St. Nikolai (Pritzwalk)
Die evangelische Stadtkirche St. Nikolai in Pritzwalk gehört zur Gesamtkirchengemeinde Region Pritzwalk<ref>Gesamtkirchengemeinde Region Pritzwalk - Kirchenkreis Prignitz. Abgerufen am 27. Januar 2026.</ref> im Kirchenkreis Prignitz der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Die vielfach beschädigte und renovierte Kirche geht in wesentlichen Teilen auf einen spätgotischen Umbau zur Hallenkirche zurück.
Baugeschichte
In die Jahre um 1256, als Pritzwalk Stadtrechte erhielt, fällt wohl auch die Gründung des Vorgängerbaus der heutigen Kirche. Die Hauptkirche der Stadt erhielt das Patrozinium des heiligen Nikolaus und bis zur Reformation auch das der Gottesmutter Maria (damals: St. Marienkirche). Von diesem Ursprungsbau sind im heutigen Bestand deutlich erkennbare Teile erhalten. Es werden folgende sechs Bauperioden unterschieden:<ref name="Flassig2019">Michael Flassig: Die Evangelische Kirche St. Nikolai der Stadt Pritzwalk. In: Gesellschaft für Heimatgeschichte Pritzwalk und Umgebung e. V. und Museumsfabrik (Hrsg.): Pritzwalker Heimatblätter. Band 18, 2019, S. 20–30.</ref>
- 1250 bis ca. 1260
Baubeginn als kreuzförmige, flachgedeckte Feldsteinbasilika mit einem kurzen Langhausschiff und westlichem Querturm. Aus dieser Zeit ist an der Westseite das massive Mauerwerk des Querturmes aus sorgfältig gesetzten Feldsteinen erhalten. Es enthält Merkmale der Spätromanik sowie den Charakter einer Schutz- und Wehrkirche.
- 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts
Das westlichste Joch (erster Gewölbeabschnitt des Langschiffes) wurde bis zur Breite des Querschiffes (zweiter Gewölbeabschnitt) vergrößert.
- Um 1310
Der Chorraum mit Apsis wurde umgebaut und es erfolgte der Anbau einer Nord- und einer Südkapelle
- Ab ca. 1425
Die Seitenschiffe wurden bis auf die heutige Traufhöhe in gotischer Bauform errichtet, genau wie die Apsis im heutigen Grundriss. Eine flache Holzdecke, die alle drei Schiffe überdeckt, wurde eingebaut. Die Weihe des Hochaltars erfolgte 1441 durch den Bischof von Havelberg, Konrad von Lintorff.
- Nach 1441
Mit dem Bau der Wölbung der drei Schiffe mit Strebepfeilern erhielt die Kirche ihre heutige Bauform als dreischiffige Hallenkirche.
- Ab ca. 1449
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde im Süden eine zweigeschossige Kapelle angefügt, nämlich die heutige Taufkapelle, und darüber der „Rittersaal“.
1539 erreichte die lutherische Reformation auch Pritzwalk und seine Stadtkirche. Nach einem Stadtbrand 1821 waren Reparaturen nötig und vor allem ab 1880/82 erfolgten gravierende Renovierungen und die Aufmauerung des Turms über dem älteren Unterbau. Die neugotischen Backsteinformen wurden nach Plänen des Berliner Architekten Friedrich Adler ausgeführt. Der Turm wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt. In den 1970er Jahren mussten defekte filigrane Schmuckelemente wie Fialen, Attikabögen und Gesimse umfangreich abgebrochen werden. 1999/2000 erfolgte die Rekonstruktion des Turmes nach den alten Plänen. Die Sanierung umfasste die Wiederherstellung fehlender Mauerwerkselemente, die Fassadensanierung einschließlich des Feldsteinsockels, die Neugestaltung der Turmentwässerung, die Neueindeckung der Turmquerhäuser, die Sanierung von Fenstern und der Holz-Treppenanlage.
