aus Sturm
Datei:Cymballaria muralis.JPG
Habitus, Laubblätter und Blüten
Datei:Cymbalaria muralis close up.jpg
Zygomorphe Blüten im Detail
Datei:Cymbalaria February 2008-1.jpg
Gestielte Laubblätter und Blüte von der Seite mit Kelch und Sporn
Datei:(MHNT) Cymbalaria muralis - fruits.jpg
Früchte

Vegetative Merkmale

Das Zimbelkraut ist eine ausdauernde, krautige Pflanze. Die fadenförmigen, kletternden oder hängenden, kahlen bis behaarten Stängel sind bis zu 60 Zentimeter lang. Die kleinen, kahlen, langstieligen, wechsel- bis gegenständigen, herzförmigen, gelappten, ganzrandigen, bis 1,5–5,5 Zentimeter großen Laubblätter sind unterseits manchmal violett gefärbt. Die rundlichen bis dreieckigen 5–9 Blattlappen sind oft feinstachelspitzig oder abgerundet.

Generative Merkmale

Die gestielten Blüten erscheinen einzeln und achselständig. Die relativ kleinen, zwittrigen, fünfzähligen und hellvioletten bis violett, selten weißen Blüten sind zygomorph mit doppelter Blütenhülle. Die zweilippigen Blütenkronen sind gespornt. Die Blütenröhre ist mit einem gelben „Gaumen“ maskiert, von einer Wölbung der dreilappigen Unterlippe verschlossen. Dies schließt schwache Insekten von der Bestäubung aus (Kraftblume). Die Maskierung täuscht große Staubbeutel vor, ein Signal an pollensammelnde Insekten.<ref name="Imhof" /> Die kurzen und eingeschlossenen vier Staubblätter sind didynamisch. Der Fruchtknoten ist oberständig mit schlankem Griffel. Es werden kleine, kahle und rundliche, vielsamige Kapselfrüchte mit Griffelresten an langen Fruchstielen mit beständigem Kelch gebildet. Die grob texturierten Samen sind etwa einen Millimeter groß.

Die Blütezeit reicht von der zweiten Aprilhälfte bis September,<ref>, S. 268.</ref> die Fruchtreife von August bis September.<ref name="Düll2005" />

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 14.<ref name="Oberdorfer2001" />

Ökologie

Das Zimbelkraut ist ein ausdauernder Hemikryptophyt bzw. ein krautiger Chamaephyt.

Blütenökologisch handelt es sich um homogame „Maskenblumen“ mit Kronblattsporn. Die gelben Blütenmale außen auf der Unterlippe der Blüte wirken als Staubbeutelattrappen. Die Blüten wenden sich zum Licht (sie sind positiv phototrop). Bestäuber sind Bienen und Schwebfliegen. Auch Selbstbestäubung in den Blütenknospen kurzer, sich in die Erde einbohrender Seitenzweige mit geschlossen bleibenden Blüten (Kleistogamie) kommt vor.<ref name="Düll2005" />

Der Fruchtstiel wächst nach der Befruchtung aus. Die kleinen, dreiklappigen Porenkapseln springen auf und setzen die Samen frei. Der letzte Samen bleibt mit der Frucht fest verbunden, deren Fruchtstiel schließlich weg vom Licht (negativ phototrop) und damit beispielsweise in Mauerspalten hinein wächst. So erhalten die Samen mit großer Sicherheit ein günstiges Keimbett. Zimbelkraut ist damit das klassische Lehrbuchbeispiel für Phototropismus. Das Zimbelkraut ist ein Selbstaussäer, ein Dunkelkeimer und ein Gartenflüchter.<ref name="Düll2005" />

