Wolfgang Dietrich (Politikwissenschaftler)
Wolfgang Dietrich (* 13. September 1956 in Innsbruck<ref>Wolfgang Dietrich Personal and Professional, Universität Innsbruck, abgerufen am 14. März 2022</ref>) ist ein österreichischer Friedensforscher und Politikwissenschaftler.
Leben
Er verbrachte seine Kinder- und Jugendjahre in Silz (Tirol) und wurde in Österreich und England ausgebildet. 1980 promovierte er an der Universität Innsbruck zum Doktor der Geschichte und Germanistik und 1984 zum Doktor der Rechtswissenschaft an derselben Universität. 1990 wurde er zum Universitätsdozenten in Politikwissenschaft nach dem österreichischen UOG ernannt. Er ist an der Fakultät für Soziologie und Politikwissenschaft der Universität Innsbruck habilitiert und war Gastprofessor an zahlreichen Universitäten auf allen Kontinenten.
Von 1989 bis 1991 war Wolfgang Dietrich Vorstandssprecher der österreichischen Sektion von Amnesty International. Er war von 1995 bis 1998 Direktor der European Peace University und von 1995 bis 2007 akademischer Direktor des Österreichischen Lateinamerika-Instituts. Im Zuge seiner wissenschaftlichen Laufbahn als Friedensforscher und Praktiker lehrte und arbeitete er in Zentral- und Südamerika, Ostafrika, Indien, Südost-Asien und zuletzt verstärkt im Mittleren Osten.
Im Jahr 2001 gründete er das „Masterprogramm für Frieden, Entwicklung, Sicherheit und Internationale Konflikttransformation“ an der Universität Innsbruck und leitete dieses bis 2021. Im Oktober 2021 wurde von der Universitätsleitung klargestellt, dass es sich trotz der ursprünglichen Bezeichnung Masterprogramm nicht um ein Masterstudium, sondern um einen außerordentlichen „Lehrgang für Frieden, Entwicklung, Sicherheit und internationale Konflikttransformation“ handelt, der nach öffentlicher Kritik „in ein Regelstudium überführt“ werden sollte.<ref name=":0">Tilmann Märk (Rektor Universität Innsbruck) auf Pressekonferenz am 12. Oktober 2021, nach: Benedikt Mair, «Von Esoterik war nie die Rede»: Uni Innsbruck reagiert auf Causa Peace Studies, Tiroler Tageszeitung (TT), Innsbruck 13. Oktober 2021. Cf. TT 6. Oktober 2021, TT 7. Oktober 2021, TT 10. Oktober 2021, | ORF 12. Oktober 2021, | ORF 13. Oktober 2021, ab min. 58:11.</ref>
2017 bis 2021 war er auch Leiter des Arbeitsbereichs Frieden und Konflikt, 2018 bis 2021 Co-Leiter des Forschungszentrums für Frieden und Konflikt an der Universität Innsbruck.
Seit 2008 ist er UNESCO Chairholder for Peace Studies an der Universität Innsbruck und Mitglied der Österreichischen UNESCO-Kommission.<ref>Österreichische UNESCO-Kommission</ref>
2015 ernannte ihn seine Heimatuniversität Innsbruck zum Honorarprofessor und die Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer ARGE ALP zum Friedensbotschafter des Alpenraums.
Forschungsschwerpunkte
Wolfgang Dietrichs Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Friedenstheorie, der praktischen Konfliktarbeit und der Entwicklung von Curricula und Didaktik für Friedensforschung, wobei er neben der Politikwissenschaft auch Ansätze aus der Anthropologie, der Humanistischen Psychologie, der Systemtheorien und der Linguistik beachtet, was ihn seit den 1990er Jahren zum Ansatz der vielen Frieden geführt hat.