Baugestalt
Außen: Stadtbildprägend ist der 72 m hohe, bis in die Spitze aus gebrannten Ziegel- und Formsteinen gemauerte, neugotische Turm. Sein Unterbau mit dem gestuften Westportal, dem Rundfenster darüber und Partien der Langhausmauern sowie Teile des ehemaligen Querschiffes gehören zum frühgotischen Bau des 13. Jahrhunderts, erkennbar am sauber gequaderten, regelmäßig geschichteten Feldsteinmauerwerk. In ihrer heutigen Erscheinungsform ist die Kirche St. Nikolai eine spätgotische Hallenkirche mit drei gleich hohen Schiffen, polygonalem Umgangschor im Osten und dem Turm im Westen. An der südlichen Langhausseite befindet sich eine zweigeschossige Kapelle (Taufkapelle im unteren Geschoss) aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Von den zwei zweigeschossigen Kapellen beiderseits des Langchors ist die südliche außen reich gegliedert.
Der Innenbereich des Glockenturms wurde 2013/14 saniert.<ref>Ortskirchengemeinde Pritzwalk. In: Evangelische Gesamtkirchengemeinde Region Pritzwalk. Abgerufen am 24. Februar 2026.</ref>
2024 eröffnete ein Festgottesdienst das neue Südfenster. Eine verheerende Explosion eines Munitionszuges im Pritzwalker Bahnhof hatte 79 Jahre zuvor große Schäden in der Stadt angerichtet.<ref>Die Geschichte hat geprägt - die Bahnhofsexplosion 1945, auf pritzwalk.de</ref> Auch die Fenster in der Kirche wurden beschädigt und nicht alle konnten aus Kostengründen repariert werden. Somit war eines der größten Fenster – das Südfenster – die letzten Jahrzehnte vermauert.<ref>Es werde Licht - ein neues Fenster in Pritzwalk - Kirchenkreis Prignitz. Abgerufen am 24. Februar 2026.</ref>
Bevor das neue Fenster eingebaut werden konnte, brauchte es zunächst eine Sanierung der Hülle und des Daches. Dies nahm ca. 10 Jahr in Anspruch.<ref>Holger Frehoff: Förderung der Sicherung und Sanierung von Hülle und Dach der St. Nikolaikirche zu Pritzwalk. In: Evangelische Gesamtkirchengemeinde Region Pritzwalk. 5. September 2025, abgerufen am 24. Februar 2026.</ref> Nach unermüdlichem Einsatz des Bau-Arbeitskreises, anderer Ehrenamtlichen und Sachverständigen konnte dies bis 2025 bewältigt werden. Die alte Kriegswunde konnte nun endlich heilen.
Die Künstlerin Dana Meyer erhielt den Auftrag das neue Fenster zu gestalten. Sie erschuf ein Kunstwerk, das die Geschichte Pritzwalks und die Hoffnung und Mahnung auf Frieden in der St. Nikolai-Kirche wieder erleuchten lässt. Das (Friedens-)Fenster zeigt von Innen eine aus zerbrochenem Gebälk und Feuer wachsende Linde. Von Außen erblickt man Linien des Kirchraums, die in den Raum hineinführen sollen.<ref>Es werde Licht - ein neues Fenster in Pritzwalk - Kirchenkreis Prignitz. Abgerufen am 24. Februar 2026.</ref>
Inneres: Die Gewölbe des dreijochigen Langhauses werden von gemauerten Rundpfeilern aus heute unverputztem Backstein getragen, die ganz ähnlich auch den Chor vom Chorumgang trennen und dort mit Inschriften versehen sind. Die Strebepfeiler des Langhauses sind nach innen gezogen. Drei- oder vierbahnige Lanzettfenster ohne Maßwerk belichten Chor und Langhaus. Chor und Seitenschiffe sind überspannt von gebusten Kreuzrippengewölben, während das Mittelschiff, die Südkapelle (Taufkapelle) sowie die Turmhalle Sterngewölbe tragen.
Die Erarbeitung und Umsetzung eines neuen Innenraumkonzepts steht nun als nächster Meilenstein an.
