Sprachereignis
Sprachereignis ist ein von dem Theologen Ernst Fuchs geprägter Begriff. Ihm gemäß ist ein Sprachereignis ein Ereignis, das den Charakter eines Aufschließens hat und so die Existenz des Menschen bewegt. Der Begriff nimmt seinen Ausgang in der sprachphilosophischen Überlegung, dass Sprache nicht nur die Funktion des Bezeichnens, sondern auch der Anrede hat.
Entwicklung
Paulus
Nach den Paulusbriefen bewirkt und schafft das verkündigte Wort Gottes Glauben. Der Glaube ist also Geschöpf des Wortes („creatura verbi“). So heißt es denn im Brief des Paulus an die Römer (Vorlage:Bibel/Link):
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}} So erwächst für Paulus der Glaube aus dem Hören der apostolischen Glaubensbotschaft. Dabei ist dieser „fides ex auditu“ ein Geschenk Gottes.<ref>Peter Stuhlmacher, Biblische Theologie des Neuen Testaments Bd. 1: Grundlegung. von Jesus zu Paulus, Göttingen 1992, S. 343</ref>
Luther
Martin Luther bestimmt den gläubigen Menschen als „homo audiens“.<ref>Albrecht Beutel, Im Anfang war das Wort, 1991, S. 126ff.</ref> Ihm zufolge fordert das Hören des Wortes Gottes Glaube im Menschen.<ref>z. B. WA 23,267,20-22: „Der Glaube ynn Gotts wort ist uns von nöten, weil es darumb geredt wird, das wirs gleuben sollen, und Gott foddert und wil den glauben haben, wo sein wort ist.“</ref> Diese „Wortförmigkeit“ des Glaubens ist zentraler Bestandteil seiner Theologie. Immer wieder hebt dieser die Wortbezogenheit des Glaubens hervor und dass das Wort als Gnadenmittel zu preisen sei.<ref>WA 5, 175, 23; 176, 12, 177, 11; 215, 38; 376, 2; 380, 15.</ref> Der Glaube umfasse das Wort, dass ihm dargeboten wird.<ref>Vgl. Ernst Bizer, Fides ex auditu, 1961, S. 171</ref> So heißt es z. B. in seiner 2. Psalmvorlesung (1519/20) zu Vorlage:Bibel/Link:
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Actum igitur credendi (ut vocant) nescio quibus verbis possis aptius eloqui quam ista periphrasi divina: „Auditu auris audivit mihi“, hoc est, stultus sibi fuit populus gentium, ut mihi crederet in his, quae non videret nec caperet.}} | {{{vor}}}|@#@}}{{#if:|{{{nach}}}|@#@}} | @#@@#@ | de | Actum igitur credendi (ut vocant) nescio quibus verbis possis aptius eloqui quam ista periphrasi divina: „Auditu auris audivit mihi“, hoc est, stultus sibi fuit populus gentium, ut mihi crederet in his, quae non videret nec caperet.}}“ | quoteUnquoted| Actum igitur credendi (ut vocant) nescio quibus verbis possis aptius eloqui quam ista periphrasi divina: „Auditu auris audivit mihi“, hoc est, stultus sibi fuit populus gentium, ut mihi crederet in his, quae non videret nec caperet. | {{{lang}}} }} }} | {{{vor}}}|-}} | - | „ | Actum igitur credendi (ut vocant) nescio quibus verbis possis aptius eloqui quam ista periphrasi divina: „Auditu auris audivit mihi“, hoc est, stultus sibi fuit populus gentium, ut mihi crederet in his, quae non videret nec caperet.}}{{
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Dadurch, dass Luther die Stelle als eine „Umschreibung“ bezeichnet, meint er das „innere“ und „geistliche“ Hören,<ref>Holger Flachmann, Martin Luther und das Buch (1996), S. 241</ref> durch welches das „Glaubensgeschehen“ (actum credendi) gekennzeichnet ist. In Anlehnung an ein solches lutherisches Wortverständnis wird Fuchs später seine Lehre vom Sprachereignis ausbilden.
Ernst Fuchs
Ernst Fuchs Reden vom Sprachereignis steht in paulinisch-lutherischer Tradition.<ref>Eberhard Jüngel, Unterwegs zur Sache (2000), S. 24</ref> Für Fuchs gehören Wort und Glaube wesentlich zusammen: Der Glaube habe aus seiner Beziehung zum Wort sein Wesen. Glaube sei ein Hören auf das ihm begegnende Wort, womit er konkret das Evangelium meint. Daher sieht Fuchs das Sprachereignis als Entfaltung des Glaubens an: Es bewirke beim Hörer einen Situationswechsel vom „Nichtsein“ zum Sein in der Existenz Gottes. Dieses Sprachverständnis stellt also eine grundlegende Kategorie seiner Hermeneutik dar.
