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Werner Stegmaier

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Werner Stegmaier (* 19. Juli 1946 in Ludwigsburg) ist ein deutscher Philosoph. Er war Gründungsdirektor des Instituts für Philosophie der Universität Greifswald nach der Wende und von 1994 bis 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie mit Schwerpunkt Praktische Philosophie. Er ist Autor der Philosophie der Orientierung (2008). Sein zweites großes Forschungsgebiet ist die Philosophie Nietzsches. Beide Forschungsgebiete sind verbunden in Nietzsche meets Luhmann. Orientierung im Nihilismus (2016). 2019 wurde in Nashville, Tennessee (USA) die Foundation for Philosophical Orientation eröffnet mit dem Ziel, die Philosophie der Orientierung auch im englischen Sprachraum bekannt zu machen und kooperativ weiterzuentwickeln. Zuletzt erschien Wittgensteins Orientierung. Techniken der Vergewisserung (2025).

Leben

Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Latinistik wurde Stegmaier unter der Betreuung von Karl Ulmer und Josef Simon 1974 an der Universität Tübingen promoviert. Er unterrichtete einige Jahre lang an Gymnasien, nahm daneben einen Lehrauftrag an der Universität Stuttgart wahr und wurde Wissenschaftlicher Mitarbeiter Josef Simons an der Universität Bonn, an der er sich 1990 mit der Schrift Philosophie der Fluktuanz. Dilthey und Nietzsche habilitierte. Seine Antrittsvorlesung widmete er Kants Abhandlung „Was heißt: Sich im Denken orientieren?“, von der aus er seine Philosophie der Orientierung entwickelte. Nach einer Lehrstuhlvertretung in Berlin ging er nach Greifswald, wo er weiterhin lebt. Stegmaier begründete 1995 das Nord- und osteuropäische Forum für Philosophie, das mit den Instituten für Philosophie rund um die Ostsee in Kontakt trat, mit ihnen jährlich Sommerschulen veranstaltete und die philosophische Neuorientierung in den ehemals der Sowjetunion zugehörigen Ländern in einem DFG-Projekt „Empirische Philosophieforschung“ begleitete. Von 1999 bis 2017 war Stegmaier Mitherausgeber und Schriftleiter der Nietzsche-Studien. Internationales Jahrbuch für die Nietzsche-Forschung sowie der Monographien und Texte zur Nietzsche-Forschung (beide im Verlag de Gruyter, Berlin/Boston). Er hat zahlreiche wissenschaftliche Tagungen zur Philosophie Nietzsches, zur Philosophie der Orientierung, des Zeichens und der Zeit, zur philosophischen Aktualität der jüdischen Tradition und zum Denken Nietzsches und Luhmanns veranstaltet. Die Philosophie der Orientierung hat u. a. in die Sportwissenschaft, die Sprachwissenschaft, die Musikwissenschaft, die Psychotherapie, die Architektur und die Theologie ausgestrahlt. 2019 erschien eine kurze und aktualisierte Fassung der Philosophie der Orientierung in englischer Sprache unter dem Titel What is Orientation? A Philosophical Investigation, übersetzt von Reinhard G. Müller. Die 2019 in Nashville, Tennessee, eröffnete Foundation for Philosophical Orientation vergibt Stipendien, veranstaltet Preisausschreiben, Seminare und Forschungskolloquien, veröffentlicht einschlägige Essays und betreibt einen eigenen Verlag Orientations Press.

Denken

Substanz und Fluktuanz

Stegmaier erkannte in seiner Dissertation zur Substanz als Grundbegriff der Metaphysik, den nach ihm Aristoteles als Substanz-Akzidens-Relation, Descartes als Substanz-Substanz-Relation und Leibniz als Substanz-Relation-Relation fasste, dass die Substanz als Begriff des Beständigen im Sein ihrerseits im Fluss oder, wie Stegmaier es in seiner Habilitationsschrift zu Nietzsche und Dilthey nannte, eine Fluktuanz ist, eine Einheit, die mit der Zeit alle ihre Merkmale austauschen und damit ihre Identität völlig verändern kann. Mit Friedrich Nietzsche und Wilhelm Dilthey, die philosophisch Charles Darwins Evolutionsgedanken aufgenommen hätten und so wenig wie an konstante biologische Arten noch an sich bestehendes bleibendes Allgemeines glauben wollten, stellte Stegmaier alles philosophische und wissenschaftliche Denken konsequent unter die Bedingung der Zeit und setzte sich dabei auch mit Alfred North Whitehead auseinander.

