Frank Urbaniok
Frank Wolfgang Johannes Urbaniok (* 16. Oktober 1962 in Köln) ist ein deutsch-schweizerischer forensischer Psychiater. Er war in den Jahren 1997 bis 2018 Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich. Aufgrund seiner Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung zog Urbaniok sich 2016 aus der Öffentlichkeit zurück und trat per Ende Juli 2018, nach 21 Jahren, von seinem Amt als Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich zurück.<ref>Wegen schwerer Krankheit: Gerichtspsychiater Frank Urbaniok tritt zurück. In: SRF vom 30. Juli 2018.</ref><ref name="dok">Simon Christen: Gutachter des Bösen – Der Forensiker Frank Urbaniok. In: SRF. 12. September 2019.</ref> Heute ist er in kleinerem Pensum als Gutachter und Supervisor tätig. Er hat sein Unternehmen Praxis Urbaniok in 2016 gegründet und Profecta AG in 2005,
Urbaniok ist deutsch-schweizerischer Doppelbürger.<ref name="schawi">Sendung «Schawinski». Roger Schawinski im Gespräch mit Frank Urbaniok. Video in: Schweizer Fernsehen vom 14. Januar 2013 (SRF.ch; YouTube)</ref>
Berufliche Entwicklung
Frank Urbaniok wuchs in einer Arbeiterfamilie in Düsseldorf auf.<ref name="beobachter">Birthe Homann, Daniel Benz: «Opfer haben ein Recht auf Information.» Interview in: Beobachter 1/2013 vom 11. Januar 2013.</ref> Sein Vater arbeitete zunächst als Sprengmeister für die Diamantengesellschaft De Beers in Südafrika, später als Baggerführer.<ref>FU: Mein Vater ... 22. November 2020, abgerufen am 30. Oktober 2025.</ref> Nach dem Abitur am Leibniz-Gymnasium Düsseldorf im Juni 1982 studierte er Medizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Im August 1985 legte er dort das Erste Staatsexamen ab. Als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung wechselte Urbaniok 1987 an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, an der er im April 1988 das Zweite und im Juni 1989 das Dritte Staatsexamen ablegte. Von 1989 bis 1995 war er in der Rheinischen Landesklinik Langenfeld tätig. Im Oktober 1990 wurde er bei Ivar-Harry Pawlowitzki am Institut für Humangenetik an der Universität Münster mit einer Arbeit über Altersspezifische Abortrisiken promoviert (Zweitgutachter war Wilhelm Tünte). 1993 erlangte er den Facharzttitel für Psychiatrie und Psychotherapie.
Von 1992 bis 1995 war Urbaniok am Aufbau einer Modellstation für die Behandlung von persönlichkeitsgestörten Sexualstraftätern (Langenfelder Modell) beteiligt und prägte den Begriff des „deliktorientierten Arbeitens“ mit. Im Jahr 1995 zog er nach Zürich, wo er 1997 Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) im Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich wurde.<ref>Frank Urbaniok, Prof Dr. med. Porträt auf ri-sk.org (Archiv)</ref> Im Jahr 2007 habilitierte sich Urbaniok an der Universität Zürich mit einer Arbeit über Risikokalkulationen bei Gewalt- und Sexualstraftätern. Im Oktober 2010 wurde er zum Honorarprofessor der Universität Konstanz ernannt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Am Dies academicus verleiht die Universität Konstanz zwei Ehrendoktorwürden und eine Honorarprofessur. ( vom 9. März 2012 im Internet Archive) Presseinformation Nr. 130 vom 15. Oktober 2010.</ref>
In 2016 hat er Praxis Urbaniok gegründet<ref>Praxis Urbaniok GmbH in Freienbach - Kontakt und Auskünfte | Lixt. Abgerufen am 30. April 2026.</ref>. Das Unternehmen vertreibt FOTRES.
Das Evaluations-System FOTRES (Algorithmus)
Urbaniok ist als Psychotherapeut, Gutachter und Supervisor tätig, sein Arbeitsschwerpunkt sind Sexual- und Gewaltstraftaten.
Urbaniok und sein Team (Astrid Rossegger, Jérôme Endrass, Thomas Villmar) entwickelte mit dem FOTRES (Forensisch Operationalisiertes Therapie- und Risiko-Evaluations-System) ein eigenes Instrument (Algorythmus) für Risikobeurteilungen bei Straftätern, das mittlerweile in verschiedenen Ländern zum Einsatz kommt.
