Weißer Kreis (DDR)
Der Weiße Kreis war eine Protestbewegung von Ausreisewilligen in Jena, die vom 18. Juni bis 30. Juli 1983 jeden Samstag um 9 Uhr auf dem Platz der Kosmonauten (heute Eichplatz) stille Demonstrationen durchführte. Der Name stammt von den weißen T-Shirts, die die Teilnehmer als Zeichen des gewaltlosen Protests trugen, und dem stillen Kreis, den sie bildeten.<ref>Monika Lembke: Wir dulden noch viel zu viel – Der Weiße Kreis — ein stiller Protest, der in die Freiheit führte. Paramon Verlag, 2024, ISBN 978-3-03830-914-7, S. 108–109.</ref> Die Demonstranten standen schweigend im Kreis, hielten sich an den Händen und richteten ihren Blick in die Kreismitte. Sie trugen keine Transparente und hielten keine Reden. Diese Form des stummen Protests unterschied sich bewusst von den lauten Demonstrationen der Friedensgemeinschaft Jena und stellte eine neue Form des Widerstands in der DDR dar.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 103.</ref>
Der Weiße Kreis gilt als erste Keimzelle einer öffentlichkeitswirksamen Ausreisebewegung, die zu einem massiven Anstieg der Ausreiseanträge in der gesamten DDR führte und damit eine wichtige Rolle für die Destabilisierung des SED-Regimes spielte.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 10, 169.</ref>
Entstehung und Gründung
Vorgeschichte
Nach der gewaltsamen Zerschlagung der Friedensgemeinschaft Jena im Mai 1983 (Aktion „Gegenschlag“) und der Zwangsausbürgerung von Roland Jahn am 8. Juni 1983 entstand in Jena eine neue Form des Protests. Die Ausreisewilligen suchten nach Wegen, öffentlich auf ihre Situation aufmerksam zu machen, ohne sofort verhaftet zu werden.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 100–103.</ref>
Gründungstreffen am 11. Juni 1983
Die Idee zum Weißen Kreis stammte von Monika Lembke, die bereits zu Pfingsten 1983 vorgeschlagen hatte, sich öffentlich auf einen zentralen Platz zu stellen. Am 11. Juni 1983 trafen sich folgende Personen in Jena und gründeten den Weißen Kreis:<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 108.</ref>
- Monika und Dietrich Lembke (Ideengeberin: Monika Lembke)
- Michael Gerber
- Kerstin Hergert
- Rüdiger und Hannelore Studanski
- Katrin und Uwe Stiem
- Monika und Bernd Schröder
An diesem Abend einigten sich die Teilnehmer darauf, jeden Samstag um 9 Uhr auf dem Platz der Kosmonauten einen stillen Kreis zu bilden und weiße T-Shirts als Erkennungszeichen zu tragen. Sie wollten das Weiß als friedliche Botschaft verstanden wissen, die DDR verlassen zu dürfen. Als starkes Symbol für ihr gemeinsames Handeln sollten sie sich im Kreis an den Händen halten und ihren Blick in die Kreismitte richten.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 109.</ref>
Vorbereitungstreffen am 15. Juni 1983
Am 15. Juni 1983 fand in der Wohnung der Lembkes ein zweites Treffen statt, bei dem die Teilnehmer einen Protestbrief an Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und an den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Javier Pérez de Cuéllar, unterzeichneten. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bezeichnete diesen Brief später als „Hetzbrief“ und stellte fest, dass von 28 Unterzeichnern alle „rechtswidrige Übersiedlungsersuchende“ waren.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 109–110.</ref>
Chronologie der sieben Samstage
18. Juni 1983: Erster Samstag
Ca. 12 Teilnehmer bildeten den ersten stillen Kreis. Sie legten sicherheitshalber eine Wanderkarte auf den Boden, um einer Verhaftung wegen Gruppenbildung zu entgehen. Nach einer Stunde gingen sie auseinander. Es passierte nichts.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 111–112.</ref>
25. Juni 1983: Zweiter Samstag
16 Teilnehmer bildeten den Kreis. Einige trugen weiße T-Shirts, manche ein „JA“ (Jenaer Ausreisegemeinschaft) auf dem Shirt. Es passierte nichts.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 114.</ref>
2. Juli 1983: Dritter Samstag
25 Teilnehmer bildeten den Kreis. Ein Polizist forderte die Teilnehmer auf, die Zusammenkunft aufzulösen. Sie überreichten ihm eine Teilnehmerliste. Es passierte nichts.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 115.</ref>
9. Juli 1983: Vierter Samstag
37 Teilnehmer bildeten den Kreis. Es passierte nichts.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 116.</ref>
13. Juli 1983: Kontakt zu Westmedien
Drei Organisatoren fuhren nach Ost-Berlin und nahmen direkten Kontakt auf mit der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland, dem ARD-Büro und der Süddeutschen Zeitung. Diese direkte Kontaktaufnahme – nicht über die Friedensgemeinschaft – führte dazu, dass westliche Medien über den Weißen Kreis berichteten.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 116–117, 119.</ref>
16. Juli 1983: Fünfter Samstag
Etwa 50 Teilnehmer bildeten den Kreis. Westjournalisten fotografierten die Demonstration. Die Teilnehmerzahl wuchs weiter.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 119.</ref>
23. Juli 1983: Sechster Samstag
Die Teilnehmerzahl stieg weiter an. Das MfS bereitete massive Gegenmaßnahmen vor.