Fuchs ist sehr daran gelegen, die Passivität des Menschen hervorzuheben. Dazu verwendet er den Begriff der Stille. Nicht der Mensch bewege sich in ihr, sondern werde durch das Sprachereignis bewegt. Sprache lebe von der Stille. Im Sprachereignis führe die Sprache selbst zu jener Stille, von der sie lebe.<ref>Ernst Fuchs, Marburger Hermeneutik (1968), S. 242</ref>
Außerdem sieht Fuchs seine Ausführungen von anredender und bezeichnender Sprache parallel zu der Unterscheidung von Sein und Seiendem (siehe auch Heidegger). Während bloß bezeichnende Sprache nur ein Ausdruck des Seienden biete, rechtfertige ein Sprachereignis das Sein und ließe es anwesend sein.<ref>Ernst Fuchs, Gesammelte Aufsätze II (1960), S. 425</ref>
Fuchs wendet seine Lehre vom Sprachereignis auf verschiedene theologische Bereiche an, nämlich auf: Verkündigung Jesu, Theologie des Paulus und das Ostergeschehen.<ref>Ernst Fuchs, Gesammelte Aufsätze I (1959), S. 281</ref>
Gerhard Ebeling
Gerhard Ebeling benutzt weiterhin den Begriff des Sprachereignisses als Abgrenzung zur dogmatischen Doktrin. Während diese sich lediglich anbiete, dass man „darin gastweise als Fremdling Unterschlupf findet“, meine Sprachereignis die „Gewährung eines Lebensraumes“.<ref>Gerhard Ebeling, Luther. Einführung in sein Denken (52006), S. 19</ref> Ebeling verwendet manchmal auch den Ausdruck „Wortgeschehen“. Dieser ist identisch mit „Sprachgeschehen“.
Ebeling versteht die Sakramente als „Wortgeschehen“.
Eberhard Jüngel
Eberhard Jüngel, theologisch durch Fuchs geprägt, erwies sich als Befürworter der Kategorie vom Sprachereignis. Er übernahm sie in seinem Buch „Paulus und Jesus“ als Abgrenzung zu Rudolf Bultmann.<ref>Eberhard Jüngel, Paulus und Jesus (72004), S. 274 Anm. 1: „… als ein Sprachereignis (nicht Sprechereignis) …“</ref>
Kritik
Als Gegner der Kategorie „Sprachereignis“ erwies sich Rudolf Bultmann. Dessen Sprachverständnis geht traditionell von der Bezeichnungsfunktion von Sprache aus, d. h., sie dient als Ausdrucksmittel. Von daher legt er Fuchs nahe, eher von Sprech- als von Sprachereignis zu reden.<ref>Ernst Fuchs, Gesammelte Aufsätze II (1960), S. 424f.</ref> Über diesen Streit wird jedoch nur aus der Perspektive von Fuchs zwecks der Verteidigung seiner eigenen Lehre berichtet. Bultmanns Position muss daher rekonstruiert werden.
Karl Barth konnte der Kategorie des Sprachereignisses keinen exegetischen oder dogmatischen Erkenntnisgewinn zugestehen,<ref>Barth betrachtete die Kategorie als ein Spezialproblem der evangelischen Theologie (Karl Barth, Interview von D. Schmidt, Frankfurter Allgemeine Zeitung (18. Februar 1964). In: Gespräche 1964-1968, GA IV.28), das am Kern der Sache vorbeigehe (z. B. Karl Barth, § 77 Eifer um die Ehre Gottes. In: Das christliche Leben 1959-1961, GA II.7, S. 230; Gespräch mit Tübinger «Stiftlern» (2. März 1964). In: Gespräche 1964-1968, GA IV.28, S. 47). Außerdem bewegte das „Sprachereignis“ ihn häufig zu abwertenden Wortspielen, vgl. Karl Barth, Gespräch mit Wuppertaler Studenten (1. Juli 1968). In: Gespräche 1964-1968, GA IV.28, S. 491 Anm. 17; S. 499</ref> wies ihr aber ein Platz in der praktischen Theologie zu – am „Schnittpunkt“ vom Wort Gottes und der Gemeinde.<ref>Karl Barth, Einführung in die evangelische Theologie (1961), S. 141f.</ref>
Weiterhin übte Hans-Dieter Bastian Kritik an dem Begriff, er sei eine „weder linguistisch noch semantisch zu klärende Vokabel“ und Fuchs ließe sich zu nicht überprüfbaren Sätzen verleiten.<ref>Hans-Dieter Bastian, Theologie der Frage. Ideen zur Grundlegung einer theologischen Didaktik und zur Kommunikation der Kirche in der Gegenwart (1969), S. 256f.</ref>
Anmerkungen
<references />
Literatur
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