Wartegg-Zeichentest
Der Wartegg-Zeichen-Test (WZT) ist ein athematisches Zeichenverfahren. Er wurde 1939 von dem Leipziger Psychologen Ehrig Wartegg (1897–1983) in seiner Dissertation beschrieben. Es handelt sich dabei um ein projektives, halbstrukturiertes Verfahren. Der Wartegg-Test fand in der aufdeckenden Psychotherapie sowie in Lebensberatung und Personalentwicklung Anwendung.
Methodik
Der Test besteht aus 8 Zeichenfeldern mit genau definierten Vorgaben, beispielsweise einem Punkt oder einem Halbkreis. Roivainen zeigt auf, dass drei der acht WZT-Felder (3, 5 und 6) vom chinesischen I Ging-Orakel abgeleitet wurden.<ref name="Roivainen2009">Eka Roivainen: A Brief History of the Wartegg Drawing Test. In: Gestalt Theory. Band 31, Nr. 1, 2009, ISSN 0170-057X, S. 55–71 (krammerbuch.at [PDF; abgerufen am 26. Juli 2012]).</ref> Die Aufgabe für die Probanden besteht darin, in jedes Zeichenfeld ein Bild zu zeichnen. Dabei können die Vorgaben weitergeführt werden. Die Wahl der Motive bleibt dem Zeichner überlassen. Die einzelnen Bilder sollen auch mit Namen versehen werden.
Rezeption
Der Wartegg-Zeichentest zählt zu den projektiven Verfahren der Persönlichkeitsdiagnostik. Seine wissenschaftliche Validität und Reliabilität werden in der Fachliteratur unterschiedlich bewertet; dennoch wird der Test bis in die Gegenwart in verschiedenen Anwendungsfeldern eingesetzt.<ref>Ehrig Wartegg und der Wartegg-Zeichentest (WZT) Fern Universität Hagen. Abgerufen am 22. Januar 2026.</ref>
Kritik
Tamminen & Lindeman konnten empirisch nachweisen, dass das WZT-Auswertungssystem von Gardziella nicht valide ist, sondern „dem Gesetz der Ähnlichkeit folgt“ d. h. der Annahme, dass Zeichnungsinhalt und die Persönlichkeit eines Individuums Ähnlichkeiten aufweisen könnten.<ref name="Tamminen2000">Susanna Tamminen und Marjaana Lindeman: Wartegg—Luotettava persoonallisuustesti vai maagista ajattelua? / Wartegg: A valid personality test or magical thinking? In: Psykologia. Band 35, Nr. 4, 2000, ISSN 0355-1067.</ref> In Bezug auf den Wartegg-Zeichentest ist die Retest-Reliabilität (1–3 Wochen) zwischen r=.40 und r=.60 einzugrenzen.<ref name="Häcker2009" details="1085">Hartmut Häcker: Dorsch Psychologisches Wörterbuch. Hrsg.: Kurt-Hermann Stapf. 15. Auflage. Huber, Bern 2009, ISBN 978-3-456-84684-2.</ref> Der Zusammenhang zwischen den Ergebnissen und den Zeichennoten liegt zwischen r=.42 und r=.75.<ref name="Häcker2009" details="1085 "/><ref name="Mader1952">I. Mader: Die Anwendbarkeit des Wartegg-Tests bei der Persönlichkeitsbegutachtung im Pubertätsalter. In: Psychologische Rundschau. 1952.</ref> 1979 stellte Brönnimann fest: „Dem Praktiker muss geraten werden, vom WZT keine verlässliche Auskunft über Persönlichkeitsmerkmale zu erwarten.“<ref name="Brönnimann1979" details="143">Michael Brönnimann: Beziehungen zwischen dem Wartegg-Zeichentest (WZT) und dem deutschen High School Personality Questionaire (HSPQ) von Schuhmacher/Catell. In: Europäische Hochschulschriften, Reihe VI, Psychologie. Band 54, 1979.</ref> Warteggs „Schichttheorie“ ist kein Bestandteil der empirischen Persönlichkeitsforschung (Herrmann, 1976 in Brönnimann, 1979, S. 34f). „Der repräsentativste Vertreter“ der Schichttheorie „ist Erich Rothacker“.<ref name="Häcker2009" details="876 "/><ref name="Revers1960">Wilhelm Josef Revers: Schichttheorie. In: David Katz, Rosa Katz (Hrsg.): Handbuch der Psychologie. 2. Auflage. Schwabe Verlag, Basel 1960, S. 101.