Ausstattung
Bedeutendstes Ausstattungsstück ist der spätgotische Flügelaltar mit seinen sechs figurenreichen Feldern. Sie zeigen in der Mitte die Heilige Sippe also die Verwandtschaft Mariens mit ihrer Mutter Anna als Zentralfigur. Die Heiligen Georg und Christophorus begleiten die Gruppe. Im Feld darüber flankieren Andreas und Johannes der Täufer die Marienkrönung. Auf den Flügeln wird oben eine Anna-Selbdritt-Gruppe durch Emerentia, der Mutter Annas zur „Anna selbviert“ erweitert, gegenüber der Tod der Hl. Anna dargestellt. Im unteren Register finden die Verlobung Marias und eine weitere Sippendarstellung Platz. Das um 1470/80 geschnitzte Werk stammt aus der 5 km östlich von Pritzwalk gelegenen ehemaligen Wallfahrtskirche Alt Krüssow (Leihgabe seit 1976).<ref>Wallfahrtskirche Alt-Krüssow.</ref>
Die Altargarnitur ist Berliner Eisenkunstguß nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel. Die sonstige Innenausstattung der Kirche ist aus neugotischer Zeit (um 1882).
In der Taufkapelle – als Winterkirche genutzt – zeigt ein Glaskunstfenster (Entwurf: Ilse Fischer, 1953; Ausführung: Katharina Peschel, Berlin-Mahlsdorf) den gekreuzigten Christus, seine Mutter Maria und der Jünger Johannes. Ein bemerkenswertes Detail der mittelalterlichen Bauausstattung der Taufkapelle sind die figürlichen glasierten Eckkonsolen, die das Sterngewölbe tragen. Es sind groteske Wesen mit langen Ohren und herausgesteckten Zungen gezeigt. Ganz ähnliche Konsolen besitzt die Nordkapelle der Wallfahrtskirche Alt Krüssow, die ebenfalls im frühen 16. Jahrhundert entstanden ist und eine ähnliche Giebelgestaltung aufweist.
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Altar
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Taufkapelle (Winterkirche)
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Figürliche Konsole in der Taufkapelle
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Schuke-Orgel
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Zuberbier-Orgel
Orgel
Die Kirche erhielt ihre erste Orgel im Jahr 1475.<ref name="Flassig2019" /> Im Jahr 1833 folgte eine Orgel von Johann Friedrich Turley mit zwei Manualen, Pedal und 29 Registern.<ref>Uwe Pape: Friedrich Hermann Lütkemüller. Pape Verlag, Berlin, 2. erw. Auflage. 2001, S. 57–59.</ref> 1923 erweiterte Alexander Schuke das Instrument auf drei Manuale mit 34 Registern (Ausbau auf 42 Register vorbereitet).<ref>Roland Eberlein (Hrsg.): Hermann Mund Sammlung Orgeldispositionen. Heft C (walcker-stiftung.de [PDF; 787 kB; abgerufen am 24. Februar 2024] Disposition Nr. 654).</ref> Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Orgel zerstört.
Die heutige Orgel wurde 1956/58 durch die Firma Schuke (Potsdam) gefertigt. Es war der erste große Orgelneubau dieser Orgelbaufirma nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Schleifladen-Instrument hat 2.664 Pfeifen auf drei Manualen und Pedal. Das Instrument hat folgende Disposition:
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- Koppeln: I/II, III/II, I/P, II/P., III/P.
In der Taufkapelle befindet sich eine einmanualige Zuberbier-Orgel mit 294 Pfeifen und folgender Disposition:
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Diese kleine Orgel wurde von Johann Friedrich Leberecht Zuberbier im Jahre 1784 gebaut. Die Orgel in der Taufkapelle wird während der kalten Jahreszeit für Gottesdienste und im ganzen Jahr für kammermusikalische Veranstaltungen genutzt.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />nikolai-pritzwalk.de ( vom 10. August 2014 im Internet Archive)</ref>
Weblinks
- Eintrag zur Denkmalobjektnummer 09160485 in der Denkmaldatenbank des Landes Brandenburg
- Kirche St. Nikolai. Kirchgemeinde Pritzwalk.
- Kirche St. Nikolai. Stadt Pritzwalk.
- St. Nikolaikirche, Pritzwalk. Routen der Romanik in Berlin und Brandenburg.
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 53° 9′ 0,8″ N, 12° 10′ 34″ O
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