Ein häufig rezipierter Beitrag zur Friedensforschung aus seinem Frühwerk ist das 1998 veröffentlichte Plädoyer für die vielen Frieden<ref>Plädoyer für die vielen Frieden</ref>. Darin löste Wolfgang Dietrich den Gedanken des einen, homogenen und universellen (liberalen) Friedens in einer Pluralität der vielen Frieden auf und begründet damit einen Ansatz, der im Respekt vor der Andersartigkeit fußt, auch wenn diese Andersartigkeit nicht in all ihren Nuancen verstanden oder gar geteilt werden kann. Frieden wird daher im Sinne der vielen Frieden als Substantiv im Plural gedacht. Was Frieden bedeutet, variiert von Kultur zu Kultur. Die Konnotationen und etymologischen Bedeutungen des Wortes „Frieden“ in unterschiedlichen Sprachen sind nicht identisch. Sie zeugen vielmehr von der Vielfalt der Vorstellungswelten und Wahrnehmungen der Gesellschaften, die diese Sprachen sprechen.
In seinem jüngsten Buch Der die das Frieden<ref>Wolfgang Dietrich: Der die das Frieden. Nachbemerkung zur Trilogie über die vielen Frieden. Springer VS, Wiesbaden 2021, ISBN 978-3-658-34693-5.</ref> (2021) entwickelt Wolfgang Dietrich den Plural des Substantivs die Frieden weiter in die Verbform zu frieden.
Transrationale Frieden und elicitive Konflikttransformation
In seiner in viele Sprachen übersetzten Hauptarbeit, der Trilogie Variationen über die vielen Frieden, bestehend aus Band 1: Deutungen,<ref>Wolfgang Dietrich: Deutungen. Hrsg.: UNESCO Chair for Peace Studies / Universität Innsbruck. Band 1. Springer VS, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-16253-9.</ref> Band 2: Elicitive Konflikttransformation und die transrationale Wende der Friedenspolitik,<ref>Wolfgang Dietrich: Elicitive Konflikttransformation und die transrationale Wende der Friedenspolitik. Hrsg.: UNESCO Chair for Peace Studies / Universität Innsbruck. Band 2. Springer VS, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-18123-3.</ref> und Band 3: Elicitive Conflict Mapping<ref>Wolfgang Dietrich: Elicitive Conflict Mapping. Hrsg.: UNESCO Chair for Peace Studies / Universität Innsbruck. Band 3. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-08025-9.</ref> unterscheidet Wolfgang Dietrich zwischen fünf unterschiedlichen Interpretationsfamilien von Frieden: der energetischen, der moralischen, der modernen, der postmodernen und der transrationalen. Unter Transrationalität versteht er die Verbindung zwischen dem rationalen Friedensverständnis der mechanistischen Moderne und all jener Bereiche menschlicher Beziehungen, die nicht dem Verstand folgen und doch relevant für die Gestaltung von Beziehungen und Konflikten sind. Als solche „Schichtungen“ bezeichnet er die physische Episode, die sexuell-familiäre Schichtung, die emotional-gemeinschaftliche, die mental-gesellschaftliche, die transpersonale, die transhumane und das Epizentrum.
Kontroverse
Im Oktober 2021, kurz nach Wolfgang Dietrichs Pensionierung, kam es an der Universität Innsbruck zu einer öffentlichen Kontroverse über seine umstrittenen Methoden als ehemaliger Leiter des Innsbrucker Peace-Lehrgangs. Ein Bericht des österreichischen öffentlich-rechtlichen Fernsehens (ORF) vom 13. Oktober 2021 hält fest, dass der Zeit im Bild Berichte mehrerer Absolventinnen und Absolventen sowie einer französischen Gastprofessorin vorlagen, die von extremer Abhängigkeit und psychischen Folgen sprachen; der ehemalige Kursleiter habe zudem bei esoterischen Übungen sexuelle Grenzen überschritten.<ref>Zeit im Bild 2, ORF, 13. Oktober 2021, Bericht von Christoph Bendas (ab Min. 58:14).</ref>