Herkunft und Vorkommen

Das Zimbelkraut stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Ursprüngliche Standorte waren Felsen der Gebirge Norditaliens und der nördlichen Adria. Das Zimbelkraut wurde etwa im 16. Jahrhundert in Mitteleuropa als Zier- und Heilpflanze eingebürgert (angesalbt) und ist heute weltweit an Felsen, aber vor allem in Mauerritzen zu finden (etablierter Neophyt).<ref name="NiSH" /> Es bevorzugt warme, aber halbschattige bis sonnige, etwas feuchte Mauern und Mauerritzen. Nach Ellenberg ist es eine Halblichtpflanze, ein Wärmezeiger, subozeanisch verbreitet und mäßig stickstoffreiche Standorte bevorzugend. Es ist eine Klassencharakterart wärmeliebender Mauer-Kraut-Gesellschaften (Parietarietea, Parietarietalia judaicae).<ref name="Ellenberg" /> Nach Oberdorfer ist die Art in Mitteleuropa häufig Charakterart des Cymbalarietum muralis aus dem Verband Centrantho-Parietarion.<ref name="Oberdorfer2001" />

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3+w (feucht aber mäßig wechselnd), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 2 (subozeanisch).<ref name="InfoFlora" />

Denkmäler als natürlicher Lebensraum

Burgen, Mauern und Ruinen bilden oft den natürlichen Lebensraum von Zimbelkraut, wo es das unverfugte, nicht zu sehr beschattete Mauerwerk besiedelt. Da keine mechanische Beanspruchung des Mauerwerks durch Wurzeldruck erfolgt und keine Penetration des Wurzelwerks in intaktes Gestein möglich ist, kann der Bewuchs nicht als schädigend für das Gestein eingestuft werden. Die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VDL) betrachtet in ihrem Arbeitsheft zur Vorsorge, Pflege, Wartung und Instandhaltung von Baudenkmälern den Schutz des Denkmals und der Natur als gleichrangige Ziele und empfiehlt für Baudenkmäler eine naturverträgliche Instandsetzung und den Erhalt des Lebensraums.<ref>Vereinigung der Landesdenkmalpfleger: Vorsorge, Pflege, Wartung: Empfehlungen zur Instandhaltung von Baudenkmälern und ihrer Ausstattung. (PDF) In: www.vdl-denkmalpflege.de. Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, 2016, abgerufen am 7. August 2022.</ref>

Schloss Trøjborg

Die Ruine des Wasserschlosses Trøjborg ist von Zimbelkraut überwachsen. Dazu heißt es auf der Informationstafel (übersetzt aus dem Dänischen): „Die Ruine wird so weit wie möglich von Pflanzenbewuchs freigehalten, der die Mauern zerstört und verdeckt. Einige Pflanzen dürfen jedoch an den Wänden wachsen, weil sie hier ihren natürlichen Lebensraum haben und gleichzeitig zu selten sind. Dies gilt für das Zimbelkraut mit kleinen rotvioletten Blüten und herabhängenden Ästen sowie für die Mauerraute.“

Botanische Geschichte und Systematik

Die erste Erwähnung findet diese Pflanzenart in den Kräuterbüchern von Lonicer (1582)<ref name="Lonitzer" /> und Matthiolus (1586),<ref name="Mattioli" /> wo sie auch als Heilpflanze beschrieben wird.

1644 wurde sie erstmals in Mitteleuropa (Niederlande) nachgewiesen. Es heißt, sie sei mit Skulpturen aus Italien nach Norden gereist.<ref name="Imhof" />

Die Bezeichnung 'Zymbalkraut' wird erstmals von Zwinger (1696)<ref name="Zwinger" /> verwendet. Die therapeutischen Anwendungsgebiete für diese Pflanzenart waren sehr unterschiedlich, doch scheinen die Hauptindikationen Wunden, Entzündungen verschiedener Art und Frauenleiden gewesen zu sein. Hauptinhaltsstoffe sind Iridoide.