Von der jüdischen Tradition zur Philosophie der Orientierung

Mit Emmanuel Levinas und Jacques Derrida, denen er zahlreiche Beiträge widmete, erarbeitete sich Stegmaier die der europäischen Philosophie, soweit sie sich von den Griechen herleitete, weitgehend fremd gebliebene jüdische Tradition, die die Tora als Quelle immer neuer Orientierung versteht. Der philosophische Begriff der Orientierung, den zuerst Moses Mendelssohn, Jude und einer der berühmtesten Aufklärer seiner Zeit, ins Spiel brachte, den nach dessen Tod Kant in seiner Abhandlung „Was heißt: Sich im Denken orientieren?“ aufnahm und der seither wie kaum ein anderer philosophischer Begriff in den alltäglichen Sprachgebrauch der meisten europäischen Sprachen, aber auch vieler anderer eingegangen ist, wurde in Stegmaiers Hauptwerk Philosophie der Orientierung zum Grundbegriff einer neuen Philosophie der Gegenwart. Er beherrscht heute angesichts immer neuer Orientierungskrisen sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich die Debatte. Er wird, besonders in der Philosophie, aber auch in den Wissenschaften, regelmäßig zur Definition anderer Begriffe gebraucht, ohne selbst definiert zu werden. Er wird auch für seine eigene Analyse (Orientierung über Orientierung) schon vorausgesetzt und ist so ein Letztbegriff, bei dem man wieder ankommt, wenn man hinter ihn zurückzugehen versucht. Selbstbezüglich ist er auch in der Sache: Orientiert man sich in einer Situation, verändert sich dadurch schon die Situation, und die neue Situation macht wieder neue Orientierung notwendig. Da jede Situation aber anders ist, sind allgemeingültige Orientierungen nicht zu erwarten. Orientierung geht nach Stegmaier allem Denken und Handeln voraus, und daher muss und kann alles Denken und Handeln von ihr und ihren spezifischen Strukturen her gedacht werden. Sie strukturiert sich selbst anhand von Anhaltspunkten, die sie nach ihren eigenen Bedürfnissen den Situationen ihrer Umwelt entnimmt. Sie ordnet sie von einem jeweiligen Standpunkt aus in einem jeweiligen Horizont in einer jeweiligen Perspektive zu wiedererkennbaren Mustern und kürzt diese in Zeichen ab, durch die Kommunikation und damit Orientierung an anderer Orientierung möglich wird. Anhaltspunkte und Zeichen lassen jedoch stets Spielräume der Interpretation, die jede Orientierung auf ihre Weise ausfüllt; man orientiert sich stets ‚an‘ etwas, also in individuellen und situativen Spielräumen. Halt finden Orientierungen nach Stegmaier nicht in einem an sich bestehenden Allgemeinen, sondern in Routinen, die sich mit der Zeit einspielen und so selbstverständlich werden können, dass sie nicht mehr auffallen und dem Bewusstsein entschwinden. So entlasten sie die Orientierung. Das Denken, bei dem die traditionelle Philosophie fraglos angesetzt hat, setzt bei Störungen von Routinen, darunter auch sprachlichen Routinen, ein; es distanziert vom Selbstverständlichen und schafft sich eigenen Halt in eigenen Ordnungen, unter anderem der Logik, die dann die Logik einer bestimmten Art von Orientierung, darunter der wissenschaftlichen, nicht die der Welt ist. Die Orientierung an anderer Orientierung bleibt (hier nimmt Stegmaier eine Denkfigur von Talcott Parsons und Niklas Luhmann auf) doppelt kontingent: Der Andere kann in der Interaktion und Kommunikation immer anders reagieren, als der Eine erwartet, und beide wissen das. Von dieser doppelten Kontingenz müssen realistischerweise alle gesellschaftlichen Ordnungen (nach Luhmann Funktionssystemen der Kommunikation der Gesellschaft) ausgehen. Stegmaier zeigt, wie das in der Wirtschaft, in der Politik, im Recht, der Wissenschaft, der Kunst und der Religion geschieht, wie sie ihrerseits orientieren und wie sich der Einzelne wieder an ihnen orientiert. Sie professionalisieren jeweils bestimmte Orientierungsbedürfnisse. In der Ethik lassen sich die moralische Orientierung als Selbstbindung durch allgemeine Normen und Werte von der ethischen Orientierung als Reflexion solcher Selbstbindungen und dem Verzicht auf Allgemeinheit und Gegenseitigkeit unterscheiden: so kommen allseits hochgeschätzte, von der bisherigen Moralphilosophie aber wenig beachtete Tugenden wie Aufgeschlossenheit und Unbefangenheit, Wohlwollen und Freundlichkeit, Takt, Vornehmheit und Güte zu ihrem Recht. Stegmaier zeigt schließlich, wie durch Standardisierung Weltorientierung in globaler Kommunikation denkbar wird, wie die traditionelle Metaphysik als Modus der Orientierung verstanden werden kann und welche Bedeutung der Tod für die Orientierung hat.

