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Theobald I. (Blois)

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Theobald I. von Blois (französisch Thibaud Ier de Blois; geboren um 910; gestorben an einem 16. Januar zwischen 975 und 978), genannt der Betrüger (französisch le Tricheur), war ein westfränkischer Adliger aus dem Haus Blois. Er war Vizegraf von Blois und Tours sowie Graf von Blois, Tours, Chartres und Châteaudun.

Leben

Theobald war ein Sohn des Vizegrafen Theobalds des Alten und Richildes.

Als treuer Anhänger seines Lehnsherren, Herzog Hugo des Großen, stand er diesem im Machtkampf gegen König Ludwig IV. bei. Nachdem der Herzog den König 945 gefangen genommen hatte, wurde Theobald mit dessen Bewachung auf der Burg von Laon betraut. Der König wurde ein Jahr später wieder freigelassen im Tausch für Laon, das er an Herzog Hugo abtreten musste. Theobald wurde dort als Kastellan eingesetzt und verteidigte die Burg dreimal (947, 948, 949) gegen den König, der die Unterstützung König Ottos I. besaß. Nachdem sich beide Parteien 950 versöhnt hatten, wurde Laon wieder dem König übergeben.<ref>Flodoard von Reims: Annales, a. 950. In: Philippe Lauer (Hrsg.): Les annales de Flodoard. Paris 1905, S. 127.</ref> Theobald behauptete sich zeitweise in Coucy, wo ihn 950 die von Erzbischof Artaud abgefallenen Burgmannen aufnahmen. 958 nahm eine Partei Artauds Coucy wieder ein; der von Theobald eingesetzte Harduin zog sich in den Turm zurück, Theobald selbst wurde nicht wieder eingelassen.<ref>Flodoard von Reims: Annales, a. 950 und 958. In: Philippe Lauer (Hrsg.): Les annales de Flodoard. Paris 1905, S. 128 und 145.</ref>

Nach dem Tod seines Schwagers Herzog Alain Schiefbart 952 gelang es Theobald, seinen Einfluss bis in die Bretagne auszudehnen, wo er die Lehnshoheit über die Grafschaft Rennes erlangte, während er die Grafschaft Nantes dem zweiten Ehemann seiner Schwester Graf Fulko II. von Anjou überließ. Beide Grafen waren eng miteinander verbündet und nannten sich anlässlich eines Treffens in Verron gegenseitig „Statthalter und Verwalter des Königreichs Neustrien“ (Gouverneur et administrateur [du] royaume [de Neustrie]) und „Grafen von Gottes Gnaden“ (Comtes par la grâce de Dieu). Doch unter ihren Söhnen sollte eine generationenlange Fehde zwischen den Häusern Blois und Anjou ausbrechen.

Ein weiterer Todesfall sollte das Handeln Theobalds und das seiner Nachkommen entscheidend beeinflussen. Als sein Lehnsherr Herzog Hugo 956 starb, machte sich Theobald dies zunutze, indem er die Unmündigkeit dessen Sohnes Hugo Capet ausnutzte, um sich Chartres und Châteauduns zu bemächtigten, wo er somit die direkte Herrschaft der Robertiner beendete. Dabei genoss er die Zustimmung König Lothars, der sich davon eine Schwächung der Herzoge von Franzien erhoffte. Mit dieser Handlung begründete Theobald eine Vormachtstellung seines Hauses im Norden Frankreichs, vollzog aber auch einen Bruch mit den Robertinern, die als Kapetinger 987 den Thron besteigen sollten, welcher zu einem andauernden feindseligen Verhältnis seiner Nachkommen zu ihnen führte. Ihm selbst brachte er den Beinamen und einen zweifelhaften Ruf ein.

Herzog Richard I. von der Normandie verwüstete das Gebiet von Chartres und das Dunois. Theobald drang daraufhin in die Normandie ein und nahm Évreux. Richard schlug ihn bei Hermentruville; nachdem Richard weitere Krieger zu Hilfe gerufen hatte, gab Theobald Évreux wieder zurück.<ref>Flodoard von Reims: Annales, Appendix. In: Philippe Lauer (Hrsg.): Les annales de Flodoard. Paris 1905, S. 219.</ref> Dafür stärkte Theobald seinen Einfluss im Berry, indem er die Kontrolle über die Festungen Saint-Aignan, Vierzon und vermutlich auch Aiguillon erlangte und das Erzbistum Bourges zunächst seinem Bruder und dann einem seiner Söhne sicherte. Weiterhin verstärkte er die Verteidigungsanlagen von Chartes und ließ die Burgen von Chinon, Châteaudun und Saumur (960) errichten. Er wurde an der Loire zur beherrschenden Macht, die sogar die des Hugo Capet bedrohte, der deswegen wiederum das Bündnis mit den Grafen von Anjou suchte.

Theobald starb an einem 16. Januar zwischen 975 und 978.

Familie

Zwischen 942 und 945 heiratete Theobald Liutgard von Vermandois, eine Tochter des Grafen Heriberts II. von Vermandois und Witwe des normannischen Herzogs Wilhelm Langschwert. Aus der Ehe gingen hervor:

Ein älterer Sohn Theobald, der 962 im Kampf gegen die Normannen fiel, wird in der Forschung teils einer früheren, namentlich nicht bekannten Ehe Theobalds zugerechnet.

Literatur

  • Raphaël Bijard: Les Thibaldiens. Origines, premières alliances et ascension politique. 2023.
  • Michel Bur: La formation du comté de Champagne (v. 950 – v. 1150). Université Nancy-II, Nancy 1977.
  • Régine Le Jan: Famille et pouvoir dans le monde franc (VIIe–Xe siècle). Essai d'anthropologie sociale. Publications de la Sorbonne, Paris 1995, ISBN 978-2-85944-268-2.
  • Frédéric Lesueur: Thibaud le Tricheur. Comte de Blois, de Tours et de Chartres au Xe siècle. Mémoires de la Société des sciences et lettres de Loir-et-Cher, Bd. 33, Blois 1963.
  • Ferdinand Lot: L’origine de Thibaud le Tricheur. In: Le Moyen Âge, 2. Serie, Bd. 11, 1907, S. 168–189.
  • Yves Sassier: Hugues Capet. Naissance d’une dynastie. Fayard, Paris 1987, ISBN 2-213-01919-3.
  • Yves Sassier: Structures du pouvoir, royauté et res publica (France, IXe–XIIe siècle). Presses universitaires de Rouen, Rouen 2004, S. 49–62.
  • Karl Ferdinand Werner: L’acquisition par la maison de Blois des comtés de Chartres et de Châteaudun. In: Mélanges de numismatique, d’archéologie et d’histoire offerts à Jean Lafaurie. Société française de numismatique, Paris 1980, S. 265–272.

Einzelnachweise

<references />

VorgängerAmtNachfolger
Theobald der AlteGraf von Blois
Graf von Tours

960–975
Odo I.
Hugo CapetGraf von Chartres
Graf von Châteaudun

um 956–975
Odo I.

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