Das Evaluations-System FOTRES wird in Fachkreisen auch kritisiert<ref>Urs Hafner: Das Prognoseinstrument zur Abschätzung der Rückfallgefahr von Delinquenten stösst auf Kritik. 23. September 2020, abgerufen am 29. April 2026.</ref>. FOTRES erfülle die gängigen wissenschaftlichen Standards nur ungenügend<ref>FOTRES. Abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>. Tim Räz (2022) aus Bern Universität bemerkt<ref name=":0">Tim Räz: Understanding risk with FOTRES? In: AI and Ethics. Band 3, Nr. 4, 1. November 2023, ISSN 2730-5961, S. 1153–1167, doi:10.1007/s43681-022-00223-y, PMID 37915972, PMC 10615957 (freier Volltext) – (doi.org [abgerufen am 29. April 2026]).</ref> dass :
„FOTRES verwendet hinsichtlich der Diagnosekriterien eine nicht standardisierte Terminologie. Dies führt, wie Habermeyer et al. anmerken, zur Entwicklung eines neuen Diagnosesystems, das nicht empirisch evaluiert wurde und Unklarheiten sowie möglicherweise Verwirrung stiftet“
Nach Habermeyer et al. [20] befasst sich nur eine Studie mit der prädiktiven Validität von FOTRES, nämlich die von Rossegger et al., die selbst mit Frank Urbaniok gearbeiteit haben<ref name=":0" />.
Besonders prägnant äußert sich Mario Gmür, der in der NZZ im Jahr 2009 schreibt: „Ein solcher Kriterienapparat ist allenfalls als Orientierungshilfe und Gedächtnisstütze bei der Einschätzung der Rückfallgefahr nützlich und legitim, jedoch keinesfalls für die abschliessende Einzelfallbeurteilung. Dass die Warnung vor solcher Vermessenheit in der Prognosebeurteilung nicht unbegründet ist, zeigt zum Beispiel die von Urbaniok suggerierte fast hundertprozentige Treffsicherheit moderner Prognoseinstrumente für Hochrisikotäter.“<ref>Mario Gmür: Der Richter und sein (forensischer) Denker, NZZ,24.11.2009 </ref><ref>Nada Sayed, Balz Oertli: FOTRES: Simple Mathematik mit komplizierten Folgen. Abgerufen am 30. April 2026.</ref>
Öffentliche Wahrnehmung
Urbaniok kommt häufig, vor allem in den Medien der Schweiz, zu Wort. Unter anderem setzt er sich für eine verstärkte Berücksichtigung präventiver Aspekte in der Rechtsprechung ein und sprach sich in diesem Zusammenhang für eine gesetzliche Verankerung eines Präventionsprinzips aus.<ref>Franziska K. Müller: Von Heilung kann selten die Rede sein. Interview in Emma, Sommerausgabe 2011.</ref> In der öffentlichen Wahrnehmung wird er öfters als Hardliner bezeichnet, welcher Straftäter auch dann lebenslänglich verwahrt sehen will, wenn diese ihre Haftstrafe bereits verbüßt haben.<ref>Susan Boos: Gutachter werden zu Propheten. In: www.woz.ch. Die Wochenzeitung, Februar 2004, archiviert vom Vorlage:IconExternal (nicht mehr online verfügbar) am 17. Oktober 2021; abgerufen am 7. Juni 2024 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Vor allem von Vertretern der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) wurde ihm wiederholt vorgehalten, er stelle in seiner Arbeit die Täter und nicht das Opfer in den Mittelpunkt.<ref>SVP des Kantons Zürich (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche im Internet Archive )</ref>
Im Februar 2012 wurde in einem Artikel der Zeitung Der Sonntag berichtet, Urbaniok erziele durch eine eigene Firma, die unter anderem das von ihm entwickelte Prognoseinstrument FOTRES vertreibe, jährliche Gewinne von etwa 35.000 Franken. In diesem Zusammenhang wurde ihm vorgehalten, dass seine Arbeit als Chefarzt des PPD Zürich durch diese unternehmerische Tätigkeit möglicherweise beeinflusst werde und dass hierdurch auch seine Unabhängigkeit gefährdet sein könne.<ref>Sandro Brotz, Beat Kraushaar: Die Briefkastenfirma des Star-Psychiaters. In: Der Sonntag vom 5. Februar 2012 (Archiv)</ref> Das Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich erklärte hierzu, Urbanioks Nebentätigkeiten seien unbedenklich, solange sie transparent seien.<ref>Thomas Hasler, Stefan Hohler: Frank Urbaniok im Fadenkreuz. In: Tages-Anzeiger. 15. Oktober 2012.</ref>
Im Ruhestand und Politik
Er vertritt umstrittene Thesen, insbesondere zum Zusammenhang zwischen Kriminalität und Einwanderung, und hält Vorträge für die rechtsextreme Schweizer Partei SVP, z.b den 29 März 2026 in Puidoux. Die meisten Kriminologen und Soziologen lehnen seinen kulturalistischen Ansatz ab und betonen stattdessen die Bedeutung und den Einfluss sozioökonomischer Faktoren, migrationsbedingter Traumata und von Diskriminierung<ref>L’UDC défend la «criminalité importée», un concept pourtant vivement contesté. 24. August 2025, abgerufen am 29. April 2026 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>.