Nietzsche-Forschung

In der Nietzsche-Forschung, in der er großen Einfluss gewonnen hat, ist Stegmaier besonders mit der These hervorgetreten, dass es sich bei den berühmten Lehren vom Übermenschen und von der ewigen Wiederkehr des Gleichen, die Nietzsche seinem Zarathustra als dem Helden einer Lehrdichtung in den Mund legt, und auch bei der Lehre vom Willen zur Macht um „Anti-Lehren“ handelt, die hinter die Annahme von an sich bestehendem Allgemeinem zurückgehen. Nach Stegmaier haben sie darin ihre Einheit. Mit der von ihm so genannten kontextuellen Interpretation, die die philosophischen Gehalte bei Nietzsche stets im Zusammenhang mit ihren schriftstellerischen Gestalten versteht, hat er ein methodisches Paradigma für die Nietzsche-Forschung geschaffen, das er selbst am V. Buch von Nietzsches „Fröhlicher Wissenschaft“ umfassend exemplifiziert hat und das seither stark beachtet wird. Zuletzt hat er in zahlreichen Beiträgen gezeigt, wie Nietzsches philosophische Grundentscheidungen mit Luhmanns soziologischer Systemtheorie für das 21. Jahrhundert weitergedacht werden können. Mit dem Werk Nietzsche an der Arbeit von 2022 löste er das seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts offene Problem, welches Gewicht Nietzsches Aufzeichnungen für sein Philosophieren haben. Sie zeigen Nietzsches fortlaufenden experimentellen Orientierungsprozess, in dem die publizierten Schriften nur Zwischenstationen sind.

Formen philosophischer Schriften

Nicht nur an Nietzsche, sondern an insgesamt 50 herausragenden Philosophen der europäischen Tradition hat Stegmaier deutlich gemacht, wie große philosophischen Innovationen mit der Erfindung neuer Formen philosophischen Schreibens einhergingen. So schuf Parmenides sich eine Göttererzählung, um seine Lehre vom wahren Sein vortragen zu können, Platon den Dialog, um eine Lehre zu vermeiden, Aristoteles die Lehrschrift, um sie im eigenen Namen darzulegen, usw. bis zu Freges Begriffsschrift, Wittgensteins Album und Levinas’ Talmud-Auslegung. Diese Formen sind nach Stegmaier keine bloßen literarischen Einkleidungen, sondern von ihnen her kann und muss die jeweilige Philosophie selbst verstanden werden.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

Techniken der Vergewisserung

Zuletzt hat Stegmaier anhand von Ludwig Wittgensteins Philosophische Untersuchungen geklärt, wie man im Nihilismus ohne scheinbar letzte Gewissheiten durch „Techniken der Vergewisserung“ im Philosophieren zu einer jeweils hinreichenden Orientierungssicherheit kommt.<ref>{{#invoke:Vorlage:Literatur|f}}</ref>

Werke

Monographien (Auswahl)