</ref> Rothacker war Abteilungsleiter im Propagandaministerium des 3. Reiches und zeichnete für die Bücherverbrennungen des Jahres 1933 mitverantwortlich. Wie Rothacker in „Die Schichten der Persönlichkeit“ (1941, S. VI) feststellt: „Der Schichtgedanke marschiert“. Tatsächlich ist „das Konzept der Schichtung eine Art Leitfossil der Persönlichkeitspsychologie im Nationalsozialismus“.<ref name="Scheerer1985">Eckart Scheerer: Persönlichkeitspsychologie im Nationalsozialismus. In: Theo Herrmann & Ernst-D. Lantermann (Hrsg.): Persönlichkeitspsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. Urban & Schwarzenberg, München 1985, S. 65.</ref> Typisch für die Psychologie im Nationalsozialismus war, dass mittels empirischer, experimenteller Forschung nichts über „die tieferen Schichten des menschlichen Lebens“ ausgesagt werden könne (Lersch, 1943 in Scheerer, 1985, S. 60). Das von Lersch „umrissene Aufbauschema des Charakters“ wurde von Wartegg als Grundlage für seine „Schichtdiagnostik“ herangezogen.<ref name="Wartegg1953">Ehrig Wartegg: Schichtdiagnostik – Der Zeichentest (WZT). Einführung in die experimentelle Graphoskopie. Verlag für Psychologie, 1953, ISBN 3-8017-0041-0, S. 35.</ref> Die „deutsche Charakterkunde“ war auch in der „Zeitschrift für Rassenkunde“ (Kirchhoff, 1939, S. 131–149) z. B. zum „Nachweis von Verhaltenstypen an einem rassenpsychologischen Material aus Altenburg in Thüringen“ sehr beliebt (so der Rassenpsychologe Eickstedt).<ref name="Eickstedt1963">Egon von Eickstedt: Ursprung und Entfaltung der Seele. Entwurf und System einer psychologischen Anthropologie. In: Die Forschung am Menschen. Eine Darstellung des Gesamtinhalts von Anthropologie und Rassenkunde. Band 3. Enke, 1963, S. 1880.</ref>
Das Verfahren erfüllt nicht die Gütekriterien eines wissenschaftlich fundierten Tests. Die schweizerische Diagnostikkommission SVB stellte bezüglich des WZT als Arbeitsmittel für die Berufsberatung 2004 fest: „Allerdings erfüllt der Test die geforderten Kriterien für einen psychologischen Test nicht. Deshalb sollte dieses Instrument nicht als Diagnosetest eingesetzt werden. […] Auswertungs- und Interpretationsobjektivität sind nicht gegeben. Hinsichtlich der Durchführungsobjektivität kann vermutet werden, dass die Stärke des Bleistiftes das Testergebnis beeinflusst […]“<ref>Fachgruppe Diagnostik der schweizerischen Diagnostikkommission SVB: Wartegg Zeichentest (WZT) (PDF; 53 kB)</ref> Die Interpretation erlaubt einen großen Spielraum; die Variablen sind weder empirisch abgesichert noch operationalisiert (messbar gemacht). Wie auch bei anderen projektiven Tests sind Reliabilität und Validität unzureichend. Dies wurde 1999 auch in einem Urteil des deutschen Bundesgerichtshofs festgestellt.<ref>BGH 1 StR 618/98: Urteil vom 30. Juli 1999 (LG Ansbach)</ref>
Literatur
- A. Angleitner & P. Borkenau: Deutsche Charakterkunde. In: T. Herrmann & E.-D. Lantermann (Hrsg.): Persönlichkeitspsychologie – Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. 1985
- U. Avé-Lallemant: Der Wartegg-Zeichentest in der Lebensberatung. Reinhardt, München: 1994–2000, ISBN 3-497-01330-7.
- M. Brönnimann: Beziehungen zwischen dem Wartegg-Zeichentest (WZT) und dem deutschen High School Personality Questionaire (HSPQ) von Schuhmacher/Catell. In: „Europäische Hochschulschriften, Reihe VI, Psychologie, Bd./Vol. 54, 1979“
- E. Wartegg: Gestaltung und Charakter. Ausdrucksdeutung zeichnerischer Gestaltung und Entwurf einer charakterologischen Typologie. Diss. Univ. Leipzig; Leipzig: Barth 1939.
- K. Weber: Vom Aufbau des Herrenmenschen: Philipp Lersch – Eine Karriere als Militärpsychologe und Charakterologe. In: Thomas Kornbichler et al. (Hrsg.): Geschichte und Psychologie. Band 6, 1993.
Weblinks
Einzelnachweise
<references />