Drei im Fernsehbericht interviewte Absolventinnen und Absolventen berichteten von „psychischer und physischer Gewalt" im Kurs sowie von der Erfahrung, dass Wolfgang Dietrich „direkt neben mir saß und anfing, mir etwas über meine Sexualität zu erzählen, das war eine völlig übergriffige, unangenehme Situation." Als Folge seien „Depressionen" und „Suizidgedanken" aufgetreten, die der betroffenen Person zuvor unbekannt gewesen waren.<ref>Ebd. Die TV-Dokumentation führt weiter aus: ORF-Kommentar: „(...) kommen wir nach Innsbruck, dort gibt es den Master-Lehrgang Peace Studies, der von sich behauptet, (...) vielleicht der beste, aber mit Sicherheit der härteste Lehrgang zu dieser Thematik, zur Arbeit für den Frieden zu sein. Jedes Jahr erhält dieser Lehrgang 91.000 Euro vom Land Tirol. Ehemalige Absolventinnen und Absolventen erheben nun schwere Vorwürfe gegen den Lehrgangsleiter, der im Oktober in Pension gegangen ist (...) Wolfgang Dietrich." „Es fehlt völlig an therapeutischer Begleitung, gleichzeitig wird verlangt, intimste Gefühle preiszugeben." Erste/r Absolvent/in: „Es gab auch Ausraster, psychische und physische Gewalt. Dann habe ich mich mit meinen Erfahrungen an die Universität gewandt und wurde dann mit dem Kommentar abgespeist: ‚Danke für das kritische Feedback.' Das hat mich wieder zurückgeworfen, weil ich nicht mehr wusste, an wen ich mich wenden kann, wenn mir Leid widerfährt." Zweite/r Absolvent/in: „Ich habe mich darauf eingelassen und bin dann zum ersten Mal in meinem Leben in eine Depression gerutscht, hatte auch Suizidgedanken." Dritte/r Absolvent/in: „Er sagte, er beobachte, dass ich eine Art Blockade im Wurzelchakra hätte, und das sei der Sitz der Sexualität, und dann, direkt neben mir sitzend, fing er an, über meine Sexualität zu sprechen. Es war eine völlig übergriffige, unangenehme Situation." (Ebd.)</ref>
Gleichzeitig formierte sich spontan eine Gruppe von rund 100 Alumni des Peace-Studies-Lehrgangs, die die Vorwürfe als ungeheuerlich empfanden und bereit waren, mit Gegendarstellungen an die Öffentlichkeit zu gehen. Dies unterblieb jedoch, um die laufenden Untersuchungen der Universität nicht zu behindern.<ref name=":0" />
Aufgrund der Vorwürfe wandte sich die Leitung der Universität Innsbruck schriftlich an alle Personen, die den Lehrgang in den vergangenen 20 Jahren abgeschlossen hatten, und bat Betroffene, sich zu melden. Nach Angaben der Universität ergaben sich aus diesem Aufruf keine Hinweise auf sexualisierte Übergriffe, noch hätten sich Hinweise auf strukturelle Gewalt gefunden. Die Vizerektorin für Personal räumte jedoch in einer Medienbriefing ein, dass es Hinweise Dritter gegeben habe, wonach Dietrich privat zu Nähe neige und verbal unsensibel sei.<ref>Online-Artikel des ORF Tirol zur Medienkonferenz der Universität zu diesem Thema (auf Deutsch), ORF, 12. Oktober 2021.</ref>
Eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe mit externer Fachunterstützung, spezialisiert auf psychische und sexuelle Belästigung, wie sie in einem ähnlichen Fall an der Universität Salzburg vorgeschlagen worden war,<ref>vgl. Studierende brauchen dringend eine unabhängige Stelle, an die sie sich niederschwellig und anonym wenden können. Das fordern wir schon lange (Keya Baier, Vizepräsidentin der österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft ÖH, in Salzburg24, 30. Juni 2021)</ref> fand nie statt. Die Leitung der Universität Innsbruck, deren Rolle in der Angelegenheit kritisiert wurde, untersuchte den Fall selbst und sprach sich dabei frei.
Weblinks
- Seite von Wolfgang Dietrich bei der Universität Innsbruck
- Literatur von und über Wolfgang Dietrich im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dietrich, Wolfgang |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichischer Friedensforscher und Politologe |
| GEBURTSDATUM | 13. September 1956 |
| GEBURTSORT | Innsbruck |