  • 1977: Substanz. Grundbegriff der Metaphysik. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1977, 232 S.
  • 1987: (zusammen mit Karl Ulmer und Wolf Häfele) Bedingungen der Zukunft. Ein naturwissenschaftlich-philosophischer Dialog. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1987, 247 S.
  • 1992: Philosophie der Fluktuanz. Dilthey und Nietzsche (Habilitationsschrift Bonn 1990). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1992, 413 S.
  • 1994: Nietzsches ,Genealogie der Moral‘. Werkinterpretation. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 267 S.
  • 1997: Interpretationen. Hauptwerke der Philosophie. Von Kant bis Nietzsche. Stuttgart: Reclam, 464 S.
  • 2002: Levinas. Reihe Meisterdenker. Freiburg/Basel/Wien: Herder 2002, 224 S., Neudruck Hamburg: Junius, 4., erw. Aufl. 2024, 238 S.
  • 2008: Philosophie der Orientierung. Berlin/New York: de Gruyter 2008, 804 S.
  • 2011: Nietzsche zur Einführung. Hamburg: Junius, 212 S. Englische Ausgabe: An Orientation to the Philosophy of Friedrich Nietzsche. Nashville, Tennessee: Orientations Press 2022.
  • 2012: Nietzsches Befreiung der Philosophie. Kontextuelle Interpretation des V. Buchs der Fröhlichen Wissenschaft. Berlin / Boston: de Gruyter, 754 S.
  • 2016: Orientierung im Nihilismus – Luhmann meets Nietzsche. Berlin/Boston: de Gruyter, 436 S.
  • 2018: Europa im Geisterkrieg. Studien zu Nietzsche. Hrsg. von Andrea Bertino. Cambridge: Open Book Publishers, 638 S. (open access)
  • 2019: What is Orientation? A Philosophical Orientation (abridged and revised edition of Philosophie der Orientierung [2008]), transl. by Reinhard G. Mueller. Berlin/Boston: de Gruyter, 298 S.
  • 2021: Formen philosophischer Schriften zur Einführung. Hamburg: Junius, 288 S.
  • 2022: Orientierung und Ander(s)heit. Zusammen mit Burkhard Liebsch. Hamburg: Meiner, 276 S.
  • 2022: Nietzsche an der Arbeit. Das Gewicht seiner nachgelassenen Aufzeichnungen für sein Philosophieren. Berlin/Boston: de Gruyter, 416 S.
  • 2024: Orientation in Philosophy: Courageous Beginnings. Nashville, Tennessee: Orientations Press, 281 S.
  • 2025: Wittgensteins Orientierung. Techniken der Vergewisserung. Frankfurt am Main: Klostermann, 242 S., ISBN 978-3-465-04709-4.

Herausgeberschaften (Auswahl)

  • 1992 (Hrsg., mit Tilman Borsche): Zur Philosophie des Zeichens. Berlin/New York: de Gruyter, 231 S.
  • 1993 (Hrsg., mit Gebhard Fürst): Der Rat als Quelle des Ethischen. Zur Praxis des Dialogs, Stuttgart: Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, 132 S.
  • 1997 (Hrsg., mit Daniel Krochmalnik): Jüdischer Nietzscheanismus. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 476 S.
  • 1998–2000 (Hrsg., mit Josef Simon): Zeichen und Interpretation IV-IV. Frankfurt am Main: Suhrkamp, je ca. 300 S.
  • 2000 (Hrsg.): Europa-Philosophie. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 194 S.
  • 2000 (Hrsg.): Die philosophische Aktualität der jüdischen Tradition. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 517 S.
  • 2004 (Hrsg.): Felix Hausdorff, Philosophisches Werk. Heidelberg: Springer, XX + 920 S.
  • 2005 (Hrsg.): Orientierung. Philosophische Perspektiven. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 362 S.
  • 2023 (Hrsg., gem. mit Reinhard G. Mueller): How Does the Digitization of Our World Change Our Orientation? Nashville, Tennessee: Orientations Press, 254 S.
  • 2025: (Hrsg., gem. mit Reinhard G. Mueller): How to Orient Oneself in Times of Multiple Crisis?, Nashville, Tennessee: Orientations Press, 159 S.

Literatur

  • Andrea Bertino, Ekaterina Poljakova, Andreas Rupschus, Benjamin Alberts (Hrsg.): Zur Philosophie der Orientierung. Berlin/Boston 2016: Walter de Gruyter, 415 S.
  • Jakob Dellinger, Werner Stegmaier: Fluktuanz, Anti-Lehren, Orientierung, in: Eike Brock, Jutta Georg (Hrsg.): „– ein Leser, wie ich ihn verdiene“. Nietzsche-Lektüren in der deutschen Philosophie und Soziologie. Berlin/Stuttgart 2019: Springer/Metzler, S. 221–241.
  • Andreas Fuls, Die Suche nach einem festen Punkt: Orientierungsverfahren in der Geodäsie aus technikphilosophischer Perspektive. Ahrensburg bei Hamburg 2025: tredition, 15 S.
  • Michael Lewin, Philosophie der Orientierung in der Philosophie, in: Coincidentia 16 (2025), S. 159–180.
  • Reinhard G. Müller, Werner Stegmaier: Philosophie der Orientierung (2008), in: Zirfas, Jörg, Gödde, Günter (Hrsg.) Schlüsselwerke der Kritischen Lebenskunst I. Schriften zur Kritischen Lebenskunst. J.B. Metzler, Berlin, Heidelberg. (DOI:10.1007/978-3-662-72346-3_20)

Weblinks

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Einzelnachweise

<references />

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