Hexamethylentetramin
Hexamethylentetramin (auch Methenamin oder Urotropin) ist ein farbloses kristallines Pulver. Die chemische Struktur von Hexamethylentetramin lässt sich formal vom Kohlenwasserstoff Adamantan ableiten: Im Hexamethylentetramin sitzen an den vier Verknüpfungsstellen der drei Sechserringe Stickstoffatome. Zwischen den Stickstoffatomen (als Eckpunkte eines Tetraeders) liegt jeweils eine CH2-Gruppe.
Geschichte
Hexamethylentetramin wurde erstmals 1859 von Alexander Michailowitsch Butlerow beschrieben.<ref>Alexander Butlerow: Ueber einige Derivate des Jodmethylens. In: Annalen der Chemie und Pharmacie. 111, 1859, S. 242–252, doi:10.1002/jlac.18591110219.</ref> 1894 wurde es unter dem Warenzeichen Urotropin zur Desinfektion der Harnwege in die Therapie eingeführt.<ref name="auterhoff">H. Auterhoff: Lehrbuch der Pharmazeutischen Chemie. WVG 1978, S. 179.</ref>
Herstellung
Hexamethylentetramin entsteht aus Ammoniak und Formaldehyd in wässriger Lösung:<ref name="roempp" />
Diese Reaktion wird als Formol-Titration bei der Bestimmung von Ammoniumverbindungen eingesetzt.
Eigenschaften
Der Flammpunkt liegt bei 250 °C, die Zündtemperatur bei 390 °C und die Zersetzungstemperatur bei > 263 °C.<ref name="roempp" /> Die Energiedichte, Brennwert beträgt 31,3 MJ/kg, der pH-Wert einer 0,2 molaren Lösung (28 g/l) liegt bei 8,4<ref name="MERCK14">The Merck Index: An Encyclopedia of Chemicals, Drugs, and Biologicals, 14. Auflage (Merck & Co., Inc.), Whitehouse Station, NJ, USA, 2006.</ref> und der pKs-Wert bei 8,95 (20 °C).<ref name="roempp" />
Verwendung
Hexamethylentetramin dient zur Herstellung von Amino- und Phenoplasten und als Lebensmittelkonservierungsstoff (E 239, selten verwendet, nur zugelassen in Provolone-Käse). In gepresster Form wird es als Trockenbrennstoff gebraucht und ist der Hauptbestandteil der Brennstoffe Esbit und Meta Tabletten der Firma Lonza – in Form quaderförmiger Tabletten mit grauen Markierungsflecken.
In der Histochemie wird Hexamethylentetramin bei Silberfärbungen eingesetzt.
In der organischen Synthese dient es als Formyläquivalent (Duff-Reaktion), zur Einführung von Aminogruppen, zur Synthese von N-Heterocyclen und wird in der Mannich-Reaktion verwendet. In der anorganischen Analytik dient es im Kationen-Trennungsgang als Puffersubstanz bei der Fällung der „Urotropin-Gruppe“ (zu der auch Eisen, Chrom und Aluminium gehören) bei pH 5,5. In saurer wässriger Lösung zerfällt Methenamin in Formaldehyd und Ammoniumionen. Deshalb führt sublimiertes Hexamethylentetramin bei der Emissionsmessung während der Herstellung von Phenolharzen zu überhöhten Formaldehyd-Konzentrationen bei Messverfahren, die mit sauren Lösungen arbeiten. In diesem Zusammenhang sind das DNPH-Verfahren<ref>VDI 3862 Blatt 2:2000-12 Messen gasförmiger Emissionen; Messen aliphatischer und aromatischer Aldehyde und Ketone nach dem DNPH-Verfahren; Gaswaschflaschen-Methode (Gaseous emission measurement; Measurement of aliphatic and aromatic aldeydes and ketones by DNPH method; Impinger method). Beuth Verlag, Berlin, S. 4.</ref> und das MBTH-Verfahren<ref>Hans-Günter Haub, Sigrid Mühlhauser, Franz-Josef Müller, Arno Gardziella: Messung von Emissionen bei der Aushärtung von Phenolharzen. In: Staub – Reinhalt. Luft, 1988, 48, Nr. 4, S. 145–149.</ref> zu nennen.
Hexamethylentetramin ist ein Ausgangsstoff zur Herstellung der Sprengstoffe Hexogen, Oktogen, Dinitrohexamin und HMTD. Als solcher unterliegt es der Verordnung (EU) Nr. 2019/1148 über die Vermarktung und Verwendung von Ausgangsstoffen für Explosivstoffe (Anhang II).<ref>Verordnung (EU) 2019/1148 des Parlaments und des Rates vom 20. Juni 2019 über die Vermarktung und Verwendung von Ausgangsstoffen für Explosivstoffe, zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 und zur Aufhebung der Verordnung (EU) Nr. 98/2013.</ref>
In der Gießereitechnik wird es zusammen mit Phenolharz als Harz-Härter-System für das Maskenformverfahren zur Herstellung von Formschalen und Hohlkernen verwendet.
Eine weitere Verwendung ist die Neutralisation saurer Nebenprodukte bei der Synthese des chemischen Kampfstoffes Sarin, weswegen der Nachweis von Hexamin (= Hexamethylentetramin) in Kampfgebieten als ein Indiz für einen Sarineinsatz gelten kann.<ref>Laut dem Nachrichtenmagazin Spiegel heißt es in einem Bericht des französischen Außenministeriums: „Außerdem weist die Präsenz des Hexamins darauf hin, dass dieser Herstellungsprozess vom Wissenschafts- und Forschungszentrum des syrischen Regimes entwickelt wurde.“ Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref>
Medizinisch findet Hexamethylentetramin (Freiname: Methenamin) Verwendung gegen übermäßige Transpiration, z. B. an den Händen, Füßen oder Achseln (Handelsname: Antihydral, fettfreie Paste<ref>Fachinformation Antihydral. Robugen GmbH. Stand Juli 2022.</ref>).<ref>Rote Liste online, Stand: 12. Dezember 2009.</ref><ref>Ch. Weber: Hyperhidrosis – wenn der Schweiß ausbricht. DAZ.online, Nr. 31/2006.</ref> In seiner Verwendung als Desinfizienz bei Harnwegsinfekten wurde Methenamin (Urotropin) durch Antibiotika verdrängt.<ref name="auterhoff" /> Die Wirkung beruht auf der Abspaltung von Formaldehyd in saurem Milieu, weswegen es mit harnansäuernden Substanzen (Camphersäure, Anhydromethylencitronensäure u. a.) kombiniert wurde.<ref>H. Auterhoff: Wörterbuch der Pharmazie. Band 1: Pharmazeutische Biologie, Pharmazeutische Chemie, Pharmazeutische Technologie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1981, ISBN 3-8047-0656-8, S. 262.</ref> Es ist jedoch angezeigt zur vorbeugenden oder unterdrückenden Behandlung bei wiederkehrenden bakteriellen Infektionen.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>
Einzelnachweise
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