30. Juli 1983: Siebter und letzter Samstag – Gewaltsame Auflösung
Der Platz der Kosmonauten war ab 6 Uhr mit Kräften der Volkspolizei und des MfS gesichert. Um 9 Uhr versuchten Personen, einen Kreis zu bilden. Die Volkspolizei griff sofort ein und führte die Demonstranten ab.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 137.</ref>
Zahlen der Zuführungen und Verhaftungen:
- 34 Personen wurden von der Volkspolizei zugeführt, darunter 9 aus Jena, 10 aus Leipzig, 2 aus Saalfeld, 1 aus Halle, 4 aus Brandenburg, 1 aus Rostock, 4 aus Dresden und 3 aus Berlin
- 18 Personen wurden nach Einleitung von Haftbefehlen an Strafvollzugseinrichtungen übergeben<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 137–139.</ref>
Viele der Zugeführten hatten durch westliche Medienberichte von den Demonstrationen erfahren und waren extra angereist, um teilzunehmen. Sie waren aufgrund der Medienberichte davon überzeugt gewesen, dass sie keine Festnahme zu befürchten hätten.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 139.</ref>
Historische Bedeutung und Auswirkungen
Statistische Wirkung auf die DDR-weite Ausreisebewegung
Die Demonstrationen des Weißen Kreises hatten eine unmittelbare und messbare Auswirkung auf die Ausreisebewegung in der gesamten DDR. Die folgende Tabelle zeigt den dramatischen Anstieg der Ausreiseanträge und genehmigten Übersiedlungen im Jahr 1984:<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 167–169.</ref>
| Jahr | Gestellte Ausreiseanträge | Genehmigte Übersiedlungen | Kontext |
|---|---|---|---|
| 1982 | ca. 12.000 | ca. 9.500 | Vor dem Weißen Kreis |
| 1983 | 14.800 | 7.729 | Jahr des Weißen Kreises (Juni–Juli) Tiefstand der Übersiedlungen im gesamten Zeitraum 1961–1989 |
| 1984 | 57.500 | 34.982 | Jahr nach dem Weißen Kreis Anstieg um 288 % (Anträge) bzw. 353 % (Übersiedlungen) |
| 1985 | ca. 25.000 | ca. 20.000 | DDR verschärft Genehmigungspraxis |
Der Anstieg der Ausreiseanträge von 14.800 (1983) auf 57.500 (1984) – nahezu eine Vervierfachung – wird als direkte Folge des Weißen Kreises interpretiert: „Die erstmals in der Geschichte der DDR durchgeführten öffentlichkeitswirksamen Ausreiseproteste ermutigten zahlreiche Unentschlossene, endlich den Schritt zu wagen und einen Ausreiseantrag zu stellen.“<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 169.</ref>
Besonders bemerkenswert ist, dass 1983 mit 7.729 genehmigten Übersiedlungen den tiefsten Wert im gesamten Zeitraum von 1961 bis 1989 erreichte, während 1984 mit 34.982 Übersiedlungen einen Spitzenwert darstellte, der erst 1989 wieder übertroffen wurde.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 167–168.</ref>
Rolle für die Destabilisierung der DDR
Der Weiße Kreis wird als „erste Keimzelle einer neuen, eigenständigen Protestbewegung“ bezeichnet, „die das DDR-System bis auf die Grundfesten erschütterte“.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 10.</ref>
Nicht der Weiße Kreis selbst, sondern der darauf folgende hohe Anstieg der Ausreiseantragsteller führte zur Destabilisierung des SED-Regimes. Die DDR musste dem Aufbegehren der Antragsteller 1984 nachgeben und öffnete das „Ausreiseventil“ mit der Genehmigung von über 34.000 Übersiedlungen.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 167.</ref>
Sofortige Folgen in Jena
Im August 1983 erhielten 143 Personen aus Jena die Genehmigung zur Ausreise in die Bundesrepublik.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 150.</ref> Die Organisatoren Monika und Dietrich Lembke durften am 10. August 1983 legal ausreisen, nachdem sie bei der Abteilung Inneres am 27. Juli 1983 zugesagt hatten, an keinen weiteren Aktionen teilzunehmen.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 134–135.</ref>
Rezeption in der Geschichtsschreibung
Trotz der nachweisbaren Bedeutung des Weißen Kreises für die Ausreisebewegung bleibt er „in nahezu sämtlichen zeitgeschichtlichen und wissenschaftlichen Arbeiten unerwähnt“.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 10.</ref> Die kausale Verbindung zwischen den Demonstrationen 1983 und der Ausreisewelle 1984 wurde von Historikern bisher nicht hergestellt.
