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Torpedoversuchsanstalt Surendorf

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Die Torpedoversuchsanstalt Surendorf (TVA), offiziell: Torpedoversuchsanstalt Eckernförde-Ost, war im Zweiten Weltkrieg eine Außenstelle der Torpedoversuchsanstalt Eckernförde der Kriegsmarine in Surendorf (Gemeinde Schwedeneck). Seit 1957 ist das Gelände Teil der Wehrtechnischen Dienststelle 71.

Datei:Ehemalige TVA in Surendorf Ostsee.jpg
Gesprengtes Brückensegment als Trocken- und Ruheplatz für Kormorane

Torpedoversuchsanstalt Surendorf

In der Torpedoversuchsanstalt Surendorf wurde an der Entwicklung von Torpedos und Kleinst-U-Booten gearbeitet. Auch fand hier die Ausbildung von Besatzungen der Kleinst-U-Boote statt. Die Anlage, für die eine weite Senke in der umgehenden Steilküstenlandschaft geschaffen wurde und deren Grundsteinlegung am 1. September 1939 erfolgte, bestand aus einer Trockenwerkstatt, mehreren anderen Werkstätten, Laboratorien, einer Kraftstation, einem Tanklager, mehreren Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäuden, einem Hafen und einer Torpedoschussanlage an einer ca. 500 m langen Seebrücke. Auf dem Gelände wurde auch ein Flottenlager für die Unterbringung von in den Kieler Werften liegenden Marineschiffen errichtet. Im Komplex waren bis zu tausend Menschen, darunter Zwangsarbeiter, beschäftigt. Mit Errichtung der TVA schnellte die Einwohnerzahl des vorher nur aus 10 Gehöften und 8 Wohnhäusern bestehenden Surendorf stark herauf.<ref>Monika Maerten und Sönke Boysen: Schwedeneck im Wandel der Zeiten. Hrsg.: Gemeinde Schwedeneck. Schwedeneck 2003, S. 97–100.</ref><ref>Martin Kaule: Ostseeküste 1933–1945. Der historische Reiseführer. Links, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-521-8, S. 16, online.</ref> Als Wohnunterkunft wurden in Surendorf zwei Barackenlager mit einer Kapazität von 500 und 438 Personen und feste Wohnungen in Form von Doppelhäusern und Kleinsiedlungen erstellt.<ref>Oliver Krauß: Rüstung und Rüstungserprobung in der deutschen Marinegeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Torpedoversuchsanstalt (TVA), Dissertation, Kiel 2006, Seite 395</ref>

Während des gesamten Zweiten Weltkrieges blieb die TVA Ost in Surendorf von Fliegerangriffen verschont. Erst zwei Tage nach der Teilkapitulation für Nordwestdeutschland griffen zwei Jagdbomber der Alliierten zwei bei der Seebrücke festgemachte Transportschuten an, und brachten deren aus scharfen Torpedosprengköpfen bestehende Ladung, die entgegen den Kapitulationsbestimmungen in der Ostsee versenkt werden sollte, zur Explosion, wobei die Besatzung des Schutenverbandes getötet wurde.

Demontage und Nachnutzung

Datei:Torpedoversuchsanstalt-Surendorf-Harz-2022 05 msu-9561-3101.jpg
Reste der gesprengten Brücke der Torpedoversuchsanstalt Surendorf

Nach Kriegsende wurden die Unterkunftsgebäude der TVA und des Flottenlagers zur Unterbringung von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten genutzt. In den Werkstattgebäuden wurde ein Tonwarenbetrieb mit ca. 40 Arbeitsplätzen und eine große Kraftfahrzeugreparaturwerkstatt mit zeitweilig über 500 Arbeitsplätzen eingerichtet<ref>Monika Maerten & Sönke Boysen: Schwedeneck im Wandel der Zeiten. Hrsg.: Gemeinde Schwedeneck. Schwedeneck 2003, S. 107–108, 113.</ref>. Nach Beschluss der britischen Militärregierung begann ab Ende 1947 die Demontage der Anlagen der TVA, bei der die Seebrücke mit dem Hafen sowie die Werkstatt- und Laborgebäudegebäude der Torpedoversuchsanstalt Surendorf im Rahmen der Demontagen gesprengt werden sollten. Als diese Nachricht im Juni 1948 bekannt wurde, löste sie einen Sturm der Entrüstung aus, da vorgesehen war, 10.000 (nichtmilitärische) Arbeitsplätze im Gelände zu schaffen. Firmen wie Siemens (3000 Arbeitsplätze) und das Pektinwerk (1500 Arbeitsplätze) hatten verbindliche Anfragen zur Nutzung der Gebäude abgegeben. Der Landtag Schleswig-Holstein unterbrach seine Sitzung, nachdem alle Fraktionen ihren Protest über diese Zerstörung zum Ausdruck gebracht hatten, und beschloss, die Sitzung auf dem Gelände der Torpedoversuchsanstalt fortzusetzen. Die Wachmannschaften verwehrten jedoch dem Landtag den Zutritt. Der Landtag schickte ein Protesttelegramm an das britische Parlament und Außenminister Bevin. Am 5. Dezember 1948 fand eine außerordentliche Landtagssitzung im Hotel Seegarten in Eckernförde statt, um erneut gegen diese Demontage zu protestieren.

Die Proteste waren erfolglos. Am 7. Dezember 1948 erfolgte die Sprengung. Gleichzeitig demonstrierten 20.000 Menschen in Kiel sowie viele tausend in Schleswig und Flensburg in Schweigemärschen gegen die Zerstörungen.<ref>Erich Maletzke, Klaus Volquartz: Der Schleswig-Holsteinische Landtag. Zehn Wahlperioden im Haus an der Förde. Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtages – Abteilung Pressestelle und Öffentlichkeitsarbeit, Kiel 1983, S. 50–53.</ref>

Noch heute sind Trümmer der Brücke vorhanden. Wirtschafts-, Verwaltungs- und Wachgebäude der TVA sind bis heute größtenteils erhalten und werden seit 1958 wieder von der Bundeswehr genutzt, die in Surendorf als Außenstelle der WTD 71 unter anderem Erprobung von Schiffsartillerie durchführt und zu diesen Zweck auch wieder eine Seebrücke errichtet hatte.

Rezeption

Umfassende Zeitzeugenberichte über die TVA Ost finden sich in dem Dokumentarfilm „Zeitzeugen: Schwedeneck im zweiten Weltkrieg“ von Werner Zeiss, der 2003 zum Anlass des 75. Gründungsjubiläums der Gemeinde Schwedeneck erstellt wurde.<ref>Werner Zeiss: Zeitzeugen: Schwedeneck im zweiten Weltkrieg. In: Youtube. 2003, abgerufen am 1. Februar 2026.</ref>

Einzelnachweise

<references/>

Koordinaten: 54° 28′ 47,7″ N, 10° 4′ 6,1″ O

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