St. Bonifatius (Berlin-Kreuzberg)
St. Bonifatius ist eine römisch-katholische Pfarrkirche im Berliner Ortsteil Kreuzberg. Sie wurde 1906/1907 nach Plänen von Max Hasak im neugotischen Stil zusammen mit einer Wohnanlage erbaut und dem Apostel der Deutschen geweiht. Das Patronatsfest wird am 5. Juni begangen.
Beschreibung
Die katholische St. Bonifatiuskirche ist ein Beispiel für eine späte Form der Neogotik, die in ihren Zügen schon wesentliche Ideen der Moderne aufnimmt. Dazu zählt die reduzierte Formensprache und die Abstraktion einiger Baukörper wie beispielsweise des Turmes.
Die Anlage wird im Wesentlichen durch drei Baukörper definiert, die sich auf dem rechteckigen Grundstück gruppieren. Einerseits die eigentliche Kirche und andererseits die Wohnbebauung, die das Gebäude links und rechts flankiert und sich über weite Teile im Hinterhof fortsetzt. Die Wohngebäude dienten dazu, den Bau der Kirche zu finanzieren. Die in Backstein im Klosterformat ausgeführte Kirche erstreckt sich in Nord-Süd-Ausrichtung entlang der Yorckstraße, die einen Teil des von James Hobrecht repräsentativ geplanten Generalszug darstellt. Die Wohnbauten aus Backstein im Normalformat folgen demselben Schema als Beispiel eines Binnenkomplexes, der Bezug auf die anschließende Bebauung von Riehmers Hof nimmt.
Bei dem Hauptraum handelt es sich um eine rechteckige querschifflose Halle, die nach Süden durch einen polygonalen dreiseitigen Chor abgeschlossen wird. An der Süd-West-Ecke schließt sich ein trapezförmiger Anbau an, der die gesamte Wandfläche in der unteren Zone einnimmt. Das Langhaus ist ein in fünf Jochen unterteilter Raum, der durch ein Sterngewölbe nach oben hin abgeschlossen wird. Die fünf eingezogenen und nach außen abgetreppten Pfeiler des Langhauses bilden jeweils weitere fünf Kompartimente, die an Seitenkapellen erinnern. Nach Norden wird das Bauwerk durch eine Doppelturmfassade abgeschlossen, die in ihrer Mitte noch ein Giebelfeld öffnet.
Die beiden symmetrisch gestalteten fünfgeschossigen Wohngebäude umrahmen in ihrem Grundriss die Kirche, wobei der östliche Flügel auf wesentlich mehr Fläche ausgeführt wurde.
Die Hofseitige Außenfassade ist insgesamt sehr schlicht gehalten. Die Fenster des Chores heben sich in ihrer Gestaltung nicht von den übrigen ab und bilden im oberen Bereich eine Rosette in romanischen Formen aus acht runden Feldern außen und einer größeren Öffnung innen, wobei das Mauerwerk auf dieser Fläche verputzt wurde. Darunterliegend befindet sich ein Triforium, das aus drei Spitzbogen gebildet wird, die im Bogenfeld eine runde Fensteröffnung aufweisen und jeweils zwei Felder umfassen. An den Ecken des Chores befinden sich Wasserspeier auf Höhe des Traufgesimses. Das steile Satteldach verfügt am zentralen Punkt über dem Chor über einen simpel gestalteten Dachreiter, der Platz für eine einzelne Glocke bietet. Das auffälligste Merkmal der Kirche ist die monumentale zweitürmige Nordfassade, mit einem großen Giebelfeld in der Mitte. Die unten von einem profilierten Werksteinsockel abgeschlossene Fassade ist im schlesischen Verband gemauert und bis auf drei Gesimse aus Profilsteinen vollkommen plan. Die Teilung in drei große vertikale Wandflächen erfolgt durch die fünfseitigen über die gesamte Fassade laufenden Pfeilervorlagen.