Der Schriftsteller Heinrich Seidel beschreibt in der Skizze „Linaria cymbalaria“, wie er ab 1890 diese Pflanzenart in Berlin „ansalbte“.<ref name="Seidel" />

Taxonomie und Systematik

Die gültige Erstveröffentlichung von Cymbalaria muralis erfolgte 1800 durch Gottfried Gaertner, Bernhard Meyer und Johannes Scherbius in Oekonomisch-Technische Flora der Wetterau Band 2 Seite 397. Synonyme für Cymbalaria muralis <templatestyles src="Person/styles.css" />P.Gaertn., B.Mey. & Scherb. sind: Linaria cymbalaria <templatestyles src="Person/styles.css" />(L.) Mill., Linaria cymbalaria <templatestyles src="Person/styles.css" />(L.) Mill. subsp. cymbalaria, Linaria cymbalaria <templatestyles src="Person/styles.css" />(L.) Mill. var. cymbalaria.<ref name="Euro+Med" />

Es gibt etwa drei Unterarten:<ref name="Euro+Med" />

  • Cymbalaria muralis <templatestyles src="Person/styles.css" />P.Gaertn., B.Mey. & Scherb. subsp. muralis
  • Cymbalaria muralis subsp. pubescens <templatestyles src="Person/styles.css" />(J.Presl) D.A.Webb (Syn: Linaria pubescens <templatestyles src="Person/styles.css" />J.Presl, Cymbalaria pubescens <templatestyles src="Person/styles.css" />(J.Presl) Cufod., Linaria pilosa var. pubescens <templatestyles src="Person/styles.css" />(J.Presl) Bég.): Dieser Endemit kommt nur auf Sizilien vor.<ref name="Euro+Med" />
  • Cymbalaria muralis subsp. visianii <templatestyles src="Person/styles.css" />D.A.Webb: Sie kommt in Italien und in Kroatien vor.<ref name="Euro+Med" />

Aufgrund der Gestalt der Blüten wurde das Zimbelkraut lange zu den Braunwurzgewächsen (Rachenblütler, Scrophulariaceae) gezählt.<ref name="GRIN" /> Nach molekulargenetischen Untersuchungen<ref name="Latta" /> und den Regeln des ICN (Internationaler Code der Nomenklatur für Algen, Pilze und Pflanzen) wurde es zusammen mit vielen anderen Scrophulariaceae in die Wegerichgewächse gestellt.<ref name="Imhof" />

Verwendung

Das Zimbelkraut findet als Zierpflanze in Parks und Gärten an Mauern und in Steingärten Verwendung.<ref name="Düll2005" />

Zimbelkraut (Herba cymbalaria) soll Bestandteil des berüchtigten, schon in Gaben von wenigen Tropfen tödlichen Gifttranks Aqua Tofana gewesen sein. Dies berichtet Ganelli, der erste Leibarzt von Kaiser Karl VI. in einem Brief an den berühmten Arzt Friedrich Hoffmann.<ref name=":0">Aqua Tofana | eLexikon | Pharmacie - Präparate etc. Abgerufen am 27. Juni 2022.</ref>

Als Heilpflanze hat Zimbelkraut heute praktisch keine Bedeutung mehr, wird jedoch in der Volksheilkunde vereinzelt bei Wunden und Entzündungen angewendet.<ref>Zimbelkraut - Anwendung & Behandlung für Gesundheit | MedLexi.de. Abgerufen am 9. August 2022.</ref>

Wortherkunft

Der Gattungsname Cymbalaria kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Gefäß“ und ist eine Anspielung auf die in der Mitte beckenförmig vertieften Blätter der Pflanze. Der Zusatz muralis steht für „Mauer“, „Wand“, den bevorzugten Standort des Mauerblümchens.<ref>Verena Schmidt: Zimbelkraut, Mauerblümchen (Cymbalaria muralis). mein-schoener-garten.de, 28. September 2018, abgerufen am 30. März 2023.</ref>

Zimbeln sind auch im Deutschen Musikinstrumente in Form kleiner Gefäß-Becken-Paare.