Schriften (Auswahl)
- Altersspezifische Abortrisiken. (Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1990).
- (mit Philipp Maier) Die Anordnung und praktische Durchführung von Freiheitsstrafen und Maßnahmen: Mit Behandlungskonzepten für erwachsene Straftäter nach schweizerischem Strafgesetzbuch. Schulthess, Zürich 1998, ISBN 3-7255-3771-2.
- Teamorientierte stationäre Behandlung in der Psychiatrie. Thieme, Stuttgart 2000, ISBN 3-13-125211-1.
- Was sind das für Menschen – was können wir tun: Nachdenken über Straftäter. Zytglogge, Bern 2003, ISBN 3-7296-0665-4.
- Teamorientierte Stationäre Behandlung und deliktorientiertes Arbeiten als Grundlage einer Behandlungskonzeption in der Forensischen Psychiatrie. In: Thomas Bender, Thomas Auchter (Hrsg.): Destruktiver Wahn zwischen Psychiatrie und Politik: Forensische, psychoanalytische und sozialpsychologische Untersuchungen. Psychosozial, Gießen 2004, ISBN 3-89806-352-6, S. 171–199.
- FOTRES: Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System. Zytglogge, Oberhofen am Thunersee 2004; 2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage 2007, ISBN 978-3-7296-0697-5.
- Risikokalkulationen bei Gewalt- und Sexualstraftätern. (Zürich, Univ., Habil.-Schr., 2007).
- hrsg. mit Jérôme Endrass, Astrid Rossegger, Bernd Borchard: Interventionen bei Gewalt- und Sexualstraftätern. Risk-Management, Methoden und Konzepte der forensischen Therapie. MWV, Berlin 2012, ISBN 978-3-941468-70-2.
- Darwin schlägt Kant – Über die Schwächen der menschlichen Vernunft und ihre fatalen Folgen. Orell Füssli, Zürich 2020, ISBN 978-3-280-05722-3.<ref>Yves Bossart: Dieses Buch wird zu reden geben. In: SRF.ch, 14. März 2020 (mit Video)</ref>
- System und Irrtum. Geparden Verlag, Zürich 2023, ISBN 978-3-907406-07-6.
- Schattenseiten der Migration: Zahlen, Fakten, Lösungen. Voima, Horgen 2025, ISBN 978-3-907442-52-4.
Dokumentation; Podcast
- True-Crime-Podcast: Jetzt alle Folgen des Podcasts «Hinter der Tat» mit Frank Urbaniok gratis anhören. In: Tages-Anzeiger, 2023.
Weblinks
- Birgit Schmid: Verbrecher nach Punkten. In: Neue Zürcher Zeitung. 28. August 2005
- Yvonne Staat: «Es braucht die absolute Bereitschaft.» In: Tages-Anzeiger. 4. Juli 2011 (Archiv)
- Christine Brand: <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Der Wert des Parameters
archive-todaymuss ein Datum der Form YYYYMMDD oder Zeitstempel der Form YYYY.MM.DD-hhmmss bzw. YYYYMMDDhhmmss sein. In: NZZ am Sonntag. 16. Dezember 2012 - Viktor Dammann: Gerichtspsychiater Frank Urbaniok (56) über sein schweres Schicksal: «Ich brauche in Zukunft noch sehr viel Glück». In: Blick.ch. 10. April 2019
Einzelnachweise
<references />
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Urbaniok, Frank |
| ALTERNATIVNAMEN | Urbaniok, Frank Wolfgang Johannes |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-schweizerischer forensischer Psychiater |
| GEBURTSDATUM | 16. Oktober 1962 |
| GEBURTSORT | Köln |
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