Das Bauwerk wird zentral über das mittig liegende spitzbogige Doppelportal erschlossen, das nach oben von jeweils einem Wimperg bekrönt ist. Die eigentlichen Türen mit Oberlicht sind durch einen Segmentbogen gefasst. Über dem Eingangsportal befindet sich eine sechsachsige Blendarkade, deren Fenster jeweils von einem Sechspass bekrönt sind. Zwischen Blendarkade und Giebelfeld befindet sich eine große Fensterrosette, die aus sechs Halbkreisen außen und einer Kreisblende innen gebildet wird. Das innenliegende Maßwerk aus Formziegeln ist durch wiederkehrende Nonnenköpfe und Nasen geprägt. Wie auch am Langhaus ist das umliegende Mauerwerk von weißem Putz bedeckt. Das zentrale Gestaltungselement der Fassade ist der siebenachsige abgetreppte Blendgiebel. Die untere der beiden Ebenen, die durch ein Gesims getrennt werden, ist in den einzelnen Feldern jeweils zweimal durchbrochen und endet oben in zwei kleinen kreisrunden Blenden. Nahezu das gleiche Muster findet sich auf der oberen Hälfte, wobei ein einziges sechspassiges Luftfenster mit bekrönendem Wimperg den Abschluss bildet. Das rahmende Stabwerk läuft nach oben hin in kleine Fialen aus.
Während die Türme im untersten Geschoss noch kleine Blendarkaden aufweisen, besteht der Bauschmuck im ersten Geschoss schon aus einer Fensterrosette mit Maßwerk aus Formsteinen. Im zweiten Geschoss befinden sich drei schmale Fenster, wohingegen darüberliegend nur noch ein schmales Fenster vorhanden ist. Die Türme sind auf Höhe der zweiten Ebene des Blendgiebels durchbrochen und werden durch Stabwerk gegliedert, bevor sie in einem abgetreppten Wimperg enden und daraufhin von den Turmhelmen aus grün oxidiertem Kupfer bekrönt werden. Die vier Pfeilervorlagen, die die Hauptfassade gliedern, gehen am Turmabschluss in vier eckseitige Türmchen über, die jeweils eine eigene Kupfereindeckung besitzen.
Geschichte
Im Ortsteil Kreuzberg war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die Zahl der katholischen Einwohner parallel zur allgemeinen Bevölkerungsentwicklung der Reichshauptstadt sprunghaft gestiegen. Nachdem in den 1890er Jahren im Großraum Berlin acht repräsentative katholische Kirchen entstanden waren, war von der Kirchenleitung jedoch ein Sammlungsstopp verfügt worden und die 1894 gegründete – inzwischen 13.000 Mitglieder umfassende – Kreuzberger St.-Bonifatius-Pfarrei sollte sich weiterhin mit einem viel zu kleinen Provisorium behelfen. 1901 gründete der damalige Pfarrer Schlenke eigenmächtig einen Kirchbauverein, dem es in wenigen Jahren gelang, einen hinreichenden Grundstock zur Baufinanzierung zusammenzubekommen. Das Grundstück in der Yorckstraße wurde gekauft und der Kirchbau so geplant, dass auf beiden Seiten der Kirche Mietshäuser angefügt wurden, die langfristig zur Schuldentilgung beitragen sollten. Am Bonifatiustag 1906 fand die Grundsteinlegung statt und bereits im Jahr darauf konnte die neue Kirche geweiht werden.
In den folgenden Jahren, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, erfolgte die Innenausstattung. Ab 1927 wurden auch figurenreiche Buntglasfenster eingesetzt.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude nicht zerstört, brannte allerdings vollständig aus. 1946 wurde es nach provisorischer Herrichtung wieder in Gebrauch genommen. Die heutige Innengestaltung wurde 1966 durch Paul Brandenburg geschaffen. 1969 kam das großflächige Bild von Fred Thieler hinter dem Altar hinzu.
Die Bonifatiusgemeinde sieht sich mitbetroffen vom tiefgreifenden Struktur- und Bevölkerungswandel des Ortsteils Kreuzberg und reagiert darauf mit vielfältigen Angeboten, aber auch mit Reduktions- und Konzentrationsmaßnahmen. Die Tochterkirche St. Agnes wurde aufgegeben. Ihr Pfarrgebiet wurde zusammen mit dem der St.-Johannes-Basilika zur neuen Bonifatiuspfarrei zusammengeführt.
Seit Januar 2021 ist die Kirche Pfarrkirche der durch Fusion neugegründeten Pfarrei Bernhard Lichtenberg. Diese umfasst neben St. Bonifatius die früheren Pfarreien St. Marien Liebfrauen, die Dompfarrei St. Hedwig mit St. Michael (Mitte) und Herz Jesu.