Das 13-Punkte-Programm
Rüdiger Studanski, einer der Organisatoren, verfasste im Juni 1983 unter Mitwirkung weiterer Antragsteller das „13-Punkte-Programm“, das heimlich an den ARD-Korrespondenten Robert E. Röntgen in Ostberlin übergeben wurde. In Punkt 13 heißt es: „Diese Erklärung verfassten wir, um zu verdeutlichen, dass unsere Ziele nicht auf einen Umsturz irgendwelcher Machtpositionen in der DDR gerichtet sind, sondern durch unsere Abkehr von den Mitteln, Zielen und Programmen der Staatsmacht […] zu beweisen, inwieweit Selbstdarstellung der DDR und DDR-Wirklichkeit voneinander und DDR-Wirklichkeit von den allgemeinen Menschenrechten entfernt sind.“<ref>13-Punkte-Programm, Juni 1983, zitiert nach Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 113.</ref>
Allein der Besitz dieses Dokuments war strafbar und hätte zur sofortigen Verhaftung geführt.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 113.</ref>
Reaktion des Ministeriums für Staatssicherheit
Das MfS bezeichnete die Organisatoren als „Rädelsführer“ und stufte die Demonstrationen als „öffentlichkeitswirksame feindlich-negative Aktivitäten Übersiedlungssuchender“ ein.<ref>Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 143.</ref> In einem Lagebericht vom 5. August 1983 heißt es: „Es darf nicht zugelassen werden, dass sich der Untergrund unter unseren Augen entwickelt – wir dulden noch viel zu viel.“<ref>Stasi-Akte BStU MfS-HA IX 10053, zitiert nach Lembke: Wir dulden noch viel zu viel, S. 151.</ref> Dieser Satz wurde titelgebend für Monika Lembkes Buch „Wir dulden noch viel zu viel“ (2024).
Literatur
- Monika Lembke: Wir dulden noch viel zu viel – Der Weiße Kreis — ein stiller Protest, der in die Freiheit führte. Paramon Verlag, 2024, ISBN 978-3-03830-914-7
- Monika Lembke: Gegen das Vergessen. Brief an meinen Sohn. In: Gerbergasse 18, Heft 106, Ausgabe 1/2023, S. 3–9.
- Joachim Nawrocki: Die Angst der Partei vorm weißen Kreis. Jenas mutige Demonstranten bringen die SED in die Klemme. In: Die Zeit, 33/1983, 12. August 1983, online.
- Elker Schmidt (Pseudonym): Die unerträgliche Last der Staatsbürgerschaft. Jenas Weißer Kreis, ein herzerfrischendes Überlisten des Staatsapparates. In: Gerbergasse 18, Heft 2, Ausgabe 2/1996, S. 13–15.
- Henning Pietzsch: Der „Weiße Kreis“ – Flucht als letzter Ausweg, in: Henning Pietzsch: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970-1989 Böhlau, Köln 2009, S. 238–244.
- Henning Pietzsch: Der „Weiße Kreis“ in Jena – Beispiel für den Wandel der Protestformen Ausreisewilliger in den siebziger und achtziger Jahren. In: Leonore Ansorg, Bernd Gehrke, Thomas Klein, Danuta Kneipp (Hrsg.): „Das Land ist still – noch!“ Herrschaftswandel und politische Gegnerschaft in der DDR (1971–1989). Böhlau, Köln 2009, S. 291–302.
- Heidelore Rutz: Klopfzeichen. Mein Weg in die Freiheit: Vom DDR-Ausreiseantrag zum Häftlingsfreikauf. München 2015.
- Heidelore Rutz: Klopfzeichen. Der „Weiße Kreis“ in Jena und mein Weg in die Freiheit. In: Gerbergasse 18, Heft 84, Ausgabe 3/2017, S. 34–39.
Weblinks
- Jugendopposition in der DDR: Weißer Kreis Jena
- Fotos aus den Stasi-Unterlagen von einer Demonstration der Aktion "Weißer Kreis" und ihrer Auflösung durch die Volkspolizei im Juni 1983 in der Mediathek der Stasi-Unterlagen-Behörde
Einzelnachweise
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