Zimbelkraut in Literatur und Kunst

Literaturzitat

In dem Gedichtzyklus Die Blumen und das Leben schreibt Ludwig Bechstein (1801–1860) über das Zimbelkraut: „Niedliche Pflanze, du kleidest der alten Ruine Gemäuer, rankend hinab und hinauf blühest du einsam für dich. Sey der Erinnerung Bild, die, der Einsamkeit traute Genossin, oft des vergangenen Glücks sinkendes Luftschloss, umgrünt.“

Kunst

Auf dem Frauenporträt „La Colombine“ von Francesco Melzi, das sich heute in der Eremitage von Sankt Petersburg befindet, ist eine verführerische schöne Frau mit entblößter Brust zu sehen, die in ihrer Hand eine Akelei hält. Im Bildhintergrund rankt sich Zimbelkraut an der Wand entlang, das auch im Codex Rinio als umbilicus veneris, also als Nabel der Venus (bzw. Venusnabel)<ref>Vgl. auch Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 140 (Cymbalium) und 158 (Umbilicus Veneris).</ref> bezeichnet wird. Von der Kunstwissenschaft wird das Bild daher als Darstellung einer geheimen Liebe („amor nascosto“) gedeutet.

Literatur

  • Axel R. Bretthauer: Isolierung und Identifizierung von Inhaltsstoffen aus Linaria cymbalaria L. Dissertation. Univ. Basel, 1991.
  • Margot Spohn, Marianne Golte-Bechtle: Was blüht denn da? Die Enzyklopädie: über 1000 Blütenpflanzen Mitteleuropas. Kosmos, Stuttgart 2005, ISBN 3-440-10326-9.
  • T. G. Tutin, V. H. Heywood u. a.: Flora Europaea. Volume 3, Cambridge Univ. Press, 1972, ISBN 0-521-08489-X, S. 236 f.

Einzelnachweise

<references responsive> <ref name="GRIN">Skriptfehler: Ein solches Modul „Vorlage:GRIN“ ist nicht vorhanden. im Germplasm Resources Information Network (GRIN), USDA, ARS, National Genetic Resources Program. National Germplasm Resources Laboratory, Beltsville, Maryland. Abgerufen am Vorlage:FormatDateSimple.</ref> <ref name="Lonitzer">Adam Lonitzer: Kräuterbuch. Frankfurt 1582, S. 176.</ref> <ref name="Mattioli">Pietro Andrea Matthiolus: Kräuterbuch. Nürnberg 1586, S. 395.</ref> <ref name="NiSH">Neophyten in Schleswig-Holstein:Problem oder Bereicherung? Dokumentation der Tagung im LANU am 31. März 2004, Herausgeber: Landesamt für Natur und Umwelt des Landes Schleswig-Holstein, Hamburger Chaussee 25, 24220 Flintbek</ref> <ref name="Zwinger">Theodor Zwinger der Ältere: Theatrum botanicum, Neu vollkommenes Kräuterbuch. Basel 1696, Caput LXXIII.</ref> <ref name="Seidel">Heinrich Seidel: Vorstadtgeschichten 1890 bzw. 1900. Gesammelte Werke. Band 2, Stuttgart/Berlin 1925, S. 344 ff.</ref> <ref name="Ellenberg"></ref> <ref name="Düll2005"> </ref> <ref name="Oberdorfer2001"></ref> <ref name="Euro+Med">Karol Marhold, 2011: Scrophulariaceae. Datenblatt Cymbalaria muralis. In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity.</ref> <ref name="Pritzel1882">Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, S. 34, online.</ref> <ref name="Latta">Latta, Janette APG II Generic changes adopted at RBG Edinburgh. In: Sibbaldia, the Journal of Botanic Garden Horticulture. Volume 6, 2008, S. 133–153. (PDF)</ref> <ref name="Imhof">Stephan Imhof: Linaria cymbalaria - Zymbelkraut - Philipps-Universität Marburg - Fb. 17 - Biologie. Abgerufen am 26. November 2017.</ref> <ref name="InfoFlora">Cymbalaria muralis G. Gaertn. & al. In: Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora. Abgerufen am Vorlage:FormatDateSimple.</ref> </references>

Weblinks und weiterführende Literatur