Ausstattung
Innenraum
Diese Raumgestaltung wirkt umso unmittelbarer, seit als Folge der Schäden des Zweiten Weltkriegs alle inneren Bemalungen, ornamentreichen Ausstattungsstücke und auch die farbigen Fenster verschwunden sind. Die von Paul Brandenburg geschaffenen Stücke, der monumentale Altar, der Ambo, die Tabernakelstele und das schlanke griechische Hängekreuz, stehen mit starker Eigenwirkung in der neugotischen Halle. Einen transzendenten Farbakzent setzt das bewegt abgestufte Blau des großen Hinter-Altar-Gemäldes von Thieler.
Glocken
In der Glockenstube hängt ein Geläut aus drei Gussstahlglocken, 1922 gegossen von Schilling & Lattermann.
| Schlagton | Gewicht (kg) |
Durchmesser (cm) |
Höhe (cm) |
Inschrift |
|---|---|---|---|---|
| cis' | 2650 | 186 | 140 | ANNO DOMINI MDCCCCXXII S. BONIFATI + ORA + PRO + NOBIS + PAROCHUS ROBERTUS SCHLENKE EX AERE IN FERRUM DIRUM CONVERTIT NOS BELLUM. |
| e' | 1570 | 160 | 117 | ANNO DOMINI MDCCCCXXII S. MARIA, REGINA PACIS, DA PACEM IN DIEBUS NOSTRIS. |
| fis' | 1150 | 140 | 103 | ANNO DOMINI MDCCCCXXII S. ROBERTE, ORA PRO NOBIS ET IN BELLO DEFUNCTIS ANNO DOMINI. |
Orgel
Die Orgel wurde 1992 von der Orgelbaufirma Stockmann (Werl) für die St. Agnes-Kirche erbaut, und im Jahr 2011 in die St. Bonifatius-Kirche umgesetzt. Das Instrument hat 30 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Trakturen sind mechanisch.<ref>Nähere Informationen zur Orgel</ref>
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- Koppeln: II/I
Des Weiteren existiert eine Chororgel, die ebenfalls 1992 von den Gebr. Stockmann errichtet wurde. Sie besitzt 5 Register auf mechanischen Schleifladen.<ref>Berlin / Kreuzberg – St. Bonifatius (Chororgel) – Orgel Verzeichnis – Orgelarchiv Schmidt. Abgerufen am 30. Dezember 2021 (Lua-Fehler in Modul:Multilingual, Zeile 153: attempt to index field 'data' (a nil value)).</ref>
Literatur
- Max Hasak: Zurück zum Ziegelbau. Vortrag, gehalten in der Vereinigung Berliner Architekten. In: Berliner Architekturwelt, 11. Jg. 1908/1909, Heft 2 (Mai 1908) (urn:nbn:de:kobv:109-opus-5936), S. 41–43, mit acht Abbildungen der Kirche auf S. 44–51.
- Max Hasak: Die St. Bonifaziuskirche in der Yorkstraße in Berlin und die Aufteilung ihres Baugeländes. In: Zentralblatt der Bauverwaltung, 28. Jg. 1908, Nr. 63 (vom 8. August 1908) (urn:nbn:de:kobv:109-opus-41969), S. 426–428. (Teil 1) / Nr. 65 (vom 15. August 1908) (urn:nbn:de:kobv:109-opus-41984), S. 442 f. (Teil 2) mit neun Abbildungen.
- Klaus-Dieter Wille: Die Glocken von Berlin (West). Geschichte und Inventar. Berlin 1987.
- Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin e. V. (Hrsg.): Sakralbauten. (= Berlin und seine Bauten, Teil VI.) Ernst & Sohn, Berlin 1997, S. 131 f., 387 f.
- Christine Goetz, Matthias Hoffmann-Tauschwitz: Kirchen Berlin Potsdam. Berlin 2003.
- Dehio-Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Berlin. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 2006, S. 295.
Weblinks
- Offizielle Website der Pfarrgemeinde
- Informationen zur Architektur und zur jüngsten Restaurierung bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin
- Eintrag 09031027 in der Berliner Landesdenkmalliste
- Beitrag zur Hauptorgel auf www.orgel-verzeichnis.de, abgerufen am 29. Dezember 2021
- Beitrag zur Chororgel auf www.orgel-verzeichnis.de, abgerufen am 29. Dezember 2021
Einzelnachweise
<references />
Koordinaten: 52° 29′ 33,7″ N, 13° 23′ 9,3″ O
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