St. Johannis (Neubrandenburg)
Die Kirche St. Johannis ist seit 1945 die Hauptkirche der Gemeinde der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs in Neubrandenburg. Sie entstand im 14. Jahrhundert als Klosterkirche des Neubrandenburger Franziskanerklosters.
Geschichte
Zusammen mit dem Franziskanerkloster wurde um 1260 eine Bettelordenskirche aus Feldsteinen errichtet. Der Bau des heutigen zweischiffigen Kirchengebäudes aus Backstein mit einem Hauptschiff und einem niedrigeren nördlichen Schiff begann um 1300 mit dem Bau des hochgotischen Chorhaupts mit 5/8-Schluss und ist möglicherweise der Initiative von Fürst Heinrich II. von Mecklenburg zu verdanken; der weitere abschnittsweise Umbau der Kirche mit dem heutigen Langhaus und dem dreijochigen Chor wird etwa um 1330 bis 1340 angenommen. Der Chor war mit 17 Metern bis zur Traufe deutlich höher als das Langhaus und gehörte zu den regional bedeutendsten Chorarchitekturen.<ref>Jens Christian Holst: Kloster S. Johannes (Ordo Fratrum Minorum / Franziskaner). 7. Bau- und Kunstgeschichte. In: Wolfgang Huschner, Ernst Münch, Cornelia Neustadt, Wolfgang Eric Wagner: Mecklenburgisches Klosterbuch. Band I., Rostock 2016, S. 580–615, hier S. 593f.607</ref> Um 1455 wurde die Öffnung zum Chorabschluss durch eine verstärkte Triumphbogenmauer verschmälert und der Kirche ein schlanker Dachreiter aufgesetzt.
Im Zuge der Reformation in Mecklenburg wurde die Klosterkirche ab 1535 als evangelisches Gotteshaus genutzt.<ref name="BGH">Franziskanerkloster, Neubrandenburg (Deutschland). In: Brick Gothic Heritage. Abgerufen am 4. November 2010.</ref> Den Franziskanern wurde die Feier der heiligen Messe in ihrer Klosterkirche untersagt, so dass sie bis zur endgültigen Aufhebung des Klosters 1552 heimlich in ihren Konventsgebäuden Gottesdienst feierten.<ref>Ingo Ulpts: Die Bettelorden in Mecklenburg. Werl 1995, S. 385ff. Ingo Ulpts-Stockmann: Kloster S. Johannes (Ordo Fratrum Minorum / Franziskaner). 2. Geschichte. In: Wolfgang Huschner, Ernst Münch, Cornelia Neustadt, Wolfgang Eric Wagner: Mecklenburgisches Klosterbuch. Band I., Rostock 2016, S. 580–615, hier S. 583.</ref> Die Stadt Neubrandenburg erhielt 1567 das Kirchenpatronat über die Johanneskirche.
Bei einem Stadtbrand im Jahr 1614 entstanden am Ostteil schwere Schäden. Weil kein Geld für den Wiederaufbau zur Verfügung stand, wurde der Ostteil durch eine Mauer abgetrennt und ab 1803 als städtischer Kornspeicher genutzt.<ref name="BGH" />
Seit dem 18. Jahrhundert bemühte sich der Magistrat, die Johanniskirche als Ratskirche zu etablieren und aufzuwerten. Die Handwerkämter (Zünfte) wurden aufgefordert, ihre repräsentativen Zunftleuchter aus St. Marien nach St. Johannis zu schaffen, was auch geschah.<ref>Dadurch blieben die Zunftleuchter beim großen Stadtbrand und der Zerstörung von St. Marien 1945 erhalten und sind noch heute in St. Johannis vorhanden.</ref>
1863 wurde die Stadtmauer nördlich des Klosters durchbrochen, um die heutige Stargarder Straße in Richtung des Bahnhofs zu verlängern. Dafür musste ein Teil des Langchores abgerissen werden. Nach dem Einsturz der Zwischenwand zum Speicher am 30. Juli 1887 erfolgte von 1891 bis 1894 unter Leitung von Hugo Hartung<ref>Hartung, Hugo, auf glass-portal.hier-im-netz.de, abgerufen am 6. Juli 2025.</ref> eine Restaurierung, bei der der östliche Teil nochmals verkürzt wurde. Ein massiver Dachreiter auf dem Ostgiebel des Kirchenschiffs wurde entfernt, dafür ein hölzerner Reiter in der Dachmitte errichtet. Bei der neugotischen Umgestaltung der Kirche orientierte man sich am Kloster Chorin.<ref name="BGH" />
Nach der Zerstörung der Marienkirche beim großen Stadtbrand 1945 wurde die Johanniskirche zur Hauptkirche Neubrandenburgs. Von 1976 bis 1980 erfolgten umfangreiche Sanierungsarbeiten.<ref><templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Propstei Neubrandenburg: Historie St. Johannis ( vom 7. November 2010 im Internet Archive)</ref> In der Zeit der friedlichen Revolution fanden im Herbst 1989 in der Kirche Friedensgebete statt; sie war Ausgangspunkt von Demonstrationen.
Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Johannis ist mit rund 3300 Mitgliedern die größte Gemeinde in Mecklenburg. Sie gehört zur Propstei Neustrelitz im Kirchenkreis Mecklenburg der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche).
Beschreibung
Die Johanniskirche ist eine zweischiffige, im Stil der Backsteingotik errichtete Hallenkirche mit sechs Jochen. In der Nordwand befinden sich noch Teile des mit bearbeiteten Feldsteinen errichteten Vorgängerbaus. Das nördliche Seitenschiff ist deutlich schmaler als das Hauptschiff. Beide besitzen Kreuzrippengewölbe mit pflanzlichen Motiven in den Zwickeln. Auf ein ursprünglich geplantes südliches Schiff musste wahrscheinlich wegen der beengten räumlichen Verhältnisse oder wegen der ausbleibenden Förderung durch den 1329 gestorbenen Fürsten Heinrich II. verzichtet werden.<ref>Jens Christian Holst: Kloster S. Johannes (Ordo Fratrum Minorum / Franziskaner). 7. Bau- und Kunstgeschichte. In: Wolfgang Huschner, Ernst Münch, Cornelia Neustadt, Wolfgang Eric Wagner: Mecklenburgisches Klosterbuch. Band I., Rostock 2016, S. 580–615, hier S. 593.607.</ref>
Der heute rechteckige, ein Joch tiefe Kastenchor besitzt große Buntglasfenster sowie Wand- und Deckenmalereien.
Der barocke Choraltar enthält mehrere Gemälde mit Darstellungen von Jesus Christus im Zeitraum zwischen dem letzten Abendmahl über die Kreuzigung bis hin zur Auferstehung.
Aus dem 16. Jahrhundert stammt die mit Alabasterreliefs verzierte Kanzel. Ein Gemälde an der Südwand zeigt Martin Luther mit einem Schwan.
Im Seitenschiff befindet sich ein Flügelaltar mit gotischem Schnitzwerk aus der Zeit um 1500, der aus der St.-Georgs-Kapelle stammt. Im Mittelteil befinden sich eine Darstellung der Kreuzigung und vier Heiligenbilder. In den Gemälden der Seitenflügel sind die vier Evangelisten abgebildet.
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Deckenansicht
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Barocker Altar
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Westgiebel
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Westportal
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Bleiglasfenster
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Draufsicht vom HKB-Turm (vorne links das Polizeigebäude Stargarder Straße)
Orgel
Eine 1894 von Wilhelm Sauer gebaute Orgel wurde 1969 umdisponiert. Seit 1990 besitzt die Kirche eine Schuke-Orgel mit 31 Registern, verteilt auf zwei Manuale und Pedal.<ref>Informationen zur Orgel</ref><ref>Neubrandenburg – St. Johannis (Hauptorgel) – Orgel Verzeichnis – Orgelarchiv Schmidt. Abgerufen am 7. April 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref> Organist der Orgel war von 2008 bis 2015 Tobias Frank. Im Chorraum befindet sich noch eine Truhenorgel von Münchner Orgelbau Johannes Führer.<ref>Neubrandenburg – St. Johannis (Truhenorgel) – Orgel Verzeichnis – Orgelarchiv Schmidt. Abgerufen am 7. April 2023 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
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- Koppeln: II/I, I/P, II/P
Literatur
- St. Johanniskirche: Baugeschichte, Altarrückwand, Kanzel, Grabsteine, Leuchter, Kleinkunstwerke, Epitaph, Glocken. In: Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz, Bd. 1, Abt. 3: Das Land Stargard (3). Brünslow, Neubrandenburg 1929, S. N47–N63.
- K. Schäfer, H. Hartung: Die Wiederherstellung der Johanniskirche in Neubrandenburg. Zschr. f. Bauwesen XLVI [Berlin 1896], S. 3–6. Zitiert in Germania Sacra, Kapitel 12: Das Franziskanermönchskloster Neubrandenburg
- Volker Schmidt: Neubrandenburg. Ein historischer Führer. Hinstorff, Rostock 1997, ISBN 3-356-00726-2, S. 69.
- Ingo Ulpts-Stöckmann, Jens Christian Holst, Rainer Szczesiak: Neubrandenburg: Kloster S. Johannes (Ordo Fratrum Minorum / Franziskaner). In: Wolfgang Huschner, Ernst Münch, Cornelia Neustadt, Wolfgang Eric Wagner: Mecklenburgisches Klosterbuch. Handbuch der Klöster, Stifte, Kommenden und Prioreien (10./11.–16. Jahrhundert). Band I., Rostock 2016, ISBN 978-3-356-01514-0, S. 580–615.
Weblinks
- Literatur über St. Johannis in der Landesbibliographie MV
- <templatestyles src="Webarchiv/styles.css" />Propstei Neubrandenburg ( vom 4. August 2011 im Internet Archive)
- Homepage der Kirchenmusik an St. Johannis. Abgerufen am 26. Juli 2011 (Informationen zu Konzerten, Chören und den Internationalen Orgeltagen).
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 53° 33′ 34,5″ N, 13° 15′ 38,2″ O
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