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Theodoros von Kyrene (Mathematiker)

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Theodoros von Kyrene (griechisch Θεόδωρος Theódōros; * um 475/460 v. Chr.; † nach 399 v. Chr.) war ein antiker griechischer Mathematiker.

Leben

Theodoros stammte aus Kyrene, einer griechischen Stadt im heutigen Libyen. Nach Platons Darstellung gehörte er zur Generation des Sokrates. Dies stimmt mit den Angaben des Eudemos von Rhodos in dessen „Geschichte der Geometrie“ überein.<ref>Eudemos von Rhodos, Fragment 133, DK 43 A 2.</ref> Daraus ergibt sich eine Datierung seiner Geburt um 475/460 v. Chr.<ref>Siehe dazu Kurt von Fritz: Theodoros (31). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band 5 A/2, Stuttgart 1934, Sp. 1811–1825, hier: 1811; Leonid Zhmud: Theodoros aus Kyrene. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie. Basel 2013, S. 420f., hier: 420; Leonid Zhmud: Pythagoras and the Early Pythagoreans, Oxford 2012, S. 128.</ref> Da er Sokrates überlebte, ist er nach 399 v. Chr. gestorben.

Theodoros war ein Schüler und Freund des berühmten Sophisten Protagoras,<ref>Zur Freundschaft Platon, Theaitetos 161b. Vgl. zum Verhältnis des Theodoros zu Protagoras Kurt von Fritz: Theodoros (31). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band 5 A/2, Stuttgart 1934, Sp. 1811–1825, hier: 1812.</ref> doch wandte er sich schon früh von der Sophistik ab und der Geometrie zu.<ref>Platon, Theaitetos 165a.</ref> Er war nicht nur Mathematiker, sondern galt auch in der Astronomie und Musik als hervorragender Fachmann.<ref>Platon, Theaitetos 145a und 169a.</ref> In diesen Fächern erteilte er Unterricht.<ref>Platon, Theaitetos 145c–d.</ref> Zu seinen Schülern zählte der Mathematiker Theaitetos. Vielleicht wurde auch Platon von ihm unterwiesen.<ref>Diogenes Laertios 2,103 und 3,6.</ref> Ob er sich in Athen, wo Platon lebte, aufgehalten hat, oder ob Platon ihn in Kyrene aufgesucht hat, wie der Philosophiegeschichtsschreiber Diogenes Laertios behauptet,<ref>Diogenes Laertios 3,6.</ref> ist unklar. Möglicherweise ist sein Aufenthalt in Athen, von dem Platon berichtet, eine literarische Erfindung.<ref>Kurt von Fritz: Theodoros (31). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band 5 A/2, Stuttgart 1934, Sp. 1811–1825, hier: 1811; Leonid Zhmud: Theodoros aus Kyrene. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie. Basel 2013, S. 420 f., hier: 420.</ref> Der spätantike Philosoph Iamblichos von Chalkis zählte Theodoros zu den Pythagoreern,<ref>Iamblichos, De vita Pythagorica 267.</ref> doch wird die Glaubwürdigkeit dieser Nachricht in der Forschung bezweifelt.<ref>Kurt von Fritz: Theodoros (31). In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band 5 A/2, Stuttgart 1934, Sp. 1811–1825, hier: 1811f.; Bartel Leendert van der Waerden: Erwachende Wissenschaft. 2., ergänzte Auflage. Basel 1966, S. 233–240, hier: 233; zu einer anderen Einschätzung gelangt Leonid Zhmud: Theodoros aus Kyrene. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie. Basel 2013, S. 420 f.</ref> Offenbar war Theodoros kein Philosoph; nach Platons Darstellung wollte er sich nicht an philosophischen Untersuchungen beteiligen, da er sich auf diesem Gebiet nicht für kompetent hielt.<ref>Platon, Theaitetos 146b; vgl. 165a.</ref>

Theodoros von Kyrene und Hippokrates von Chios waren bedeutend für die Geschichte der Geometrie.<ref name="Comment">Proclus: A Commentary on the First Book of Euclid's Elements. Translated by G. R. Morrow from G. Friedlein. Princeton University Press, Princeton 1970, S. 54.</ref> Von Hippokrates wurde die Quadratur der Möndchen bekannt, von Theodoros ist keine Schrift überliefert, allein Platons Dialog Theaitetos verweist auf seine Entdeckungen.<ref>Platon, Theaitetos 147d-148b.</ref> Demnach hätte er in einem Vortrag gezeigt, dass die Seiten von Quadraten mit 3, 5,…,17 Fuß Flächeninhalt inkommensurabel zur Einheitsstrecke sind. Als Hörer dieses Vortrags hätte der Mathematiker Theaitetos daraus geschlossen, dass die dynameis der Menge nach unbegrenzt seien,<ref>MF Burnyeat: The Philosophical Sense of Theaetetus’ Mathematics. Isis 69, 489–513 1978, S. 101.</ref> wobei er dynameis als diejenigen Strecken definierte, deren Quadrat den Flächeninhalt einer nicht quadratischen natürlichen Zahl hat. Nach modernem Verständnis hätte demnach Theodoros bewiesen, dass für alle nicht quadratischen natürlichen Zahlen die Quadratwurzel keine rationale Zahl ist.

In der Forschung wird die die von Platon beschriebene Entdeckung des Theodoros, trotz berechtigtem Zweifel,<ref>Holger Thesleff: Theaitetos and Theodoros. In: Arctos. Band 24, 1990, S. 147–159, hier: 151–153.</ref> nicht als eine Fiktion abgetan, zumal sie in Theaitetos` Theorie der irrationalen Strecken vorausgesetzt wird.<ref>Euklid: Die Elemente. Buch X, Def. 2, 3. Übers. C. Thaer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1973.</ref> Daher gibt es seit dem 19. Jhd. zahlreiche Versuche den Beweis des Theodoros zu rekonstruieren. Bekannt ist die Wurzelschnecke, wonach Theodoros bei 17 aufgehört hätte,<ref>H. J. Anderhub: Aus den Papieren eines reisenden Kaufmanns. Wiesbaden 1941.</ref> die aber für die Wurzelstrecken nichts beweist. Dem entgegen stehen ernsthafte Versuche, den Beweis des Theodoros zu rekonstruieren, die sich durch die jeweils benutzten Mittel unterscheiden. Z.B. mit Restklassen,<ref>G. H. Hardy, E. M. Wright: An Introduction to the Theory of Numbers. Oxford 1938, S. 43 ff.</ref> mit Wechselwegnahme,<ref>B. L. Van der Waerden: Erwachende Wissenschaft. 2., ergänzte Auflage. Basel 1966, S. 233–240.</ref> mit der Pellschen Gleichung,<ref>S Heller: Ein Beitrag zur Deutung der Theodoros-Stelle in Platons Dialog „Theaetet“. Centaurus 5, Nr. 1, 1–58 1956, S. 13–23.</ref> oder mit rechtwinkligen Dreiecken.<ref>W. R. Knorr (1975): The Evolution of the Euclidean Elements. D. Reidel, Dordrecht, S. 181–193.</ref> Dabei stellen die Autoren jeweils fest, dass mit den Mitteln, die Theodoros zur Verfügung standen, die Beweise zwar bis 17, aber nicht darüber hinaus durchzuführen sind. Jedoch war nach Theaitetos für den Beweis des Theodoros keine Grenze gegeben. Eine dementsprechende geometrische Rekonstruktion, die für beliebige nicht quadratische Zahlen zu verallgemeinern ist, wurde kürzlich gefunden.<ref>H Boehme: Von Theodoros bis Speusippos. Zur Entdeckung des Irrationalen sowie der Seiten- und Diagonalzahlen. Siegener Beiträge zur Geschichte und Philosophie der Mathematik. 16, (2022) S. 5–61.</ref>

Ferner befasste sich Theodoros mit Kurven. Der spätantike Philosoph Proklos berichtet, Theodoros habe die Schraubenlinie als „Verschmelzung“ (krásis) einer geraden und einer runden Linie bezeichnet. Dagegen protestierte Proklos, der meinte, die Mischung der geraden und der runden Linie komme bei der Schraubenlinie weder durch Zusammensetzung noch durch Verschmelzung zustande.<ref>Proclus: A Commentary on the First Book of Euclid's Elements. Translated by G. R. Morrow from G. Friedlein. Princeton University Press, Princeton 1970, S. 95.</ref> Die Identität des von Proklos erwähnten Theodoros mit Theodoros von Kyrene ist allerdings in der Forschung umstritten.<ref>Ivor Bulmer-Thomas: Theodorus of Cyrene. In: Charles Coulston Gillispie (Hrsg.): Dictionary of Scientific Biography. Band 13, New York 1981, S. 314–319, hier: S. 318f. Anm. 25.</ref>

Literarische Rezeption

Theodoros ist Gesprächsteilnehmer in Platons fiktivem literarischem Dialog Theaitetos. Der Dialog spielt im Jahre 399 v. Chr., Theodoros ist bereits ein alter Mann. Auch in Platons Dialogen Sophistes und Politikos ist Theodoros unter den Anwesenden, er spielt im Gespräch aber nur eine geringfügige Rolle.

Quellensammlungen

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

<references />

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